RTelenovela

In memoriam: Udo Jürgens

Dienstag, den 5. Mai 2015
Tags: , ,

Das kommt ja öfter mal vor, dass hungerige Oranienburger direkt vor der Eingangstür des Dönerladens in der Schulstraße halten (reinfahren ist bislang noch nicht möglich), um keinen Schritt zu viel machen zu müssen. Deshalb hat auch am Montagabend kaum jemand auf das große Auto geachtet, das direkt an der Ladentür anhielt.

Das änderte sich, als das junge Pärchen in den Imbiss kam. Sie überlegte nicht lange und bestellte ein Hamburger-Menü (”Kein Cheese, please! No Cheese!”). Ihr männlicher Begleiter sorgte aber für das eigentliche Aufsehen: Er erschien im Bademantel. Ein flauschiger weißer Bademantel. In memoriam: Udo Jürgens. Der machte seine Zugabe auch immer im Bademantel, und auch dieser Auftritt im Dänerladen sah stark nach Zugabe aus. Der junge Mann war zudem barfuß, aber immerhin blitzte ein T-Shirt aus seinem Ausschnitt. Ganz blank schien er also darunter nicht gewesen zu sein.
Sich ein Lachen verkneifend machte sich ein Verkäufer am Dönerspieß zu schaffen.

Die beiden kamen aus England, und da scheinen andere Sitten zu herrschen. Das Auto, es sah ein bisschen aus wie damals das von Serienheld Colt Seavers, stand mit laufendem Motor und offener Fahrertür direkt am Imbisseingang. Geradezu eine Einladung, fix eine Probefahrt zu machen. Die Oranienburger haben sie nicht angenommen.

RTZapper

Mein Sohn Helen

Samstag, den 25. April 2015
Tags: , ,

FR 24.04.2015 | 20.15 Uhr | Das Erste

Aus Finn wird Helen. Zur besten Sendezeit widmet sich die ARD in einem Fernsehfilm dem Thema Transgender. Mit Happy End.
Als Finn nach einem Jahr in die USA zurückkehrt, nennt er sich Helen und sieht aus wie eine Frau. Finn fühlte sich schon immer im falschen Körper, wie Helen jetzt sagt. Alle müssen sie nun damit klarkommen: der Vater, die Freunde, die Mitschüler. Kein leichter Weg. Für alle.

“Mein Sohn Helen” zeigt, dass von allen Beteiligten einiges abverlangt wird. Von Finn/Helen unfassbar viel Mut. Von den anderen Toleranz und den Willen, das alles so zu akzeptieren und zu verteidigen.
Ein wirklich sehr gut gemachter, gelockerer, lustiger, junger, sehr oft nachdenklich machender Film, zudem flott inszeniert und mit Jannik Schümann als Finn/Helen hervorragend besetzt.
Nach einem dramatischen Fast-Ende schlägt der Film ganz zum Schluss noch eine recht gewagte Happy-End-Kurve. Eine irgendwie nicht ganz glaubhafte, denn im wahren Leben dürften sich wohl kaum alle Probleme in Luft auflösen.
Muss das sein?

Muss nicht, aber kann. Einerseits wäre es völlig in Ordnung gewesen, den Film früher enden zu lassen. Nämlich an der Stelle, wo der Vater den Selbstverstümmelungsversuch von Finn/Helen verhindert hat.
Aber warum kann man nicht auch mal träumen? Von einem Happy End, davon, dass man all diese Probleme irgendwie lösen kann, dass am Ende die Freude überwiegt.
Das Thema kann ein so positives Ende durchaus vertragen – und vielleicht auch mal ein wenig zu sehr vom Realismus abweichen.

RTelenovela

Fremdenhass: Die nächste Stufe

Samstag, den 25. April 2015
Tags: , ,

Es gibt Geschichten, da fasst man sich an den Kopf. In der Facebook-Gruppe “Die Oranienburger” erzählte eine Frau von einer Begebenheit, die an den Menschen zweifeln lässt: Ein gebürtiger Dominikaner fuhr neulich auf dem Rad mit seinem Sohn durch Oranienburg. Sie kamen an einem Paar vorbei, und die Frau rief hinterher: “Guck mal, was die für neue Fahrräder für die Asylanten sammeln und verschenken!”

