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Auf der Kutsche reisen wie 1830

Sonntag, den 23. Juni 2013
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Ein Ruck, und Theimen und Qanter laufen los, ziehen uns vom Hof des Alten Dorfkruges in Staffelde. Theimen und Qander sind Pferde, acht Jahre alt, sie ziehen die gelbe Postkutsche, die uns über Flatow, Kuhhorst nach Linum und wieder zurück bringen wird.
Es ist ein bisschen wie im Jahre 1830. Damals brachte Neuentwicklungen ein bisschen mehr Luxus: Aus unbefestigten Straßen wurden glatte Chausseen, die Postkutschen hatten erstmals Federn, die Menschen gelangten ein wenig schneller von A nach B.

Eine Fahrt mit der Hamburger Postkutsche ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Der Weg von Staffelde nach Kuhhorst dauert nicht zehn Minuten, wie mit dem Auto. Eine gute Stunde muss der Mitfahrer in der Kutsche schon einplanen. Dafür hat er Zeit, sich die Felder und Wiesen im Luch anzusehen, neben dem Getrappel der Pferde die Stille und die Natur zu genießen.
Vom Alten Dorfkrug aus starten die Touren mit dem gelben Pferdewagen, ein neues touristisches Angebot in der Region. Das Gespann ist ein Nachbau einer Kutsche, wie sie ab 1830 unterwegs waren. Von auf dem Wagen sitzen der Kutscher und sein Beifahrer, hinter ihm ist Platz für zwei weitere Mitfahrer, auf dem hinteren Teil haben fünf Leute Platz, im Innenraum können sechs Leute mitfahren.

Wir rollen an den Spargelfeldern bei Flatow vorbei, immer wieder überholen uns andere Autos. Viele Leute winken, wenn sie überholen. Auch Menschen, die an der Straße sehen und die große Kutsche beobachten, winken. Ein echtes Phänomen, das wir auch von Schiffstouren kennen oder von Oldtimerrallyes. Besonderen Fahrzeugen winkt man, das scheint eine unausgesprochene Regel zu sein.
In Flatow halten wir die rot-weiße Kelle nach links, unseren Blinker. Die Kelle zeigt an, dass nun bitte niemand links überholt.
Theimen und Qanter müssen kräftig ziehen, als wir den Berg zur Brücke über die Autobahn hochrollen – Richtung Luch. Die Landesstraße 17, die Strecke zum Karolinenhof, ist inzwischen geflickt, jedenfalls die gröbsten Schlaglöcher. Für alle hat es leider nicht gereicht. An der Kreisgrenze zwischen Oberhavel und Ostprignitz-Ruppin ließ OPR ein Begrüßungsschild aufstellen. Das wäre nicht nötig gewesen, dass wir Oberhavel verlassen, merken wir daran, dass die Straßenqualität schlagartig besser wird.

Auf dem Ökohof in Kuhhorst sehen wir uns die Schweine- und Kuhställe an. Im Hofladen können wir von den selbsthergestellten Produkten kosten: Leberwurst, Käse und vieles mehr. Die Pferde können sich in der Zeit ausruhen.

Zwischen Kuhhorst und Linum müssen wir einen Moment anhalten. Das Luch bietet nicht nur Ruhe, sondern auch viele Fliegen, Mücken und Bremsen. Sie bevölkern vor allem Theimen und Qanter, die erst mal vom Schwarm befreit werden müssen.
Die Straßen im Luch sind schmal. Begegnet uns ein Auto müssen wir bis auf den Randstreifen fahren.
Die Sonne scheint, von oben haben wir einen herrlichen Blick auf die Felder. zwischendurch cremen wir uns ein – ein Sonnenbrand muss ja nicht sein. Wir werden trotzdem einen bekommen.

Wir erreichen Linum. Durch Linum führte einst die alte Poststraße zwischen Berlin und Hamburg, bevor es die Chaussee, die heutige B5, gab.
Die Pferde haben nun fast vier Stunden Zeit, sich auszurugen. Das ist auch nötig. “Sie sind an der Grenze”, sagt der Kutscher. Bei brüllender Hitze, wie vor einigen Tagen, hätten wir nicht fahren können. 15 Grad, die wären ideal.

