RTelenovela

Havelberg – 22 Jahre danach

Freitag, den 4. September 2020
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Es sieht alles sehr viel moderner aus. Ich stehe vor dem Eingang der Elb-Havel-Kaserne in Havelberg. Es ist Ende August 2020. Vor 22 Jahren, am 1. September 1998, war ich zum ersten Mal hier. Ich trat damals meinen Dienst in dieser Kaserne an. Gut acht Wochen lang dauerte die Grundausbildung, und wir sind dort marschiert, wir haben uns anschreien lassen, wir haben die Stuben geputzt, die Waffen benutzt und gereinigt und “Tsching Tschinging Bajuh” gesungen und so weiter.

Der Schriftzug an der Mauer neben dem Eingang scheint noch der alte zu sein. Ansonsten aber ist vieles anders. Der Parkplatz vorm Eingang ist verschwunden, es gibt auf der anderen Seite des Eingangs einen kleinen Besucherparkplatz, auf dem ich nun als einziger stehe. Auch ein Gebäude parallel zur Straße hat es, so glaube ich, 1998 noch nicht gegeben. Die Kompaniegebäude sehen frischer aus.

Während ich da so rumstehe, werde ich von der Wache beobachtet. Kommt ja sicher nicht so oft vor, dass vor der Kaserne jemand rumlungert und auf das Gelände glotzt. Ich laufe ein Stück entlang des Zaunes, und ich sehe, dass ich immer noch beobachtet werde.
Während ich da so langlaufe und die Gebäude sehe, strömen lauter Erinnerungen auf mich ein. Es ist ein merkwürdiges Gefühl.
Ich laufe um die Ecke, um mir von außen auch den Sportplatz anzusehen. Rechts von mir ist ein Wohnblock, die Bewohner schauen direkt aufs Kasernengelände. Für einen Freitagmittag scheinen erstaunlich viele Leute zu Hause zu sein. In einem Fenster hockt eine Frau und beobachtet mich. In einem anderen Fenster sitzt ein Hund und beobachtet mich. An einem der Hauseingänge steht ein junger Mann und beobachtet mich.
Ich laufe weiter, am Wohnhaus vorbei. Ich sehe links den Sportplatz, auf dem ich auch sehr große Erfolge gefeiert habe. Auf dem schmalen Weg, auf dem ich jetzt stehe, sind wir sicherlich auch mindestens einmal langgejoggt.

Es gibt gerade mal ein Gruppenfoto von meinem Zug. Ansonsten gibt es nur die Erinnerungen in meinem Kopf. Smartphones gab es noch nicht, und Fotos darf man auf dem Gelände eh nicht machen.
Ich laufe wieder zurück. Ich will noch in die Stadt.

Es ist eine schöne Stadt. Die Altstadt von Havelberg liegt auf einer Insel, drumherum fließen Havel und Havelarme. 1998 hatten wir wenig Gelegenheit, und wirklich die Stadt zu erschließen. Wir waren zwar einmal auf dem Pferdemarkt, wir waren ein oder zweimal Pizza essen, und einmal waren wir am Abend in einer Disco, die es sicherlich nicht mehr gibt.

Ich laufe durch die Altstadt, es gibt dort einen kleinen Buchladen. Ich sehe mich dort um, allerdings gibt es ausschließlich alte Bücher. Auf dem Flohmarkt in Sellin hatte ich schon mal Stephen Kings “Cujo” in der Hand, das Buch war aber zu teuer, und die Händlerin ließ nicht mit sich reden. Hier habe ich es nun wieder in der Hand – es ist aus den späten 80ern, aber ich will es haben. “Cujo” war einer der ersten – wenn nicht sogar der erste Roman, den ich von Stephen King gelesen habe.
An der Kasse erfahre ich, dass es sich um einen Verein handelt, der von Spenden lebt. Man spendet, wenn man etwas haben will. Und es gibt viele Leute, die Bücher bringen.

