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Neu-Vehlefanzer wollen nicht länger benachteiligt sein

Dienstag, den 18. März 2014
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Wählergemeinschaft: Enttäuschung über die geschlossene Kita ist immer noch groß

MAZ Oranienburg, 18.3.2014

NEU-VEHLEFANZ
Die Neu-Vehlefanzer machen jetzt ihr eigenes Ding. Ortsvorsteher Peter Gerlach, Karlheinz Döpke und Monique Hartmann haben die Wählergemeinschaft Neu-Vehlefanz gegründet. Mit ihr wollen sie bei der Kommunalwahl im Mai an den Start gehen. Die Enttäuschung über die etablierten Parteien in Oberkrämer hat sie zu diesem Schritt gebracht.

Wie schon berichtet, ist Peter Gerlach kein Mitglied der „Bürger für Oberkrämer“ (BfO) mehr. Karlheinz Döpke war zwar kein SPD-Mitglied, trat aber 2008 für die Sozialdemokraten zur Kommunalwahl an. Auch das ist nun Vergangenheit. „In den Parteien ist nicht mehr viel zu holen“, sagte der 62-jährige Karlheinz Döpke gestern in einem Pressegespräch. Die Enttäuschung, dass im Jahre 2012 in Kita in Klein-Ziethen geschlossen worden ist, sitzt immer noch tief. „Uns ist damit der letzte gesellschaftliche Treffpunkt im Dorf weggenommen worden“, so Döpke. Ortsvorsteher Peter Gerlach stimmt ihm zu. Ihn ärgert aber auch, dass sich die Mehrheit der Mitglieder des Gemeinderates in Oberkrämer gegen den Ortszbeirat und die Leute in Neu-Vehlefanz gestemmt hatten. Das sei nicht demokratisch, findet Gerlach. Die Auslastung der Kita sei gut gewesen. „Es hieß immer: Die Kita bleibt.“ Dann jedoch sei anders entschieden worden. „Und das Gebäude steht immer noch leer.“ Gerlach und seine Mitstreiter könnten sich vorstellen, dass sich in Zukunft wenigstens eine Tagesmutter um Kinder aus Neu-Vehlefanz kümmert. Allein Wolfslake hat momentan acht Kinder.
Das Kita-Aus hat zum Bruch zwischen Peter Gerlach und der BfO geführt. „Das hat viel kaputtgemacht“, sagte er gestern. Das Vertrauen sei nicht mehr da gewesen. „Es gab keine Bereitschaft für einen Kompromiss“, erinnert sich Gerlach.

Bislang hat der kleinste Ortsteil in der Gemeinde Oberkrämer keine Stimme im Gemeinderat. Auch das soll sich ändern. Die Mitglieder der Wählergemeinschaft treten zwar alle für den Ortsbeirat an, jedoch nicht für den Gemeinderat. Das will Frank Christoph (SPD) übernehmen. Der 52-Jährige stellt sich der Wahl und wird von der Wählergemeinschaft unterstützt. „Unsere Ziele für den Ortsteil sind ja dieselben“, sagt Frank Christoph, und die anderen stimmen ihm zu.

Die Neu-Vehlefanzer fühlen sich in Oberkrämer ein wenig im Stich gelassen. „Wir werden kaum wahrgenommen“, sagt Frank Christoph. Es gebe Probleme im Ort, die ungenügend thematisiert würden. So fehle ein Gehweg entlang der Perwenitzer Chaussee von Wolfslake nach Vehlefanz. „Besonders die Brücke über der Autobahn ist gefährlich, gerade für Kinder“, sagt Ortsvorsteher Peter Gerlach. Ebenso die S-Kurve in der Chaussee kurz vor Vehlefanz.
Die Wählergemeinschaft will sich auch für den Wohnungsbau und Ausbau einsetzen. „Mieter kommunaler Wohnungen beschweren sich über Schimmel“, sagt Karlheinz Döpke. Die Neu-Vehlefanzer fordern eine fachgerechte Sanierung. Außerdem wollen sie einen besseren Winterdienst zwischen Neu-Vehlefanz und Eichstädt.

