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Das war 2016!

Samstag, den 31. Dezember 2016
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Was war das für 1 Jahr???!!!!11!!
Die Welt wird immer verrückter. Nein, eigentlich sind es die Menschen, die immer irrer werden. Die sich gegenseitig anstacheln, die nur noch ihre eigenen Wahrheiten akzeptieren, alles andere als Lüge abtun. Die immer und überall Verschwörungen wittern und nicht mal mehr offiziellen Mitteilungen der Polizei glauben.
Stattdessen wird immer mehr als gefühlte Wahrheiten gesetzt. Was ich fühle, wie ich etwas empfinde, ist auch ein Fakt. Wir leben im postfaktischen Zeitalter, und das ist auch das Wort des Jahres. Eigentlich ja eher das Unwort.

RT Deutsch zum Beispiel. Das russische Auslandsfernsehen sei reine Propaganda, sagen die einen. Das sei alles die Wahrheit, und nur dort gebe es sie, sagen die anderen. Als in Berlin angeblich ein Asylbewerber eine junge Russlanddeutsche entführt und vergewaltigt, kocht die Volksseele, angestachelt auch durch Berichte von RT Deutsch. Dass das Mädchen die Schule geschwänzt und der Mann ihr Freund war – irgendwann hat es schlicht keinen der Demonstrierenden mehr interessiert.
Es sind nämlich nicht nur von Gefühlen geprägte Kommentare, die verbreitet werden – sondern auch Fakenews, Nachrichten, die schlicht ausgedacht, die eine Lüge sind. Da werden Politiker Worte in den Mund gelegt, die sie nie gesagt haben. Oder Gerüchte über angebliche Taten von Ausländern gegenüber Deutschen, die so nie stattfanden.
So haben EU-Gegner den Brexit in Großbritannien erreicht, dass die Wähler für den Austritt des Königreiches aus der EU stimmen, hatten wenige für möglich gehalten. So hat es Donald Trump in den USA geschafft, Präsident zu werden. Gefühle statt Fakten. Irgendwelche Zahlen statt echtem Inhalt.
Oder eben irgendwas daher gelabert. So macht das Mario Barth. In New York sendete er live auf Facebook und wunderte sich, dass zwar über Anti-Trump-Demo berichtet werde, er aber keine sehe. Dass es am Tage war und die Straße, an der er stand, gesperrt – na ja, das hat Mario ja nicht wissen können.
Facebook, Twitter und Co. werden aufgefordert, etwas gegen die Verbreitung solcher Fakenews zu unternehmen. Darüber wird 2017 noch zu reden sein.

Ganz unschuldig sind die Medien aber nicht, dass man ihnen nicht glaubt. Als in der Neujahrsnacht rund um den Kölner Hauptbahnhof hunderte Männer Frauen begrapschen und Passanten berauben, dauerte es Tage, bis umfassend berichtet worden ist. Der WDR sendete um Mitternacht sogar live aus der Domregion – da hat man das offenbar nicht mitbekommen. Beim ZDF war selbst am 4. Januar, als alle anderen endlich berichteten, noch nichts dazu zu sehen. Man bat um Verzeihung. Im Laufe des Jahres ist dann aber recherchiert worden: Dass es sich vorwiegend um Täter aus Nordafrika handelt. Dass die Polizei haarsträubend unterbesetzt war, dass Fehlentscheidungen getroffen und in einer ersten Pressemitteilung beschönigt worden ist.

Es war kein schönes Jahr. Terror, Unglücke, Todesfälle.
Und immer startet die Breaking-News-Maschine. Ein Zwischenfall in Berlin? Da darf gern mal schwadroniert und vermutet werden – immer mit der Betonung, man wolle nichts vermuten. Amoklauf in München? Da zeigt man bei RTL schon mal, wie Leichen abtransportiert werden und live hinter dem Reporter, wie Polizisten mit Waffen auf Passanten zielen. Auch der Teilzeitnachrichtensender N24 ist da ganz weit vorn mit bei.
Und immer wieder der Vorwurf an ARD und ZDF, es werde in solchen Fällen zu spät reagiert. Nach dem Zugunglück in Bayern ging der BR erst nach Stunden auf Sendung, nach dem Berliner Zwischenfall das ZDF erst nach fast zwei Stunden.