Ansonsten gibt es in der Havelberger Altstadt ein paar Lokale, das Rathaus, diverse Läden – aber es fehlt an einem echten Anziehungspunkt. Da bietet Stendal, wo ich vorher war, mehr. Auch wenn Havelberg architektisch sehr viel spannender ist.

Gute zwei Stunden dauert mein Havelberg-Aufenthalt, ich verlasse die Stadt mit dem Auto – auf dem Weg, den wir damals immer am Freitagmittag in Richtung Heimat gefahren sind.

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KeineWochenShow

#191 – Hörst du die Glocken läuten?

Sonntag, den 30. August 2020
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Die KeineWochenShow-Sommertour 2020 geht weiter. Erneut werden wir zusammengeschaltet. Der eine in Oranienburg, der andere in Stendal in der Altmark in Sachsen-Anhalt. Zur Feier des Tages gibt es ein Glockenspiel, das fast die ganze Zeit im Hintergrund zu hören ist.
Und es gibt einen Abstecher nach Havelberg auf der anderen Seite der Elbe und der Havel – mit Erinnerungen an die Bundeswehr-Zeit 1998.

Außerdem geht es um den (abgesagten) Lockdown, um die Coronademos, um den neuen Ärzte-Song, um die Mohrenstraße in Berlin und die Zigeunersauce. Das und mehr in KeineWochenShow #191 auf Youtube.

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RTelenovela

G36: Meine Entlastung!

Samstag, den 4. April 2015
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Das Bundeswehr-Gewehr G36 soll nicht treffsicher sein. Uschi von der Leyen ist deshalb ein bisschen böse, und der Hersteller dementiert. Und ich bin nun ganz eindeutig entlastet!

Als ich 1998 in der Grundausbildung beim Bund war, haben wir in Havelberg zwar meist mit dem G3 geschossen, wir hatten aber auch schon ein paar der damals neuen G36.
Ich habe oft, sehr oft, daneben geschossen.
Und, ja, nun weiß ich: An mir lag’s wohl nicht. Ich bin entlastet!

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Landpartie (2): Rückkehr nach Ebereschenhof

Samstag, den 31. Mai 2014
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(1) -> 25.4.2014

Ebereschenhof ist mein Schicksal. Vor drei Jahren führte mich meine Irrfahrt durchs Luch schon einmal nach Ebereschenhof, und dass ich diesen Ort noch einmal besuchen werde, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Diesmal waren mit auf Oldtimertour. Und wenn man so eine Ausfahrt macht und von Oranienburg nach Hitzacker in Niedersachsen unterwegs ist, nimmt man eher die Nebenstraßen. Aber irgendwas muss da schiefgelaufen sein.

Wir waren unterwegs auf der B273, als das erste Fahrzeug unserer Kolonne in Börnicke plötzlich abbog. Auf dem Hinweisschild stand: Ebereschenhof. Mir schwante Böses, denn ich konnte mich noch an meine letzte Reise in das Dorf erinnern.
Aber dennoch war ich überrascht: Ebereschenhof ist mehr als die Kopfsteinpflasterstraße, die ich 2011 kennengelernt hatte, es gibt sogar noch eine zweite, alphaltierte Straße.
Unsere Kolonne holperte dann aber auch über die Kopfsteine. Ich wusste: Geradeaus weiter geht’s ins Luch mit Sandpisten, Megalöchern und -pfützen. Wollten wir das unseren Autos zumuten?