Auch zwischenmenschlich soll sich wieder mehr tun. Möglich seien ein Dorffest und ein kleiner Weihnachtsmarkt. „Es gibt junge Leute, die nachfragen und sich einbringen wollen“, so Peter Gerlach. Monique Hartmann kündigte an, dass es demnächst eine eigene Internetseite geben soll – ein Forum für Neu-Vehlefanz.

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Das zweite Berlin im Krämer Wald

Donnerstag, den 6. Februar 2014
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Die Nazis bauten zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow Anlagen auf, die die Bomber von der Großstadt ablenken sollten

MAZ Oranienburg, 6.2.2014

OBERKRÄMER/KREMMEN
Alles sollte aus der Luft betrachtet so aussehen wie das Original: Straßenzüge, Kreuzungen, Häuser und viel Licht. So, wie es 1940 rund um die Friedrichstraße in Berlin-Mitte eben aussah. In Wirklichkeit befand sich das Areal auf einem Feld zwischen Eichstädt und Vehlefanz. Die Straßenschluchten waren beleuchtete Waldschneisen. Neu-Berlin sagten die Leute damals zu dieser sogenannten Scheinanlage. Rund um die Reichshauptstadt bauten die Nazis im Zweiten Weltkrieg diese Anlagen auf, um die englischen und amerikanischen Bomber von ihren eigentlichen Zielen abzulenken. An anderen Stellen wollten sie angriffswürdige Ziele vertuschen.

Über dieses Kapitel deutscher Geschichte ist bislang nur wenig bekannt. Der Berliner Hobbyforscher Peter Reinhardt befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema. Am Dienstagabend hielt er einen Vortrag in Grünefeld (Havelland). „Es gibt kaum Infos und Dokumente“, erzählte er.

Rund um den Krämer Wald, in einem Gebiet zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow befand sich die größte Anlage in der Region. Sie trug die Bezeichnung „V-500“, die Engländer gaben ihr den Namen „Decoy-City“ oder auch „Berlin-Nauen 1“. Sie sollte an zwölf Stellen eine Gesamtdarstellung von Berlin simulieren. Dazu gehörte die Friedrichstraße nahe Eichstädt, Bahngleise und Güterbahnhöfe bei Eichstädt, Grünefeld und Perwenitz oder ein Flughafen bei Pausin. „Die Leute in diesen Gebieten fragten sich immer wieder, warum dort ab und zu Bomben gefallen sind“, erzählte Peter Reinhardt. Oftmals sei erst nach dem Krieg die Existenz einer solchen Anlage klar gewesen.
Mehrere dieser Bauten standen nahe Pausin. Nördlich des Dorfes installierten die Nazis Metallwannen mit einem Altöl-Benzingemisch. Die Flammen sollten aus der Ferne einen Großbrand simulieren. Ebenfalls bei Pausin ist ein ganzer Flughafen zum Schein simuliert worden. Dazu gehörten große Modellflugzeuge aus Holz, die immer hin und hergeschoben worden seien, um Verkehrsbewegungen darzustellen. Auf einem Acker bei Perwenitz gab es ganze Schienenanlagen, die den Bahnverkehr aber ebenfalls nur simulierten. Ebenso nahe Eichstädt und Grünefeld. Die heutige Autobahn 10, der Berliner Ring, war damals noch nicht fertig, aber der Brückenkopf bei Paaren im Glien stand bereits, die Fundamente dienten ebenfalls als Scheinanlage. Nahe der alten Grünefelder Mühle standen Scheinwerfer, auf einem Feld am Vehlefanzer Weg bei Börnicke sind ähnliche Entdeckungen gemacht worden. Auf den Feldern zwischen Staffelde, Groß-Ziethen und Klein-Ziethen befanden sich, ähnlich wie bei Eichstädt, beleuchtete Schneisen im Wald – auch sie sollten teilweise die Großstadt darstellen. Wer zwischen Paaren im Glien und Perwenitz unterwegs ist, wird nahe der Tankstelle am Berliner Ring auf alte Fundamente solcher Bauten treffen. „Man muss aber ganz genau hinsehen“, sagte Peter Reinhardt. „Es steht beispielsweise eine Holzhütte darauf.“ In einem Waldstück bei Schönwalde-Glien entdeckte er lauter Erdhügel, auf denen in den 1940er-Jahren Scheinwerfer standen, die ebenfalls einen Teil der Stadt Berlin simulieren sollten.