Und dann immer wieder die Empörungswellen, die durch Deutschland rollen.
Letzter Platz beim Eurovision Song Contest? Empörung! Keiner hat uns lieb! Alles Fake! Und überhaupt! Dass unser Song mies war, zieht keiner in Betracht – obwohl er in den deutschen Charts auch unterbelichtet war. Na ja, diese Fakten halt.
Die Sache mit dem Nachbarn Boateng. AfD-Mann Alexander Gauland habe gesagt, keiner wolle, dass Boateng sein Nachbar sei. Mag er so gesagt haben, er meinte aber wohl eher, dass viele Deutsche erst mal schlucken würden, wenn ein Dunkelhäutiger nebenan einziehen würde. Dennoch: Empörung! Aber eher eine geheuchelte, weil nicht weiter nachgedacht, sondern nur auf einen Satz Bezug genommen wurde, aber nicht auf den Kontext.
Fußball-Bundestrainer Jogi Löw kratzt sich während eines EM-Spiels an den Eiern und riecht dann an seiner Hand. Groooße Aufregung! Viele Berichte und Artikel, als ob wir keine anderen Sorgen haben.
Diskuswerfer Christoph Harting gewinnt Gold bei Olympia und erdreistet sich, bei der Hymne nicht ernsthaft zu sein. Empörung! Wie kann er nur so respektlos sein!! Meine Güte.
Und so weiter.

Da geht es schon mal fast unter, wenn Journalisten etwas enthüllen – die Panamapapers. Es ging um Briefkastenfirmen in Panama und um Geldwäsche von Unternehmen und Promis. Da wird ein großes Ding aufgedeckt, es ist das, was die Menschen fordern: diese Art des Enthüllungsjournalismus. Zwei Abende lang ist das ein Thema, dann verpufft es schon wieder. Empörung? Hält sich in Grenzen.
Oder wenn Jan Böhmermann in seiner zdf_neo-Show “Neo Magazin Royale” aufdeckt, wie die Leute in der RTL-Dokusoap “Schwiegertochter gesucht” arbeiten, wie sie die Teilnehmer und Zuschauer veralbern. Kurze Aufregung und gleich wieder verpufft. Quasi ohne Folgen.

Apropos Böhmermann: Nach einer “extra 3″-Satire über den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan legte er in seiner Show noch einen drauf. Er wolle mal zeigen, was denn ein Schmähgedicht sei und wie es klingen müsse: und trug eines vor. Und wieder: groooooße Aufregung. Das ZDF löschte vorsichtshalber die Passage aus der Mediathek, in der Wiederholung lief die Show verkürzt. Erdogan forderte eine Strafe, die Bundesregierung gab den Fall zur Ermittlung frei. Böhmermann zog sich einige Wochen zurück. Am Ende siegte dennoch die Satirefreiheit. Zumal viele Kritiker schlicht den Kontext des Gedichtes ausblendeten. Dass Böhmermann Aufsehen erregen wird, ahnte er wohl, dass das Aufsehen so groß wird – inklusive Berichte in “Tagesschau” und Co., das ahnte er sicher nicht.

Aber zwischendurch waren die Deutschen sowieso mit, ähm, wichtigeren Dingen beschäftigt: dass sich Sarah und Pietro getrennt haben. Weshalb RTL II das auch ordentlich ausschlachtete. Dass Babette von Kienlin (Einstmann) zum zweiten Mal in ihrer ZDF-”Drehscheibe” zusammengebrochen ist. Dass irgendwo irgendwelche Horrorclowns aufgetreten sind.
Oder dass sich Til Schweiger unfassbar toll findet. Sein Nick Tschiller im “Tatort” sei der beste Krimi, der je im Fernsehen lief, und jeder Kritiker habe keine Ahnung, so schrieb er auf Facebook. Von Fernsehgeschichte war da die Rede. Nun ja.

Einer hat keine Lust mehr auf den Zirkus: Im Herbst hing Tobias Schlegl seinen Fernsehjob an den Nagel – um sich zum Notfallsanitäter umschulen zu lassen.
Auch Jürgen Domian will nicht mehr – jedenfalls nicht Nacht für Nacht im 1LIVE-Studio sitzen. Nach 22 Jahren endet seine Call-in-Show “Domian”. Sie wird schwerstens vermisst.

