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Tagesschau: Gauland und Nachbar Boateng

Dienstag, den 31. Mai 2016
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SO 29.05.2016 | 20.15 Uhr | Das Erste

Da hat er es mal wieder geschafft, der Alexander Gauland. Der AfD-Agitator war am Sonntag die erste Meldung in der “Tagesschau”, und das weil er angeblich den Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng beleidigt hat. “Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben”, sagte Alexander Gauland der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”.
Bäm. Und schon bekamen viele, viele Leute in Deutschland wieder Schnappatmung.
Gauland beleidigt Boateng, hieß es. Gauland sei rassistisch hieß es.
In den sozialen Netzwerken machte sich Empörung breit, und überall hieß es, man wolle gern der Nachbar von Herrn Boateng sein.
Wie schön. Aber ein bisschen kurz gedacht.

Eine leider mal wieder ziemlich heuchlerische Debatte.
Sicherlich, es ist unschön, was der Gauland da gesagt hat, auch rassistisch. Aber es könnte sogar berechnend gewesen sein, weil er genau wusste, was er damit wieder lostritt.

Aber wie sieht denn in Deutschland die Wirklichkeit aus? Was passiert, wenn ein Herr Boateng in die Nachbarschaft einzieht? Also jemand, der nicht wie Boateng ein Promi ist. Ein fremder Türke, ein Araber, ein Afrikaner – ein Ausländer? Wie reagiert denn da die Masse? Bestimmt haben viele kein Problem damit, aber garantiert ist der Anteil der Menschen, die erst mal die Nase rümpfen gar nicht so klein.
Insofern hat Gauland einen Punkt benannt, an dem einiges dran ist. Traurig ist, dass im großen Aufschrei wieder nur die Empörung im Vordergrund steht, aber kaum jemand mal weiter darüber nachdenkt, wie das denn wirklich in der deutschen Provinz so aussieht.

RTelenovela

Alles Verbrecher! Aber wer jetzt genau?

Donnerstag, den 26. Mai 2016
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Eis essend auf der Straße rumzustehen, kann unglaublichen Spaß machen. In der Oranienburger Schulstraße, zum Beispiel. Zehn Minuten reichen, und man bekommt feinstes Menschen-Entertainment.

Da ist zum Beispiel die Mutti, die ihren Wagen auf dem Gehweg zum Stehen brachte. Töchterchen wurde auf dem Spielplatz geparkt, Mami ging inzwischen Futter im Dönerladen kaufen.
Blöderweise gingen in der Zwischenzeit die beiden Leute vom Ordnungsamt rum. Das Mutti-Auto bekam ein Knöllchen, und das, ja, völlig verdient.
Ein paar Minuten später kam Mutti mit Dönerbeutel zurück, sammelte auch Töchterchen wieder ein und bemerkte dann das Knöllchen. Und war sauer. Sie lief zu den Ordnungsamtsleuten, die ein paar Meter weiter noch bei der Arbeit waren. Doch Verhandlungen waren nicht möglich, woraufhin Mutti von “Verbrechern” sprach. “Alles Verbrecher!”
Aber wen meinte sie? Sich selbst, weil sie leider nicht den Unterschied zwischen Straße, Parkplatz und Gehweg nicht erkannte? Weil sie sich ärgerte, ertappt worden zu sein? Weil sie dachte, wenn sie nur fix einen Döner holt, passiert eh nichts? Immerhin hatte sie ja auch weder eine Parkscheibe, noch ein Parkticket hinterlegt – ein Knöllchen hätte sie also auch bekommen, wenn sie auf dem Parkplatz gestanden hätte. “Alles Verbrecher” also wegen eines Knöllchens, das sich Mutti redlich verdient hatte?

Was wäre eigentlich passiert, wenn Muttis Töchterchen, vom Spielplatz gerannt und zwischen den auf dem Gehweg parkenden Autos auf die Straße gelaufen wäre? Und womöglich von einem Auto erfasst worden wäre? Mutti wäre ganz schön erschrocken gewesen. Ist nämlich auch wegen der Kinder doof, das mit dem Zuparken des Gehweges direkt neben dem Spielplatz. Aber Verbrecher sind eben dann doch immer nur die anderen.