Kräfte der Luftwaffe stellten den Betrieb der Anlagen sicher. Um sie vor Bombenangriffen zu schützen, sind jeweils unweit davon leichte Bunker gebaut worden. In Grünefeld ist einer heute noch zu sehen.
Dass Berlin etwa 30 Kilometer weiter südöstlich vom Krämer Wald liegt, bekamen die Engländer aber schnell mit. Auf Karten vermerkten sie die Scheinanlagen von „Decoy-City“. 30 englische und amerikanische Flieger sind bis zum Ende des Krieges in der Region abgestürzt.

Peter Reinhardt hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Kapitel der Scheinanlagen bekannter zu machen. Er sucht weiter nach Zeitzeugen, Fotos und Dokumenten

*

Simulierte Heinkel-Werke bei Nassenheide
Eine Auswahl von Scheinanlagen während des Zweiten Weltkrieges:
Bei Mühlenbeck befand sich in den Rieselfeldern eine Anlage, die mit Scheinwerfern und Rauch einen Großbrand simulieren sollte. In der Nähe von Nassenheide sind Teile der Anlage des Germendorfer Heinkel-Werkes nachgestellt worden.
In einem Gebiet zwischen Pausin, Staffelde und Bötzow befand sich die Scheinanlage „V-500“. Innerhalb dieses Kreises sind diverse Maßnahmen ergriffen worden, um die Bomber von Berlin abzulenken. Zwischen Staffelde und Groß-Ziethen befanden sich beleuchtete Waldschneisen, die Berliner Straßenzüge darstellen sollten.
In der Region Eichstädt/Vehlefanz befanden sich Signalraketen, Schein-Bahn- und Verkehrsanlagen sowie ein Scheinfeuer. Auch ist dort ein Teil von Berlin-Mitte durch Schneisen und Lichter simuliert worden. Eine weitere Anlage bestand, laut einer Karte, zwischen Velten und Schönwalde.
Südlich von Pausin ist ein Testfeld angelegt worden, auf dem alle Scheinanlagen erprobt worden sind. Auch gab es dort eine komplette Flugplatzanlage – ebenfalls nur zum Schein. Noch vor dem Bau des Berliner Rings diente der schon fertige Brückenkopf nahe Paaren im Glien ebenfalls als Scheinanlage.

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Die Hoppe-Chronik (7): Skandal! Nur 97 Prozent für die SED und die Blockparteien

Freitag, den 26. Juli 2013
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(6) -> 24.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (7): Vom Alltag in der DDR als Bürgermeisterin / 1987 zwingt sie die Gesundheit zum Rücktritt

MAZ Oranienburg, 26.7.2013

NEU-VEHLEFANZ
Ein bisschen geärgert hat sie das schon, obwohl es aus heutiger Sicht eine Lappalie ist. Bei einer Kommunalwahl in den 70er-Jahren erreichte die „Nationale Front“, bestehend aus der SED und den Blockparteien, in Neu-Vehlefanz „nur“ 97 Prozent der Wählerstimmen. „Das war der schlechteste Wert im ganzen Kreis Oranienburg“, erinnert sich die heute 83-Jährige. „Ich musste nach Oranienburg zum Rat des Kreises fahren und erklären, wie es dazu kommen konnte.“ Sie selbst war nicht in der SED, sagt sie. „Ich wurde auch nie dazu gedrängt oder dazu aufgefordert. Vielleicht wollten sie auch eine Parteilose für den Posten haben.“
Das Wahllokal befand sich immer im Klein-Ziethener Saal, um 8 Uhr am Morgen ging es los. „Der oder die erste an der Wahlurne erhielt von uns immer einen Blumenstrauß.“ Es soll einige ältere Damen gegeben haben, die, um ihn zu bekommen, um die Wette gelaufen sind. Nach 18 Uhr fand die Auszählung der Stimmen statt. „Da konnte ich immer zusehen.“ Über eventuelle Wahlfälschungen, davon war später in der DDR immer wieder die Rede, kann sie nichts sagen.

