RTelenovela

Grenzhopping: Viermal Polen und zurück

Dienstag, den 6. Mai 2014
Tags: , , , , ,

Wie sehr Europa zusammenwächst, lässt sich in Guben in Ostbrandenburg besonders gut beobachten. Wer dort am Ufer der Neiße steht, hat nicht den Eindruck, als handele es sich links und rechts vom Flussufer um zwei Städte und zwei Länder.
Es wird immer von Berlin gesprochen, wenn es um eine geteilte Stadt geht. Guben ist 1945 geteilt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Neiße zum Grenzfluss. Rechts gibt es nun Gubin in Polen, links Guben in Deutschland.
Seit einigen Jahren gibt es keine Grenzkontrollen mehr, und es ist kein großer Akt mehr von Guben nach Gubin zu fahren. Offiziell sind und bleiben es zwei Städte – aber vielleicht tut sich ja im Denken der Menschen noch etwas.

Ich fahre über die Neißebrücke, und schon bin ich in Polen – aber doch irgendwie noch in der selben Stadt. Die Straßen sind ein wenig schlechter, die Verkehrsschilder sehen anders aus. Und überall wird für billige Zigaretten und Benzin geworben. Damit werden die Deutschen über die Neiße gelockt.
Ich stehe am polnischen Neißeufer und blicke rüber nach Deutschland. 1945 muss sich dort Schlimmes abgespielt haben. Guben ist heftigst bombardiert worden. Als die Stadt geteilt worden ist, mussten die Deutschen den neuen polnischen Teil verlassen.

Auf der polnischen Seite reden die Menschen – wie sollte es anders sein – polnisch. Obwohl ja eigentlich normal, geht das kaum in den Kopf. Man geht 100 Schritte über die Neiße und versteht die Menschen nicht mehr. Vermutlich können mehr Polen deutsch als andersrum.

Ich fahre mit dem Auto zurück nach Guben und laufe noch einmal rüber. Ich stehe vor dem alten Rathaus, das wohl vor 1945 für ganz Guben eine Bedeutung hatte. Im Kopfsteinpflaster ist noch zu erkennen, wo früher die Straßenbahn unterwegs war. Nach 1945 ist sie nicht mehr gefahren.
Ein paar Meter neben der Autobrücke über der Neiße befindet sich eine Fußgängerbrücke. Auch dort laufe ich rüber. Die Theaterinsel – das Theater ist im krieg zerbombt worden – liegt bereits auf polnischer Seite. Der Grenzübertritt ist an dieser Stelle so selbstverständlich, dass dort nicht mal mehr ein Grenzschild steht.

Ich würde gern mal die Gubener fragen, wie sie das erleben. Wie sie Gubin erleben. Ob sie den Eindruck von einer Stadt haben oder von zweien. Ob die polnische Seite nur zum Tanken genutzt wird oder ob sie auch sonst dort bummeln. Ob sie überhaupt bummeln gehen.

Ich verlasse Guben in Richtung Norden. Ich fahre durch Eisenhüttenstadt. Leider eine recht verfallene Stadt, zumindest die Teile, die ich gesehen habe. In der Straße der Republik (die DDR?) steht ein verlassener Hotelkasten, ramschig, runtergekommen. Lauter alte Wohnblöcke. Ein Hauch von DDR weht noch durch die Stadt.

Mein Ziel ist Frankfurt. Eine der Hauptverkehrsstraßen ist die Karl-Marx-Straße. Wie übrigens auch in Eisenhüttenstadt. Und in Guben. Karl Marx ist dort überall noch sehr präsent.
Durch die Breite der Oder machen Frankfurt und Slubice weniger den Eindruck, dass es sich dabei mal um eine Stadt handelte. Dabei war das heutige Slubice mal eine der Vorstädte von Frankfurt. Auch diese Stadt ist 1945 geteilt worden.
Ich nutze die Chance, in Slubice zu tanken. Der Sprit ist gut 15 Cent billiger als in Deutschland – was auch nicht mehr die Welt ist. Erstaunlicherweise ist das Benzin in deutscher Grenznähe übrigens auch nicht besonders billig. Kommt man weiter ins Landesinnere, in Richtung Berlin, ist es sogar billiger, und der Preisunterschied zu Polen wird noch kleiner. Die Mineralölunternehmen wissen schon, wie sie ihre Kohle bekommen.

Zum vierten Mal verlasse ich innerhalb von zwei Stunden Polen in Richtung Deutschland. Ein interessanter deutsch-polnischer, europäischer Trip liegt hinter mir. In eine Region, in der zwei Länder eng zusammenrücken – zumindest äußerlich.

RTelenovela

Bahnbekanntschaften (79): Weg aus Guben!

