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Lebensläufe: Herbert Köfer – Spielen ist mein Leben

Sonntag, den 1. August 2021
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DO 29.07.2021 | 23.25 Uhr | mdr-Fernsehen

Erst am 17. Februar hat Herbert Köfer die 100 vollgemacht. Der Schauspieler ist ein Jahrhundertmensch gewesen. Am Sonnabend ist er für immer eingeschlafen.

Und genau wie der 100. Geburtstag ist auch der Tod von Herbert Köfer fast nur im Osten Deutschlands wirklich ein Thema gewesen. In der Hinsicht ist das Land noch immer nicht zusammengewachsen.
Zwar bekam Köfer am Montag einen Nachruf in der Tagesschau – mehr war aber bundesweit im Ersten dann doch nicht drin. Während andere verdiente Schauspielerinnen und Schauspieler oder anderweitige Promis gern mal eine 15-minütige Nachruf-Doku bekommen – gerade erst im Fall von Alfred Biolek -, scheint das für Oststars nicht zu gelten. Oststars hat gefälligst der Osten zu würdigen. Der Westen würdigt keine Oststars.

Dabei ist die Wiedervereinigung 30 Jahre her, und Herbert Köfer hat auch in Gesamtdeutschland viele Rollen gespielt. Aber natürlich hatte er seine große Zeit noch in der DDR. Er war dabei, als der DFF gegründet worden ist und war auch dabei, als er 1991 abgewickelt wurde.
Aber bis heute will man offenbar die DDR-Geschichte in Gesamtdeutschland nicht als Teil der eigenen Geschichte wahrnehmen. So war es der mdr, der am Montag Köfer einen ganzen Abend widmete, ebenso der rbb. Und auch in den Tagen danach sendete der mdr Filme und Doku über den Schauspieler. Am Donnerstagabend schob der Sender noch den Film “Herbert Köfer – Spielen ist mein Leben” nach.
Der Osten blieb in der Trauer unter sich.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 28. August 2021)

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Die Gartenparty der Stars

Dienstag, den 15. Juni 2021
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SA 12.06.2021 | 20.15 Uhr | ORF2

Das haben die Menschen wirklich vermisst. Endlich mal wieder an einer Fernsehshow teilnehmen, im Publikum rumsitzen. Und das Open-Air. Endlich wieder frieren, weil man sich stundenlang den Hintern dort absitzen muss. Und dazu der schöne Wind. Und ganz herrlich aus der Regen, der wie aus Eimern von oben kommt.

Sagen wir mal so: Es lief schon mal besser für Fernsehpublikum beim ORF. Dabei haben sie sich eigentlich sehr gefreut – also die Fernsehmacher. Denn am Sonnabendabend übertrug ORF2 live “Die Gartenparty der Stars”. In Deutschland war der mdr zugeschaltet.
Es wirkte ein bisschen wie der ZDF-Fernsehgarten, es gab eine Bühne auf einer hübschen Wiese, das Publikum saß leicht erhöht gegenüber, und eine Art Spielfläche gab es auch. Es handelte sich aber um die Kittenberger Erlebnisgärten in Niederösterreich. Das Erlebnis lag allerdings nur darin, dass die Menschen im Regen ausharren mussten, um dieser aufregenden Sendung zu folgen. Sie begann Immerhin verteilten die ORF-Leute etwas zum überziehen, wo dann der Regen richtig schön draufprasseln konnte.
Vermutlich haben sich die Leute im Erlebnisgarten den nächsten Lockdown hergewünscht.

-> Die Sendung in der ORF-TVThek (bis 19. Juni 2021)

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Johann Sebastian Bach: Johannespassion BWV 245

Montag, den 5. April 2021
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FR 02.04.2021 | 0.00 Uhr (Sa.) | mdr-Fernsehen

Die oft am Karfreitag im Fernsehen ausgestrahlte Johannespassion von Johann Sebastian Bach gehört zu den klassischen Werken, das ich in vergangene Zeit mit am meisten gehört (und gesehen) habe. Es ist ein in weiten Teilen beeindruckendes Stück Musikkunst.
Aber erstaunlich ist auch, wie unterschiedlich die vielen Ensembles das Stück rüberbringen und welche unterschiedlichen Wirkungen es haben kann.