Es gab nur wenige Telefone in Neu-Vehlefanz, eines befand sich im Amtshaus in Klein-Ziethen, außerdem eines im Konsum und in der Post in Wolfslake. Eine Privatperson besaß ebenfalls einen Fernsprecher. „Im Notfall haben wir den Mann auch mal nachts rausgeklopft.“

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit als Bürgermeisterin war die Jugendarbeit. „Jeden Monat war Versammlung bei mir im Büro in Klein-Ziethen.“ Es gab Filmabende für die jungen Leute, zum Beispiel mit „Ehe im Schatten“, hinterher ist darüber diskutiert worden. Aber eigentlich wollten die Jugendlichen viel lieber die Komödien von Louis de Funès sehen.
Es war ein 7. Oktober, der „Republikgeburtstag“, da kam es in Neu-Vehlefanz zu einem Zwischenfall. „Jemand hat Fahnen abgerissen“, erinnert sich Irene Hoppe. „Es kam ein junger Bengel zu mir. Er wollte wissen, ob er ein Verräter sei, wenn er mir sagt, wer das war.“ Sie hat sich die Namen der Jungen sagen lassen, sie jedoch nicht verpfiffen. „Bei der nächsten Jugendversammlung habe ich die beiden nur angeguckt. Ich habe sie getadelt, ohne sie zu tadeln. Danach ist so was nie wieder passiert.“
Die Jugendlichen im Dorf haben sich aber nicht alles vorschreiben lassen. Als Irene Hoppe eines Tages für eine Feier Tischdecken und Blumen zur Verzierung bereitstellen wollte, winkten die Leute ab. „Tischdecken? Wozu?“ Dennoch hat die Bürgermeisterin alles so drapiert, wie sie es schön fand. „Ich war stolz auf mein Werk.“ Das Ergebnis: Als die Feier im Saal so richtig losging, haben die jungen Leute alles wieder abgeräumt. „Ich war einerseits enttäuscht, andererseits fand ich das lustig.“

Mit der Zeit war Irene Hoppe mit ihrer Arbeit jedoch überlastet. „Ich bin krank geworden.“ Sie war blass, ihr wurde schwindlig. Mit gerade mal 57 Jahren musste sie ihren Posten aufgeben. Der Arzt hat es ihr verordnet. „Ich wurde zum Rentner gemacht.“ 1987 schied sie aus dem Amt aus.
Sie kümmerte sich nun um ihr großes Grundstück, machte Handarbeiten und begann an der Chronik zu schreiben. Nach dem Mauerfall im November 1989 reiste sie in den 90er-Jahren noch viel herum. „Ich hatte ein bewegtes Leben“, sagt Irene Hoppe. „Ich habe gesehen, was ich wollte, nun bleibe ich hier.“

(Schluss)

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Die Hoppe-Chronik (6): Nach dem Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten

Mittwoch, den 24. Juli 2013
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(5) -> 23.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (6): Mehrere heftige Unwetter in den 70ern / Neue Straßen für die Gemeinde

NEU-VEHLEFANZ
In und um die Gemeinde Neu-Vehlefanz tat sich in den 60er-Jahren einiges. Am 17. April 1961 fand die erste Standortbesichtigung für den geplanten Autobahnbau auf der Strecke Berlin – Hamburg sowie für die Schließung des Berliner Rings statt. Der Bau der Strecke, die genau durch die Gemeinde führt und Klein-Ziethen und Wolfslake voneinander trennt, brachten aber ab 1969 für die Dörfer selbst Verbesserungen. Die 1906 erbaute Pflasterstraße von Vehlefanz nach Wolfslake wurde asphaltiert. 1970 erhielt die Straße in den Ortsteil Neu-Vehlefanz einen Belag – auch die Strecke in der Ortslage selbst.
Am 7. Oktober 1971 ist der Teilabschnitt der Autobahn bis Linum eingeweiht worden. Im selben Jahr bekamen auch die Klein-Ziethener eine befestigte Straße. Der staatliche Forstwirtschaftsbetrieb nutzte ebenfalls die Baukapazität des Autobahnbaus und ließ 1973 die Wege zu den Förstereien Krämerpfuhl und Oberkrämer befestigen.