Montag, den 5. Mai 2014
Tags: , , ,

(78) -> 14.4.2014

Was muss der Bahnhof von Guben, in Ostbrandenburg an der Grenze zu Polen, mal für ein Mega-Anziehungspunkt gewesen sein. Die Kopfsteinpflasterstraße, die dort hinführt, ist geschätzte zehn Meter breit. Es ist eine Trasse, breiter als viele Bundesstraßen. Ob da an den Werktagen hunderte Pendler ihre Autos parken?
Sie endet direkt vor dem Bahnhofsgebäude.

Es ist Sonntagvormittag, und da ist zugegebenermaßen vermutlich weniger los als sonst. Wobei das “Reiseland” im rumepligen Container vor dem Gebäude so aussieht, als ob es längst ausgereist ist. Das dreckige Rollo ist runtergezogen. Was man dahinter noch erkennen kann, sieht nach Leere aus.

Ich laufe in den Bahnhof. Ich möchte eine Zeitung kaufen, und wo sonst kann man in einer Kleinstadt am Sonntagvormittag eine Zeitung kaufen, wenn nicht im Bahnhof? In Guben jedenfalls nicht.
Als ich in die Bahnhofshalle komme, erblicken mich drei Jugendliche. Sie qualmen und glotzen mich an. Ich bin neu hier, ich gehöre hier nicht her. Ihr Blick sagt, dass sie das ganz genau wissen. Es stinkt in der ganzen Halle nach ihrem Zigarettenqualm. Aber das ist egal, denn abgesehen von ihnen und mir ist niemand da. Rechts ist ein alter, gelbgerahmter Zeitungskiosk, wie es ihn in der DDR einst gab. Er hat zu. Vermutlich seit Jahrzehnten. Alles hat zu in diesem Bahnhof, und ich kann nicht erkennen, ob das am Montag, Dienstag, Mittwoch (…) auch so ist.

Ich laufe raus auf den Bahnsteig. Tatsächlich stehen auf der anderen Seite der Schienen ein paar Leute. Wieder werde ich angegafft. Scheinbar schwebt über mir ein für für Gubener sichtbarer Pfeil: “NICHT AUS GUBEN!”
Zwei Bahnlinien halten in Guben, der Regionalexpress von und nach Berlin und eine Regionalbahn nach Cottbus. Gerade kommt die RB11, und der Bahnsteig leert sich. Alle wollten sie weg aus Guben. Für den Taxifahrer, der vor dem Bahnhof wartet, kommt wieder kein Fahrgast vorbei.

RTelenovela

Der Lustmolch

Donnerstag, den 1. Mai 2014
Tags: ,

Ach, ist das schön, dich mal wieder zu sehen. Ich freue mich so, dass ich dich mal wieder anfassen darf. Ich kann doch mal streicheln, oder? Herrlich. Das haben wir ja schon lange nicht mehr gemacht.

Keine Sorge, mir geht es gut. Aber die Szene in dem Lokal in Berlin-Schöneberg, die hat mich dann doch ein wenig verstört.
Am Tisch vor mir saßen eine Frau, vielleicht zwischen 50 und 60 Jahre alt, und ein Mann, um die 70 oder eher 80. Für ihn muss dieses Treffen ein echtes Event gewesen sein, ein erotisches Event.
Sie bestellten sich Apfelsaft. Oder besser: Er bestellte Apfelsaft und beömmelte sich. Denn der Apfelsaft ist gar keiner, sondern irgendein Whisky-Gesöff.

Zwischendurch sagte der Mann immer wieder, wie schön es doch sei, dass sich die beiden mal wiedersehen. Und immer wieder betatschte er ihren Arm und streichelte sie ein wenig. Im Gegensatz zu ihm waren die Worte der Frau kaum zu verstehen, weshalb auch unklar war, ob ihr das gefällt, was der Herr da machte.
Dass er sich freue, sie mal wieder zu sehen – und anfassen zu können – teilte er ihr alle paar Minuten mit.

Sie bestellten sich dann noch ein zweites Getränk, und er teilte ihr gleich mit, dass sie ja getrennt zahlen würden. Aber er freue sich ja so, dass sie endlich mal wieder zusammen sein können.
Es hat nur eine gute halbe Stunde gedauert, dann war das Treffen schon wieder beendet. Aber nicht, ohne dass er ihr mehrere Male mitgeteilt hat, dass er sich ja so gefreut hat, dass sie sich mal wieder gesehen haben. Und dass das ja so schön gewesen sei. Und ob er sie noch mal anfassen könne. Und ob er sie nach Hause begleiten dürfe. Und ob er noch mit nach oben kommen dürfe.

