RTelenovela

Symbolträchtig: Das Schloss vor dem Hass beschützt

Freitag, den 4. März 2016
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In zwei Jahren wird Oranienburg einen neuen Bürgermeister haben. Hans-Joachim Laesicke dürfte im Herbst 2017 zwar noch mal antreten, aber er will nicht, wie er jetzt noch mal klarstellte. Und, ja, ich finde das schade. Denn was Oranienburg an diesem Bürgermeister hat, das hat sich am vergangenen Freitag herausgestellt. Und das hat übrigens nichts mit seiner Parteiangehörigkeit zu tun – sondern mit seiner Person.
Weil ich beruflich verhindert war, konnte ich das alles zwar nur aus der nahen Ferne beobachten, aber er hat dort für eine Aktion gesorgt, deren Symbolwert mir eigentlich erst sehr viel später klargeworden ist.

Der sogenannte Abendspaziergang, an dem neben besorgten Bürgern vor allem diverse rechtsextreme Größen der Region teilnehmen, sollte diesmal ein Abendappell sein. Als solcher ist er angemeldet worden, und schon das Wort an sich ist gruselig.
Der als rechter Hassprediger bekannte Blogger Michael Mannheimer sollte vor dem Schloss sprechen. Das Kalkül der Neonazis: das Schloss als schöne Kulisse für den Appell.

Allerdings sind gleich zwei Gegendemos angemeldet worden.
Die Linken marschierten vom Bahnhof zum Schloss und schrien und pfiffen den Appell nieder. Legitim, aber letztlich können sich damit sehr viele Menschen, die den Appell ablehnen, auch nicht identifizieren.
Andererseits klang Mannheimers Rede rein akustisch auch so, dass einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Auch dass es Menschen gibt, die das beklatschen.

Bemerkenswert war aber die Aktion “Oranienburg zeigt Herz”. Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke und der ebenfalls sehr engagierte Pfarrer Friedemann Humburg riefen dazu auf.
Nach einem Gottesdienst in der Nicolaikirche liefen 500 Menschen zum Schloss. Mit Kerzen, mit Spruchbändern.
Sie liefen an dem Platz vor dem Schloss vorbei, auf dem die Rechten, die Neonazis und deren Anhänger standen.
Die “Oranienburg zeigt Herz”-Aktion fand nämlich auf dem Südhof des Schlosses statt, also innerhalb der Schloss-Umzäunung. Das Schloss selbst ist mit Herz-Botschaften versehen worden. Die mussten sich die Hassprediger-Zuhörer ansehen.

Ich finde, das war ein bemerkenswertes Bildnis: Die Menschen, die ein Herz haben (die guten Menschen, die Gutmenschen, und nein, “Gutmenschen” ist kein Schimpfwort, weil gute Menschen, ja was Gutes sind), haben das Schloss beschützt. Sie haben es für ihre Liebesbotschaften genutzt und dafür gesorgt, dass eben dieses Schloss nicht ohne Weiteres für Hassbotschaften missbraucht werden konnte.
Erst hinter dem Zaun, ein paar Meter vom Schloss entfernt, standen die, die Gutmenschen scheiße finden. Die, die gut finden, was ihnen stattdessen ein Hassprediger zu sagen hat. Die, die nichts anderes mehr hören wollen, was nicht ihrer Meinung entspricht.

Es war ein tolles Symbol, was dort von der “Oranienburg zeigt Herz”-Aktion ausging. Hoffentlich eines mit Zukunft. Und für die Schaffung dieses Symbols kann man Laesicke und Humburg nur danken.

RTelenovela

Hannover, Stadtteil Klein-Istanbul

Montag, den 15. Februar 2016
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Eigentlich wollte ich nur schnell mal ein Mitbringsel kaufen – macht man ja meist so, wenn man irgendwo zu Besuch ist.
Leider gibt es rund um den Königsworther Platz in Hannover keinen einizigen Laden, wo es etwas zu Kaufen gibt.
Also ging ich zum U-Bahnhof – wo es auch keinen Laden gibt – und fuhr eine Station weiter zum Steintor.