Im “Kleinen Haus” von Frank Buthmann gibt’s nicht nur was Leckeres zu Essen, sondern auch alte Bekannte. Wir treffen meinen Kollegen Dietmar Ringel, der mit seiner Ruppiner Genießertour ebenfalls unterwegs ist und in Linum einen Zwischenstopp einlegt.
Vom kleinen Linumer Hafen aus fahren wir mit einem solarbetriebenen Boot den Amtmannkanal bis zum Alten Rhin entlang. Im Teichgebiet herrscht die pure Natur. Wir fahren durch eine Schilfschneise, ab und zu sind die Teiche dahinter zu sehen, auch die Schwäne, die sich dort aufhalten.

Es ist inzwischen später Nachmittag, als wir wieder in Richtung Staffelde aufbrechen. Das Linumer Kopfsteinpflaster ist glatt, es macht den Pferden ein wenig zu schaffen. Etwas mehr als eine Stunde benötigen wir für die Heimfahrt. In Flatow treffen wir auf viele winkende Menschen.
Die Kutschreise im Jahr 2013 hat, vermutlich im Gegensatz zu 1830, viel Entspannendes. Es ist ein ganz kleines Stück Urlaub. Das war vor fast 185 Jahren sicherlich anders.

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Kranichtour 2012

Montag, den 15. Oktober 2012
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2009 -> 26.10.2009

Die Rhinluch-Region ist von Ende September an bis in den November hinein im Ausnahmezustand. Tausende Touristen kommen jeden Tag dorthin, um sich am späten Nachmittag das Vogelspektakel anzusehen.
2010 und 2011 habe ich mit der Kranichtour ausgesetzt. Ich war der Meinung, schon alles gesehen zu haben. Gleichzeitig waren wir nie wirklich am Ort des Geschehens. Das sollte diesmal anders werden, erstmals nahm ich an einer geführten Tour teil.
Der in Fehrbellin lebende Journalist Dietmar Ringel, er ist Moderator beim rbb-Inforadio, macht seine zweite Kranichtour. „In Linum ist es für die Beobachter inzwischen recht eng“, erzählt er. Er führt seine Gäste noch bis 10. November an diversen Tagen durchs Luch.

Wir treffen uns in Linum, wo die Lage um kurz vor 14 Uhr noch relativ ruhig ist. Wir fahren zunächst zum Karolinenhof, unweit von Kuhhorst. An diesem Sonnabendnachmittag ist dort noch wenig von den Kranichen zu spüren. Ganz weit, in der Ferne, abseits der Ziegenställe, ist das Gekreische zu hören. Man muss leise sein und lauschen.
Wir kosten vom Ziegenkäse. Er schmeckt ein wenig schärfer, leicht bitterer als Käse von der Kuhmilch. Aber durchaus lecker. Den Hof gibt es seit 20 Jahren, dort leben 100 Ziegen, die morgens und abends gemolken werden. 20 Sorten Ziegenkäse entstehen daraus, und es gibt auf dem Hof tatsächlich nur Milch-Produkte, die auch von dort stammen.

Wir fahren weiter auf den Ökohof nach Kuhhorst. Dort gibt es einen großen Schweinestall. Ganz vorne treffen wir auf Piet, ein großes, stattliches Schwein. Er sorgte bislang für den Nachwuchs in Kuhhorst. Doch das ist vorbei, Piet weiß noch nicht, dass er bald geschlachtet wird. Ricardo, der auf dem Hof arbeitet, führt uns herum. Er kennt jedes der Schweine mit Namen. In einer der Boxen liegen die Neugeborenen, und der Anblick ist einfach nur goldig.
Im Hofladen gibt es, wie auch nebenan auf dem Karolinenhof, viele Produkte aus heimischer Herstellung. Ich kaufe eine Packung Nudeln made in Kuhhorst.

Die Straße zwischen Kuhhorst und Linum füllt sich. Am Rand stehen Menschentrauben. Alle blicken aufs Feld, wo die Kraniche stehen. Es ist eng und ziemlich gefährlich an der Strecke. Hier und da stehen schon ein paar Schilder, es ist nur Tempo 60 erlaubt.
Die Kraniche verbringen dort, auf dem Feld, ihren Tag.