Zwischendurch klingelte das Handy des Mannes, aber er ging nicht ran, er ließ es klingeln. Irgendwann meinte er, er wüsste wer dran ist, und deshalb ginge er nicht ans Telefon. Woraufhin er ein bisschen dreckig lachte.
Sie nicht.
Sie schien dann doch unangenehm berührt gewesen sein, denn irgendwann brach sie dann doch recht schnell auf. Sie zahlten tatsächlich getrennt. Begrapschen scheint für den Mann selbstverständlich zu sein, für sie bezahlen nicht. Begleiten durfte er sie nicht, obwohl es ja, wie er zum gefühlten 39. Mal betonte, so schön gewesen sei, sie mal wieder getroffen zu haben. Bevor sie ging umarmten sich die beiden, aber ihr war das sichtlich unangenehm. Schnell machte sie sich vom Acker.

Der Mann unterdessen blieb noch, er ging ins Lokal – das Ganze spielte sich im Außenbereich an der Straße ab – und setzte sich an einen Tisch, an dem schon ein anderes Paar saß. Er muss in der Gegend wohl bekannt sein…

RT liest

William Wahl: Ernst beiseite! 500 Namen, die Sie Ihrem Kind besser nicht geben sollten

Montag, den 21. April 2014
Tags:

Gralf. Gibt es Leute, die ihr Kind Gralf nennen? Wo man denken könnte, es handele sich um einen Schreibfehler, um ein G zu viel?
Offenbar gibt es den Namen wirklich. William Wahl hat ein Buch mit den 500 Namen herausgegeben, die man seinem Kind besser nicht geben sollte. Weil sie irreführend sind, weil sie doof sind, nerven oder schlicht inflationär eingesetzt werden.
Fanta zum Beispiel. Klingt nach der Brause. Oder Merkel. Da ist Angela sicherlich froh, Angela mit Vornamen zu heißen. Natürlich dürfen die Klassiker Chantal und Kevin nicht fehlen, die ja an sich schon klischeebeladen sind. In die Kategorie passen auch Davina, oder Shakira, Mandy oder Cameron. Dschihad ist vielleicht auch nicht der beste Name in der heutigen Zeit.
Aber dann gibt es noch Namen wie Finn, Katja, Marcel, Werner, Sabine, Peter, Paul oder Malte – von denen es früher oder heute nach Ansicht von William Wahl viel zu viele gibt.

Wahl hat alle diesen Namen alphabetisch geordnet, er erklärt, was ihm an ihnen nicht passt, was sie bedeuten und was man ihnen nachsagt.
Das ist oft interessant, stellenweise richtig lustig und manchmal sogar ganz informativ. Ein echter Schmökertipp.

William Wahl: Ernst beiseite! 500 Namen, die Sie Ihrem Kind besser nicht geben sollten
ro ro ro, 207 Seiten
7/10

RTelenovela

Scheißegal! Hauptsache Party!

Freitag, den 11. April 2014
Tags: , ,

Wofür interessiert sich die Jugend heute so? Die Krim-Krise? Überhaupt der Konflikt um Russland und die Ukraine? Die NSA und die Überwachung?
Alles wurscht.
Aber wer wird eigentlich Germany’s next Topmodel? Und wen hat eigentlich der Bachelor genommen? Und ist nicht bald mal das Superstar-Finale?

Ich habe mich neulich länger mit meiner ehemaligen Klassenlehrerin unterhalten. Sie malte ein düsteres Bild von unserer heutigen Jugend.
Es war schon immer so, dass die ältere Generation spöttisch auf die jüngere geblickt hat. Weil die andere Interessen hatte, weil sie andere Musik hörte, anderen Trends nachging. Heute denkt man nur: Weil sie doof zu sein scheint.

Es sind natürlich nie alle. Aber wenn man sich in einer Abiturklasse umhört, dann spielt die aktuelle Politik keine Rolle. Weil das nicht interessant ist, weil es zu schwierig ist. Weil sich niemand Nachrichten ansieht. Oder doch: “taff”. Ist doch auch eine Nachrichtensendung, oder?
Alles andere ist Halbwissen, für längere Texte hat sowieso niemand mehr Geduld. Bei Facebook-Links werden nur die Teaser gelesen, nicht die Texte selbst. Ebenso bei Spiegel-Online. Viel erfahren tut man da nicht, aber mitreden kann trotzdem jeder, auch wenn da nicht viel bei rauskommt.