Viele Jahre zeigte der mdr am Freitag den Auftritt des Leipziger Thomanerchores. Der riesige Knabenchor sang, das Leipziger Gewandhausorchester spielte. Das Konzert fand auch 2021 statt, wurde aber nur im Internet übertragen. Der mdr zeigte stattdessen – warum auch immer – eine Konzertaufzeichnung mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks.
Zwischen den beiden Chören liegen Welten. Das liegt nicht nur an den interessanteren Stimmen der Thomaner, bei ihnen kann man den Texten, die sie singen, auch ein wenig besser folgen als beim BR-Chor. Es kommt auch immer auf das Erscheinungsbild an. Einer der Solosänger am Freitag im mdr stand in einem ziemlich labbrigen Pullover rum, und man fragt sich, ob der vielleicht erst fünf Minuten vor dem Konzert davon erfahren hat, dass er keinen Urlaub hat.
Einheitliche Uniformen sind zwar immer Geschmackssache, aber bei den Thomanern machen die Klamotten natürlich im Ganzen was her.
Vielleicht greift der mdr ja im kommenden Jahr wieder auf die Künstler im eigenen Sendegebiet zurück.

-> Die Sendung in der ARD-Mediathek (bis 2. Mai 2021)

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Grenadier Wordelmann

Freitag, den 19. Februar 2021
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MI 17.02.2021 | 12.25 Uhr | mdr-Fernsehen

Seit Tagen zeigt der mdr einen Film nach dem anderen, eine alte DDR-Serie nach der nächsten und Dokus. Im Mittelpunkt: Herbert Köfer.
Natürlich aus gutem Grund: Denn am 17. Februar feierte der Schauspieler seinen 100. Geburtstag. Und, liebe “TV Spielfilm”: Er wäre nicht 100 geworden, wie ihr geschrieben habt, sondern er IST 100. Ja, er lebt noch!

Am Mittwochmittag zeigt das mdr-Fernsehen den Film “Grenadier Wordelmann”, veröffentlicht 1980 in der DDR, Der Fikm spielt 200 Jahre zuvor, es geht um einen Bauer, der seine Stieftochter heiraten will – was der König erlauben muss. Auf dem Weg zu ihm trifft der Bauer auf den Granadier Wordelmann, der ihm seine Hilfe anbietet.
Der Film wirkt heute ziemlich bieder, und er hat deshalb auch zurecht keinen Primetime-Sendeplatz bekommen.

Bemerkenswert und typisch ist aber, dass im Grunde nur der mdr den 100. Geburtstag Köfers begeht. Er ist bis heute vor allem ein Ost-Star, obwohl er nach der Wende auch in Gesamtdeutschland viele Film- und Serienauftritte hatte. Aber seine 40 Jahre lange Karriere in der DDR macht ihn auch weiterhin offenbar zu einem Star, den man vor allem nur in Ostdeutschland schätzt. Denn während die Leute in der DDR per Fernsehen und Radio auch den Blick in die Bundesrepublik hatten, war das andersrum kaum der Fall. Die DDR und ihre Star spielten in der alten Bundesrepublik kaum eine Rolle. Dieses Unwissen zeigt sich bis heute.

Köfer ist Schauspieler, er spielte in unzähligen Komödien, Schwänken, Serien und auch ernsten Filmen mit. Er stand auf Theaterbühnen, er war auch Humorist. Und sogar Nachrichtensprecher. Er war es, der 1951 die Sendungen des damaligen DFF eröffnete, und er war auch dabei, als die Ära des Senders Silvester 1991 endete.

Ich kenne Köfer nur “alt”. Als ich ihn quasi live in neuen Produktionen erlebte, war er schon Rentner, und auch in älteren Filmen wirkte Köfer wie ein älterer Herr. Aber bis heute steht er auf Theaterbühnen – wenn es gerade keine Pandemie gibt. 2014 durfte ich ihn beim Brunchtalk im Kremmener Theater “Tiefste Provinz” auf der Bühne interviewen.
Köfer ist immer noch gut drauf, er ist wach, er ist immer noch lebensfroh. Drücken wir ihm die Daumen, dass das noch lange so bleibt!

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Ferdinand von Schirach: Feinde

Dienstag, den 5. Januar 2021
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SO 03.01.2021 | 20.15 Uhr | Das Erste / one / Dritte Programme

Ein Film, zwei Blickwinkel, elf Sender. Die ARD ist ja eher selten wirklich experimentierfreudig, aber am Sonntagabend hat sie es mal wieder gewagt.

