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Landpartie (2): Rückkehr nach Ebereschenhof

Samstag, den 31. Mai 2014
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(1) -> 25.4.2014

Ebereschenhof ist mein Schicksal. Vor drei Jahren führte mich meine Irrfahrt durchs Luch schon einmal nach Ebereschenhof, und dass ich diesen Ort noch einmal besuchen werde, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Diesmal waren mit auf Oldtimertour. Und wenn man so eine Ausfahrt macht und von Oranienburg nach Hitzacker in Niedersachsen unterwegs ist, nimmt man eher die Nebenstraßen. Aber irgendwas muss da schiefgelaufen sein.

Wir waren unterwegs auf der B273, als das erste Fahrzeug unserer Kolonne in Börnicke plötzlich abbog. Auf dem Hinweisschild stand: Ebereschenhof. Mir schwante Böses, denn ich konnte mich noch an meine letzte Reise in das Dorf erinnern.
Aber dennoch war ich überrascht: Ebereschenhof ist mehr als die Kopfsteinpflasterstraße, die ich 2011 kennengelernt hatte, es gibt sogar noch eine zweite, alphaltierte Straße.
Unsere Kolonne holperte dann aber auch über die Kopfsteine. Ich wusste: Geradeaus weiter geht’s ins Luch mit Sandpisten, Megalöchern und -pfützen. Wollten wir das unseren Autos zumuten?

Wollten wir nicht. Wir drehten um und kehrten zurück zur Bundesstraße. Über Nauen, Friesack und Stölln erreichten wir eine Umleitung und lernten deshalb das Dorf Wulkau kennen. Wulkau liegt bereits in Sachsen-Anhalt, im Landkreis Stendal.
Wir legten in der dortigen (vermutlich einzigen) Kneipe eine Rast ein. Davor stand ein riesiger Kremser mit einem Traktor vorneweg, der immer weiter vor sich hin blubberte, weil er ansonsten nicht mehr angesprungen wäre.
Drinnen sind wir erst mal mit Bockwürsten verpflegt worden. Ob es noch was anderes gab, blieb unklar. Aber sie kam durchweg gut an. Oben im Regal stand allerdings eine besondere Leckerheit: Viagra. Eine Großpackung. Ob die am Ende von langen Kneipennächten auch den Kunden verabreicht wird, möchten wir erst gar nicht wissen.

Leider streiften wir Havelberg nur am Rande. In Havelberg war ich 1998 zwei Monate lang bei der Bundeswehr, und damit verbunden sind so einige Erinnerungen. Leider konnte ich sie nicht auffrischen. Unser Weg führte uns weder an der Kaserne vorbei (falls es sie noch gibt), noch durch die Stadt selbst.
Denn wir wollten mit der Fähre Werben in Räbel über die Elbe. Dort gibt es sie wohl schon rund 600 Jahre lang. Ganz ruhig tuckert sie übers Wasser – beziehungsweise lässt sie sich von der Strömung treiben und wird dabei von Seilen gehalten. Man hört nur das Wasser gurgeln.

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Zehn Monate beim Bund – ein Fazit

