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Vom Herzberger Klatsch bekam Sebastian wenig mit

Montag, den 16. November 2009
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Porträt: Mit 16 sagte er seinen Eltern, dass er schwul ist – inzwischen lebt er in Berlin

MAZ Neuruppin, 16.11.2009

Die Bewohner auf dem Dorf werden lockerer, findet Sebastian. Der 24-Jährige lebte lange Zeit in Herzberg. Vor acht Jahren hatte er sein Outing – und hatte bis heute kaum Ärger.

HERZBERG
Deutschland ist sehr tolerant, sagt Sebastian. „In Bayern vielleicht nicht ganz so. Aber dennoch bin ich froh, dass ich hier lebe.“ In anderen Ländern hätte es Sebastian wahrscheinlich schwerer. Der 24-Jährige ist schwul.
Heute lebt er in Berlin und arbeitet in der Neuruppiner Kreisverwaltung. Aufgewachsen ist er jedoch in Herzberg, seine Eltern leben immer noch dort. Sebastian war 16, als er sich outete. „Mein Vater ahnte schon was, weil ich nie eine Freundin mitbrachte“, erzählt er. „Meine Mutter sprach mich dann drauf an.“ Danach seien sie sich einige Zeit ein wenig aus dem Weg gegangen, erinnert sich Sebastian. „Ein richtig schlechtes Verhältnis hatten wir aber nie.“

Herzberg ist ein Dorf. Und im Dorf wissen alle alles. Das war Sebastian klar. „Auch wenn ich vom Klatsch nicht viel mitbekommen habe, aber ich wollte dann kein Geheimnis mehr draus machen.“ Die Nachbarn wussten auf jeden Fall, dass Sebastian homosexuell ist. Und selbst, als er seinen Freund mitgebracht hat, war es okay. „Ich war irgendwie immer noch der nette Junge von nebenan, ich habe da glücklicherweise nie schlechte Erfahrungen gemacht“, erzählt er.

Dass er schwul war, wusste er schon lange, bevor er es seinen Eltern erzählte. Hin und wieder fuhr er damals nach Berlin. „Dort habe ich auch schnell meinen Freundeskreis gefunden.“ Rund um Neuruppin gebe es dagegen wenige Kontakte. „Viele verstecken sich. Und damals, vor acht Jahren, spielte das Internet auch keine so große Rolle.“ Heutzutage gebe es dort Kontaktseiten wie Gayromeo, wo sich die partnersuchenden Leute aus der Region gezielt finden können.

Sebastian wohnt nun in Berlin-Mitte, ist gerade solo. In der Großstadt sei das Leben als schwuler Mann etwas einfacher. „Berlin ist weltoffener.“ Dennoch würde er mit seinem Partner nicht händchenhaltend durchs Einkaufszentrum laufen. „Ich muss es ja nicht jedem auf die Nase binden,“ sagt er. „Schade finde ich es trotzdem.“

Auf Dauer möchte der 24-Jährige trotzdem nicht in der Metropole leben. „Das Landleben ist schon was Schönes.“ Er kenne einige schwule Paare, die abseits der Stadt wohnen. „Das könnte ich mir auch gut vorstellen, schließlich sind ja sogar die Leute auf dem Land lockerer geworden.“ Vielleicht wird aus dem Berliner ja irgendwann wieder ein Herzberger.

RTelenovela

Mehr als nur ein Hauch DDR

Freitag, den 24. Juli 2009
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Auf meinem Weg zum Abendtermin macht sich in meinem Magen ein Hungergefühl breit. In dem kleinen Dorf Herzberg, zwischen Löwenberg und Neuruppin, finde ich eine Dorfkneipe. Ich stelle mein Auto auf dem Parkplatz ab, laufe über die Straße.
Draußen stehen ein paar Tische, an der Hauswand hängt eine Schautafel mit der Speisekarte. Bockwurst mit Brot für 1,30 Euro. Passt!

Ich öffne die Tür und stehe in einem Miniflur. An einer weiteren Tür steht “Eingang”.
Drinnen macht es Plopp, und ich stehe mitten in der DDR.
Okay. Es machte natürlich nicht Plopp, aber in der DDR stehe ich trotzdem.
In der Kneipe befindet sich genau ein Mensch. Ich. Es riecht moderig. Die Möbel haben schon einige Jahrzehnte auf dem Puckel. Das Mobilär hinter dem Tresen muss aus den 60er-Jahren sein, alt und schäbig. Die Gläser, die darin aufgereiht sind, sind die typischen DDR-Gläser, die früher in jeder Gaststätte und in jedem FDGB-Ferienheim rumstanden.
Plötzlich sind wir zu zweit. Der Kneipenbesitzer schleicht sich rein. Ich bestelle meine Bockwurst, bezahle sie sofort.
Auf dem Tresen liegt eine Zeitung, das Papier ist weich und leicht feucht.
Ich frage mich: Wann war hier der letzte Gast? Und wovon lebt der Wirt? Und weiß er, dass es die DDR nicht mehr gibt? Nun gut, die Preise sind in Euro angegeben.

Nach fünf Minuten kommt der Wirt mit meiner Bockwurst. Ich nehme den Teller, gehe raus und beginne zu essen.
Die Bockwurst ist innen noch kalt. Ein Reinfall. Ich lasse sie samt Teller auf dem Tisch stehen, nehme mir nur noch das Brötchen und gehe zum Auto zurück.
Meine erste und einzige Begegnung mit der Herzberger Dorfkneipe. Dass es so was noch gibt…
Alles Gute!