Wollten wir nicht. Wir drehten um und kehrten zurück zur Bundesstraße. Über Nauen, Friesack und Stölln erreichten wir eine Umleitung und lernten deshalb das Dorf Wulkau kennen. Wulkau liegt bereits in Sachsen-Anhalt, im Landkreis Stendal.
Wir legten in der dortigen (vermutlich einzigen) Kneipe eine Rast ein. Davor stand ein riesiger Kremser mit einem Traktor vorneweg, der immer weiter vor sich hin blubberte, weil er ansonsten nicht mehr angesprungen wäre.
Drinnen sind wir erst mal mit Bockwürsten verpflegt worden. Ob es noch was anderes gab, blieb unklar. Aber sie kam durchweg gut an. Oben im Regal stand allerdings eine besondere Leckerheit: Viagra. Eine Großpackung. Ob die am Ende von langen Kneipennächten auch den Kunden verabreicht wird, möchten wir erst gar nicht wissen.

Leider streiften wir Havelberg nur am Rande. In Havelberg war ich 1998 zwei Monate lang bei der Bundeswehr, und damit verbunden sind so einige Erinnerungen. Leider konnte ich sie nicht auffrischen. Unser Weg führte uns weder an der Kaserne vorbei (falls es sie noch gibt), noch durch die Stadt selbst.
Denn wir wollten mit der Fähre Werben in Räbel über die Elbe. Dort gibt es sie wohl schon rund 600 Jahre lang. Ganz ruhig tuckert sie übers Wasser – beziehungsweise lässt sie sich von der Strömung treiben und wird dabei von Seilen gehalten. Man hört nur das Wasser gurgeln.

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Zehn Monate beim Bund – ein Fazit

Freitag, den 25. Juni 1999
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Zehn Monate Bundeswehr. Eine lange Zeit ist zu Ende gegangen. Was wird bleiben? Welche Erinnerungen werden sich tief in mein Gehirn eingraben? Sind es eher die positiven oder die negativen? Die harten Anstrengungen oder das langweilige Rumgammeln?
Während der achtwöchigen Allgemeinen Grundausbildung (AGA), die ich in Havelberg absolvierte, lernt man zunächst, daß bei der Bw Abkürzungen das A und O sind. Und natürlich auch, daß man selbst ein Nichts ist. Nach den ersten Stunden und Tagen war ich erst mal völlig fertig. Ständig wurde man angebrüllt, wenn man mal wieder was falsch gemacht hatte.
Zur Einkleidung in Burg lief im Radio „In the Army now”, was nicht gerade zur guten Stimmung beigetragen hat. Und die Verwandlung vom Zivilisten zum Uniformierten ist wirklich erschreckend. Dann wurde das volle Programm durchgezogen. Formaldienste (Marsch in der Formation), AMiLa (Allgemeines Militärisches Lauftraining), 20-km-Gewaltmärsche, Gewehre auseinandemehmen und wieder zusammensetzen (in Rekordzeit!), sich in diversen Unterrichten zulabern lassen und abends fertig ins Bett fallen.
Schön waren auch die Zeltausflüge, genannt BIWAK („Blöde Idioten warten auf Krieg”). Unter anderen nach Klietz und Wesendorf. Man durfte sich mit einem netten Kameraden ein kleines Zelt („Hundehütte”) teilen, Löcher („Stellungen”) in die Wiese buddeln und auf einen nicht vorhandenen Feind warten. Und nach einer Woche konnte man sich auch wieder waschen.
Das feierliche Gelöbnis ist eigentlich auch eine nette Sache. Da durften wir in Strausberg über eine Stunde lang stillstehen und beobachten, wie unsere Kameraden, einer nach dem anderen, in Ohnmacht fielen.
In der folgenden Zeit hatte ich in Prenzlau und Geltow viele ruhige Stunden in diversen Büroräumen. Ich weiß jetzt, wie ein Kopierer, ein Faxgerät oder ein Computer funktionieren. Mit meinem heißumkämpften Bw-Führerschein habe ich die Kasernen Deutschlands kennengelernt. Und natürlich auch deren Küchen. Aber darüber möchte ich hier nicht sprechen. Das Thema ist zu traurig …
Traurig ist aus meiner Sicht auch das Thema Ärzte in der Bw. Eine Sprechstunde bei einem dieser netten Leute bestand oft darin, daß ich ihnen etwas erzählte und er seine Schwester fragte, was denn noch für Medikamente im Schrank seien. Tolle Sache! Als „freier Mensch” hätte ich nicht nur einmal den Arzt gewechselt! Positiv war allerdings die gute Kameradschaft unter den Mannschaftsdienstgraden, besonders während der AGA. Und: Je höher der Dienstgrad, um so lockerer die Leute. Insgesamt wird die Arroganz unter ihnen aber ziemlich groß geschrieben …
Würde ich mich noch mal für den Wehrdienst entscheiden? Ich glaube nicht, denn Zivildienst ist (meistens) doch noch ein wenig sinnvoller.