Freitag, den 25. Juni 1999
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Zehn Monate Bundeswehr. Eine lange Zeit ist zu Ende gegangen. Was wird bleiben? Welche Erinnerungen werden sich tief in mein Gehirn eingraben? Sind es eher die positiven oder die negativen? Die harten Anstrengungen oder das langweilige Rumgammeln?
Während der achtwöchigen Allgemeinen Grundausbildung (AGA), die ich in Havelberg absolvierte, lernt man zunächst, daß bei der Bw Abkürzungen das A und O sind. Und natürlich auch, daß man selbst ein Nichts ist. Nach den ersten Stunden und Tagen war ich erst mal völlig fertig. Ständig wurde man angebrüllt, wenn man mal wieder was falsch gemacht hatte.
Zur Einkleidung in Burg lief im Radio „In the Army now”, was nicht gerade zur guten Stimmung beigetragen hat. Und die Verwandlung vom Zivilisten zum Uniformierten ist wirklich erschreckend. Dann wurde das volle Programm durchgezogen. Formaldienste (Marsch in der Formation), AMiLa (Allgemeines Militärisches Lauftraining), 20-km-Gewaltmärsche, Gewehre auseinandemehmen und wieder zusammensetzen (in Rekordzeit!), sich in diversen Unterrichten zulabern lassen und abends fertig ins Bett fallen.
Schön waren auch die Zeltausflüge, genannt BIWAK („Blöde Idioten warten auf Krieg”). Unter anderen nach Klietz und Wesendorf. Man durfte sich mit einem netten Kameraden ein kleines Zelt („Hundehütte”) teilen, Löcher („Stellungen”) in die Wiese buddeln und auf einen nicht vorhandenen Feind warten. Und nach einer Woche konnte man sich auch wieder waschen.
Das feierliche Gelöbnis ist eigentlich auch eine nette Sache. Da durften wir in Strausberg über eine Stunde lang stillstehen und beobachten, wie unsere Kameraden, einer nach dem anderen, in Ohnmacht fielen.
In der folgenden Zeit hatte ich in Prenzlau und Geltow viele ruhige Stunden in diversen Büroräumen. Ich weiß jetzt, wie ein Kopierer, ein Faxgerät oder ein Computer funktionieren. Mit meinem heißumkämpften Bw-Führerschein habe ich die Kasernen Deutschlands kennengelernt. Und natürlich auch deren Küchen. Aber darüber möchte ich hier nicht sprechen. Das Thema ist zu traurig …
Traurig ist aus meiner Sicht auch das Thema Ärzte in der Bw. Eine Sprechstunde bei einem dieser netten Leute bestand oft darin, daß ich ihnen etwas erzählte und er seine Schwester fragte, was denn noch für Medikamente im Schrank seien. Tolle Sache! Als „freier Mensch” hätte ich nicht nur einmal den Arzt gewechselt! Positiv war allerdings die gute Kameradschaft unter den Mannschaftsdienstgraden, besonders während der AGA. Und: Je höher der Dienstgrad, um so lockerer die Leute. Insgesamt wird die Arroganz unter ihnen aber ziemlich groß geschrieben …
Würde ich mich noch mal für den Wehrdienst entscheiden? Ich glaube nicht, denn Zivildienst ist (meistens) doch noch ein wenig sinnvoller.

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In der AGA (20): Die Rekrutenprüfung

Dienstag, den 27. Oktober 1998
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Montag, 26. Oktober 1998. Der Tag aller Tage ist gekommen. Nun wollen die Herrschaften der Bundeswehr sehen, was wir in den vergangenen zwei Monaten alles bei ihnen gelernt haben. Die Rekrutenprüfung ist gleichzeitig unser Rückmarsch von Klietz nach Havelberg in die Kaserne. Der marsch wiederum ist der erste Teil der Prüfung. Und tatsächlich nur der Anfang von allem.

Alarmposten. Na, großartig. Jetzt dürfen wir wieder minutenlang in einer hohen Wiese rumlümmeln und auf irgendein Feld starren, auf dem nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert. Andererseits: Solche Pausen werden wir noch mal herbeisehnen.

Schießen. Am Rande des Truppenübungsplatzes befindet sich ein Grabensystem. Das durchschreiten wir, um zum Schießplatz zu gelangen. Und einfach nur so in die Gegend ballern ist ja auch öde. Dafür mussten Pappkameraden herhalten. Und, man mag es kaum glauben. Ab und zu habe ich sogar mal getroffen!

Retten und Bergen von Zwergen. Das leidige Thema. Würden wir uns tatsächlich im Krieg befinden und würden wir tatsächlich ständig unter Beschuss stehen – wir alle hätten verdammt schlechte Karten. Wie wir es trotzdem geschafft haben, dass wir alle ein Häkchen bekommen haben, ist mir vollkommen unklar.

Unfallrettung. Das ist dann schon wieder ein bisschen einfacher. So einen Arm zu verbinden, das kann doch jeder. Was ist aber, wenn der andere blutet? Und was ist, wenn man kein Blut sehen kann? Aber zum Glück blutet ja keiner.

Langsam wird es dunkel. In voller Montur stiefeln wir einen Panzerweg entlang, durch den puren Zuckersand. Plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund: ABC-Warnung. Den Schnuffi raus, den Poncho übergezogen. Die ABC-Maske beschlägt sofort. Es nieselt ein wenig. Ich sehe überhaupt nichts mehr. Halb blind torkele ich durch den Zuckersand. Lass diesen Mist endlich vorbei sein! Weiter vorne ist Unruhe. Irgendwas scheint da passiert zu sein. Aber ich sehe ja nichts.