Viele werden am Ende des Jahres vermisst. Sehr viele Promis – sehr viele Musiker sind 2016 gestorben.
George Michael ist tot, ebenso Prince und David Bowie. Leonard Cohen und Roger Cicero. Achim Mentzel und Ekki Göpelt. Außerdem “Trio”-Schlagzeuger Peter Behrens und Manfred Durban von den Flippers. Der Publizist Roger Willemsen, die Politiker Guido Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher, Lothar Späth, Peter Hintze, Jutta Limbach, Hildegard Hamm-Brücher, Henning Voscherau und Walter Scheel. In Kuba Fidel Castro. Der Produzent Wolfgang Rademann. Die Schauspieler Götz George, Manfred Krug, Uwe Friedrichsen, Alan Rickman, Bud Spencer, Maja Maranow, Gisela May, Hans Korte, Hilmar Thate, Karl-Heinz von Hassel und Peter Lustig. Die Moderatorinnen Erika Berger und Miriam Pielhau, die Journalisten Günter-Peter Ploog und Jana Thiel, Tamme Hanken, Schriftsteller Umberto Eco, Synchronsprecher Arne Elsholtz, Comiczeichner Lothar Draeger, DDR-Regimefrau Morgot Honecker und der Boxer Muhammad Ali.

Drei Fernsehsender haben sich auch verabschiedet: Der Social-Media-Sender joiz ist erst verkauft worden, dann ging er in Insolvenz, das Studio ließ der Besitzer schon mal ausräumen – ein Musiksender sollte daraus werden. Am Ende zog man den Stecker. einsplus und zdf.kultur gibt es auch nicht mehr. Dafür aber das ARD/ZDF-Jugendangebot Funk – allerdings nur im Internet.
Und was ist mit Servus TV? Erst ließ Besitzer und Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz verkünden, er mache den Sender zum Jahresende dicht. Zu Hohe Kosten. Und von der Gründung eines Betriebsrates war die Rede. Nur einen Tag später hieß es: Es geht doch weiter. Und dann: Servus TV beendet die Ausstrahlung in Deutschland. Und dann: doch nicht, alles geht weiter. Ein Hü und Hott.

Was war sonst so?
Der Deutsche Fernsehpreis ist nun eine rumpelige Gala in den Düsseldorfer Rheinterrassen. Eine öde Party.
Harald Schmidt ist auch noch da – in grausamen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen – und auf dem Traumschiff.
Weibliche Fußball-Kommentatorinnen wollen einige deutsche Männer nicht haben: Als Claudia Neumann im ZDF ein Herren-EM-Spiel kommentiert, wird im Internet fies gepöbelt. Wo doch angeblich nur Asylbewerber nicht gut mit ihren Frauen umgehen. Wobei, sorry, im Fußball gelten natürlich andere Regeln.
RTL hat einen neuen Ableger: RTLplus. Noch mehr Sendeflächen für Gerichtsshow-Resterampen.
Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis teilen ihr Leben mit den RTL-II-Zuschauern: Hochzeit und Heiligabend live. Puh.
Auch puh, aber anders: Als Jörg Draeger, Frederic Meißner, Björn-Hergen Schmipf und Harry Wijnvoord den Jakobsweg liefen, entstand daraus die 12-teilige Dokureihe “OGOT” bei Tele 5. Slow-TV vom feinsten. Ein kleines TV-Highlight.
Sehr sehenswert war auch “Terror – Ihr Urteil”. Der Film bestand nur aus einer Gerichtsverhandlung um den Abschluss eines Flugzeuges, das von Terroristen entführt worden ist, und am Ende konnte das Fernsehvolk abstimmen. Ein spannendes Experiment, und immerhin ist das auch einen Tag diskutiert worden.
Olympia in Rio. Das letzte Mal bei ARD und ZDF – nun übernimmt Eurosport.
Als an einem Sonntag morgens um kurz vor halb 7 im ZDF der Horrorfilm “Halloween – Nacht des Grauens” statt Kinderfernsehen läuft, fragen ein paar Leute via Twitter mal nach. Erst da fällt den ZDF-Leuten was auf. Ups.

Da ist man schon mal aufgeregt. Und bei all dem Neuen blickt sowieso keiner mehr durch. Deshalb kommen nun auch viele Sendungen von damals wieder. Für die guten Gefühle. Oder so. Das “Glücksrad” ist wieder da. “Herzblatt”, das “Familien-Duell”, “Jeopardy!”, “Ruck Zuck”, “Akte X”, “Der heiße Stuhl” und – da haben wir ja wirklich drauf gewartet: “Tutti Frutti”.
Mal sehen, wer oder was 2017 alles zurückkommt. Und ob wir uns alle ein bisschen abregen. So ganz allgemein.
Guten Rutsch.