Weiter zurück nach Linum. In der Naturschutzstation schaut der kleine Jonathan gebannt auf den Fernseher, auf dem ein Film über Kraniche zu sehen ist. Seine Mutter bekommt ihn nur schwer davon weg. „Wir wollen doch die echten Kraniche sehen“, sagt sie ihm, aber er murrt. Nur mit Mühe kann er sich losreißen.
Nebenan stehen mehere lebensgroße Modelle von Kranichen. Es sind die größten Vögel, die in der Region gesichtet werden können, sie werden um die 1,30 Meter groß.

Schräg gegenüber von der Station liegt Rixmanns Hof. „Jetzt, im Oktober, haben wir Hochsaision“, erzählt Sabine Schwalm, die hinter dem kleinen Verkaufstisch steht. „Die meisten Besucher kommen wegen der Kraniche, aber viele auch gezielt zu uns.“
Auf dem Hof liegen riesige Kürbisse, und das erste, was die Leute oft sagen, wenn sie das Gelände betreten, ist: „Wow!“ In vielen Kisten liegen die riesigen, runden Früchte, die man ohne Weiteres gar nicht wegtragen könnte.

Auch im „Kleinen Haus“ in Linum herrscht Hochbetrieb. Gastwirt Frank Buthmann ist von morgens bis abends in seinem Lokal. „Wir sind erst nachts um elf wieder draußen“, erzählt er, während er die nächste Speise zubereitet. Jetzt, während der Kranichzeit, macht er seinen Hauptumsatz. Man muss vorbestellen, wenn man sich sicher sein will, auch einen Platz zu bekommen.
Wir kosten vom Rote-Beete-Apfel-Saft. Als ich einigen Freunden davon erzählt habe, habe ich mitleidige Blicke bekommen, dabei schmeckt der Saft recht gut – auch wenn man davon nicht unbedingt zwei Gläser trinken muss.
Buthmann verarbeitet in seinem Lokal ebenfalls vorwiegend Produkte aus der Region. Die geschmorte Hackse stammt vom Havelland-Rind aus Hakenberg, dazu gab’s Kürbis-Mangold und Kartoffeln. Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich den Teller abgeleckt. Aber ich konnte mich gerade noch beherrschen.

Wieder draußen, an der Linumer Hauptstraße. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, geht es los. Es ist 17.25 Uhr. Am Himmel über Linum taucht der erste Kranichschwarm auf. Mit ihm das typische Gekreische der Tiere.
Die Leute schauen nach oben, bleiben stehen. Es ist ein magischer Moment. Jeden Nachmittag geht das so. Die Sonne bewegt sich langsam zum Horizont, das kleine Dorf im Luch füllt sich, die Hauptstraße ist voller Autos.
Wie auf ein geheimes Kommando scheinen sich die Kraniche von ihren Tagesrastplätzen rund um Linum aufzumachen. Von einer Minute zur nächsten beginnt das Gekreische am Himmel.

Norbert Weißbach und Gudrun Grimm kennen das. Sie betreiben seit 15 Jahren einen Hof in Linumhorst. Er liegt nur wenige hundert Meter vom Schlafplatz der Vögel entfernt. Wir dürfen dorthin, das geht nur auf dieser geführten Tour.
Die Kraniche fliegen direkt über den Hof der Linumhorster. „Wir warten schon drauf“, erzählt Gudrun Grimm. „Wenn die Kraniche kommen, dann ist klar: Es ist Herbst.“ Für die das Paar schon Normalität.
Unsere Gruppe darf auf das Privatgelände kommen, um den Einzug der Kraniche zu beobachten. „Die Tiere sind sehr empfindlich“, sagt Norbert Weißbach. „Wenn wir hier nicht auf unserem Feld stehen, dann kommen sie auch schon mal auf unsere Wiesen.“
Es fliegen mehr und mehr Kraniche ein, immer tiefer schweben sie majestätisch über den Hof hinweg.
Je dunkler es wird, desto tiefer fliegen sie. Wir stehen auf einer großen Wiese, die den Linumhorstern gehört. Da hinten, hinter den Bäumen, ist der große Schlafplatz der Kraniche. Sie übernachten in einem flachen Gewässer. Dort müssen sie nämlich nicht fürchten, von Menschen oder Raubtieren belästigt zu werden. Wir sehen das Spektakel aus der Ferne. Es ist ein unfassbares Geschnatter, ein Gekreische, wie in einem Fußballstadion.
In einigen Schwärmen ist ein hohes Piepsen zu hören. Es kommt von den Jungtieren, erzählt Norbert Weißbach.
Das Gewimmel wird immer lauter. Laut der letzten Zählung vor gut einer Woche sind etwas mehr als 25.000 Kraniche in der Region, inzwischen werden es sicherlich mehr sein, der Höhepunkt könnte am kommenden Wochenende sein.
In der Ferne sehen wir lauter schwarze Punkte. Dann geht ein riesiger Schwarm wieder in die Luft. Der Schlafplatz scheint voll zu sein. Die ersten Kraniche weichen auf die Wiese davor aus. Sie kommen näher.
Und wir ziehen uns dezent zurück.