Ende Tag 1. Unser Gruppennest für diese Nacht haben wir endlich erreicht. Es ist stockduster. Trotzdem dürfen wir jeder noch eine Stellung ausbuddeln. Jetzt, wo wir darin Profis sind, ist das im Dunkeln natürlich kein Problem. Alle geben ihr Bestes, dennoch dürfen wir auf das Ergebnis morgen gespannt sein.
Während der Rekrutenprüfung gibt es auch nichts zu Essen, außer das, was das E-Pack so hergibt. Harte Kekse. Diverse Pülverchen. Pumpernickel… Reden wir nicht weiter davon.

Die Nachtwache darf natürlich auch nicht fehlen. Am Feuer und draußen in den Stellungen. Und ausnahmsweise führen wir auch mal ein Ablösegespräch.
Als Patrick und ich dann in Lauerstellung liegen, flüstert er mir es ins Ohr, warum beim ABC-Alarm so eine Unruhe herrschte. Die Leuchtrakete, die abgeschossen wurde, soll so unglücklich abgezischt sein, dass ein Soldat geblendet wurde und ins Krankenhaus musste. Na ja, kann ja mal passieren.
Unterdessen ist die Lage ruhig. Aber es ist kalt. Arschkalt. Patrick nickt ein.

Dienstag, 27. Oktober 1998, Tag 2 unserer Rekrutenbesichtigung. Im Morgengrauen begutachten wir unsere gestern im Dunkeln ausgehobenen Stellungen. Alle Achtung! Gar nicht mal schlecht! Ich hätte sie immer blind bauen sollen…

Meldung und beobachten. Wieder mal eine dieser Stationen, bei der man nur doof irgendwo rumliegt oder –sitzt und später über das Nichtgeschehene berichten darf…

Skizzen. Ach, schon lange kein Kunst mehr gehabt. Hab ich nach der 10. Klasse abgewählt. Aber um ein paar Bäume (Kreise) und Sträucher (Kreise), Wege (Striche) und Straßen (Striche) zu malen, braucht man wohl diese Kenntnisse auch gar nicht.

Der Orientierungslauf. Bei dem muss man sich eigentlich nur danach richten, wo die Vorgänger lang laufen. Oder besser: Die ersten warten an einem bestimmten Punkt der Strecke, bis alle da sind. Gemeinsam laufen alle bis kurz vor das Ziel, um dann nach und nach ins Selbige zu spazieren. Viel Orientierung braucht man da nicht. Wohl eher Teamgeist.

Waffen auseinandernehmen und zusammensetzen. Inzwischen setzte ein schöner Landregen ein. Unter dem Poncho kommt man ins Schwitzen. Auf einer nassen und pfützenreichen Matte darf man sich nun also mit dem G3 beschäftigen. Alles ist glitschig und rutschig. Ach, leckt mich doch alle am Arsch. Bei mir dauert die Prozedur lange. Sehr lange. Zu lange. G. lässt mich trotzdem bestehen. Mich noch mal zwei Monate diesen Stuss machen lassen, will wohl auch er mir nicht zumuten.

Der Regen wird stärker. Weil da so ist, erspart man uns auch die Sturmbahn. Die wäre für uns zu rutschig gewesen. Schön, dass man darauf ausnahmsweise mal Rücksicht nimmt. Aber wahrscheinlich hatte bei dem Wetter auch niemand mehr groß Lust, uns beim Rackern zuzusehen. Auch wird uns der Weg rund um Havelberg herum erspart. Stattdessen setzen wir mit einer Fähre über die Havel und dürfen durch die Stadt laufen.

Es ist ein regelrechter Triumphzug, unsere Rückkehr nach Havelberg. So müssen sich Soldaten fühlen, die aus dem Krieg heimkehren. Na ja, oder so ähnlich. Auf jeden Fall haben wir es geschafft. Und das ist aber wirklich ein kleiner Triumph für jeden von uns. Mit vollem Gepäck sind wir in den letzten drei Tagen um die 40 Kilometer gelaufen, haben beobachtet, geschossen, gebuddelt und und und…

Jetzt ist es geschafft. Die Grundausbildung ist zu Ende. Nun müssen wir nur noch die Ausrüstung reinigen. Jedes Teil. Ganz gründlich. Und das dauert. Übermorgen verlassen wir diesen Hof, das Pionierbataillon in Havelberg, das allerletzte Mal. Auf nimmer Wiedersehen.
Morgen wird es noch mal öde. Putzen. Packen. Warten. Aber egal. Die AGA ist vorbei!

