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Heimatkunde – Zu Fuß um die deutsche Hauptstadt

Freitag, den 6. November 2009
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DO 05.11.2009 | 23.25 Uhr | rbb

Es ist gut, wenn sich der Vorsitzende der deutschen Partei “Die Partei” noch für sein potenzielles Wählervolk interessiert. 18 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung spazierte Martin Sonneborn im Jahr 2008 in vier Wochen rund um Berlin und betrieb “Heimatkunde”.
Und es ist erstaunlich, was die berlin-brandenburgische Grenze alles zu bieten hat. Kleingärtner, Reihenhausbewohner, Nudisten, Imbissbudenbesitzer, Asylanten, Religiöse.

Im Kreis Teltow-Fläming, in Großbeeren, stieß er auf eine Siedlung, in der die Reihenhäuser alle gleich aussehen. Seltsam trist. Furchtbar. Und kein Ossi weit und breit. “Hier sollen Ostdeutsche wohnen”, meint Sonneborn und stößt auf Verwunderung.

In Hohen Neuendorf wundert er sich über die Himmelspagode und trifft an der Tankstelle am Stadtrand auf eine Gruppe Jugendlicher. Seine Bockwust darf er allerdings nicht auf das Auto eines jungen Mannes stellen. Aber er kommt mit ihm ins Gespräch. Als die Mauer fiel, fand der 1978 Geborene, dass der westen gar nicht so anders aussah, als der Osten. Frohnau sei auch nicht bunter gewesen als Hohen Neuendorf. Er habe nur schöne Erinnerungen an die DDR.
Im Hintergrund blinkt der Funkturm von Berlin-Frohnau, der im Februar 2009 gesprengt wurde.
Der Wahnsinn zeigt sich dann im Kofferraum eines weiteren OHV-Autos. Eine Musikanlage, Wasserspiele, ein Quietscheentchen und eine Art Monitor. Kunst, Kultur und Musik. Skurril.

In der Invalidensiedlung in Berlin-Frohnau sucht Sonneborn nach – na klar – Invaliden. Er trifft auf eine Frau, dessen Grundstück bis 1990 direkt an der Mauer lag. Davor stand ein acht Meter hoher Grenzturm, die Grenzer konnten in den Garten der Frau sehen, die nun schon 40 Jahre in der Siedlung wohnt.

Weiter nach Stolpe-Süd. Der bedrückenste Teil der Doku.
Ein umzäuntes Gelände und ein Wachmann, der nicht verraten will, um was für eine Einrichtung es sich dabei eigentlich handelt. Ob man ihm nicht gesagt habe, was er denn bewache, fragt Sonneborn. Und: Wofür er es denn halte. Der Wachmann antwortet, er sei nicht befugt etwas zu sagen. Dabei, wollte doch Sonneborn nur wissen, was er da sieht. Aber die Angestellten der Wachschutzfirma beziehungsweise des Asylantenheimes in Stolpe-Süd scheinen Schiss zu haben, irgendjemandem auch nur die geringste Angriffsfläche zu bieten.
Aber Sonneborn fand schließlich einen Palästinenser, der ihn mit auf sein Zimmer nahm. Seit fünf Jahren wohnt er im Heim. Im 15 Quadratmeter kleinen Zimmer. Nach Berlin, wenige Meter entfernt, darf er nicht. In die Heimat auch nicht, er hat keinen Pass. Arbeiten darf er auch nicht. Eine Wohnung bekommt er auch nicht. Dafür aber 40 Euro Taschengeld im Monat.

In Schönwalde-Siedlung trifft er auf lauter Jauchewagen der Awu, die an einem Imbiss stehen. Ein beißender Geruch, der wohl nicht nur von der Fritteuse komme, wie Sonneborn anmerkt. Die Jauchefahrer kommen auch öfter beim Imbiss vorbei, um das Abwasser, die Jauche abzupumpen. Anders funktioniere das in dem Teil der Siedlung nicht, so die Imbissfrau.
Aber der Aufschwung komme: Zwei Kreisverkehre und ein Yachthafen seien geplant. Jetzt, 2009, gibt es sie jedenfalls noch nicht.

In der Döberitzer Heide trifft Sonneborn mitten im Nichts auf einen betenden Herrn. Er muss erst seinen Gott fragen, er ob dem Filmwanderer dessen Namen nennen darf.

Zu guter Letzt diskutiert Sonneborn mit den Besitzern eines Chinalokals in Falkensee-Finkenkrug darüber, dass sich die chinesen um das deutsche Rentensystem sorgen.

“Heimatkunde” ist ein sehr spannendes Filmporträt über die Menschen in Berlin und Brandenburg. Ihre Sorgen, ihre Probleme, irgendwie auch ihre Piefigkeit, Grobheit. Aber wenn man mit ihnen redet, kommen viele fesselnde Gespräche heraus. Denn das macht den Film aus: Sonneborn nimmt die Leute ernst. Er fragt pointiert, aber ernsthaft, will wirklich etwas von den Menschen wissen, vielleicht auch von ihnen lernen.
Und deshalb war “Heimatkunde” auch genug das, was der Titel versprach.