Der Lebensweg von Irene Hoppe aus Wolfslake verlief unterdessen ganz anders als geplant. In die Landwirtschaft konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Sie wollte Lehrerin in Vehlefanz werden. Doch dann bekam sie Stimmbandknötchen, somit konnte sie auch dieses Vorhaben nicht umsetzen. 1967 begann sie als Sachbearbeiterin im Büro der Gemeinde Neu-Vehlefanz. „Das war eine sehr vielseitige Arbeit“, erinnert sie sich. „Bei uns ist die Rente ausgezahlt worden, ich habe die Bibliothek mit betreut.“
Ende der 60er-Jahre ist Irene Hoppe dann von einem Vertreter des Rates des Kreises gefragt worden, ob sie den Bürgermeisterposten übernehmen wolle. Ihr Vorgänger Richard Schulz hatte gekündigt. „Ich wollte aber erst mal Bedenkzeit.“Aber angesichts des Autobahnbaus sagte sie zu. „Ich habe mich breitschlagen lassen. Und ich wusste: Wenn wir jetzt nichts tun, bekommen wir nichts ab.“ Gemeint ist der schon erwähnte Straßenbau auch in den Dörfern der Gemeinde. Von 1970 bis 1987 war Irene Hoppe Bürgermeister von Neu-Vehlefanz.
In ihre Zeit fallen auch die neuen Hauswasserversorgungen. „Vorher haben wir das Wasser hochgepumpt, erst später kamen wir ans Netz.“

Zwei schwere Unwetter bleiben den Menschen unterdessen in Erinnerung. Am 13. November 1973 fegte ein schwerer Sturm über das Land. Dächer wurden abgedeckt, eine Scheune fiel zusammen, Bäume sind entwurzelt worden und verursachten wiederum Schäden. Ein Baum fiel auf eine Lichtleitung und zerstörte dadurch den Giebel eines Hauses.
Noch schlimmer war der Winter 1978/79. Zu Silvester 1978 setzte ein starker Schneesturm ein. Der Strom fiel aus. Es dauerte Tage, bis die Straßen wieder frei waren, der Schnee türmte sich an den Seiten. Am 13. Februar 1979 fegte der nächste dreitägige Schneesturm über die Gemeinde hinweg. Die Straßen in Neu-Vehlefanz waren nun komplett zugeweht. „Der Schnee türmte sich bis in die Baumkronen“, erinnert sich Irene Hoppe. „Die Versorgungsgüter mussten an einem Wochenende per Traktor über das Feld zur Verkaufsstelle nach Klein-Ziethen gebracht werden.“ Erst am 18. Februar 1979 konnte ein Räumpanzer der NVA kommen und die Gemeinde Neu-Vehlefanz regelrecht aus dem Schnee freibuddeln.

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Die Hoppe-Chronik (5): Wolfslaker Schüler mussten in den Nachbarort

Dienstag, den 23. Juli 2013
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(4) -> 20.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (5): Im Sommer 1959 schloss die Lehranstalt im Dorf / „LPG Vorwärts“ gegründet

NEU-VEHLEFANZ
Freud und Leid im Hause Krohn. 1948 kam Willi Hoppe aus der Gefangenschaft aus Ostpreußen zurück nach Wolfslake. Willi und Irene heiraten im Jahre 1952. Da allerdings waren ihre Eltern beide schon tot. Die Mutter stirbt 1950 nach schwerer Krankheit, der Vater folgt ihr zwei Jahre danach.