Dort angekommen suchte ich immer noch – zunehmend entmutigt – nach einem Laden oder einem Supermarkt. Aber nichts dergleichen! Seltsam, in einer Großstadt wie Hannover müsste es doch ein bisschen was zum Einkaufen geben?!
Auf der anderen Straßenseite erblickte ich ein Geschäft, in dem unter anderem Handys verkauft werden. Aber auch anderes Zeugs?
Als ich reinkam, unterheilten sich lauthals zwei Männer auf Türkisch. Als sie mich bemerkten, lief sie raus und ließen die kleine Frau hinterm Tresen allein zurück.
Ich lief einmal durch den kleinen Laden, um festzustellen, dass es dort nichts für mich gibt. Ich fragte die Frau, ob es in der Gegend einen Supermarkt gibt. In gebrochenem Deutsch wies sie mich ein paar Meter weiter.

Also lief ich los. Auf der Suche nach Netto-, Lidl- oder Aldilogos. Stattdessen traf ich auf eine Art Supermarkt, dessen Namen ich nicht kannte.
Ich lief rein – und war in einer anderen Welt. Niemand dort sprach Deutsch, es lief ganz leise türkische Musik und es gab dort ausschließlich türkische Ware.
Ich war noch nie in Istanbul, aber irgendwie fühlte es sich so an. ich war nicht mehr in Hannover, sondern irgendwo im Ausland. Total fasziniert lief ich durch die Reihen. Süßigkeiten, Obst und Gemüse, Konserven und Getränke. Ganz hinten eine Fleischtheke, wo gerade irgendwas zerhackt worden ist.
Theoretisch und praktisch hätte ich auch etwas gefunden, was ich hätte kaufen können. Aber die Schlange an der Kasse war so lang, dass ich dann doch die Lust verlor.

Ich lief noch ein paar Meter weiter – und stand vor dem nächsten türkischen Konsum. Auch dort werden fast nur türkische Waren verkauft. Ich kaufte mir eine türkische Cola und etwas zum Knabbern – Letzteres war dann mein kleines Mitbringsel.
Auf der Straße schaute ich mich dann noch mal um. Dönerläden, türkische Blumenläden, ein Telefonladen, ein Reisebüro – alles auf Türkisch.
Später, im Internet, habe ich dann rausgefunden, dass das Steintorviertel in Hannover auch “Klein-Istanbul” genannt wird.

Einerseits ist es toll, dass es so was gibt. Andererseits spricht das eher wenig für Integration. Denn in den Läden gibt es kaum oder keine deutschen Leute, sicherlich auch, weil es eine so unbekannte Welt für sie ist. Stattdessen bleiben die Türken dort unter sich. So hat “Klein-Istanbul” Vor- und Nachteile.

RTZapper

Die 51. Goldene Kamera: Die Rede von Dunja Hayali

Montag, den 8. Februar 2016
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SA 06.02.2015 | 20.15 Uhr | ZDF

Dunja Hayali hielt am Sonnabend bei der Verleihung der “Goldene Kamera”, sie hat sie in der Kategorie Information bekommen, eine sehr bemerkenswerte Rede.

„Ich setze immer noch auf den Dialog, mich interessieren andere Meinungen, andere Argumente. Aber was da gerade abgeht, ist wirklich mit Verrohung von Sprache überhaupt nicht mehr zu beschreiben. Bedrohung, Beschimpfung, Beleidigung, Vergewaltigungswünsche. Keiner hört keinem mehr zu, Worte werden einem im Mund verdreht, aus dem Zusammenhang gerissen und wenn man nicht die Meinung des Gegenübers vertritt, ist man ein Idiot, eine Schlampe, ein Lügner oder total ferngesteuert.

Das Schlimme daran ist, dass sich dieser Hass jetzt auch auf der Straße widerspiegelt. Mir hat letztens jemand nach dem Einkaufen ins Gesicht geschrien: ‚Du Lügenpresse, du Lügenfresse.‘ Es macht keinen Spaß.
Leute, glaubt eigentlich irgend jemand, dass dieser ganze Hass etwas bringt bei der Suche nach Lösungen, beim Ringen um Kompromisse?
Streiten Sie mit uns, diskutieren Sie mit uns. Weisen Sie uns auf Fehler hin. Wir sind Journalisten, keine Übermenschen. Wir machen Fehler. Deswegen sind wir aber noch lange keine Lügner.