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In der AGA (19): 10 Tage Klietz

Freitag, den 23. Oktober 1998
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Punkt 6.00 Uhr. Truppenübungsplatz Klietz. Seit sechs Tagen sind wir nun schon hier. Das große zweiwöchige Bataillonsbiwak. Tausende Soldaten scheinen insgesamt auf diesem gewaltigen Platz zu sein. Ich weiß, dass auch Kompanien aus Prenzlau und Storkow hier sind. Und wer weiß, von woher sie noch hierher gekommen sind. Noch liegen wir in unseren kleinen Zelten. Im Schlafsack ist es herrlich warm. Man könnte noch stundelang hier drin liegen bleiben.
6.01 Uhr. Von draußen zieht jemand am Reißverschluss des Zeltes und umfasst meinen Knöchel. „Aufstehen!“ R., der wohl gerade Wache schiebt, ist jetzt, um diese Uhrzeit, auch fürs wecken zuständig.
6.03 Uhr. Ich will noch nicht aufstehen, es ist doch so schön warm in meinem Schlafsack! Von Patrick ist nur ein leises Grummeln zu vernehmen.
6.06 Uhr. Patrick pellt sich aus seinem Schlafsack. Ich glaube, ihm ist ein wenig kalt. Kein Wunder, draußen herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Es ist bald Ende Oktober. Als er fertig ist, kriecht er aus unserer kleinen Hütte.
6.11 Uhr. Wieder packt mich jemand am Knöchel.
6.12 Uhr. Auch ich steige endlich aus dem Schlafsack. Und es ist kalt. Arschkalt. Schnellstens ziehe ich mich an, angle meinen Waschbeutel aus meinem Rucksack und klettere hinaus.
6.18 Uhr. Das Lagerfeuer wärmt. Nicht nur mich und die anderen, sondern auch einen kleinen Tank mit Wasser. Inzwischen haben wir auch gelernt, uns ohne Spiegel zu rasieren.
6.29 Uhr. Unsere Gruppe sammelt sich. Wir verlassen unser Nest zwecks Essen fassen. Brötchen, harte Butter, nicht so ganz harte Margarine, Marmelade, Wurst. Ich kann’s nicht mehr sehen.
7.00 Uhr. Kompanieantritt auf der kleinen Straße am Waldrand. Hauptmann J., der Kompaniechef, faselt etwas von einer guten Laune und es mache allen sichtlich großen Spaß. Der arme scheint leicht verwirrt zu sein und an Sinnestäuschungen zu leiden.
7.12 Uhr. Ich habe ein dringendes größeres Geschäft zu erledigen. Glücklicherweise gibt es hier auf dem Truppenübungsplatz gemütliche Dixi-Klos. Wer möchte, kann auch dabei auch die Geschäftsabschlüsse der vorherigen Besucher bewundern.
7.26 Uhr. Einige haben das Gruppennest verlassen und laufen kreuz und quer übers Gelände. Dabei starren sie die ganze Zeit auf ihr Handy und rufen sich gegenseitig die aktuellen Balkenanzeigemeldungen zu. Es scheint eine Eigenart von Truppenübungsplätzen zu sein, dass es hier kaum Handyempfang gibt. Pio Sch. bleibt plötzlich wie angewurzelt stehen. „Hier! Ich habe einen Balken!“
Seit dem letzten Sonnabend sind wir nun schon in Klietz. Netterweise mussten wir von Havelberg die gut 40 Kilometer hierher nicht laufen. Ein Bus hat uns gefahren. Den Rückweg aber müssen wir zu Fuß bestreiten und ist gleichzeitig unsere Rekrutenprüfung.
Viele schöne Sachen haben wir in den vergangenen sechs Tagen erleben dürfen. Bei einer äußerst spannenden Nachtwanderung haben wir uns verlaufen. Wir haben wundervolle Skizzen gemalt. Unser G3 unzählige Male auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Sind geschlichen, gerobbt, gerannt und leben trotzdem noch.
Heute ist Freitag. Das Wochenende verbringen wir noch an diesem unsäglichen Ort, Montag und Dienstag werden wir dann geprüft, ob wir gute Rekruten sind.