Was ist das? Neid? Dummheit? Hass? Alles zusammen?
Dazu sollte man wissen, dass an der hautfarbe des Mannes zwar erkennbar ist, dass er nicht von hier stammt. Er lebt jedoch mit seiner Familie schon recht lange in der Stadt – er geht im Schichtbetrieb arbeiten – und ist kein Asylbewerber.
Dessen Frau ist tief bestürzt, und sie fragt, wohin das alles noch führen soll.

Klar ist, dass der Unmut einiger Leute wächst. Schlimm ist, dass sich sie ihren Unmut einfach mal pauschal auf jeden loslassen, der irgendwie fremd aussieht. Wer das ist und was er macht, das ist völlig egal. Im selben Forum ist neulich vor klauenden Asylbewerbern gewarnt wollen, weil man sich angeblich vor allen Asylbewerbern schützen müsse. Ja, Hauptsache draufhauen. Zunächst verbal, aber aus anderen Orten Deutschlands wissen wir, dass es nicht beim Verbalen bleibt. Und das gilt es, zu verhindern.

RTelenovela

Rügen 2015 (5): Dessertkrise auf der Moritzburg

Samstag, den 18. April 2015
Tags: , , ,

(4) -> 17.4.2015

Einer der schönsten – und sicherlich der gemütlichste – Aussichtspunkt auf Rügen ist die Moritzburg in Moritzdorf. Es war nicht das erste Mal, dass ich raufgekraxelt bin, schon zu DDR-Zeiten war das Lokal eine Attraktion. Dazu gehört übrigens auch die kleine Fähre zwischen dem Hafen in Baabe und Moritzdorf. Der Fährmann rudert die Leute per Hand ans andere Ufer.

Früher führte der Aufstieg zur Moritzburg noch recht weitläufig über Feldwege nach oben, inzwischen gibt es eine Treppe. Da kommt man ganz schön außer Puste.
Das ist auch das Phänomen aller neuen Gäste dort oben: Sie müssen erst mal tief durchatmen und wirken ein wenig, nun ja, geschafft.
Aber man wird belohnt: Mit einem fantastischen Blick auf Moritzdorf und den Baaber Hafen. Und: Es herrscht eine wahnsinnige Ruhe. Es ist dort so ruhig, dass man sogar hört, was da ganz unten gesprochen wird. Eine echte Oase.

Die Moritzburg ist ein Lokal, und ich hatte leckeren Fisch. dazu noch Sonne, dazu einen klaren Himmel – was will man mehr?
Okay, dass die 0,4 Liter große Cola mehr als das Doppelte der 0,2-Liter-version kostet, hat mich dann schon ein wenig irritiert.

Drei Tische weiter saß ein älterer Herr, der ganz offensichtlich auch allein dort oben war. Schweigen war jetzt nicht so seine Sache. Lang und breit erklärte er der Kellnerin, dass er aus Berlin komme, und die Berliner ja alle ganz schön anstrengend seien. Was auf der Moritzburg für ein großes Hallo sorgte, denn der Berliner war nicht unter sich. Was sie ihm auch mitteilten.
Die Berliner seien ja überall, was daran liege, dass Berlin ja so verdammt groß sei und die Stadt so anstrengend sei. Der Mann redete sich um Kopf und Kragen.
Als die Kellnerin keine Lust mehr hatte, sprach er die Leute an den Nachbartischen an. Er sei ja alleine hier, und er spreche immer gern Leute an, und es sei ja ganz schön warum heute.
Dann stand er plötzlich auf, zückte den Fotoapparat und stellte sich an den Nachbartisch mit der jungen Familie. Den Jungen, etwa 10 Jahre, fragte er, ob er ihn mal fotografieren dürfe. Er wollte nicht. Der Mann meinte daraufhin, warum sich denn der Junge so habe, schließlich sei er doch hübsch, und er machte das Foto.
Irgendwie seltsam. Und ein bisschen, nun ja, eklig.

An einem weiteren Nachbartisch fand sich inzwischen ein älteres Ehepaar ein. Sie begann die Karte zu lesen und mumelte dann zu ihm: “Du teilst die Suppe mit mir.” Ihr Göttergatte sah sie daraufhin an. “Ach so?”
Am Ende nahm sie nur was zu trinken, und er einen Häppchenteller.

