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Breaking News: Zwischenfall in Münster

Dienstag, den 10. April 2018
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SA 07.04.2018 | 20.00 Uhr | ntv

Bitte nicht spekulieren. Die Polizei in Münster hat höflich darum gebeten, und irgendwie fanden ja alle, dass Spekulationen gar nicht gut seien und niemandem nutzen würden. Aber was, um Gottes Willen, soll man denn sonst erzählen, wenn man nichts, aber auch gar nichts weiß?

Am Sonnabendnachmittag raste in der Innenstadt von Münster ein Kleinlaster in eine Menschenmasse. Motiv: unklar.
Beim WDR dauerte es gute zwei Stunden, bis man mit einer kurzen Nachrichtensendung informierte. Bei phoenix ging es ein bisschen früher los.
Aber die privaten Nachrichtensender ntv und Welt waren dafür total präsent. Senden, senden, senden – dass die Reporter nichts wussten, war zweitrangig.

Die Wörter “offenbar” und “wohl” und “vielleicht” und “eventuell” hatten Hochkonjunktur. Angeblich gingen die Behörden von einem Anschlag aus, will man bei Welt erfahren haben. Und bei ntv faselte die Moderatorin davon, dass es ja total klar sei, dass man zu diesem Zeitpunkt – um kurz nach 17 Uhr, viel spekulieren müsse. Also, ähm, nein, man wolle natürlich nicht spekulieren, und man solle ja auch nicht spekulieren. Aber ntv war nun mal live und dauerhaft auf Sendung, ja, da MUSS man eben spekulieren, auch wenn einen das irgendwie…. ähm, na ja, den Puls hochtreibt, weil endlich mal wieder mehr Leute ntv einschalten. Dennoch, man wolle sich zurückhalten mit Spekulationen, stattdessen sagen, was man denn wisse.
Und weil das schlicht und einfach: nichts war, orakelten die Journalisten munter trotzdem gute drei Stunden lang, was das Zeug hält. Irgendwer hat bei Twitter von einem Anschlag gesprochen, was man bei ntv natürlich gleich verkündet – ist ja schließlich eine brauchbare Quelle, dieses Twitter.

Beim Teilzeitnachrichtensender Welt ist man unterdessen empört, dass ja auch viele Falschmeldungen im Umlauf seien. Wie zum Beispiel die von Welt, es könnte sich um einen Terroranschlag handeln.
Bei AfD mehren sich unterdessen die Erregungserektionen, viele sind da schon ganz aufgeregt und natürlich empört, empört, empört – weil es ist ja – und das weiß ja jeder – ein Terroranschlag! Natürlich hat Angela Merkel daran schuld, und deshalb twittert AfD-Frau Beatrix von Storch “Wir schaffen das!” – mit Kotzsmiley. Andere würden vielleicht erst mal Beileid wünschen und auf Fahndungsergebnisse warten – nicht so die AfD-Leute, die sich zu freuen scheinen, dass endlich mal wieder ein Islamist was gemacht habe.

Bei Welt telefoniert man unterdessen mit einem Reporter namens Jens (ui!), der allerdings in Köln sitzt und auch nicht mehr weiß, als die Kollegen in Berlin. Vermutlich war man kurz davor, auch den Reporter in Washington noch anzurufen, um ihn zu fragen, ob er irgendwas gehört hat.
Natürlich saßen bald auch die Terrorexperten mit in den Nachrichtenstudios, denn auch wenn man noch nicht weiß, ob es Terror war (aber man geht ja davon aus, was soll es sonst sein?), kann man ja schon mal über eine Terrorzelle und über Mitwisser spekulieren. Und ein bisschen über die Salafisten plaudern. Und wenn es denn ein Anschlag sein sollte, man müsse es ja NOCH so sagen, meint der Terrorexperte. Rainer Wendet von der Polizeigewerkschaft ist auch schon da, und erläutert, dass man ja inzwischen mit allen möglichen Gegenständen Terroranschläge verüben könne. Und in der Regie kriegen alle schon ganz glasige Augen.
Zwischendurch noch schnell Twitterklatsch, wonach ein zweiter Täter auf der Flucht sei und aktuell eine Bombe entschärft werde. Wahrheitsgehalt: ungeprüft. Egal. Füllt Sendezeit. Auf Sendung damit.

Und dann: Ups, ist ein Deutscher. Also, laut ntv-Reporter ein Fast-Deutscher. Und da muss man ja wirklich noch mal ganz deutlich nachfragen, ob es denn nicht eventuell und vielleicht doch um einen islamistischen Anschlag handeln könnte – schließlich habe man ja nun stundenlang im Terrormodus gesendet, und da wäre ja ja blöd, wenn es doch nur der Jens – also nicht der Welt-Jens – gewesen wäre, der einfach nur psychisch krank ist und kein Terrorist.