In einem Land, in dem die Meinungsfreiheit so ein hohes Gut ist, darf und muss jeder seine Sorgen und Ängste äußern, ohne gleich in die rechte Nazi-Ecke gestellt zu werden. Aber wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt nochmal ein Rassist! Fertig! Und das müssen Sie auch ertragen können.
Seien Sie offen! Bleiben Sie fair! Differenzieren Sie! Wahrheit braucht einfach Zeit. Das sind Dinge, die meine Eltern mir auf den Weg gegeben haben: andere und Andersdenkende zu respektieren. Menschen in Not unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion zu helfen. Demut, Anstand, Menschlichkeit, Dankbarkeit.”

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: Danke, Dunja Hayali!

RTelenovela

Russlandkrise? Nein, nur Schulprobleme!

Samstag, den 30. Januar 2016
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Zwischenzeitlich hatte man den Eindruck, es gebe demnächst eine ernsthafte Krise in den deutsch-russischen Beziehungen.
Weil eine 13-jährige Deutsch-Russin in Berlin angeblich für 30 Stunden entführt worden und vergewaltigt worden war.
Weil Asylbewerber angeblich damit zu tun hatten.
Weil die deutsche Polizei angeblich alles vertuschen wollte.
Weil die deutsche Politik angeblich sowieso alles vertuschen will.
Weil die deutschen Medien angeblich nur berichten, was Polizei und Politik wünschen.

In Berlin lebende Russen demonstrierten bereits wegen dieses Skandals.
In Berlin arbeitende Reporter des russischen Staatsfernsehens berichteten bereits über diesen Skandal.
Russische Politiker äußerten sich empört über diesen Fall und monierten – siehe oben.

Berliner Journalisten recherchierten.
Die Berliner Polizei ermittelte.
Die Staatsanwaltschaft ermittelte.
Und nun kam raus: Die 13-Jährige hatte wohl Probleme in der Schule. Und Angst, es den Eltern zu sagen. Also ging sie zu einem Freund, übernachtete dort.
Die Mutter des jungen Mannes bestätigte das nun, und auch entsprechende Handydaten konnten ausgewertet werden.

Und nun?
Löst sich alles in Luft auf? Gibt es trotzdem noch irgendeinen Skandal, der in dieser Sache nicht aufgedeckt worden ist?
Lügt die Polizei immer noch? Und die Staatsanwaltschaft?
Ist das Mädchen erpresst worden, nun diese Geschichte zu erzählen?
Lügen eigentlich alle?

Man kann eigentlich nur noch den Kopf schütteln, wie schnell sich Geschichten heutzutage hochschaukeln. Wie schnell alles skandalisiert wird. Wie schnell Storys hochgepusht werden, ohne dass klar ist, was denn nun wirklich passiert ist. Dass so viele Menschen bestimmten Medien oder Institutionen nicht mehr glauben wollen – und nicht mehr abwarten wollen, was denn nun wirklich rauskommt bei den Ermittllungen. Dafür aber der Propaganda aus Russland – oder von wem auch immer – aufsitzen oder diese merkwürdigerweise mehr Glauben schenken.

RTelenovela

Empörend, dieser Schnee!

Freitag, den 8. Januar 2016
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Es hat geschneit. Und Schnee bringt die Leute ja gern mal in Rage. Schnee stört.
Am Mittwoch wachten die Leute in Oranienburg und Umgebung auf und sahen draußen das viele Weiß. Sie gingen vor die Tür – und waren, ja, empört!
Schnee! Nicht geräumt! Immer noch da! Überall! Und das auch noch um 8 Uhr. Und um 9 Uhr! Und auch noch um 12 Uhr!
Also, wie gesagt: empörend!

Die Autobahn war nicht so richtig geräumt, viele Bundesstraßen so lala, und die Gehwege ja sowieso nicht. Da fragt man sich noch gleich: Wo sind denn unsere Steuergelder, wieso war der Räumdienst noch nicht da?! War doch schließlich seit Tagen klar, dass es schneit – da hätte doch der Räiumdienst schon bei der ersten (na gut, bei der zweiten) Schneeflocke losdüsen müssen!
In den sozialen Medien regten sich die Menschen wieder mal auf, es war immerhin viel Zeit, sich zu echauffieren.