Hinter mir machte es sich eine Großfamilie gemütlich. Alle außer Atem, aber sie kriegten sich bald ein. Kiba war angesagt! Und Eis!
Zur Auswahl stehen ein Eis mit Apfelmus und eins mit Erdbeeren. Man sei noch nicht auf die Eissaison eingestellt, sagte die Kellnerin. Die Familie bestellte für die Kinder zweimal Eis mit Erdbeeren.
Minuten später: Oh, sorry, wir haben nur noch einmal Erdbeeren! Ist das schlimm? War es nicht. Stattdessen bestellte die Familie Vanilleeis, ohne Erdbeeren.
Minuten später: Oh, sorry, das Vanilleeis ist alle. Ist das schlimm? War es nicht. Stattdessen bestellte die Familie Joghurteis. Selbst die Kinder waren erstaunlich gelassen, das hätte auch alles sehr nach hinten losgehen können.

Aber vielleicht liegt es an der herrlichen Idylle, dass auf der Moritzburg alle ein bisschen entspannter sind.
Selbst wer nicht auf die Moritzburg möchte: Ein Spaziergang durch Moritzdorf ist unbedingt zu empfehlen. Abseits vom Trubel, vom Autoverkehr, nahezu ohne Lärm – man fühlt sich unglaublich wohl.

RT liest

Peter Schneider: An der Schönheit kann’s nicht liegen… Berlin – Porträt einer unfertigen Stadt

Sonntag, den 12. April 2015
Tags: , ,

Keine Ahnung, ob Berlin nun die schönste Stadt der Welt ist. Spannend und anders ist Berlin aber allemal.
Das findet auch Peter Schneider. Der Autor hat in Berlin seine Wahlheimat gefunden und nimmt sie anschaulich, aber auch kritisch unter die Lupe. Heraus gekommen ist ein Sachbuch, das sehr viele Facetten der deutschen Hauptstadt herausstellt.
Dabei geht es um Politik, die bewegte Geschichte, die Architektur, um die Menschen, die Religionen, um die Kultur und die Szene und natürlich auch um Sex.

Schneider zeigt, dass Berlin eine wechselvolle Geschichte hat und immer und immer und nie aufhörend daran arbeitet. Da war die aufregende zeit in der Weimarer Republik, der verheerende Krieg, die Teilung der Stadt, das Wiederzusammenwachsen, das einerseits schnell ging, aber noch lange nicht abgeschlossen ist.
So sind die ersten Kapitel auch die interessantesten – als es um Ost-West ging, um die Stadthäften und die Wunden.

Ein wenig seltsam ist die Anekdote, als Schneider die Stasistory von Ulrich Mühe haarklein erzählt. Da fragt man sich als Leser, warum das so ausführlich in dieses Buch muss (auch wenn die Story spannend ist).
Ansonsten aber bietet dieses Berlin-Buch einen über weite Strecken interessanten Blick auf die sich immer wieder wandelnde Stadt und seine Bewohner.

Peter Schneider: An der Schönheit kann’s nicht liegen… Berlin – Porträt einer unfertigen Stadt
Kiepenheuer & Witsch, 330 Seiten
7/10

RTZapper

phoenix vor Ort: PK der Staatsanwaltschaft zum Flugzeugabsturz

Freitag, den 27. März 2015
Tags: , ,

DO 26.03.2015 | 12.30 Uhr | phoenix

Es ist schier unglaublich: Das Flugzeug, das am Dienstagvormittag in den französischen Alpen abgestürzt ist, ist höchstwahrscheinlich vom Co-Piloten mit voller Absicht an den Felsen gelenkt worden.
Das macht die an sich schon grausame Katastrophe noch unfassbarer. Saß da tatsächlich jemand im Cockpit, der Selbstmord begangen hat und 149 Leute mit in den Tod gerissen hat?

Am Donnerstagmittag übertrug phoenix die Pressekonferenz der französischen Staatsanschaft live, und es war die wohl erschütternste Pressekonferenz des Jahres. Sie selbst war recht nüchtern, aber der Inhalt – der war ein Schock.

Was sie allerdings auslöste war noch aus einem anderen Grund bemerkenswert, denn im Internet begann direkt danach die Hatz auf den Co-Piloten und seine Familie.
Da in der PK sein Name und sein Wohnort genannt wurde, ist damit auch die Jagd auf ihn eröffnet worden.
Mehrere Zeitungen veröffentlichten sofort Fotos des Mannes, samit kompletter Namensnennung. Sie reisten zu seinem Haus, fotografierten das Klingelschild der Eltern, ganze Klickstrecken. Auf Facebook ist sein Profil schnell gelöscht worden, dafür erschienen zig Fakeprofile und Hassseiten, auf denen der Mann übelst beschmipft worden ist.
In Momenten des Schocks, in Momenten des Entsetzens und der Trauer, da verlieren eienige Menschen offenbar jegliches Augenmaß.