Irene und Willi kümmerten sich in den 50ern um die Landwirtschaft. Morgens mussten die Kühe gemolken und die anderen Tiere versorgt werden. „Wir haben bis hinter Flatow Land gehabt“, sagt Irene Hoppe, die heute übrigens ihren 83. Geburtstag feiert. Sie ist damals mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, ihr Mann mit dem Motorrad. Das Heu musste zusammengeharkt und aufgeladen werden. Abends ging es wieder zu den Kühen. „Gegen 22 Uhr waren wir fertig.“ Ein anstrengendes Leben, und schon bald forderte es von der damals Mittzwanzigerin ihren Tribut.

Unterdessen war im Jahre 1954 in Oranienburg die Kreisbibliothek gegründet worden. Seitdem gab es auch in der Gemeinde Neu-Vehlefanz eine Bücherei. „Ein kleiner Buchbestand wurde damals angelegt, und die Möglichkeit der Buchausleihe von der Kreisbibliothek war auch möglich“, erzählt Irene Hoppe. 1954, im ersten Jahr, hatte die Gemeindebibliothek 28 Leser und 176 Ausleihen – bei mehr als 300 Einwohnern.

In den ersten Nachkriegsjahren entstanden in Neu-Vehlefanz 14 Neubauernhäuser. Neben dem Gut gab es in den Ortsteilen Wolfslake und Neu-Vehlefanz sieben mittlere und kleinere Landwirtschaften, die auch bis zur Gründung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) selbstständig wirtschafteten. Am 11. März 1958 wurde die erste Genossenschaft gegündet – die „LPG Vorwärts“. Vier Landwirtschaftsbetriebe machten damals den Anfang. Die Nutzfläche der Gemeinde betrug 468,06 Hektar, davon 349,05 Hektar Acker. Davon bewirtschaftete die LPG 72,58 Hektar Acker. Die ersten Mitglieder waren Herbert Bergling, Hermann Krohn, Manfred Rieger und Willi Hoppe, Irenes Mann.

Die Schule an der Perwenitzer Chaussee in Wolfslake wurde nach Kriegsende zwar wieder eröffnet, aber nur noch die Klassen 1 bis 4 bekamen im Dorf noch ihren Unterricht, die Klassen 5 bis 8 mussten zur Schule nach Vehlefanz. Im Sommer 1959 schloss die Wolfslaker Schule für immer. Am 1. September 1959 übernahm die Vehlefanzer Schule auch die Unterstufe aus Wolfslake. Letzter dortiger Lehrer war Günter Weise, erinnert sich Irene Hoppe. 1958 öffnete in Klein-Ziethen erstmals ein Erntekindergarten. „Die Leiterin hieß Frau Weise und war die Ehefrau des damaligen Lehrers.“ Die Einrichtung zog oft um, erst am 1. Mai 1968 ist ein ganzjähriger Kindergarten unter der Leitung von Hilde Netzel eröffnet worden.

Für Irene Hoppe änderte sich das Leben im Jahre 1960. Sie musste sich einer Operation am Bauch unterziehen. Der Arzt riet ihr davon ab, weiter schwer zu arbeiten. „Der Arzt hat geschimpft, und ich war nun auch dauernd krank“, erinnert sie sich.
Ein neuer Lebensweg deutete sich für sie an: „Frau Schmidt, die Direktorin der Schule in Vehlefanz, hat mich gefragt, ob ich Grundschullehrerin werden will.“ Doch auch dieses Vorhaben sollte bald scheitern.