Tja. Ist schon schlimm, dieser Schnee. Dieses Rumrutschen! Dieses Geschlittere! Dass man nicht ordentlich Gas geben kann! Dass Omma ausnahmsweise mal zu Hause bleiben musste. Und überhaupt! Schnee, so verdammt störend!

Ja, okay, dass es die ganze Nacht durchgeschneit hat und dass ein Räumdienst nicht viel machen kann, wenn weiterschneit – das kann man dann schon mal vergessen in der Wut. Dass der Räumdienst nicht immer überall sein kann, sowieso.
Warum kann man eigentlich nicht selbst ein bisschen früher aufstehen (schließlich war doch klar, dass es schneien würde), um noch pünktlich am Ziel anzukommen? Und warum kann man sich mit den schwierigen Bedingungen bei Neuschnee nicht einfach mal arrangieren?
Aber ich weiß es ja selbst: meckern hilft beim Frustabbau.

RTelenovela

Den Dreck macht dann jemand anderes weg

Samstag, den 2. Januar 2016
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Müll, überall Müll. Wer am Neujahrstag durch Oranienburg gefahren ist, wird die Brennpunkte der Nacht davor entdeckt haben.
Es ist immer wieder erstaunlich: Überall wird gemeckert und gemosert, dass alles teurer wird, dass man sich nicht mehr leisten kann und man sich ja gar nichts mehr kaufen kann. Aber in der Silvesternacht: Da wird geböllert und geknallt, was das Zeug hält. Da stellen sich die Leute – gern schon Silvester um 19 Uhr – auf die Straße und zünden ihre Batterien an. Und dann geht’s los. Peng, Puff, ahhhh….
Hunderte von Euro geben die Leute davor aus. Hoffentlich nicht die, die dann wieder über fehlendes Geld meckern. Mal ganz abgesehen von den vielen verschreckten Tieren, die die Neujahrsnacht so richtig Angst macht.

Neujahr liegt der Mist dann auf den Straßenrändern rum. Der Kreisverkehr in der Saarlandstraße in Oranienburg-Süd ist stellenweise übersät mit Verpackungen und Knallerresten. Auch in der Innenstadt auf dem Mittelstreifen, auf den Gehwegen, an den Abfallbehältern. Überall stapelt sich das Zeug, und überall sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld. Schlimmer noch sieht es von vielen Stellen in Berlin aus.
Den Müll wegräumen? Och, das kann doch jemand anderes machen, wozu zahlen wir denn Steuern, wozu gibt es denn eine Stadtreinigung? Da knallt man dann gemütlich, um danach zufrieden nach Hause zu schlurfen. Ja, lasst den Scheiß doch liegen, sieht ja so toll aus.

Funktioniert natürlich nicht in den kleinen Nebenstraßen. Da kommt keine Straßenreinigung vorbei, und mit den Nachbarn gibt es Ärger, wenn der Neujahrsdreck noch ewig rumliegt. Da sieht man spätestens am Neujahrsmittag die Böllerer mit einem besen auf der Straße stehen…

RTZapper

Das war 2015!

Donnerstag, den 31. Dezember 2015
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Lügenpresse, halt die Fresse!
Die deutschen Medien befinden sich 2015 in einer Vertrauenskrise. Zumindest scheinbar. Auf Demonstrationen von sogenannten Abendspaziergängern, von AfD oder NPD oder allem zusammen, bekommen Journalisten diese Parole immer wieder ins Gesicht und in die Kamera gebrüllt. Man möchte die Presse nicht da haben, aber man möchte auch, dass ihre Meinungen in eben jener Presse vorkommen und beschwert sich über angeblich einseitiger Berichterstattung.
Die Flüchtlingskrise, die 2015 auch Deutschland erreicht hat, macht auch den Medien zu schaffen. Wie macht man’s richtig? Ausführlich über Anti-Asyl-Demos berichten? Über die Willkommensinitiativen? Über die Flüchtlinge selbst? Es scheint: Wie sie es machen, sie machen es in irgendwessen Augen immer falsch. Wobei Medien noch nie dazu da waren, einfach nur die eigene Meinung zu bestätigen. 2015 scheinen das mehr und mehr Menschen zu vergessen. Der Ton wird rauer.
Da ist es doch mal gut, einfach mal zu schweigen: Wie es der Aktivist Harald Höppner in der Talkshow von Günther Jauch durchzog: nicht quatschen, sondern einfach mal den Mund halten – und überrumpelte mit einer Schweigeminute sogar den Moderator.