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In der AGA (20): Die Rekrutenprüfung

Dienstag, den 27. Oktober 1998
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Montag, 26. Oktober 1998. Der Tag aller Tage ist gekommen. Nun wollen die Herrschaften der Bundeswehr sehen, was wir in den vergangenen zwei Monaten alles bei ihnen gelernt haben. Die Rekrutenprüfung ist gleichzeitig unser Rückmarsch von Klietz nach Havelberg in die Kaserne. Der marsch wiederum ist der erste Teil der Prüfung. Und tatsächlich nur der Anfang von allem.

Alarmposten. Na, großartig. Jetzt dürfen wir wieder minutenlang in einer hohen Wiese rumlümmeln und auf irgendein Feld starren, auf dem nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert. Andererseits: Solche Pausen werden wir noch mal herbeisehnen.

Schießen. Am Rande des Truppenübungsplatzes befindet sich ein Grabensystem. Das durchschreiten wir, um zum Schießplatz zu gelangen. Und einfach nur so in die Gegend ballern ist ja auch öde. Dafür mussten Pappkameraden herhalten. Und, man mag es kaum glauben. Ab und zu habe ich sogar mal getroffen!

Retten und Bergen von Zwergen. Das leidige Thema. Würden wir uns tatsächlich im Krieg befinden und würden wir tatsächlich ständig unter Beschuss stehen – wir alle hätten verdammt schlechte Karten. Wie wir es trotzdem geschafft haben, dass wir alle ein Häkchen bekommen haben, ist mir vollkommen unklar.

Unfallrettung. Das ist dann schon wieder ein bisschen einfacher. So einen Arm zu verbinden, das kann doch jeder. Was ist aber, wenn der andere blutet? Und was ist, wenn man kein Blut sehen kann? Aber zum Glück blutet ja keiner.

Langsam wird es dunkel. In voller Montur stiefeln wir einen Panzerweg entlang, durch den puren Zuckersand. Plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund: ABC-Warnung. Den Schnuffi raus, den Poncho übergezogen. Die ABC-Maske beschlägt sofort. Es nieselt ein wenig. Ich sehe überhaupt nichts mehr. Halb blind torkele ich durch den Zuckersand. Lass diesen Mist endlich vorbei sein! Weiter vorne ist Unruhe. Irgendwas scheint da passiert zu sein. Aber ich sehe ja nichts.

Ende Tag 1. Unser Gruppennest für diese Nacht haben wir endlich erreicht. Es ist stockduster. Trotzdem dürfen wir jeder noch eine Stellung ausbuddeln. Jetzt, wo wir darin Profis sind, ist das im Dunkeln natürlich kein Problem. Alle geben ihr Bestes, dennoch dürfen wir auf das Ergebnis morgen gespannt sein.
Während der Rekrutenprüfung gibt es auch nichts zu Essen, außer das, was das E-Pack so hergibt. Harte Kekse. Diverse Pülverchen. Pumpernickel… Reden wir nicht weiter davon.