Ein junges Mädchen wird entführt. Der Entführer fordert von der reichen Familien viel Geld für die Freilassung. Kommissar Nadler ermittelt und fokussiert sich auf das Umfeld der Familie. Sicherheitsmann Kelz wird verhört, und Nadler ist sich sicher: Kelz hat das Mädchen entführt. Weil aber Kelz nichts zugibt und auch nicht sagt, wo das Mädchen ist, greift er zu drastischen Mitteln.
Strafverteidiger Biegler muss sich vor seiner Frau rechtfertigen, weil er Kelz verteidigen wird. In der ausführlichen Befragung seines Mandanten bringt er Ungeheuerliches ans Licht.

Das Thema von “Ferdinand von Schirach: Feinde” ist extrem spannend. Denn der Zuschauer war bei der Entführung dabei, und man kann ziemlich sicher sein, dass Kelz ein Täter ist. Ziemlich. Aber nicht hundertprozentig.
Nadler foltert Kelz während des Polizeiverhörs, um ein Geständnis zu erpressen. Ist diese Art der Folter legitim? Sind alle Mittel recht, um ein Mädchen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien?
Die Antwort ist sehr eindeutig, denn der Strafverteidiger nimmt Nadler während der Gerichtsverhandlung regelrecht auseinander. Nadler hatte keine Beweise, die Spurensicherung war quasi nicht vorhanden, es war lediglich ein Gefühl, dass Kelz es gewesen sei. Dass Nadler Kelz gefoltert hat, fliegt dem Ermittler um die Ohren.

Bjarne Mädel spielt in “Feinde” den Ermittler Nadler, und das macht er hervorragend. Einmal mehr zeigt er, dass er ein fantastischer Schauspieler ist. Ebenso aber Klaus Maria Brandauer, der den Strafverteidiger spielt.

Es gibt zwei Versionen dieses Films. In Version 1 geht es vor allem um die Sichtweise des Ermittlers. Der Zuschauer ist dabei, wenn Nadler zunächst im Dunkeln tappt und später beim Verhör, das dann eskaliert. Diese Version lief im Ersten.
In Version 2 verfolgen wir, wie Strafverteidiger Biegler arbeitet, wie er hadert und sich dann seiner Aufgabe widmet, wie er schließlich Kelz verhört und auf die Tatsache der Folter stößt. Die erstengut 15 Minuten sind deckungsgleich, die letzten 25 Minuten auch – zumindest fast. Denn im Prozess ist die Kameraführung vor allem auf Biegler fokussiert, und am Ende erfährt der Zuschauer auch mehr über die Urteilsbegründung, während in Version 1 der Zuschauer mit Nadler relativ zügig nach der Urteilsverkündung den Saal verlässt. Version 2 lief bei one und in allen neun Dritten Programmen.

Das Experiment: Die beiden Filme laufen parallel, und der Zuschauer kann entscheiden, aus welcher Sicht er das Ganze sehen will. Oder er konnte hin- und herschalten, um zwischendurch zu schauen, was der Strafverteidiger ermittelt.
Ich habe das probiert und habe gezappt. Gut ist, dass man tatsächlich nicht nennenswert etwas in den jeweils anderen Versionen verpasst hat. Allerdings verliefen die Handlungen nicht immer wirklich parallel. So gab es in Version 1 ein Zusammentreffen von Nadler und Biegler, das aber da nicht gleichzeitig in Version 2 gab.
Andererseits gab es in Version 1 die Folterszenen, während Kelz in Version 2 die Szenen schilderte und der Anwalt darauf reagierte. Das war ein spannender Gegensatz, der auch nur so unmittelbar funktioniert.
Wer dagegen die beiden Filme hintereinander sah – weil viele den Eindruck hatten, es habe sich um einen zweiten Teil gehandelt – sah dagegen viele Doppelungen, die dann langweilig erschienen.

Version 1 im Ersten. Version 2 auf one, im WDR, NDR, radiobremen tv, BR, SWR, SR. hr, mdr und im rbb. Ein Film auf zehn Sendern. War das wirklich nötig? Die ARD hielt das offenbar für nötig, und sicherlich ist dabei zu bedenken, dass wahrscheinlich nicht jeder Fernsehzuschauer wirklich jedes Dritte Programm und one empfängt. Es heißt, dass über DVB-T nur bestimmte Dritte zu empfangen sind. Um also sicherzustellen, dass wirklich alle Zuschauer am kompletten Experiment teilnehmen können, wurde der Film also durchgeschaltet.
Ob es grundsätzlich den zweiten Film gebracht hätte, ist eine andere Sache. Das Experiment war spannend, aber mit 120 statt 90 Minuten Länge hätte man auch alles erzählen können. Was dann aber vermutlich wieder weniger Aufmerksamkeit bekommen hätte, weil es dann eben nur ein Film im Ersten gewesen wäre.

