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Positive Geister

Samstag, den 15. Mai 2010
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Kultur haben nicht nur die großen Städte zu bieten. Drei Beispiele aus Zehdenick, Kremmen und Köpernitz.

MAZ – Die Märkische, 15.5.2010

Sie stecken viel Herzblut in die Kultur, fernab der großen Stadt. In Orten, in denen kulturell eher wenig passiert, ragen sie wie Leuchttürme heraus: Jörg Zieprig, Andreas Dalibor und Bernd Donner haben es sich zum Ziel gemacht, die Kultur auch in die Provinz zu bringen. Sie selbst verdienen nur wenig daran, aber darum geht es ihnen auch gar nicht.

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Galerist Jörg Zieprig sieht sich um. Ein altes Gemäuer, urige Fassaden. Das ist seine Klostergalerie in Zehdenick (Oberhavel). Die Kultur präsentiert sich dort vielfältig. Die Autorin Gisela Steineckert liest aus ihrem Buch. Filmemacher Volker Koepp stellt seine „Märkische Trilogie“ vor. Die Musikerin Misa Shimomura aus Japan präsentiert ihr Piano-Solo. „Wir versuchen, fünf bis sechs Veranstaltungen pro Monat zu planen“, sagt Zieprig. Die Künstler, die nach Zehdenick kommen, lieben den alten Raum, das Flair. Zieprig erinnert sich, dass sich eine Musikerin ganz besonders äußerte: In der Klostergalerie gebe es positive Geister, nirgendwo habe sie so gut spielen können.

Vor zehn Jahren noch sah das Innere des Hauses nicht so edel aus. „Überall lag Schutt“, erinnert sich Jörg Zieprig. „Das Dach war porös.“ Inzwischen ist alles saniert, das Alte und das Neue sind vereint. Die Mauern blieben weitgehend im Original erhalten. Hier und da stehen auch noch alte Pfeiler. Das Haus stammt aus dem Jahr 1240. Eine lange Zeit, ein Ort voller Geschichte. Und die Zehdenicker nehmen ihn an, als ihre Kulturstätte. „Ein hohes Niveau ist unser Anspruch“, sagt der Galerist, der seit zehn Jahren der erste Mann im Hause ist. „Dabei dürfen wir uns nicht auf eine Sparte beschränken.“ Sehr beliebt in Zehdenick: der Flamenco. Schwierig sind kulturpolitische Veranstaltungen. „Da haben wir zwiespältige Erfahrungen“, sagt der 51-Jährige. Besonders von den Schulen wünscht er sich mehr Interesse.

Dass die Klostergalerie vor Kurzem ihren zehnten Geburtstag feiern konnte, macht Zieprig stolz. „Wir waren uns nicht sicher, wie lange wir durchhalten werden.“ Der 51-Jährige ist eigentlich Funkmechaniker, er studierte Kulturwissenschaften und interessierte sich schon immer für Musik. In Zehdenick jedoch fand er nun seine kulturelle Heimat. „Mir macht es Spaß, und ich habe schon viele tolle Leute kennengelernt“, sagt er und lächelt.

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Andreas Dalibor probiert es einfach. Er setzt sich an seinen Computer und schickt E-Mails. Zum Beispiel an Cindy aus Marzahn. „Ick will dir!“ Und die dralle Cindy in ihrer rosa Hose kam prompt in die „Tiefste Provinz“. So heißt das kleine Kulturzentrum im Scheunenviertel von Kremmen (Oberhavel). Die Liste der Promis, die bereits auf der Provinzbühne standen, ist lang. Herbert Feuerstein, Heinz-Rudolf Kunze, Peter Sodann. Bis zu 120 Leute passen in den etwa 90 Quadratmeter großen Raum. „Wir haben ein sehr herzliches Publikum“, sagt Andreas Dalibor. Es kommt aus Kremmen und Umgebung, aber auch aus Berlin. „Es will was erleben, und es hofft, auch mal mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen.“ Oft gelingt das sogar, die Atmosphäre im Theater ist intim, die Leute sind nah dran am Künstler.
Dalibor und seine Helfer arbeiten ehrenamtlich, von der Stadt kommt keine finanzielle Unterstützung. „Ich möchte das auch nicht“, sagt der Theaterleiter. Steine legt ihm die Verwaltung aber auch nicht in den Weg. „Auf unsere Eigenständigkeit sind wir sehr stolz.“

Eigentlich war das alles ganz anders geplant. Für seine Band suchte der Musiker Dalibor einen Probenraum. Er fand die leere Scheune im historischen Viertel von Kremmen. „Ich wusste: Wenn ich da investiere, will ich auch, dass dort eine Bühne entsteht“, so der 51-Jährige. Die diversen Genehmigungen waren die größte Hürde beim Umbau: Notleuchten, ein Behindertenklo, das Brandschutzgesetz. „Wir mussten uns das alles erarbeiten“, so Dalibor, der abseits der Kultur als Sozialarbeiter tätig ist und Kinderhäuser in Beetz (Oberhavel) und Linum (Ostprignitz-Ruppin) betreibt. Ursprünglich stammt er aus Berlin. Und er hat noch Pläne für die „Tiefste Provinz“. Ein Bistro in der Nachbarscheune, einen Sommernachtsabend, Schultheater. Ideen ohne Ende.