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Nur Porno im Kopf

Freitag, den 20. Mai 2016
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MI 18.05.2016 | 22.15 Uhr | zdf.kultur

Wenn das mal kein denkwürdiges Interview ist: Der britische Journalist Martin Daubney führt im Auto fahrend ein Gespräch mit einem jungen Mann über seine Sex- und Pornosucht. Plötzlich stoppt der Mann den Wagen, er sagt, er müsse mal aufs Klo. Der Interviewer bleibt im Auto und wartet. Als der junge Mann wieder ins Auto kommt, gibt er zu: Er musste sich auf dem Klo schnell mal einen runterholen. Und jetzt fühle er sich schlecht, weil es ja nur die Sucht sei. Nur darüber zu reden, habe ihm schon gereicht. Der Druck war da. In Spitzenzeiten macht er das 26-mal am Tag. Ja. sechsundzwanzigmal.

“Nur Porno im Kopf” hieß eine Doku, die am Mittwochabend bei zdf.kultur lief. Und bei dieser Szene wusste man als Zuschauer gar nicht, ob man lachen oder weinen soll. Der erstaunliche Seelenstriptease war am Ende dann aber doch traurig, denn auch wenn Sex etwas Tolles ist – für den jungen Mann ist der Sex, den er so so so oft hat, die Hölle.
Sich aber in so einer Sendung so dermaßen zu entblättern – das ist dann schon pikant. Während des Interviews rauszurennen, um zu… Ein Fake?

Der Hintergrund der Doku war aber so oder so interessant. Denn das Internet macht es möglich, dass sich alle Menschen so viele und so oft Pornos reinziehen können, wie sie wollen.
Früher, als es das Netz noch nicht gab, war das anders: Da musste die “Bravo” mit der Dr. Sommer-Seite herhalten oder irgendwelche Katalogseiten oder Heftchen, die man irgendwoher hatte. Mit 18 schlicht man sich in eine Videothek.
Heute können sich schon 12-Jährige alles im Netz ansehen – also, in jedem Alter. Und die meisten machen das sicherlich auch.
Aber ist das schädlich? Sicherlich führt es dazu, dass viele junge Leute eventuell ein falsches Bild vom Sex und seinen Umständen bekommen.
Es heißt, es sei zu einfach, auf solche Seiten zu gelangen – selbst auf Gewaltpornos. Aber andererseits: Man muss sie auch finden wollen. Man muss sie auch sehen wollen.
Einfach nur Seiten zu sperren, nützt da wohl wenig. Drüber sprechen, vielleicht schon mehr.

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Brandenburg aktuell: Kinderverbot auf dem Campingplatz

Montag, den 9. Mai 2016
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SO 08.05.2016 | 19.30 Uhr | rbb

Aufreger am Sonntag! Am Großen Wentowsee in Seilershof nahe Fürstenberg im Norden Brandenburgs (nein, liebe rbb-Leute, das liegt nicht in der Uckermark) gibt es einen Campingplatz, auf dem Kinder unerwünscht sind.
Uijuijui! Darf man das?
Natürlich darf man das, denn die Betreiber betreiben ja ein Wirtschaftsunternehmen, und die stellen nun mal die Regeln auf. Und natürlich gibt es auch ganz sicher einen Markt für Ferienangebote mit kinderfreier Zone. Und warum auch nicht?

Das Thema ist heiß diskutiert, und der rbb widmete dazu am Sonntagabend einen Beitrag in “Brandenburg aktuell”. Und wo macht man dafür eine Umfrage, damit sich die Leute auch wirklich empören? Klar, an einem Kindergarten in Gransee.
An einem Kindergarten sind Eltern, und Eltern finden Orte, wo Kinder nicht erwünscht sind, natürlich doof.
Und schon hatte der rbb die Empörung, die scheinbar auch erwünscht war. Immerhin ein Vater hatte Verständnis.

Aber Unvoreingenommenheit sieht seitens des rbb und der berichtenden Journalisten irgendwie anders aus.