Der Umgang mit dem Experiment in der ARD war jedoch lausig. Man hat den Zuschauer mit den Filmen leider sehr allein gelassen. Man hat sich darauf verlassen, dass alle vorher informiert waren, was denn da jetzt passiert.
Nicht nur, dass der Film in den meisten Dritten nicht zeitgleich mit dem Film im Ersten startete, sondern schon etwas früher. Er startete ohne Info an die Zuschauer.
Eigentlich hätten alle elf Sender zu Beginn wirklich zusammengeschaltet werden müssen. Ein(e) Ansager(in) (ja, sowas gibt es ja leider nicht mehr) hätte den Zuschauern erklären müssen, was jetzt passiert und was die Zuschauer machen können. Auch während des Films hätte es ab und zu Einblendungen geben müssen. An bestimmten Stellen hätte man “Umschalthilfen” geben können, in dem man sagt, was gerade in der anderen Version passiert. Dazu hätte man während des Films vielleicht zwei oder drei Punkte schaffen müssen, wo sich die Storys kreuzen und man dem Zuschauer das durch entsprechende Einblendungen sagen können.
Aber die Mühe hat man sich dann leider nicht gemacht, so wirkte das ganze wie eine gute Idee, die man aber nicht zu Ende gedacht hat.

Fast elf Millionen Menschen haben am Sonntagabend zur Primetime einen der beiden Filme gesehen. Das ist ein Erfolg, und solche Experimente könnte es gern mal wieder geben. Dann aber bitte noch mehr durchdacht.

-> Die Filme in der ARD-Mediathek (bis 3. April 2021)

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Willkommen 2021

Samstag, den 2. Januar 2021
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DO 31.12.2020 | 21.45 Uhr | ZDF

Ruhiger war es, dieses Silvester 2020. Nicht nur wegen der Ausgangsbeschränkungen und des Versammlungsverbotes in Deutschland. Seit Wochen müssen auch die Fernsehshows wieder komplett ohne Publikum auskommen.
Umso verwunderlicher war die Ankündigung, dass das ZDF dennoch nicht auf die große Show zum Jahreswechsel vom Brandenburger Tor in Berlin verzichten wollte. “Willkommen 2021” sollte trotzdem über die Bühne gehen, und war im Berliner Verkehrsfunk immer davon die Rede, dass die Straße des 17. Juni wegen der digitalen Silvesterparty gesperrt sei. Wegen einer Fernsehshow ohne Publikum war also mal wieder mehrere Tage die Straße zum Brandenburger Tor dicht.
Viele fragten sich: Hätte das ZDF nicht in ein Studio umziehen können?
Die Antwort gab es zu Silvester: Klar hätte das ZDF mit “Willkommen 2021” ins Studio umziehen können – aber wer die parallel laufenden Show im Ersten und im mdr gesehen hat, weiß: Das wäre ziemlich ätzend gewesen.

Das ZDF hat das Beste draus gemacht, und das war am Ende recht gut. Die Kulisse des bunt angestrahlten Brandenburger Tores war unschlagbar. Es gab musikalische Gäste auf der Bühne, die Partymusik lieferten (natürlich ist das immer Geschmackssache), andere Promis sind per Internet zugeschaltet worden. Zuschauer konnten sich ebenfalls live dazuschalten oder Bilder einsenden. Kurzweilig!

Und vor allem: live! Beim ZDF gab es zwar Applaus vom Band – ansonsten aber war alles real.
Ganz anders im Ersten: Die Silvestershow war bereits im November aufgezeichnet worden. Im Studio kam da nicht so wirklich Partyatmosphäre auf. Und wenn dann kurz vor Mitternacht noch der Countdown gezählt wurde, dann wirkte das im Wissen, eine Aufzeichnung zu sehen, schon albern, wenn sich dann alle überschwänglich zuprosteten.
Ebenso im mdr, wo die Show ebenfalls im kleinen Studio und ohne Publikum aufgezeichnet worden ist.
Aber selbst das ist auch immer noch besser als der rbb, der einfach nur die laufende Rankingshow unterbrochen hatte für einen eingesprochenen Countdown und einen Zusammenschnitt von Berliner Feuerwerken. Erstmals gab es keine Live-Sendung zum Jahreswechsel. Der WDR übertrug dagegen live das Nichts vom Kölner Dom, was natürlich auch kein Stimmungsaufheller war.