Während uns 1998 zum Beispiel mehr oder weniger egal war, wo unser Abiball stattfindet, sieht das heute ganz anders aus. Prunkvoll muss er sein. Kronleuchter, Schokobrunnen, alles vom feinsten, und natürlich mitten in Berlin.
Wir damals: Schmachtenhagen, Bauernmarkt. War vom Ambiente her nicht das Wahre, aber das war uns völlig egal. Es ging uns ums Feiern, darum, zum letzten Mal gemeinsam Spaß zu haben, zu tanzen, zu quatschen – auch und gerade mit den Lehrern, von denen wir uns trennen mussten.
Ich weiß, dass die Lehrer, die heute noch im Dienst sind, vom damaligen Abiball schwärmen. So etwas habe es später nur nur selten gegeben. Heute geht es um teure Kleider, ums Sich-präsentieren. Ein Schaulaufen. und im teuren Schickimicki-Kleid lässt man sich auf dem roten Teppich fotografieren – mit Fluppe und Bier in der Hand. Ja, is’ klar. Lehrer sind gern gesehen, aber eigentlich ist es auch egal, wenn sie nicht kommen.

Ich fand das alles sehr deprimierend. Und ich habe bereits ähnliche Beobachtungen gemacht. Aber Lehrer sind ja noch sehr viel näher an dieser Generation dran – die Generation Scheißegal-Hauptsache-Party. Was will die eigentlich mal ihren Kindern beibringen?

RTelenovela

Zwei bei Kalwass ohne Kalwass

Mittwoch, den 2. April 2014
Tags: ,

In der Oranienburger Schulstraße spielte sich ein Drama ab. Ein Drama unter Freunden, die vielleicht keine Freunde mehr sind.
Sie saßen sich auf zwei Bänken gegenüber, dazwischen liegt der Gehweg. Sie müssen um die 14 oder 15 Jahre gewesen sein. Beide waren sie irgendwie maulig drauf. Der eine war vom anderen schwer genervt. “Du übernachtest jedes Wochenende bei mir, das geht einfach nicht”, sagte der eine. Der andere schaute ihn kurz über den Gehweg hinweg an, dann sagte er: “Gar nicht wahr, höchstens einmal im Monat!” Der andere widersprach ihm, das sei definitiv öfter. Sie konnten sich nicht einigen.

Gern hätte ich mich zu ihnen gesetzt. Aus purer Neugier, und weil ich mal sehen wollte, ob das bei “Zwei bei Kalwass” damals wirklich alles so leicht war, zu klären. Ich heiße zwar nicht Kalwass, aber vielleicht wäre ja eine Einigung drin gewesen.
Was nervt dich an X?
Warum will du immer wieder bei Y übernachten?
Warum will du nicht, dass X immer wieder bei dir übernachtet?
Magst du es, bei Y zu schlafen?
Riecht X?
Liebst du Y?
Stehst du nicht auf X?
Leider werden wir nie rausfinden, was sich hinter diesem packenden Freundschaftsdrama verbarg. Ich war einfach zu unneugierig.

RTelenovela

Im Alter

Dienstag, den 18. März 2014
Tags: , ,

Sie haben zusammen Kaffee getrunken, erzählt, gelacht und die Polonäse getanzt. Senioren aus Kremmen und den Ortsteilen waren neulich in der Beetzer Sporthalle, um den Frühling zu feiern. Am Anfang war alles noch ein bisschen steif und förmlich, aber spätestens bei der Polonäse sind die meisten von ihnen aufgetaut.
Organisiert hat das Fest der Seniorenberat. Eine Gruppe von Leuten, die sich ehrenamtlich darum kümmern, dass die älteren Leute gemeinsam Spaß haben und ihre Interessen durchsetzen können.

Heutzutage fühlen sich die meisten 65-Jährigen noch nicht alt. Zur Seniorenfeier? Das ist für die meisten unvorstellbar. Man mag es kaum glauben, aber Seniorenvereine haben heutzutage meist Nachwuchsprobleme. Die, die Mitglied sind und sich kümmern, werden immer älter. Es kommt kaum jemand nach.

Wenn man älter wird und ein gewisses Alter erreicht hat, will man sich dieses Alter – das Altsein – vielleicht nicht eingestehen. Ich hoffe, ich werde es irgendwann noch erleben. Aber was dann? Was macht man im Alter? Werde ich dann noch schreiben? Muss ich dann immer noch mit dem Schreiben mein Geld verdienen? Werde ich Zeit und Lust auf ein Ehrenamt haben?
Bei der Feier in Beetz habe ich festgestellt, dass es eine schöne Sache sein muss, etwas zu organisieren, um dann festzustellen, dass die Feier bei den Leuten ankommt. Wenn wir in Kremmen den Brunchtalk veranstalten, dann erleben wir das in ähnlicher Art auch.
Ich will natürlich nichts versprechen – aber ich kann mir schon vorstellen, mich in 30 Jahren irgendeinem dieser Ehrenämter anzuschließen.