Ein Moment der Ruhe. Innehalten. Angesichts so dramatischen Ereignissen wie dem Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift “Charlie Hebdo” in Paris ist das auch nötig. Zwölf Menschen starben bei diesem Angriff auf die Pressefreiheit. Millionen gingen danach auf die Straße, und auch Politiker aus aller Welt trafen sich in Paris. Letztere mussten sich vorwerfen lassen, ihre Trauer inszeniert haben, weil sie abseits der eigentlichen Demonstraten standen. Dabei wäre das aus Sicherheitsaspekten vermutlich Wahnsinn gewesen.

Im Herbst folgte ein zweiter Terroranschlag in Paris. Dann noch der Abschuss eines Flugzeuges. Das Flugzeugunglück in den Alpen, als ein Co-Pilot die Maschine in den Bergen zerschellen ließ. Nachrichten in Dauerschleife. Weiter und weiter. Journalisten im Hamsterrad.

Zwei, die rausstechen, sind Anja Reschke (NDR) und Dunja Hayali (ZDF). Letztere ließ sich bei AfD und Pegida beschimpfen, hörte sich aber trotzdem an, was die Leute zu sagen hatten. Wenn sie was zu sagen hatten. Anja Reschke zertrümmerte den Schlusstrich, den einige Leute unter die Auschwitz-Erinnerungen setzen wollten. Stach mit bissigen Kommentaren zur Asylkrise und zum rechten Populismus heraus. Beide Frauen sind mutige Journalistinnen mit Haltung.

Auch Jan Böhmermann macht auf sich aufmerksam: #Varoufake. Und: #Varoufakefake. Böhmermann behauptet in seiner zdf_neo-Late-Night-Show “Neo Magazin Royale”, dass der in der ARD-Talkshow “Günther Jauch” gezeigte Stinkefinger des griechischen Politikers Yanis Varoufakis gar nicht echt sei – und präsentierte ein Video, in dem zu sehen ist, wie Böhmermanns Leute das bei Jauch gezeigte Video fälschen. Ist Jauch auf einen Fake von Böhmermann reingefallen? Ist er nicht, und Jauch selbst war sich nicht mal sicher. Es soll nervöse Anrufe gegeben haben. Der Böhmermann-Fake aber war ein Fake. Grandios, und der Mediencoup des Jahres.

Hui. Bei all dem Stress will man doch mal durchatmen. Dachte sich vielleicht auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und gab dem Youtube-Star LeFloid ein Interview. Okay, inhaltlich hatte das wenig Neuigkeitswert. Für die alten Hasen aus Funk, Fernsehen und Presse war das aber ein gefundendes Fressen, um mal wieder über die Internetfritzen zu lästern.
Als Merkel aber nur Tage später im ARD-Sommerinterview saß, gab es nach wenigen Minuten mit kritischen Fragen auch nur noch Kuschelthemen. Liebe gestandene Fernsehjournalisten: Macht’s doch einfach besser – dann können Sie eventuell weiterlachen.

Wie schön kann da mal ein etwas anderer Staatsbesuch sein – die Queen war in Deutschland. Da können auch seriöse Journalisten endlich mal klatschen und tratschen. Was denn das Adlon zu bieten hat. Und ob die Queen denn ein schönes Kleid an hat. Und wie denn wohl ihr Schlafzimmer im Hotel eingerichtet ist.