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45 Min spezial: Der NDR, seine Zuschauer und die Medienkrise

Dienstag, den 3. Mai 2016
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MO 02.05.2016 | 22.00 Uhr | NDR fernsehen

Der NDR im Brennpunkt seiner Zuschauer.
Die einen sagen, der NDR berichtet zu negativ über die Flüchtlinge. Und überhaupt: Es gebe keine Flüchtlingskrise in Deutschland.
Die anderen sagen, der NDR berichtet zu negativ über die Flüchtlinge. Der Sender und die Journalisten wollen den Zuschauer ihre Meinung aufdrücken.
Die einen sagen, man berichte viel zu viel über die AfD, weil man sie dadurch aufwerte.
Die anderen sagen, man berichte zwar nicht zu wenig über die AfD, aber tendenziös.

In einem “45 Min spezial” berichtete der NDR am Montagabend quasi in eigener Sache: “Der NDR, seine Zuschauer und die Medienkrise”. Das Problem: Wer über die Lügenpresse schwadroniert über die die Systemmedien, der wird auch einen solchen Beitrag ablehnen, schließlich habe ihn ja der NDR selbstgemacht, und da sei doch auch alles eh geschönt.
Dabei zeigte die Doku ziemlich gut, dass es eben verschiedene Meinungen in Deutschland gibt. Die Sache ist nur: Wessen Meinung nicht von den Medien bestätigt bekommt, der lügt. Wie oft auch bei Facebook und Co. zu lesen: Ist man anderer Meinung, wird man quasi weggefegt, dann ist man ein Lügner oder wird von Sonstwem beeinflusst.
Deshalb ist es zwar gut, dass der NDR in eigener Sache berichtet, durchaus kritisch nachfragt und auch selbst eventuelle Versäumnisse einräumt – bei vielen Leuten, wird das alles aber nicht ankommen.

Im Anschluss gab es noch einen Chat zum Thema, bei dem sich NDR-Leute den Zuschauern stellten. Schade dass das nur im Internet stattfand und nicht auch im NDR fernsehen. Da lief dann das “Kulturjournal”. So viel Transparenz wollte man beim NDR dann doch nicht.

RT liest

Sören Kohlhuber: Deutschland, deine Nazis

Dienstag, den 3. Mai 2016
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Wenn der Journalist Sören Kohlhuber bei Neonaziaufmärschen auftaucht, dann kennt man ihn schon. Kohlhuber beobachtet seit Jahren die rechte Szene, deren Aufmärsche, Konzepte, Wortführer und Mitläufer – und das Verhalten der Polizei.
2014 reiste er für sein Buch “Deutschland, deine Nazis” durch ganz Deutschland, um Neonazidemos zu beobachten – von Magdeburg im Januar bis Oranienburg im Dezember.

Der Stil ist im Große und Ganzen recht nüchtern. Es wird von Demo zu Demo beschrieben, was passiert, wer agiert und wie die Reaktionen sind. Was man über die Neonazis erfährt, ist bedrückend, wenn auch selten ganz neu. Klar wird, dass gerade in Ostdeutschland gewisse Strukturen zu bestehen scheinen – dessen Anhänger von Demo zu Demo reisen. Da wird dann schnell klar, dass der Abendspaziergang besorgter Oranienburger Bürger in Wahrheit eher ein Aufmarsch von Neonazis aus dem gesamten Umland ist. Und natürlich halten die Neonazis Kohlhuber wegen dessen permanenten Berichterstattung für linksextrem, befangen und natürlich für einen Teil der Lügenpresse. Kohlhuber muss einiges über sich ergehen lassen, und erstaunlicherweise scheint ihm das wenig auszumachen.
Interessant ist vor allem auch das von ihm beschriebe Verhalten der Polizei von Bundesland zu Bundesland. Da wird behindert oder nicht verhindert, dass Journalisten frei Bericht erstatten.
Kohlhuber schreibt über 2014. Und im Grunde ging es erst mit der Flüchtlingsproblematik in der zweiten Jahreshälfte oder dann 2015 mit den wirklich vielen Demos richtig los. In diesem Buch geht es gewissermaßen um das Vorspiel. Wer weiß, wie bedrückend und dick ein Buch über 2015 gewesen wäre.