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In der AGA (18): Zwergenrettung

Dienstag, den 6. Oktober 1998
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Da hätte man echt kotzen können. Als ich am Freitagabend aus Wesendorf zu Hause ankam und meine Sachen ausgepackt habe, ist mir ein ekliger Gestank entgegen gekommen. Die gesamten Bundeswehr-Klamotten haben dermaßen gestunken, dass ich eigentlich eine Gasmaske gebraucht hätte. Der Raum, in der die Waschmaschine steht, hätte eigentlich zum Sperrgebiet erklärt werden müssen. Es ist ja auch kein Wunder: Die ganze Zeit am Lagerfeuer, Rauch, Ruß, Schweiß. Fünf Tage lang. Und duschen konnten wir in dieser Zeit gar nicht. Für Reinlichkeitsfanatiker der blanke Horror.
Aber jetzt ist alles wieder sauber und frisch – bereit für eine neue Woche. In dieser sollen wir in der Ersten Hilfe geschult werden. Nebenbei dürfen wir noch ein bisschen mit unseren Waffen spielen. Skizzen malen und böse Feinde suchen. Wie früher im Sportunterricht in der Schule der Kraftkreis, gibt es auch hier mehrere Stationen, die wir nun alle nacheinander besuchen dürfen.

Auf eine dieser mit Liebe aufgebauten und mühevoll vorbereiteten Stationen freue ich mich ganz besonders. Ich bin ja schon froh, dass ich unser Gewehr G3 immer einigermaßen auseinander- und wieder zusammengebaut bekomme. Aber das Ganze jetzt mit verbundenen Augen? Auf dem Bauch liegend?
„Guten Morgen, Männer!“ Wer ist er denn? Ein OGVA, ein Obergefreiter-Offiziersanwärter! Ein Wichtigtuer, der mal ganz hoch hinaus will. Und der Weg nach oben scheint über die Havelberger Grundausbildung zu führen. „Ich bin Obergefreiter VA D. An dieser Station sollen Sie Ihr Gewehr G3 mit verbundenen Augen…“ Na ja, er erzählt uns nichts Neues. Wir wissen, was zu tun ist. Aber dass ein Mannschaftsdienstgrad hier den Befehl über uns hat, also das ist schon echt schwer zu verkraften.
Das G3 auseinander zu pflücken ist nicht das Problem, viel mehr das Wiederzusammenbauen. Erstens muss man wissen, welches Teil wohin gehört. Und wenn man das weiß, muss man sich dann noch erinnern, wo man das Teil hingefeuert hat. So total blind ist das schon problematisch. „Pionier! die anderen sind schon fertig!“ Ja, ja… „Die anderen warten schon auf Sie!“ Sollen sie doch! Wo ist der verdammte Verschluss? Und das Griffstück?

Es ist schon erstaunlich, wie warm es noch im Oktober werden kann. Und wenn es auf dem ganzen Platz keinen Schatten gibt, macht so ein Stationswandern doppelt so viel Spaß!
Aber das absolute Highlight steht uns jetzt bevor: die Bergung von Verletzen oder: „Retten und Bergen von Zwergen“. Und es wäre schön, wenn die Pseudo-Verletzten tatsächlich Zwerge wären. Tatsächlich ist Pionier R. größer und schwerer als ich, der ihn jetzt bergen darf.
Unteroffizier G. erklärt, was ich mit dem schwer Verunfallten, aber dennoch breit grinsenden R., zu tun habe. „Als erstes sprechen Sie ihn mal an!“ – „R.! Aufwachen!“
R. ist schwer. Sehr schwer. Wären wir tatsächlich im Krieg, wären wir wohl in der Zeit, in der ich versucht hätte, meinen Kameraden zu retten, ungefähr 15-mal erschossen worden.
„Geht das auch schneller?“, schreit Uffz G. Der hat gut reden! Der macht sich einen faulen Lenz.
Meine Kräfte schwinden. Ich habe keine Lust mehr. Ich schwitze wie ein Schwein. R. und ich kommen nur im Schneckentempo voran. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ich bin dafür, eine neue Disziplin einzuführen: Retten und Bergen des Retters und des Zwerges.

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In der AGA (17): Nachtschießen

Donnerstag, den 1. Oktober 1998
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Es ist Donnerstag. Unser vierter Tag im Schieß-Biwak in Wesendorf. Und eines haben wir inzwischen hundertprozentig festgestellt: Unsere Hauptbeschäftigung ist hier weder das Schießen, Wandern oder Feinde beschießen. Nein, es ist das Warten. Das warten nach dem Schuss. Bis man wieder zur Schießanlage latschen und ein paar Schüsse abfeuern darf, vergeht schon mal einige Zeit.