All diese Beispiele zeigen, dass das ZDF am Ende doch alles richtig gemacht hat. Live vor Ort konnte dann zumindest ein bisschen Stimmung gemacht werden.

-> Die Sendung in der ZDF-Mediathek (bis 7. Januar 2021)
-> Mehrere TV-Jahreswechsel bei TVClipsDeutschland auf Youtube

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Das war 2020!

Donnerstag, den 31. Dezember 2020
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Weißt du noch, damals? Als Shows in großen Hallen mit tausenden Menschen aufgezeichnet worden sind? Als in der “heute show” noch Menschen im Studio saßen und gelacht und geklatscht haben? Das war alles davor. Vor Corona.
Kein anderes Thema hat die Menschheit und somit auch das Mediengeschehen 2020 so beeinflusst wie das Coronavirus.

Okay, davor gab es noch die Umweltsau. Corona war noch weit weg. 2020 begann mit einem Skandal, der noch von 2019 ins neue Jahr rüberschwappte. Der WDR-Kinderchor und die Oma, die alte Umweltsau. Satire und so. Die führte jedoch zu einem heftigen Streit. Einerseits der Shitstorm, angeführt von rechten Kreisen. Andererseits beim WDR selbst. Dass sich Intendant Tom Buhrow für eine Satire entschuldigte, anstatt sich näher damit zu befassen oder sich vor seine Leute zu stellen, kam nicht gut an.
Apropos Shitstorm: Der rollt auch 2020 wieder zigfach durchs Land. Weil das RTL-Dschungelcamp in Australien live auf Sendung ging, obwohl es im Land riesige Waldbrände gab, sorgte bei denen, die sich schnell empören, für Empörung. Dass die Brände so weit weg waren, dass es für die Show nicht relevant war – egal. RTL rief stattdessen in den Sendungen zu Spenden auf. Ach, und wer hat eigentlich gewonnen? Kann das mal jemand googlen?
Empörung herrschte auch über den vom mdr übertragenen Semperopernball. Zuvor vergaben die Ausrichter des Balls den St.-Georg-Orden an Abd el Fatah al-Sisi, dem Präsidenten von Ägypten. Menschenrechtsverletzungen stehen bei ihm auf der Tagesordnung, und wie es zur Preisvergabe kam, ist unklar. Es heißt, man wollte einen Ball-Ableger in Ägypten etablieren. Die Wellen schlugen hoch, als Moderatorin Judith Rakers beschloss, die Moderation abzugeben. Mareile Höppner wollte einspringen, wurde aber vom Shitstorm weggefegt – am Ende moderierte Roland Kaiser allein, nicht ohne heftige Kritik zu üben.

Corona trat spätestens am 28. Januar in das Leben der Deutschen. Der erste Fall im Land. In einem “Tagesthemen extra” auf Youtube ist diese Meldung verbreitet worden. Und dann ging alles ganz schnell.
Die Fallzahlen stiegen, Mitte März gab es Einschränkungen und schließlich den ersten Lockdown. Fernsehshows mussten auf Publikum verzichten. Weil Kinos und Theater schließen mussten, zeigte der rbb diverse Aufführungen wie “Carmen”. Musiker gaben Online-Konzerte, viele Theater zeigten Stücke oder Ausschnitte davon live bei Facebook oder Youtube. Die Fußball-Bundesliga pausierte zwei Monate lang, stattdessen liefen am Sonnabend alte Länderspiele. Der Charité-Virologe Christian Drosten stieg zum Star auf, NDR Info bat ihn regelmäßig zum Coronavirus-Update, und Hunderttausende lauschten den Ausführungen. Mangels bewegter Bilder zeigte tagesschau24 den Podcast mit einem Standbild. Die Tagesschau selbst hatte plötzlich jeden Tag fast 20 Millionen Zuschauer. Alle wollten wissen, was los ist in diesem Land. Angela Merkel spricht zu den Deutschen: “Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.” Die Ansprache sehen auf verschiedenen Sendern gut 25 Millionen Menschen.