Die Nachtwache darf natürlich auch nicht fehlen. Am Feuer und draußen in den Stellungen. Und ausnahmsweise führen wir auch mal ein Ablösegespräch.
Als Patrick und ich dann in Lauerstellung liegen, flüstert er mir es ins Ohr, warum beim ABC-Alarm so eine Unruhe herrschte. Die Leuchtrakete, die abgeschossen wurde, soll so unglücklich abgezischt sein, dass ein Soldat geblendet wurde und ins Krankenhaus musste. Na ja, kann ja mal passieren.
Unterdessen ist die Lage ruhig. Aber es ist kalt. Arschkalt. Patrick nickt ein.

Dienstag, 27. Oktober 1998, Tag 2 unserer Rekrutenbesichtigung. Im Morgengrauen begutachten wir unsere gestern im Dunkeln ausgehobenen Stellungen. Alle Achtung! Gar nicht mal schlecht! Ich hätte sie immer blind bauen sollen…

Meldung und beobachten. Wieder mal eine dieser Stationen, bei der man nur doof irgendwo rumliegt oder –sitzt und später über das Nichtgeschehene berichten darf…

Skizzen. Ach, schon lange kein Kunst mehr gehabt. Hab ich nach der 10. Klasse abgewählt. Aber um ein paar Bäume (Kreise) und Sträucher (Kreise), Wege (Striche) und Straßen (Striche) zu malen, braucht man wohl diese Kenntnisse auch gar nicht.

Der Orientierungslauf. Bei dem muss man sich eigentlich nur danach richten, wo die Vorgänger lang laufen. Oder besser: Die ersten warten an einem bestimmten Punkt der Strecke, bis alle da sind. Gemeinsam laufen alle bis kurz vor das Ziel, um dann nach und nach ins Selbige zu spazieren. Viel Orientierung braucht man da nicht. Wohl eher Teamgeist.

Waffen auseinandernehmen und zusammensetzen. Inzwischen setzte ein schöner Landregen ein. Unter dem Poncho kommt man ins Schwitzen. Auf einer nassen und pfützenreichen Matte darf man sich nun also mit dem G3 beschäftigen. Alles ist glitschig und rutschig. Ach, leckt mich doch alle am Arsch. Bei mir dauert die Prozedur lange. Sehr lange. Zu lange. G. lässt mich trotzdem bestehen. Mich noch mal zwei Monate diesen Stuss machen lassen, will wohl auch er mir nicht zumuten.

Der Regen wird stärker. Weil da so ist, erspart man uns auch die Sturmbahn. Die wäre für uns zu rutschig gewesen. Schön, dass man darauf ausnahmsweise mal Rücksicht nimmt. Aber wahrscheinlich hatte bei dem Wetter auch niemand mehr groß Lust, uns beim Rackern zuzusehen. Auch wird uns der Weg rund um Havelberg herum erspart. Stattdessen setzen wir mit einer Fähre über die Havel und dürfen durch die Stadt laufen.

Es ist ein regelrechter Triumphzug, unsere Rückkehr nach Havelberg. So müssen sich Soldaten fühlen, die aus dem Krieg heimkehren. Na ja, oder so ähnlich. Auf jeden Fall haben wir es geschafft. Und das ist aber wirklich ein kleiner Triumph für jeden von uns. Mit vollem Gepäck sind wir in den letzten drei Tagen um die 40 Kilometer gelaufen, haben beobachtet, geschossen, gebuddelt und und und…

Jetzt ist es geschafft. Die Grundausbildung ist zu Ende. Nun müssen wir nur noch die Ausrüstung reinigen. Jedes Teil. Ganz gründlich. Und das dauert. Übermorgen verlassen wir diesen Hof, das Pionierbataillon in Havelberg, das allerletzte Mal. Auf nimmer Wiedersehen.
Morgen wird es noch mal öde. Putzen. Packen. Warten. Aber egal. Die AGA ist vorbei!