Sören Kohlhuber: Deutschland, deine Nazis
Epubli, 223 Seiten
7/10

aRTikel

Nach 60 Jahren auf ihrem Hof: Frau Kaatsch zieht um

Samstag, den 9. April 2016
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Die 81-jährige Ortsvorsteherin vollzieht einen Schritt, dem sich viele Senioren ungern stellen

MAZ Oberhavel, 9.4.2016

Vehlefanz.
Die Couch ist noch da, der alte Schrank auch. Aber sonst ist es bereits recht leer im Haus. „Die größte Wehmut habe ich schon überwunden“, sagt Erika Kaatsch. Sie hat eine Entscheidung getroffen, der sich viele Senioren ungern stellen. Sie gibt Haus und Hof auf und zieht ins altersgerechte Wohnheim.
„Ich habe da lange drüber nachdenken müssen“, erzählt sie. „Aber ich finde, man sollte die Entscheidung nicht so weit nach hinten schieben. Irgendwann kann man die Entscheidung nicht mehr selbst treffen, und ich wollte das selbst tun.“
Das Haus, der Hof – mit 81 Jahren fällt die Bewirtschaftung immer schwerer. Im Garten den Rasen mähen, die Räume im Haus sauber halten – im Winter, morgens um sechs, Schnee schippen. All das ist auf Dauer anstrengend geworden, und im Alter ist man lange nicht mehr so belastbar wie früher.

Die Verträge sind unter Dach und Fach. Sie hat Nachfolger für ihren Hof gefunden. Erika Kaatsch selbst zieht bald in das altersgerechte Wohnheim, das in Vehlefanz demnächst eröffnet wird. Ein neuer Lebensabschnitt steht ihr bevor. „Ich weiß, manche trauen sich das nicht und warten so lange, bis es gesundheitlich gar nicht anders geht.“
Das wollte sie nicht. Sie wollte selbst entscheiden, was weg kommt, was mit kommt. Seit Wochen ist sie am räumen. „Auch viele Stücke, an denen Erinnerungen hängen.“ 60 Jahre lang hat sie auf ihrem Hof in der Dorfmitte gewohnt, 1956 zog sie dorthin, zu ihrem Mann. „Hier wollte ich auch für immer bleiben“, sagt sie. Seit den frühen 90ern lebte sie dort alleine.

Vieles hat sie schon verschenkt, jedes Foto angeschaut: soll es mit, kann es weg? „Man muss emotional abschalten, man muss die Kraft haben, zu sagen: Das will ich so“, sagt die 81-Jährige. „Sonst wird man damit emotional gar nicht fertig.“ In ihre neue Wohnung wird nur ein Bruchteil von ihrem Hab und Gut reinpassen. Sie muss knallhart aussortieren. Nur ein paar ihrer Möbel können mit. „Ich muss mich von vielem trennen, und manches fällt einem da wirklich schwer.“

Oft wird sie auf den Schritt, dass sie ihren Hof aufgibt, angesprochen. „Ich höre das immer wieder, wenn die Leute nachdenken, dass sie dann sagen: Sie machen das richtig.“ Auch ihre Kinder unterstützen sie in ihrem Vorhaben. Inzwischen hat sie auch schon ihre neue Wohnung anschauen können. „Seitdem freue ich mich wirklich darauf“, sagt sie und blickt sich im Wohnzimmer um: „Und hier ist es ja inzwischen auch nicht mehr gemütlich.“
Sie wird weiterhin in Vehlefanz leben, sie wird sehen, was künftig auf ihrem alten Hof passiert. „Aber ich habe Vertrauen zu meinen Nachfolgern, ich gebe ihn in guter Hände, und ich denke, dass es mir deshalb auch nicht schwerfallen wird, hier vorbeizugehen.“

Will sie – Ortsvorsteherin, Gemeindevertreterin, Seniorenbeiratschefin – denn selbst dann auch ein wenig kürzer treten? Sie lächelt. „Ich werde nicht alles gleich hinschmeißen dürfen“, sagt sie. „Man kann nicht plötzlich alles von Hundert auf Null zurückfahren. Im Moment mache ich weiter und schaue, wie es mir gesundheitlich geht.“