Wenn es denn so ist, wie in der PK erzählt wurde, wenn der Co-Pilot seinen Pilot ausgesperrt hat und den Sinkflug einleitete, wenn es wirklich ein Suizid, ein 149-facher Mord war – dann ist das eine unfassbare, grauenvolle Tat.
Aber mit einer Menschenjagd machen wir es nicht besser, mit einem Kübel Hass ist niemandem geholfen.

RTZapper

Neo Magazin Royale: #Varoufake

Freitag, den 20. März 2015
Tags: , , , , , ,

DO 19.03.2015 | 22.20 Uhr | zdf_neo

Was für ein Coup! Vielleicht jetzt schon der Mediencoup des Jahres!
Am Mittwochabend ging ein Ruck durchs Twitterland. Jan Böhmermann behauptete in einem Vorab-Ausschnitt aus seinem am Donnerstag bei zdf_neo ausgestrahlten “Neo Magazin Royale”, dass sein Team dem griechischen Finanzminister Varoufakis einen Stinkefinger in ein Youtube-Video montiert habe.

Vorgeschichte: Bei “Günther Jauch” warf Günther Jauch dem Herrn Varoufakis vor, in einem Youtube-Video gegenüber Deutschland den Stinkefinger gezeigt zu haben. Sehr verkürzt dargestellt. Varoufakis stritt das ab, das Video sei gefälscht.
“Bild” und Co. diskutierten nun, wer denn nun Recht habe, und eigentlich sei Varoufakis ja ein Lügner.

Und dann kam Jan Böhmermann: Ja, sagte er, das Video sei gefälscht. Und verantwortlich dafür sei sein Team. Genau legte er dar, wie das Video gefälscht wurde, er präsentierte einen Voroufakis-Rede-Ausschnitt ohne Stinkefinger.
Da war die Aufregung groß. Riesengroß. Hat Günther Jauch versagt. Hat seine Redaktion Mist gebaut? Hat die “Bild” fälschlicherweise eine große Fresse gehabt?

Oder war es Jan Böhmermann, dessen Varoufake in Wirklichkeit ein Varoufakefake ist?
Beim Jauch-Team muss Panik geherrscht haben. Am Donnerstagmittag stellte das ZDF klar, dass Böhmermann eine Satire abgeliefert habe, und dass ja das “Neo Magazin Royale” eine Satiresendung sei. Ach was.
Fast war es ein bisschen schade, dass der Fake “nur” eine Satire war. Ich hätte gern in den betroffenen Redaktionen Mäuschen gespielt.

Auch wenn die Fake-Enthüllung ein Fake ist – er ist großartig. Denn er hält uns allen einen Spiegel vor: Wem glauben wir? Dem Journalisten Jauch oder dem Satiriker Böhmermann? Glauben wir alles, was man uns hinwirft oder denken wir auch selber mal wieder nach? Quatschen wir alles nach, was andere sagen oder schalten wir auch mal wieder selbst en Kopf ein?
Böhmermann hat erreicht, dass wir alle über die Wahrheit nachdenken. Dass wir sehen, dass es da zwei “Wahrheiten” gibt, dass wir verwirrt sind, dass wir abwägen müssen – und, das auch, recherchieren müssen.
Wir sehen, wie leicht Bilder und Filme heute manipulierbar sind – nicht nur in Kinofilmen.

Böhmermann kritisiert aber auch, wie leicht es sich die Medien manchmal machen. Da hat “Günther Jauch” also den Stinkefinger, reißt ihn aus dem Kontext, macht sein “Au weia”-Gesicht und stilisiert den Griechen mal wieder zum bösen Griechen. Damit nach dem “Tatort” das Gut-Böse-Verhältnis bei den Zuschauern nicht aus den Fugen gerät und sich alle noch mal herrlich auskotzen können.
Böhmermann: „Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat Unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und ‘nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Mutti und Vati abends nach dem Tatort noch mal schön aufregen können. ,Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!’ Das habt ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.“

Dafür gibt’s einfach mal Applaus.