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In der AGA (19): 10 Tage Klietz

Freitag, den 23. Oktober 1998
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Punkt 6.00 Uhr. Truppenübungsplatz Klietz. Seit sechs Tagen sind wir nun schon hier. Das große zweiwöchige Bataillonsbiwak. Tausende Soldaten scheinen insgesamt auf diesem gewaltigen Platz zu sein. Ich weiß, dass auch Kompanien aus Prenzlau und Storkow hier sind. Und wer weiß, von woher sie noch hierher gekommen sind. Noch liegen wir in unseren kleinen Zelten. Im Schlafsack ist es herrlich warm. Man könnte noch stundelang hier drin liegen bleiben.
6.01 Uhr. Von draußen zieht jemand am Reißverschluss des Zeltes und umfasst meinen Knöchel. „Aufstehen!“ R., der wohl gerade Wache schiebt, ist jetzt, um diese Uhrzeit, auch fürs wecken zuständig.
6.03 Uhr. Ich will noch nicht aufstehen, es ist doch so schön warm in meinem Schlafsack! Von Patrick ist nur ein leises Grummeln zu vernehmen.
6.06 Uhr. P. pellt sich aus seinem Schlafsack. Ich glaube, ihm ist ein wenig kalt. Kein Wunder, draußen herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Es ist bald Ende Oktober. Als er fertig ist, kriecht er aus unserer kleinen Hütte.
6.11 Uhr. Wieder packt mich jemand am Knöchel.
6.12 Uhr. Auch ich steige endlich aus dem Schlafsack. Und es ist kalt. Arschkalt. Schnellstens ziehe ich mich an, angle meinen Waschbeutel aus meinem Rucksack und klettere hinaus.
6.18 Uhr. Das Lagerfeuer wärmt. Nicht nur mich und die anderen, sondern auch einen kleinen Tank mit Wasser. Inzwischen haben wir auch gelernt, uns ohne Spiegel zu rasieren.
6.29 Uhr. Unsere Gruppe sammelt sich. Wir verlassen unser Nest zwecks Essen fassen. Brötchen, harte Butter, nicht so ganz harte Margarine, Marmelade, Wurst. Ich kann’s nicht mehr sehen.
7.00 Uhr. Kompanieantritt auf der kleinen Straße am Waldrand. Hauptmann J., der Kompaniechef, faselt etwas von einer guten Laune und es mache allen sichtlich großen Spaß. Der arme scheint leicht verwirrt zu sein und an Sinnestäuschungen zu leiden.
7.12 Uhr. Ich habe ein dringendes größeres Geschäft zu erledigen. Glücklicherweise gibt es hier auf dem Truppenübungsplatz gemütliche Dixi-Klos. Wer möchte, kann auch dabei auch die Geschäftsabschlüsse der vorherigen Besucher bewundern.
7.26 Uhr. Einige haben das Gruppennest verlassen und laufen kreuz und quer übers Gelände. Dabei starren sie die ganze Zeit auf ihr Handy und rufen sich gegenseitig die aktuellen Balkenanzeigemeldungen zu. Es scheint eine Eigenart von Truppenübungsplätzen zu sein, dass es hier kaum Handyempfang gibt. Pio Sch. bleibt plötzlich wie angewurzelt stehen. „Hier! Ich habe einen Balken!“
Seit dem letzten Sonnabend sind wir nun schon in Klietz. Netterweise mussten wir von Havelberg die gut 40 Kilometer hierher nicht laufen. Ein Bus hat uns gefahren. Den Rückweg aber müssen wir zu Fuß bestreiten und ist gleichzeitig unsere Rekrutenprüfung.
Viele schöne Sachen haben wir in den vergangenen sechs Tagen erleben dürfen. Bei einer äußerst spannenden Nachtwanderung haben wir uns verlaufen. Wir haben wundervolle Skizzen gemalt. Unser G3 unzählige Male auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Sind geschlichen, gerobbt, gerannt und leben trotzdem noch.
Heute ist Freitag. Das Wochenende verbringen wir noch an diesem unsäglichen Ort, Montag und Dienstag werden wir dann geprüft, ob wir gute Rekruten sind.

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