Medien im Ausnahmezustand. Und Fernsehsender, die plötzlich spontan umplanen müssen oder in Windeseile neue Formate schaffen. Bei RTL gehen Pocher, Jauch und Gottschalk zur Primetime live per Schaltkonferenz mit der “Quarantäne-WG” auf Sendung. Leider irgendwie ohne Konzept, und nach drei Sendungen ist Schluss. Auf Sat.1 bekommt Luke Mockridge eine einstündige Show, bei VOX sendet Mark Forster aus seinem Studio und holt sich übers Netz Gäste zu sich. Matze Knop witzelt jeden Tag bei Sky Sport News. Alles sehr kurzlebig. Nur Sebastian Puffpaff ist mit seiner täglichen Coronasendung bei 3sat langlebig. Es gibt Comedy-Konferenzen mit langweiligen oder gelangweilten Komikern, die zu Hause in die Kamera starren. “NDR Talk Show” und Co. wandeln sich ebenfalls zu Konferenzschaltungen – und alle zeigen, wie mies das Internet in Deutschland ist.
Kreativ wird Sido. Er meldet sich freitags zwölf Stunden lang live aus einem Berliner Loft – “Zuhause mit Sido” läuft elfmal auf Youtube. Später meldet er sich mit Knossi und weiteren Freunden live auf Twitch aus dem mehrtägigen Angelcamp. Jan Böhmermann und Olli Schulz senden mit ihrem Spotify-Podcast “Fest & flauschig” im Frühjahr fünfmal pro Woche und sorgen für Zerstreuung im Homeoffice. Klaas Heufer-Umlauf sorgt in “Late Night Berlin” für rührende Augenblicke, als er Supermarkt-Angestellten was Gutes tut und im Innenhof eines Altersheims ein Konzert veranstaltet.
Unterdessen gibt es in den Nachrichten jeden Tag die neuen Coronazahlen – und es gibt die, die alles anzweifeln. Lügenpresse. Mainstreammedien. Und andere Kampfbegriffe.
Ein Verlierer sind die Kinos. Diverse Filme verlieren ihren Leinwandauftritt – “Berlin Berlin” läuft nur auf Netflix, “Mulan” für viel Geld nur auf Disney+, auch auf Amazon Prime Video gibt es Filme zu sehen, die 2020 eigentlich hätten im Kino laufen sollen.

Und sonst? Fußball-EM: ausgefallen. Olympia? Ausgefallen. Viele, viele Events sind: ausgefallen. Es ist ein tristes, trauriges, ruhiges Jahr. Als die Bundesliga wieder läuft, ist es immer noch ruhig – in die Stadien darf weiter kein Publikum. Geisterspiele werden zur Normalität.
Auch der Eurovision Song Contest in Rotterdam: ausgefallen. Aus Versicherungsgründen konnte es offenbar auch keinen Ersatz geben. Stattdessen machte jedes Land einirgendein eigenes Finale. Unser deutscher Teilnehmer Ben Dolic – im deutschen Finale in der Hamburger Elbphilharmonie im Ersten war zu erahnen: Wir wären nicht weit gekommen. Bitte nicht wiederwählen.
Der Junior Eurovision Song Contest 2020 in Warschau: zum Glück nicht ausgefallen. Und erstmals nahm Deutschland teil und wurde: Letzter. Glück auf!

Am besten haben es im ersten Lockdown wohl die Bewohner des “Big Brother”-Hauses auf Sat.1 gehabt. Im Februar ziehen sie ein. Als sie später erfahren, was draußen los ist, ist das eine Live-Sondersendung. Experten erklären den Bewohnern, die Pandemie, die draußen herrscht. Die Show geht es – im Gegensatz zu Kanada, wo “Big Brother” abgebrochen werden muss. Am Ende gewinnt übrigens… kann das bitte auch mal jemand googeln? War übrigens ein Flop – leider. Das Publikum will mehr Zoff, mehr Trash – da war “Big Brother” fast erfreulich normal.