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Die Hoppe-Chronik (4): Der Ziegelstein aus dem Ofen wärmte das Bett

Samstag, den 20. Juli 2013
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(3) -> 19.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (4): Der Winter 1945/46 war bitterkalt, doch das Landleben hatte auch einen Vorteil

MAZ Oranienburg, 20.7.2013

NEU-VEHLEFANZ
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 fielen auf dem Gebiet der Gemeinde Neu-Vehlefanz noch einmal Bomben. Häuser und Stallungen wurden abgedeckt. Die schon zerstörte Kirche in Klein-Ziethen bekam den Rest.
Das Kriegsende erlebte die Familie in der Ziegelei in Klein-Ziethen, Russen besetzten das Haus in Wolflake. Erst im Herbst 1945 war eine Rückkehr möglich: Zuerst Vater Wilhelm, dann die Mutter Luise mit der Familie.
Durch den Krieg war die Landwirtschaft zum Erliegen gekommen. „Die Frühjahrsbestellung konnte nicht vollständig durchgeführt werden“, erinnert sich die heute 82-jährige Irene Hoppe aus Wolfslake. „Erst ein Teil der Kartoffeln lag in der Erde, nur etwa 40 Prozent der Zuckerrüben-Anbaufläche war bestellt, Futterrüben noch gar nicht. Von der 400 Hektar großen Gesamtfläche des Gutes Klein-Ziethen – davon 100 Hektar Wiesen und Weiden und zehn Hektar Wald – blieben etwa 50 Hektar zunächst unbestellt.
Im Sommer 1945 begann sich das Leben wieder einigermaßen zu normalisieren. „Gemeinsam mit den Umsiedlern und den sowjetischen Soldaten haben wir angefangen, die Kulturen zu pflegen und zu ernten.“

Schon im Herbst 1945, so steht es in den Niederschriften von Irene Hoppe, begann in Neu-Vehlefanz die Bodenreform. Der Acker und Wiesen wurden planmäßig aufgeteilt und in Parzellen mit einer durchschnittlichen Größe von fünf Hekrat Acker und 2,5 Hektar Grünland vermessen. Bis zum Herbst 1946 hatten fast alle dieser Parzellen einen Käufer. Ehemalige Gutsbesitzer und Umsiedler waren die ersten Neubauern, einige bislang landarme Bauern bekamen Flächen hinzu. Industriearbeiter erhielten bis zu einem Hektar Land.

Zwischendurch aber kam der Winter 1945/46, und er war bitterkalt. „Wir hatten aber einen Vorteil“, sagt Irene Hoppe. „Wir hatten den Wald und somit Holz vor der Tür. Wir konnten den Kaminofen im Wohnzimmer anheizen.“ Eine Methode sich zu wärmen, war, einen Ziegelstein in den Ofen zu legen. „Den legten wir dann in unser Bett, so hatten wir es einigermaßen warm.“

Die Leute hatten in dieser Zeit sehr wenig im Magen. „Die Kartoffeln mussten erst mal wachsen. Aber es gab noch ein paar Vorräte. Landwirtschaft war Vorratswirtschaft“, erinnert sich Irene Hoppe. Oft kamen Hamsterer ins Dorf. „Außerdem Leute aus den Städten. Einmal standen zwei Frauen vor unserer Tür, sie sahen erbärmlich aus.“ Renis Mutter Luise bat die beiden ins Haus.
Irene, damals war sie 15 Jahre alt, musste öfter raus auf die Felder und Wiesen: Brennnesseln pflücken. „Wir haben damals alles Grüne, was da war, gegessen. Auch wenn es nicht geschmeckt hat, aber darum ging es eben zu dieser Zeit nicht. Wir hatten kaum eine andere Möglichkeit. Aber ich muss es ganz klar sagen: Anderen Menschen ging es viel schlechter als uns.“

Nach dem Winter verbesserte sich die Situation. Im ehemaligen Gutshaus wurde eine Verkaufsstelle eingerichtet, vorher gab es keine einzige in der Gemeinde. Die Belieferung der Haushalte erfolgte einmal wöchtlich von Kolonialwarenhändlern und Bäckern aus den Nachbarorten.
Der Aufbau ging nach und nach voran. In Deutschland gründeten sich 1949 die DDR und die Bundesrepublik. Daheim in ihrer Familie in Wolfslake musste Irene Hoppe jedoch zwei schwere Schicksschläge hinnehmen.