RTelenovela

Dreimal Handymania

Sonntag, den 11. Dezember 2016
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Eine Frau schlendert ganz gemütlich über die Oranienburger Schulstraße. Ihr Blick liegt auf ihrem Handy, das sie in der Hand hat. Von ihrem Umfeld bekommt sie nichts mit. Auch nicht, dass hinter ihr ein Auto kommt, es muss abbremsen. Es kommt nicht vorbei. Erst als die Frau auf der anderen Straßenseite angekommen ist.
Erst dachte ich: Boah, wie blöd ist das denn?! Aber dann sah ich: Auch die Frau am Steuer des Autos hatte das Handy am Ohr – war also selbst beschäftigt.

Wenig später bei Subway in der Schulstraße. Zwei Tische sind besetzt. An Tisch 1 sitzen zwei Mädchen. Sie essen nichts (mehr?), schweigend sitzen sie sich gegenüber und daddeln auf dem Smartphone. An Tisch 2 sitzen zwei Jungs. Sie schweigen auch, gucken sich nicht an, sondern starren auf ihren Smartphones.
Irgendwie unheimlich.
Ich setze mich an Tisch 3 und versinke auch im Nirwana – ich lese eine Zeitschrift. Oldschool.

Bei Freunden. Spät am Abend durchstöbern wir die alte Plattensammlung und stoßen auf eine Schallplatte mit Weihnachtsgeschichten von Fred Rodian – unter anderem mit der bekannten Geschichte von “Hirsch Heinrich”. Wir legen die Platte auf und hören schweigend zu. Und beginnen nach und nach unsere Telefone rauszuholen und nebenher zu daddeln.
Drei Leute, drei Smartphones und das Hörspiel.

RTelenovela

Bitte nicht unterbrechen!

Samstag, den 10. Dezember 2016
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Manche Menschen sind sehr wichtig. Die wollen und können den Kontakt mit anderen wichtigen Menschen einfach nicht abbrechen lassen.
Am Freitagnachmittag stellte sich bei Lidl in Oranienburg ein Mann an die Schlange an der Kasse an. Er hatte sein Handy am Ohr und telefonierte. Er telefonierte auch, als er seine paar Waren aufs Band legte. Er telefonierte auch, als er dran war und die Frau an der Kasse seine Waren über den Scanner zog. Er telefonierte auch, als er bezahlte. Er telefonierte auch, als er den Laden verließ.
Für die Frau an der Kasse hatte er keine Worte übrig. Sie rief ihm trotzdem einen “Schönen Tag” hinterher. Sie meinte es aber nicht so.

RT liest

Tin Fischer / David Goldwich / Ole Häntzschel: Nach dem Wochenende bin ich erst mal #krank – Was Instagram über uns verrät

Mittwoch, den 7. Dezember 2016
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Zwar von Facebook geschluckt, ist Instagram gerade dabei, immer beliebter zu werden und die Mutterfirma in Sachen Klicks zu überholen. Es ist ja auch eine schöne Sache, Bilder zu posten und Bilder von anderen anzusehen.

Tin Fischer, David Goldwich und Ole Häntzschel haben sich Instagram mal auf ganz andere Weise vorgenommen. Anhand der geposteten Fotos und der dazugehörigen Hashtags konnten sie interessante Einblicke in unseren Alltag gewinnen.
Ein paar der Erkenntnisse: Die Selfiestick-Seuche brach im November 2014 aus. Posten wir unser Essen, ist es meistens #goodfood. Am Wochenende gibt es meistens #Pfannkuchen bei einem #Brunch im #Bett. Das sind jedenfalls die Top-Hashtags. Die meisten Regenbögen gibt es im August. Die tollsten Sonnenuntergänge gibt es an der Ostseeküste, auf Sylt, am Bodensee und rund um Berlin. Die meisten Pools auf Dächern gibt es in #Bangkok. Auf Ibiza gibt’s #Party, auf Mallorca #Sun. Klassenfahrt nach Berlin? #BrandenburgerTor. Der Freitag steht für das #Wochenende.
Und so weiter.