Heute, einen Tag vor unserer Abreise zurück nach Havelberg, erwartet uns noch ein ganz besonderes Highlight. Das Nachtschießen. Dazu marschieren wir heute noch ein zweites Mal aus unserem Gruppennest im Wald heraus auf die Schießanlage. Es ist 19 Uhr, und Anfang Oktober ist es ja um diese Uhrzeit schon fast ganz dunkel.
Nun fragt sich der Laie natürlich ganz besorgt, wohin man denn in der Dunkelheit um Gottes Willen hinschießen soll. Also genauer gesagt, fragt sich das nicht nur der Laie, sondern wir auch. Aber unsere Fragen werden ja glücklicherweise beantwortet. Denn um auch in finsterster Nacht die Scheibe zu treffen, gibt es ein Nachtsichtgerät. Das hat sicherlich auch einen speziellen Namen, aber man kann ja nicht alles wissen. Dieses Ding wird auf das G3 geschraubt, so dass man sein Ziel irgendwie sehen kann.
So weit, so gut. Aber an erster Stelle steht auch diesmal das warten.

Kalt geworden ist es auch noch. Heute Nacht hatten wir den ersten Frost. Das merkt man im warmen Schlafsack zwar nicht, aber sobald man sich aus ihm herausschält, wird es schon ein wenig kühl.
Entsprechend fröstelnd begebe ich mich in den Schießbereich, in dem eine Matte liegt, auf die man sich legen muss. Davor erkenne ich bereits im matten Lichtschein das Gewehr mit diesem komischen Teil drauf. Angeblich soll damit alles total einfach sein. Man sieht da durch, knallt ab, ist zufrieden und geht wieder. So sieht das in der Theorie aus. Aber alle, die bisher nach dem Schießen wieder zu uns kamen, sahen keineswegs glücklich aus.

„So, Pionier“, wendet sich ein Unteroffizier an mich, „können Sie irgendwas erkennen?“ Ein wenig ratlos blicke ich in tiefes Schwarz. „Was soll ich denn da sehen? Hier ist gar nichts.“ – „Sie müssten eigentlich mehrere rote Punkte erkennen.“ – „Sind Sie sich sicher?“ – „Die anderen Pioniere konnten das doch auch!“ Ist es eigentlich einem Unteroffizier erlaubt, einen Pionier anzulügen? Niemand hat bisher auch nur irgendwas in diesem blöden Teil erkennen können. Nur will es der Uffz nicht wahrhaben. „So, Pionier! Ich hab nicht ewig Zeit und Ihre Kameraden wollen ja auch noch zum Zuge kommen!“ Der Uffz lügt schon wieder, aber was soll’s…

Ich schieße. Irgendwo dahinten macht es „Peng!“. Es klang allerdings nicht wie eine Schießscheibe. „Was war das denn?“, fragt der Unteroffizier. Ich antworte erst gar nicht. Es ist mir auch vollkommen egal, Hauptsache der Mist hier hat schnell ein Ende.
„Auf die Scheibe, nicht auf den Pfeiler!“, erschallt von irgendwo aus der Dunkelheit ein Ruf. „Geben Sie sich mal ein bisschen Mühe, Pionier!“, kommentiert der Uffz diesen nett gemeinten Hinweis.
Aber was soll’s. Ich seh sowieso nichts. Ich knalle wieder ins Schwarze. Es bleibt kurz still. Dann: „Na bitte!“ Wahnsinn! Getroffen!

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In der AGA (16): Schießbiwak

Sonntag, den 27. September 1998
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Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mal so ganz genau, wo wir jetzt eigentlich sind. Ich weiß nur, dass wir heute morgen in Havelberg in einen Bus gestiegen und in einem kleinen Ort namens Wesendorf wieder ausgestiegen sind. Wesendorf, irgendwo in Niedersachsen. Fünf Tage werden wir hier auf einem Truppenübungsplatz verbringen. Unser bisher längstes Biwak, und für mich mein erstes. Das Ganze nennt sich Schieß-Biwak, denn das ist unsere Hauptbeschäftigung in den nächsten Tagen: schießen, schießen, schießen. Damit wir in der Übung bleiben.

Das erste Schießen haben wir bereits erfolgreich abgeschlossen. Beziehungsweise, die anderen wesentlich erfolgreicher als ich. Aber im Gegensatz zu Uffz G. ist mir das vollkommen egal. Volker Rühe, oder wer immer sein Nachfolger werden wird, wird das schon verstehen. Oder auch nicht. Aber selbst das ist mir nun wirklich absolut wurscht!
Wieder einmal laufen wir im Wald eines Übungsplatzes herum, um unser Gruppennest zu tarnen. Unsere Zelte stehen bereits, Patrick hat mal wieder gute Arbeit geleistet und alles akkurat aufgestellt, befestigt und überhaupt. Also, wenn er nicht wäre, würde ich ziemlich alt aussehen.