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Im Stall: Augen auf bei der Schuhwahl!

Freitag, den 11. März 2011
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Bei Temperaturen über 10 Grad kann man das schon mal machen: die leichten Schuhe wieder rausholen. Für Winterschuhe ist es einfach zu warm. Was ich leider nicht bedachte, als ich mit den Tretern aus dem Haus ging: Ich hatte einen Termin, wo ich besser doch die festeren Schuhe angezogen hätte: in einem Ziegen- und einem Schweinestall.

Kleine Kinder und Tierbabys. Das ist eine Kombination, der sich wahrscheinlich niemand entziehen kann. Ich begleitete heute 18 Kinder aus einer Königshorster Kita dabei, wie sie eine Tour übers Land machten.
Auf dem Karolinenhof zwischen Flatow und Kuhhorst besuchten sie die kleinen Zicklein im Stall. Kinder haben da erstaunlicherweise keine Berührungsängste. Sie fummeln überall rum, kneten auf dem Kopf der Tiere rum und suchen nach den Hörnern, die noch nicht da sind.
Und ich watete durch den Schlamm.

Gut zwei Kilometer weiter ist Kuhhorst. Auf dem dortigen Ökohof erwarteten uns Schweine. Eins hieß Rambo. Und ein kleines Mädchen kommentiere das arme Tier lapidar: “Rambo stinkt!” Ein anderes Schwein hieß Schnitzel – damit man gleich weiß, was mal draus wird, wie auch eine der Begleiterinnen der Kinder anmerkte.
Und ich watete durch den Schlamm. Der war noch schlammiger als bei den Ziegen. Glücklicherweise war ich nicht der einzige, der bei der Schuhwahl gepatzt hat. Ich wechselte einen Blick mit einer der Frauen – dann sahen wir auf unsere Schuhe und wussten, dass da was schiefgelaufen war.
Als wir aber die acht kleinen Ferkel sahen, von denen eins genüsslich bei der Mama saugte, war das schnell wieder vergessen.

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Verlucht noch mal! Diesmal aber richtig!

Freitag, den 18. Februar 2011
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Nach meiner Odyssee durchs Havelländische Luch vor zwei Wochen, hatte ich nun die Gelegenheit, mir die richtige Strecke anzusehen.
Als ich neulich von Tietzow bei Nauen nach Deutschhof wollte, hatte ich mir den Weg eigentlich schon vorher bei Google-Maps angesehen – es wurde zum Desaster, weil ich in Tietzow zu früh abgebogen war.

Diesmal führte mich mein Weg von Königshorst in Richtung Autobahnauffahrt Kremmen. Also in genau die entgegengesetzte Richtung. Nun weiß ich, was ich verpasst habe. Nämlich nichts.
Eine schmale asphaltierte Straße, ab und zu ein Schlagloch, viel Wald, viele Wiesen und Felder – und auch mal so etwas wie ein Ort. Sandhorst ist jedoch so klein, dass auf dem Schild an der Bushaltestelle nicht mal der Name des Ortes steht. Später kommt man durch einen Ort namens Kuhhorst. Der dortige Ökohof ist zumindest in der Region nicht ganz unbekannt. Von dort aus werden Bionudeln, Milch- und Wurstwaren verkauft.

Hinter Kuhhorst ist die Straße zwar immer noch asphaltiert, aber sie wird immer schmaler. Gegenverkehr ist problematisch, aber glücklicherweise gab es keinen. Nicht mal ein Postauto war dort unterwegs.
Zugegeben: Die Fahrt ging schneller, war problemloser – und war nicht so ein Abenteuer wie die fahrt durch absolute Nichts.