Die Erhebungen sind manchmal abseitig, manchmal lustig, aber meistens wirklich interessant. Das ganze ist natürlich nicht wirklich repräsentativ. Aber das Buch zeigt schon, welche Stimmungen es wann und wo gibt und wie die Instagramer so ticken.

Tin Fischer / David Goldwich / Ole Häntzschel: Nach dem Wochenende bin ich erst mal #krank – Was Instagram über uns verrät
Piper, 208 Seiten
8/10

RTelenovela

Lesen und schreiben – Ein Teufelskreis

Sonntag, den 4. Dezember 2016
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Neulich habe ich eine 21-Jährige kennengelernt. Sie kocht in einer kleinen Gaststätte in Sommerfeld. Sie macht das gut, sie kann das. Auch die Tische decken und sich um die Gästezimmer kümmern.
Was sie nicht kann: lesen und schreiben.
Und was sie auch nicht kann: eine Lehre absolvieren und da einen Abschluss machen. Weil sie eben nicht lesen und schreiben kann.

Sie kann das nicht, weil sie irgendwie blöd ist. Das ist sie nicht. Es hat erbliche Gründe, dass sie das nicht kann. Es ist ein Handicap, eine Behinderung.
Dafür hat sie ein fantastisches Gedächtnis. Alles, was man ihr beibringt, merkt sie sich. Für alles, was sie lesen müsste, hat sie sich andere Dinge einfallen lassen. Sie kommt klar.

Aber sie ist in einem Teufelskreis. Für eine Lehre müsste sie lesen und schreiben können. Es gibt keinen anderen Weg, eine theoretische Prüfung abzulegen. Niemand scheint sich je darüber Gedanken gemacht zu haben, und das ist ein Skandal.
Sie selbst sagt: Gehbehinderte haben Fahrstühle. Blinde haben Ampeln mit Ton. Sie hat nichts, sie muss sich selbst helfen.
Sie ist benachteiligt, und keiner hat dafür eine vernünftige Lösung, weil man eben darauf beharrt, dass sie das alles nur schriftlich machen kann. Deshalb hat sie auch keinen Schulabschluss.
Arbeitsagentur, IHK und wer sonst noch für Ausbildung und Lehre zuständig sind, sollten sich schleunigst mal Gedanken machen. Denn die 21-Jährige wird für etwas bestraft, wofür sie nichts kann.

aRTikel

Theorie ist die größte Hürde

Freitag, den 2. Dezember 2016
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Claudia König (21) kann nicht lesen und schreiben – sie arbeitet in der Sommerfelder Weinschmiede und macht dort einen guten Job

MAZ Oranienburg, 2.12.2016

Sommerfeld.
Wenn Claudia König in der Küche die Bestellung entgegennimmt, dann legt sie den ausgedruckten Bon unter die „Quatschmaschine“. Die liest ihr dann vor, was sie als nächstes zubereiten soll. Selbst durchlesen kann sich das Claudia König nicht. Die 21-jährige Oranienburgerin kann erblich bedingt weder lesen noch schreiben. Das ist ihr Handicap, mit dem sie aber ganz offen umgeht. Eigentlich ist die Quatschmaschine ein Vorlesegerät für Blinde.

Sie arbeitet seit März in der Weinschmiede in Sommerfeld. Dort steht sie in der Küche, sie kümmert sich auch um den Service, darum, dass die Tische sauber aussehen und auch um das Fremdenzimmer.
Nur eine richtige Ausbildung – die kann sie nicht machen. Dafür müsste sie lesen und schreiben können. Die theoretische Prüfung könnte sie nur schriftlich ablegen. Ausbildungskurse, die das umgehen gibt es nicht. Dabei weiß sie alles: Claudia König hat ein fotografisches Gedächtnis, sie kann sich sehr viel merken. Das nützt ihr in dem Fall nichts: „Gehbehinderte haben Fahrstühle, Blinde ein Ampelgeräusch, für mich gibt es da nichts, das ist eine Marktlücke“, sagt sie.