Und im Ersten war Münster der “Tagesschau” drei Minuten und keinen Brennpunkt wert. Wer zu diesem Zeitpunkt drei Stunden lang die Breaking News auf ntv und Welt gesehen hat, wird vermutlich wieder mosern, man zahle ja schließlich Rundfunkgebühren – und dann nicht mal ein Brennpunkt? Im Nachhinein ist die Entscheidung richtig.
Vielleicht ist es in unserer rasend schnellen Welt der Informationen manchmal schmerzhaft, abzuwarten. Und sich erst mal zurückzuhalten. Münster war dafür ein Lehrstück. Dass da jemand etwas draus gelernt hat, ist jedoch unwahrscheinlich. Welt und ntv haben am Sonnabend gezeigt, wie man die Menschen ganz schnell erregen und aufhetzen kann, in dem sie einfach munter Gerüchte verbreiteten und sich gleichzeitig empörten, dass irgendjemand Gerüchte verbreiteten. Also sie selbst.

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aRTikel

Alles eine Spur festlicher

Samstag, den 22. Dezember 2012
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Vikar Matthäus Monz hält am Montag seine erste Weihnachtspredigt

MAZ Oranienburg, 22.12.2012

Der 31-jährige Pfarrer in Ausbildung stammt aus Bottrop und lebt mit seiner zukünftigen Frau seit etwas mehr als einem Jahr in Oranienburg.

ORANIENBURG
Matthäus Monz fährt lieber mit dem Rad durch Oranienburg. „Das geht schneller“, sagt er, während er sich zum Beginn des Interviews seinen Helm absetzt. Seit 16 Monaten lebt er mit seiner Freundin in der Kreisstadt.
Der 31-Jährige arbeitet als Vikar in der Evangelischen Kirchengemeinde. Noch bis November 2013 ist er Pfarrer in Ausbildung. „Ich bin seit März in der Gemeinde“, erzählt er. „Die Leute haben mich hier sehr offen empfangen.“ Schnell war er begeistert von der Herzlichkeit in der Oranienburger Kirche. „Neue bekommen hier offenbar immer eine Chance“, sagt Matthäus Monz. Wenn er einen Gottesdienst abhält, dann kann er sich sicher sein, ein Feedback von den Leuten zu bekommen. „Das ist wirklich konstruktive Kritik. Sie sagen mir, was ich gut gemacht habe, aber auch, was nicht so ganz optimal lief.“

Monz stammt eigentlich aus Bottrop im Ruhrgebiet. Als er 1995 zum Konfirmandenunterricht ging, war er enttäuscht. Sein damaliger Pfarrer machte Frontalunterricht. „Das war sehr einschläfernd“, erinnert sich Monz. Das wollte er anders machen.
Er begann später in Münster sein Theologiestudium. Nach der Zwischenprüfung wollte er etwas Neues kennenlernen und zog nach Halle/Saale. Dort machte er auch 2009 sein Examen. Nachdem er von der Mitteldeutschen Landeskirche eine Absage für ein Vikariat bekommen hatte, versuchte er es erfolgreich bei der EKBO, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg – schlesische Oberlausitz. Die schickte ihn nach Oranienburg.

Zu Weihnachten hat Matthäus Monz seine nächste Bewährungsprobe vor sich. Heiligabend wird er zweimal die Weihnachtspredigt halten – erst am Nachmittag in der Dorfkirche in Schmachtenhagen, dann noch einmal in der Nachtmesse in der Oranienburger Nicolaikirche. „Heilig-abend herrscht eine besondere Atmosphäre in der Kirche“, sagt er. „Alles ist eine Spur festlicher. Die Leute sitzen anders, das Haus ist voller, man freut sich.“
Heiligabend und die Kirche gehören auch in der heutigen Zeit bei vielen Menschen noch zusammen, sagt Monz. „Der klassische Gottesdienst spricht leider viele nicht mehr an.“ Was, wie der 31-Jährige sagt, auch daran liegt, dass sonntagmorgens um 9 oder 10 Uhr die Menschen lieber ihr Wochenende genießen. „Das macht mich nicht traurig, aber ich finde es schade.“ Veranstaltungen wie der „etwas andere Gottesdienst“, der in regelmäßigen Abständen nachmittags stattfindet und anders gestaltet wird, könnte ein Gegenmittel sein.
Seine Heiligabend-Predigt hat er nach dem Amoklauf in der Grundschule in der US-Kleinstadt Newtown umgeschrieben. „Dieses Ereignis geht an keinem vorbei“, sagt der junge Pfarrer. Er wolle keinen Jahresrückblick besprechen, aber aktuelle Punkte könne er nicht ausblenden. „Ansonsten läuft was falsch“, sagt er. Er möchte den Menschen, die am Montag zu ihm in die Kirchen kommen, das Besondere mitgeben. „Ich hoffe, das kommt rüber – wenn möglich bis in die letzte Reihe.“ Der Glaube spielt in seinem Leben eine große Rolle. „Er gibt mir Kraft“, sagt er. Diese könne man in bedrückenden Augenblicken auch an andere weitergeben.

Wenn alles gut geht, wird Monz im Februar 2014 in den Entsendungsdienst geschickt. Wohin, weiß er noch nicht, wohl irgendwo nach Brandenburg. Erst mal steht 2013 eine Hochzeit ins Haus.

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