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Die Hoppe-Chronik (3): Mit dem Pferdewagen auf der Flucht nach Westen

Freitag, den 19. Juli 2013
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(2) -> 16.7.2013

Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (3): Die Familie kam 1945 nur bis Demerthin / Sieben tote Soldaten in Wolfslake und Umgebung

MAZ Oranienburg, 19.7.2013

NEU-VEHLEFANZ
An die Flucht aus Wolfslake erinnert sich Irene Hoppe noch ziemlich genau. Es war der 20. April 1945. Die Rote Armee drängte Richtung Berlin, auch das Haus der Familie, direkt an der einzigen Kreuzung des Dorfes, wurde teilweise besetzt.
Immerhin: „Wir hatten den schönsten Flüchtlingswagen“, erinnert sich die 82-Jährige heute. Mit dem Pferdegespann machten sie sich auf den Weg nach Westen. Zunächst übernachtete die Familie in Flatow, am nächsten Tag ging es weiter bis Bückwitz im heutigen Landkreis Ostprignitz-Ruppin. „Da standen Polizisten mit Kettenhunden.“ Sie kamen bis Demerthin bei Kyritz. „Eigentlich wollten wir bis über die Elbe kommen, zu den Amis.“ Es war ein ganzer Pulk mit Menschen, der in der Gegend unterwegs war. Doch in dem Dorf kam es zu einem Zwischenfall, auf die Menschenmasse ist geschossen worden. „Wir haben uns im Keller eines Gutes verschanzt“, erzählt Irene Hoppe. Sie blieben so lange dort, bis es draußen wieder ruhiger wurde. Irgendwann rief ein älterer Mann: „Ihr könnt ruhig rauskommen!“
Irenes Mutter arbeitete als Rote-Kreuz-Schwester und musste sich danach in Demerthin um die Verwundeten kümmern. Unterdessen entschloss sich die Familie, wieder in die Heimat zurückzukehren. „In Fehrbellin sind wir dann aber von Polen überfallen worden“, so Irene Hoppe. Die Fremden nahmen den Reisenden ihre Pferde weg. „Wir mussten unseren Wagen dann selber schieben.“ Sie kamen wieder bis Flatow.

Zu Hause, in Wolfslake, spielte sich unterdessen ein weiteres Drama ab. Die Großmutter war zunächst daheim geblieben, als sich der Rest der Familie auf machte in Richtung Elbe. Sie wollte nicht mit auf die Flucht, trotz aller Risiken. Die Oma blieb im Haus Am Krämerwald 5.
Sieben Soldaten starben kurz vor Kriegsende im Jahre 1945 in Wolfslake und Umgebung. Einer der toten Männer lag im Straßengraben gegenüber des Hauses der Familie. „Der tote Soldat wurde im Garten begraben“, sagt Irene Hoppe. „Niemand weiß, woher er war.“ Auf dem bescheidenen Holzkreuz stand nur „Unteroffizier Hoffmann.“ Erst viele Jahre später, 2008, ist der Soldat umgebettet worden. Zum Vorschein gekommen ist zu diesem Zeitpunkt auch die Blechmarke mit der Aufschrift „2624 – 4. KP L.S.E.B.“ Das bedeutet: „4. Kompanie Landesschützenersatzbataillon“. Es kommt heraus, dass unter der Nummer tatsächlich ein damals 42-jähriger Mann registriert ist, der seit 1945 als vermisst galt. Jedoch trägt er nicht den Namen Hoffmann. Heute liegen seine sterblichen Überreste auf dem Friedhof von Vehlefanz.

Unterdessen erreichte die Familie von Irene, die inzwischen fast 15 Jahre alt war, Klein-Ziethen. „Wir konnten in der Ziegelei bleiben“, erinnert sie sich. „In unser Haus durften wir nicht zurück, da waren nun die Russen.“
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie immer noch in der Klein-Ziethener Ziegelei. „An diesem Tag knallten die Russen mit ihren Kalaschnikows.“ Einige der Leute, die das mitbekommen haben, bekamen wieder Angst und haben herumgejammert. „Aber mein Vater hat sie aufgemuntert und gesagt, das seien Freudenschüsse.“ Doch das weitere Elend und der Hunger sollten da erst noch bevorstehen