Christina und Joachim Kaiser, die Betreiber der Weinschmiede, hatten im Frühjahr die Anfrage von der Arbeitsagentur bekommen, ob sie sich vorstellen können, eine junge Frau mit Handicap einzustellen. Sie konnten. „Klar, einen Koch ohne Handicap einzustellen, wäre einfacher“, sagt der Sommerfelder. Stattdessen gingen sie das Wagnis ein.
„Ich bringe ihr alles bei“, erzählt Joachim Kaiser, „und das läuft richtig gut, auch wenn es mal Tränen gegeben hat, weil es sehr anstrengend ist.“ Für beide Seiten. Auch Kaisers müssen dazulernen. Zum Beispiel dass es nicht ausreicht, zu sagen: „Hol die Packung Zucker.“ Sie müssen die Packung beschreiben, wenn Claudia König sie holen soll. „Das mussten wir wirklich lernen.“

Ans Hinschmeißen hat die 21-Jährige nie gedacht. „Ich glaube, ich habe nicht noch mal so eine Chance, hier wurde sie mir gegeben, hier werde ich wie ein Mensch behandelt.“ Das ist nicht immer so. Schon in der Schule ist sie oft gehänselt worden. Weil sie nicht lesen und schreiben kann, konnte sie auf der Sonderschule auch keinen Abschluss machen. Weiterbildungsmaßnahmen scheiterten auch – weil dort ohne Schreiben nichts läuft. Keiner kann das verstehen. Claudia König nicht, die Familie Kaiser nicht – und auch nicht die Vertreter der Arbeitsagentur.
„Aber ich glaube, da tut sich was, das Thema dringt langsam ins Bewusstsein“, sagt Christoph Fischedick von der Neuruppiner Agentur für Arbeit. Einen konkreten Ausweg für die Misere der jungen Frau sieht er momentan aber auch noch nicht. Ihm geht es zunächst darum, zu zeigen, „dass jemand mit einem Handicap trotzdem voll mitarbeiten kann“, sagt er. Immerhin findet in diesen Tagen die „Woche der Menschen mit Behinderung“ statt. Es geht darum, mehr Inklusion im Arbeitsleben zu erreichen.

Die Arbeitsagentur bietet für solche Arbeitsverhältnisse spezielle Finanzförderungen an. Dazu gibt es gezielte Beratungen für Arbeitgeber – auch um Vorbehalte abzubauen. Letztere haben Kaisers nicht. Für alle Beteiligten war es aber ein langer Weg – und sie wissen: Er ist noch nicht zu Ende. Sie werden ihn gemeinsam gehen.

RT liest

Rayk Anders: Eure Dummheit kotzt mich an – Wie Bullshit unser Land vergiftet

Mittwoch, den 30. November 2016
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“Eure Dummheit kotzt mich an!”, ruft Rayk Anders regelmäßig in seinem Blog “Armes Deutschland”. Jetzt legt er einige Texte daraus als Buch vor.
Seine These: Geglaubt wird nur, was das eigene Vorurteil bestätigt. Diskussionen mit offenem Ende sind unerwünscht. Gerüchte werden ungeprüft weiterverbreitet, dass es sich manchmal sogar um Falschmeldungen handelt – vielleicht sogar um mutwillig verbreitete – ist scheinbar wurscht.
Rayk Anders sagt, dass Hass und Dummheit sich zu treibenden Kräften unserer Gesellschaft entwickelt, dass Bullshit das Land vergiftet.
Und leider hat er damit nicht unrecht.

In seinem Buch erzählt er von der angeblichen Biolüge. Davon, dass der Atomausstieg ja angeblich ein Fehler sei. Von den Flüchtlingen, die ja gar keine seien. Von den Mainstream-Medien, von lügenden Politikern.
Alles das, was gern von Populisten verbreitet wird und von vielen Leuten gern “konsumiert” wird.
Rayk Anders schildert die Dinge aus seiner Sicht, und es sind viele kluge Dinge, die er da sagt. Und eigentlich müsste man ja sagen: Anders erzählt viele schlicht logische Dinge, die leider aber viele nicht logisch finden.

Das ist auch ein wenig das Problem so eines Buches: Wer ist seine Zielgruppe? Wer den Bullshit, von dem er schreibt, nicht verfolgt, stimmt dem Autor ja sowieso zu.
Aber was ist mit denen, den den vielen Bullshit glauben? Werden diese Leute Anders’ Buch lesen? Wollen die sich schon auf dem Cover beschimpfen lassen? Ist das ein wirksames Mittel? Eher nicht.
Das Buch ist stark – aber die Zielgruppenfindung und die Ansprache an die, die das lesen müssten, ist eher schwach.

Rayk Anders: Eure Dummheit kotzt mich an – Wie Bullshit unser Land vergiftet
dtv premium, 205 Seiten
7/10