Trash, Zoff – da ragen zwei Formate 2020 heraus. In “Promis unter Palmen” auf Sat.1 und im “Sommerhaus der Stars” bei RTL kommt es zu heftigsten Mobbing-Attacken, die beim Zuschauen weh tun und wütend machen – aber eben auch für Quoten sorgen. Der Streamingdienst TV Now und RTL fluten das Land mit Promi-Trash-Formaten – sinnlos, die hier alle aufzuzählen, so schnell, wie sie vergessen werden. In “Kampf der Realitystars” auf RTL zwei regt sich Jürgen Milski über ein Spiel auf, das unter seinem Niveau sei. Lustig. Vor ein paar Jahren hat er bei 9Live noch ganz niveauvoll Zuschauer verarscht. Aber echt.
Und wenn ein Trash-Format plötzlich nicht mehr so richtig trashig ist, ist’s auch falsch: “Schwiegertochter gesucht” kommt 2020 mit ziemlichen Normalos daher – und schon weht auch deshalb wieder ein Shitstörmchen.

Pech hat RTL auch mit “Deutschland sucht den Superstar”. Wobei: Was heißt Pech? RTL rannte mit offenen Augen ins PR-Desaster. Jurymitglied Xavier Naidoo macht mit Corona-Leugner-Videos und wirren Aussagen von sich Reden. Vor den Live-Shows im Frühjahr wird er gefeuert. Dieter Bohlen macht sich lächerlich, weil er stundenlang rumeiert, anstatt um zu erklären, was Sache ist. Für Naidoo kommt Florian Silbereisen in die Jury, und am Ende gewinnt der Schlager: Ramon Roselly kann sich in der Schlagerbranche schnell etablieren. Im Herbst kommt Michael Wendler ins Spiel. Als Jurymitglied soll er für Quote sorgen, aber auch er gleitet in die irre Welt der sogenannten Querdenker ab. Die Medien seien gelenkt, sagt er, auch RTL – und weiteren Stuss. RTL reagiert. Wendler ist raus. Blöd nur: Die Castings sind im Kasten. Im Januar 2021 ist Wendlerzeit bei RTL – bis zum Recall.
Aber warum eigentlich der Wendler? Es war nämlich auch das Jahr von Oliver Pocher. Auch er hatte Corona, und zu Hause begann er, Instagram und Co. zu durchforsten, um den dortigen Irrsinn freizulegen. Seine Videos finden riesigen Anklang, und dabei stößt er auch auf Wendler-Aktionen. Das schaukelt sich hoch bis zu einer gemeinsamen Battle-Show bei RTL. Wendler bekommt Dokusoaps und weitere Angebote. Bis zum Aus.
Und Pocher ist bei RTL omnipräsent. Moderationen, Auftritte und eine eigene Late Night mit Ehefrau Amira.

Wer immer noch fehlt in der Medienlandschaft: Stefan Raab. Vor fünf Jahren stand er das letzte Mal vor der Kamera. Jetzt produziert er nur noch Shows, sitzt in der Regie und frisst Chips. So wird das dem Zuschauer vor jeder seiner Sendungen mitgeteilt, als ob es ein Qualitätsmerkmal sei, dass Raab irgendwie anwesend ist. Doch es herrscht Götterdämmerung. Sein “Free European Song Contest” ist nett, wirkt aber altbacken, wie seine Shows vor zehn Jahren. “Fame Maker”, wo man die Sänger nicht hören kann, ist eine nette Idee, trägt aber nicht ewig. Und die Möchtegern-Late-Night “Täglich frisch geröstet” bei TV Now ist wohl die Enttäuschung des Jahres: nicht täglich, nicht frisch, nicht geröstet, eigentlich nicht mal eine Late Night.

Der Sender Tele 5 steht vor einer ungewissen Zukunft. 2020 erfolgte die Übernahme durch Discovery, die eigentlich durch Dokuformate bekannt sind. Senderchef Kai Blasberg nimmt den Hut.
2020 mussten wir aber noch weitere Abschiede nehmen. Jan Hofer verlässt nach mehr als 35 Jahren die Tagesschau. Die Moderatorin Sabine Sauer geht nach ebenso vielen Jahren in den Ruhestand, ebenso wie ZDF-Wettermann Gunther Tiersch. Hans-Ulrich Jörges verabschiedet sich vom “stern”. Mit Zee.One hat sich ein ganzer Sender verabschiedet – wobei ihn wohl kaum jemand vermissen wird. Und nach fast 35 Jahren endete die “Lindenstraße”. Mit Helga Beimers 80. Geburtstag mussten die Fans sich von der Dauerserie trennen. Das Fernsehballett wird aufgelöst. Die Formel 1 läuft letztmals bei RTL, wandert zu Sky. Eine Ära endete Ende Dezember bei radioeins: Nach 33 Jahren und 1627 Sendungen lief letztmals die Musiksendung “Roots”. Moderator Wolfgang Doebeling geht mit 70 Jahren in Rente.

