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Verlucht noch mal! Meine Reise durchs Nirwana

Donnerstag, den 3. Februar 2011
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Weite Felder, rumpelige Straßen, verlassene Häuser und ein Postauto. Ich habe eine wahre Odyssee hinter mir. Eine, die mir den Schweiß auf die Stirn treten ließ.
Ich sag’s mal so: Meine Fahrt von der Autobahnabfahrt Kremmen nach Deutschhof, einem Ortsteil von Fehrbellin, verlief nicht ganz so wie geplant. Und dabei hatte ich mir die Route von Börnicke und Tietzow aus sogar bei Google-Maps angesehen und auf einen Zettel notiert. Ich habe mich aber trotzdem verfahren. Es wurde eine Reise durchs Nirwana.

Das Unglück begann im Dörfchen Tietzow. Ich meinte mich zu erinnern, dort in Richtung Kuhhorst und Königshorst abbiegen zu müssen. Der Dorfkern war jedoch gleichzeitig eine Sackgasse. Also nahm ich die nächste Querstraße. Ein kleines Schild zeigte den Weg nach Königshorst.
Aber ich hätte stutzig werden müssen, als ich an einem verwitterten Schild vorbeigefahren bin. Vielleicht war es ein Sperrschild, genaueres konnte ich nicht erkennen. Ich fuhr eine Straße entlang, die vor schätzungsweise 50 Jahren eine dünne Asphaltdecke bekommen hat, die nun aber nur noch zu erahnen ist.
Links von mir ein Wassergraben, rechts ein Feld. Weites Feld. Sonst nichts. Kilometerlang.

Die Holperstraße wich einige Kilometer später einem Plattenweg. Einen, auf dem in der Mitte das Gras so hoch stand, dass mein Auto auf dem Boden langschabte. Ich musste also mit einem Rad in der Mitte fahren. Inklusive Maulwurfshügel. Aua. Maulwurfshügel sind fester, als man so denkt. Meine Stoßdämpfer können ein Lied davon singen.

Ich hoffte, endlich wieder bewohntes Gebiet zu erreichen und schwor mir, nie, nie wieder solche Experimente zu wagen.
Dann: ein Haus. Ein Hof! Und ein Traktor! Und: ein menschliches Wesen! Ich erreichte ein kleines Dorf. Welches, das erfuhr ich an der Bushaltestelle: Ebereschenhof.
Ich war noch nie in Ebereschenhof. Ich wusste bislang noch nicht mal, dass es Ebereschenhof gibt. Es ist ein Ortsteil von Börnicke. Schock: Ich fuhr gewissermaßen im Kreis, durch Börnicke war ich schon gut 20 Minuten vorher gefahren.
Und wie ich aus Ebereschenhof wieder rauskomme, wusste ich auch nicht. Ich stieg aus dem Auto, und sah auf den Fahrplan an der Bushaltestelle. Erstaunlich, dass überhaupt ein Bus nach Ebereschenhof fährt. Eine Holperstraße, ein paar Häuser und ein paar Vögel. Ich war immer noch im Havelland, laut Busplan.
Ich holte den Atlas – den guten, alten Altas – aus dem Kofferraum. Und bekam einen Schock: Genau genommen führt keine Straße nach Ebereschenhof. Und keine wieder weg. Na toll.

Und nun? Das Ortsschild hinter mir nannte Kienberg als nächsten Ort. Kam für mich nicht in Frage. Also fuhr ich in die Gegenrichtung. Und atmete auf: Dreibrück – 3 Kilometer. Dreibrück war also mein nächstes Ziel. Von dort kommt man locker nach Deutschhof.
Direkt hinter dem Ortsausgangsschild von Ebereschenhof endete die befestigte Straße. Loch an Loch. Tiefe Gräben. Eine Katastrophe.
Gerade regen sich die Leute über die Straße zwischen Lobeofsund und Königshorst auf. Die sollten mal die – nein, man kann es nicht mal Straße nennen – Strecke zwischen Dreibrück und Ebereschenhof entlangtuckern.

Die Odyssee, Teil 2. Ich kam an eine Gabelung. Hinweisschilder gab’s nicht. Nur den Tipp, dass, wenn man sich die Spuren im Sand ansieht, offenbar mehr Autos nach rechts als geradeaus fahren. Ich bog also ab.
Loch folgte an Loch. Schrittgeschwindigkeit. Und um mich herum das blanke Nichts. Eine kleine Brücke. Rechts und links Felder.
Minutenlang holperte ich mich durch das Nirwana.

Aber dann: Von hinten näherte sich im Eiltempo ein gelbes Auto. Die Post! Im Affenzahn näherte sich das Auto – alle Schlaglöcher ignorierend. Ich machte Platz, und der gelbe Flitzer – Frau am Steuer – donnerte an mir vorbei. Flog über die Buckelpiste.
Wo die Post hinkommt, kann ich ja auch nicht so falsch sein. Ich fasste wieder Mut.
Ich erreichte eine Gegend, einen Ort, der sich Lindenhorst nennt. Wie ich später rausfand, gehört auch Lindenhorst zu Börnicke. Mehr als drei Häuser sind’s nicht. Eins scheint nicht bewohnt zu sein. Ich bin wieder – oder immer noch – schockiert: Wie kann man dermaßen abseits von Gut und Böse wohnen? Abseits eines Dorfes, einer Kleinstadt – im Nichts?
Vor mir stoppte das Postauto und wendete.
Wendete! Hat sich die Dame verfahren? Wollte sie gar keine Post nach Lindenhorst bringen und hat es zu spät bemerkt?
Im Rückspiegel sah ich, dass der Wagen stoppte. Also doch Post für einen Lindenhorster. Und weg war das Auto.

Vor mir wurde der Holperweg immer enger. Als das ganze auch noch schlammig wurde, stoppte ich. Und gab auf. Hinter Lindenhorst kommt nichts mehr. Irgendwann kommt im Nichts nichts mehr. Gar nichts mehr. Ich manövrierte mich rückwärtsfahrend aus dem Schlamm. Ich drehte um und nahm Abschied von Lindenhorst. Auf einem Grundstück stand ein Auto – mit HVL-Kennzeichen. Ich war immer noch im Havelland.

Den langen Weg zurück nach Ebereschenhof wollte ich aber auch nicht mehr fahren. Meine Stoßdämpfer signalisierten mir auch, dass das nicht sein muss. Also bog ich ab, auf einen Plattenweg. und endlich konnte ich wieder mehr Gas geben.

Selten habe ich mich so gefreut, wieder Häuser zu entdecken. In der Ferne eine Straße mit lebhaftem Autoverkehr! Freiheit! Befestigte Wege! Zivilisation! Ich konnte mich aus den verschlungenen Wegen des havelländischen Luchs befreien!
Dreibrück. Ich war so glücklich, endlich in Dreibrück zu sein. Ich werde Dreibrück auf ewig dankbar sein.
Ich bog auf die Landesstraße. Sie ist in einem miesen Zustand. Sie ist holprig. In Deutschhof geradezu brüchig. In Königshorst kommt auch das Kopfsteinpflaster durch. Aber gegen die Rumpelwege rund um Ebereschenhof sind sie das Autofahrerparadies.

Nachtrag: Ich habe noch mal bei Google-Maps nachgesehen. Ich bin zu früh abgebogen. Nächstes Mal mache ich es richtig. Ganz bestimmt. Ich habe kein Geld für neue Stoßdämpfer.