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Im Kulturgutshaus in Köpernitz (Ostprignitz-Ruppin) weht ein Hauch von Geschichte, auch wenn die Fassade ein wenig bröckelt. Das macht aber nichts, das Gebäude ist mehr als 250 Jahre alt, da kann schon mal was bröckeln. König Friedrich Wilhelm IV. war dort schon zu Gast, ebenso Theodor Fontane. Im 19. Jahrhundert lebte dort die Gräfin de la Roche Aymon. Fotos und Schriften in den Räumen des Gutshauses zeugen von der damaligen Zeit. Heute kümmert sich ein Förderverein darum, dass kulturelles Leben im Haus herrscht. Die Menschen in Köpernitz, einem Ortsteil von Rheinsberg, packen ehrenamtlich mit an. „Wir kümmern uns um den Erhalt des Hauses“, erzählt Bernd Donner, Vorsitzender des Fördervereins. „Alle Spendengelder stecken wir da rein.“ Gestaltung, Dekorationen, Finanzen – alles liegt in der Hand der Köpernitzer. Das Gebäude gehört der Stadt Rheinsberg, der Verein darf es kostenlos nutzen.

Jeden zweiten Sonnabend sind im Kulturgutshaus Lesungen oder Konzerte. Dreimal im Jahr kommen die Gäste zu „Ländlichen Gerichten und Geschichten“. So erzählte neulich ein Landarzt über das Leben in der Region, dazu bekamen die Zuhörer passende Gerichte serviert: Ochsenschwanzsuppe, Hähnchenbrustfilet und Schweineöhrchen. Und das alles für gerade mal 14 Euro. „Es geht uns nicht um Gewinn“, so Bernd Donner, „wir wollen eine große Resonanz.“ An anderen Tagen ist Hausmusik angesagt, ein Autor liest aus seinem Krimi oder eine Bluesband lässt Musik
erklingen. Gewöhnlich bekommen die Künstler nur eine Aufwandsentschädigung.

Bernd Donner stammt aus Berlin. Der heute 67-Jährige lernte dort auch seine Frau Ilse kennen. Sie kam aus Heinrichsfelde, einem Nachbarort von Köpernitz. Der Kontakt in die Region riss nie ab, sie heirateten in Rheinsberg. Er arbeitete als Lehrer in Berlin-Kreuzberg, sie war Hortleiterin. Nun sind sie in Rente. „In Berlin hält uns nicht mehr viel“, sagt Bernd Donner und schmunzelt.
Seit 1998 engagieren sie sich im Verein für das Gutshaus. „Wir mussten aber erst das Vertrauen der Dorfbewohner erlangen, wir waren ja Fremde“, erinnert sich Donner. Inzwischen hat sich das gelöst. 30 Mitglieder hat der Förderverein heute – plus ein Vielfaches an Freunden. Donner hofft, dass es auch weitergeht, wenn er sich mal zurückziehen wird.

RTelenovela

Volojahre (45): Provinzkultur

Dienstag, den 16. März 2010
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(44) -> 15.3.2010

Das war fast wie ein Klassentreffen. Mit meinen Neuruppiner Kollegen in der Kantine. Gestern. Heute. Morgen. Alles haben wir besprochen.
Noch immer fahre ich mit Wehmut in die Fontanestadt, auch wenn auch dort die Zahl der Schlaglöcher größer geworden ist und die Baustelle vor der Tür unserer dortigen Büros noch immer nicht beseitigt.

Aber eigentlich war ich in der Region unterwegs, um etwas über Provinzkultur zu erfahren. Das Wort mag abschätzig klingen, ist es aber nicht. Denn auch weit ab größerer Städte gibt es kulturell einiges zu entdecken.
In Kremmen zum Beispiel. In der “Tiefsten Provinz” im Scheunenviertel sind hin und wieder Konzerte, es gibt Kabarettprogramme, Lesungen und vieles mehr. Und einen Betreiber, der sich drum kümmert und sich aufopfert.
Ein echt toller Ort ist auch die Klosterscheune in Zehdenick. Der dortige Galierist brennt für seine Aufgabe, Kultur in die Kleinstadt zu holen. So stellen Künstler dort ihre Bilder aus. Bands spielen, Autoren lesen. Musiker loben den Ort für seine einzigartige Akustik. Und dafür, wie man sich dort um sie kümmert. Die meisten kommen gern wieder.

Zuletzt führte mich die Suche nach Kultur nach Köpernitz in der Nähe von Rheinsberg. Im dortigen Gutshaus kümmert sich ein Verein ehrenamtlich darum, dass in dem Dorf etwas los ist. Die Besucher erfahren etwas über die Geschichte der Region – immer in Form eines Vortrages und eines Speisemenüs. Und das für einen erstaunlich kleinen Preis. Und auch dort: Konzerte, Lesungen, Austellungen, Symposien. Die Vereinsmitglieder machen alles weitgehend selbst. Das Dach decken, sich um die Finazen kümmern.
Und alle müssen mit wenigen Geldern auskommen, bekommen entweder kein oder nur wenig Geld von den Kommunen.
Die Beispiele zeigen aber dennoch, dass es funktionieren kann – mit viel Herzblut und Engagement.
Mehr dazu demnächst im Wochenmagazin “Die Märkische”.

Auf Anraten von Freunden fuhr ich von Köpernitz aus noch nach Heinrichsfelde. Es tand zur Debatte, ob sie da hin ziehen wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sonst jemals dorthin gefahren wäre. Eine schmale Straße durch den Wald führt in den Dörfchen. Im Ort selbst ist die unbefestigte Straße aufweicht und matschig. Fast wäre ich steckengeblieben. Ein großer Schäferhund springt über den Zaun und rennt mir fast ins Auto. Er begleitet mich bellend durchs Dorf mit seinen paar Häuschen.
Ich würde dort nie wohnen wollen. Der Ort liegt fernab der Zivilisation. Selbst nach Rheinsberg ist es ein Stückchen, Neuruppin ist schon weiter weg, Berlin sowieso. Und rund um Heinrichsfelde ist – nichts. Gar nichts. Das würde mich depressiv machen.