Sie werden uns fehlen. Die Schauspieler Sean Connery, Michael Gwisdek, Claude Brasseur, Irm Hermann, Kirk Douglas, Renate Krößner, Otto Mellies, Burkhart Driest, Sonja Ziemann, Thilo Prückner, Michel Piccoli und Birol Ünel. Die Komiker Karl Dall, Herbert Feuerstein und Fips Asmussen. Die Comiczeichner Albert Uderzo und Uli Stein. Künstler Christo. Promifriseur Udo Walz. Die Musikschaffenden Gotthilf Fischer, Little Richard, Ennio Morricone, Werner Böhm (Gottlieb Wendehals), Kenny Rogers, Harry Jeske und Trini Lopez. Die Journalisten Gert Müller-Gerbes, Horst Schättle, Mathias Puddig, Hermann Schreiber, Ulrich Kienzle, Geri Nasarski, Sabine Zimmermann, Volker Panzer und Julitta Münch. “Bummi”-Gründerin Ursula Böhnke-Kuckhoff. Fußballer Diego Maradona. Die Politiker Norbert Blüm, Hans-Jochen Vogel, Thomas Oppermann, Wolfgang Clement, Ingrid Stahmer und Barbara Rütting. Die Unterhalter Roy Horn und Mike Shiva. Der Filmemacher Joseph Vilsmeier. Dramatiker Rolf Hochhuth. Der Autor Carlos Ruiz Zafón.

Immer noch da ist die AfD. Da wird von Ermächtigungsgesetzen gefaselt, es werden rechte Youtuber in den Reichstag eingeschleust, und die Querdenker-Bewegung findet man dort auch irgendwie sehr gut. Nicht gut findet die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Lieber setzt man auf sogenannte alternative Medien oder sorgt gleich selbst für den Content.
Dass die CDU in Sachsen-Anhalt vorsichtshalber nicht über die Erhöhung des Rundfunkbeitrages abstimmen lässt – im Fall dessen, dass die CDU selbst ablehnt, sitzt man in einem Boot mit der AfD und riskiert einen Koalitionsbruch -, und so die geplante Erhöhung vorerst kippt, gefällt der AfD.
Immerhin gibt es bei ARD und ZDF nicht Sendungen bei wie BILD, wo die Moderatoren aus Sponsoringgründen Milchflaschen ins Bild halten und schütteln müssen. “Reif ist Live” war mehr Milchreklame als Fußball-Analyse.

Überhaupt, die BILD. Nach dem Anschlag von Hanau geht “Bild live” auf Sendung, und es werden krude Theorien on Air geschickt. Fakten prüfen? Ach was. Wozu denn?
Nach einem Familiendrama in Solingen veröffentlicht die BILD einen Chat zwischen einem Jungen, dessen Mutter und Brüder tot sind, und dessen Freund. RTL zerrt den Freund vor die Kamera. Die Sensationsgeilheit kennt keine Grenzen. Die Öffentlich-Rechtlichen machen es nicht immer besser: Nach einem Anschlag im hessischen Volkmarsen wird auch in einer hr-Sondersendung rumorakelt.

Und sonst so? Die Ärzte rocken die Tagesthemen. Joko und Klaas müssen sich für Fake-Beiträge entschuldigen – sorgen aber auch für Begeisterung, als sie ihre 15-Minuten-Live-Sendung auf ProSieben für Hinweise auf Frauenrechte und Flüchtlinge nutzen. Die CSU kann ihren Parteitag nur virtuell abhalten. Mal was anderes live auf phoenix: Angelika Niebler hat echt wenige Bücher in ihrem Regal – hätte man sonst gar nicht erfahren. Rezo hat mal wieder zerstört: diesmal die Presse, vor allem die Lügen der Klatschpresse. Der rbb kuschelte im Sommerinterview mit dem Neonazi Andreas Kalbitz (Ex-AfD) an einem lauschigen See. Blöd: Die Recherchen aus dem eigenen Haus haben die Redaktion irgendwie nicht erreicht. Und dann war da noch der Bachelor bei RTL, der am Ende einfach gar keiner Frau eine Rose schenkte. Single zu sein ist doch auch was Schönes.

2021. Bleiben Sie gesund. Werden Sie gesund. Alles wird gut. Hoffentlich.

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