Und wenn man mal gar keine Nachrichten zu vermelden hat, macht man sie sich eben selbst und stellt ins “Tagesthemen”-Studio eine Puppe nur mit Unterkörper. Damit die Journallie sich wundern kann. Hat geklappt. Natürlich. Mit Mega-PR verkündete ARD-aktuell Tage später, dass man in Zukunft auch die Beine der Nachrichtensprecher sehen wird. Da ging ein Ruck durch Deutschland.

Aber genug von Nachrichten und dem ewigen Politstreit. Wie entspannend kann doch da das jährliche Dschungelcamp bei RTL sein. Und zur Abwechslung herrschte da mal Harmonie. Keiner der Insassen wollte sich so richtig streiten, und Walter Freiwald war der einzige, der für Stunk sorgte, aber bald rausgewählt worden ist. Alle hatten sich lieb. Herrlich. Hat uns aber auch nicht gepasst. Stunk! Wir wollen Stunk! Na ja, vielleicht nächstes Jahr wieder.

Das ZDF versuchte es mit einer Show, in der nichts anderes passieren sollte, als dass live ein paar Vögel aus Eiern schlüpfen sollten. Weil am 1. April ausgetrahlt, hielten es viele für einen Scherz. War aber keiner. Leider.
War allerdings bestimmt wenigstens nicht so teuer, das Ganze. Schließlich muss das Fernsehen sparen.
Das hat man 2015 bei “Deutschland sucht den Superstar” noch nie so deutlich gesehen. Für die Verkündungen, wer eine Runde weiter kommt, hat man einfach einen Bus auf einen Parkplatz gestellt und von dort gesendet. Zwei Dutzend Fans schauten immerhin auch vorbei. Die Event-Show: ganz schön runtergekommen. Und, wer hat noch mal gewonnen? Ach, wurscht!
Aber immerhin blieben da alle gesund: Bei der neuen ZDF-Show “1000 – Wer ist die Nummer 1?” gab es mehrere Verletzte, ein Mann bekam gar einen Herzinfarkt. Einige Spiele funktionierten technisch nicht, die aufgezeichnete Show war am Ende 35 Minuten kürzer als geplant, und eine Fortsetzung wird es wohl nicht geben.

Im Fall von “Deutschland 83″ weiß man das noch nicht genau. RTL überlegt noch. Schon das ganze Jahr über ist die deutsche Serie aus dem Hause RTL gefeiert worden. Weil sie schon auf Festivals lief. Weil sie schon im US-Fernsehen lief. Weil RTL endlich überhaupt mal was Sehenswertes geliefert hat. Dumm nur: Als sie dann im November endlich auch mal zu sehen war, interessierte das nur wenige. Die Serie wurde ein Flop, selten klafften Kritikermeinung und Zuschauerinteresse so auseinander. Absolut überschätzt.
Aber nicht der einzige Flop.
“Newtopia” zum Beispiel. Ein Jahr lang sollte eine Gruppe Leute auf einem Gelände bei Berlin eine Kleingesellschaft bilden. Alles echt, hieß es. Das Interesse war gering, und als dann auch noch live – aus Versehen oder so – eine Produktionsbesprechung im Internet übertragen worden ist, ging alles den Bach runter. Vorzeitiges Ende.
Oder die “Stadlshow”. Mit dem sollte der “Musikantenstadl” verjüngt werden. Andy Borg hat da nur gestört, er musste gehen. Die “Stadlshow” aber war inhaltlich und produktionsmäßig eine Katastrophe: die Senioren verscheucht und die Jungen – die gucken doch keinen Stadl, auch nicht als Show.
Die gucken übrigens auch kaum noch Castingshows. “Die Band” (ProSieben) und “Popstars” (RTL II) sind böse Flops. Wie auch “Mila”, die Soap-Hoffnung von Sat.1 am Vorabend. Hat keinen hinterm Ofen vorgelockt.

Ein großer Erfolg ist dagegen “Der Club der roten Bänder” bei VOX, eine Klinikserie über junge Patienten. Große Gefühle, große Spannung, große Komödie – ein Hit. Ebenso sehenswert wie die 3. Staffel der ARD-Serie “Weißensee”, die im Gegensatz zur RTL-Serie dicht erzählt und sehr spannend ist. Fortsetzung in beiden Fällen dringend erwünscht. Wir wollen wissen, wie es weitergeht.

2016 wird es ohne sie weitergehen. Lauter Abschiede.
Die Politiker Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und (viel zu jung) Philipp Mißfelder. Die Journalisten Hellmuth Karasek, Klaus Bednarz, Werner Zimmer und Konrad Toenz. Die Autoren Günter Grass, Henning Mankell, Harry Rowohlt, Ellis Kaut und Jutta Resch-Treuwerth. Die Filmemacher Helmut Dietl und Wes Craven. Die Moderatoren Karl Moik, Sebastian Radke und Ben Wettervogel. Die Schauspieler Norbert Gastell (die Stimme von Homer Simpson), Leonard Nimoy (Spock), Pierre Brice, Elisabeth Wiedemann, Edith Hancke, Hans Teuscher. Die Musiker James Last, Kurt Masur und Lemmy Kilmister (Motörhead). Die Sportfunktionäre Udo Lattek und Gerhard Mayer-Vorfelder. Die DDR-Größen Günter Schabowski und Alexander Schalck-Golodkowski.

Einer ist noch da, aber irgendwie auch nicht mehr. Stefan Raab will das Fernsehen Fernsehen sein lassen. Nie wieder “Schlag den Raab”. Nie wieder “TV total”. Nie wieder Wok-WM, Turmspringen, Bundesvision Song Contest. Raabschied.

Mit Raabs Weggang endet auch die Ära der großen Live-Fernsehshow. Es gibt sie noch, aber immer seltener. Kein Wunder, dass mehr und mehr junge Leute gar kein lineares Fernsehen mehr schauen. Streamingdienste im Internet haben sich inzwischen durchgesetzt, produzieren eigene, exclusive Serien. Die junge Generation macht sich ihr eigenes Fernsehen.

Eines der wenigen Events bleibt immerhin der Eurovision Song Contest. War aber 2015 aus deutscher Sicht nicht ganz so berauschend. Erst wollen die Deutschen, dass Andreas Kümmert zum Finale nach Wien reist. Der Gewählte will aber nicht. Kann aber nicht. Lässt seinen Sieg sausen. Stattdessen fährt die Zweitplatzierte nach Wien (wie heißt sie noch gleich?). Ann-Sophie bekommt dort null (genau: null) Punkte. Die Enttäuschung ist groß, die Verschwörungsrufe natürlich auch (immerhin: auch Gastgeber Österreich hat null Punkte).
Da soll es Xavier Naidoo richten, findet man beim NDR. Der Sänger steht fest, nur der Song soll vom Volke gewählt werden. Der Proteststurm ist groß. Nicht nur wegen der Bevormundung, sondern auch weil Naidoo in der Vergangenheit durch Auftritte bei politisch zweifelhaften Reichsbürger-Demos aufgefallen war. Dass das irgendwie nicht zum weltoffenen ESC passt, ist beim NDR keinem aufgefallen. Nur zwei Tage nach Verkündung zieht man dort angesichts eines Mega-Shitstorms den Schwanz ein. Die Suche nach dem ESC-Star 2016 geht weiter.

Und sonst noch?
Der Jugendkanal von ARD und ZDF kommt. Nun wohl wirklich 2016. Im Internet.
Der Münster-”Tatort” geht weiter durch die Decke und erreichte fast 14 Millionen Zuschauer. Quotenrekord 2015.
Die “Lindenstraße” gibt es auch noch und feiert ihren 30. Geburtstag mit einer live gespielten und ausgetrahlten Folge.
Jürgen Domian ist nun auch schon 20 Jahre dabei – und will Ende 2016 aufhören. Schade.
Bei der “Oscar”-Verleihung muss bei ProSieben jemand gepennt haben: sieben Minuten Sendeausfall. Nun ja, war ja auch nicht so spannend diesmal.
RTL klont mit “Stepping out” seine eigene Tanzshow “Let’s Dance” und hofft, dass der Zuschauer es nicht merkt. Hat er zum Glück trotzdem.

Sind ja nicht doof, die Zuschauer. Also, jedenfalls nicht alle. Ähm, na ja, vielleicht ein paar.
In diesem Sinne: Gute Besserung, 2016!