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Junge Frau!

Mittwoch, den 12. Januar 2022
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Ich weiß ja, dass Verkaufspersonal immer freundlich zu den Menschen im Laden sein will. Aber manchmal wirkt das dann doch etwas übertrieben oder sogar albern oder fast beleidigend.

Am Mittwochmittag in einer Oranienburger Bäckerei: Neben mir am Tresen steht eine (ja, das muss man so sagen) sehr alte Dame, die mit einer Krücke unterwegs ist, auf die sie sich stützen muss. Während ich bestelle, was ich brauche, macht sie das auch.
Sie hat bezahlt und will gehen, da ruft ihr die Verkäuferin hinterher: “Ihr Wechselgeld, junge Frau!”
Die Frau sagt nichts dazu, aber vermutlich ist es ein paar Tage her, dass ihr gegenüber jemand von einer jungen Dame gesprochen hat. Irgendwie fand ich das unangebracht, denn die Frau war ganz offensichtlich nicht jung, und irgendwann ist so was aus meiner Sicht auch kein höfliches Kompliment mehr.

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RTZapper

Das war 2021!

Freitag, den 31. Dezember 2021
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So ruhig hat ein Jahr noch nie begonnen – selbst vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Das ZDF sendet seine große Silvesterparty ohne Publikum vor Ort. Es muss zu Hause bleiben.
Es beginnt das Corona-Jahr 2.

Corona wird die Menschen und die Medien auch 2021 durchgehend beschäftigen – nur im Sommer gibt es eine kleine Verschnaufpause. Die eigentlich eher ein Wegignorieren ist.
Das Programm ist geprägt von Sondersendungen, vom “ARD extra”, “ZDF spezial”, und auch die Privaten sind dazu übergangen, wieder aktuellen Nachrichten einen höheren Stellenwert zu geben.
Die großen Shows müssen lange ohne Publikum auskommen. Die “Fastnacht in Franken” im BR ist zu einer leise-lahmen Veranstaltung geworden, der Karneval fällt gleich ganz aus. In der “heute show” lacht keiner mehr. Die großen Silbereisen-Shows werden zu Studio-Produktionen, bei denen die Gäste selbst für Stimmung sorgen müssen. Das Dschungelcamp in Australien wird abgesagt, stattdessen ziehen die Stars in ein Tinyhouse in Hürth. Erst später kehrt Publikum zurück, und auch der Eurovision Song Contest kann stattfinden – und wird zu einer großen Wiedersehensparty. Auch wenn Australien zu Hause bleiben muss und Island in Rotterdam in Quarantäne ist – und auch der Vorjahressieger wegen Corona ausfällt.
Laufende Programme werden unterbrochen, um die Pressekonferenzen mit Merkel zur Corona-Lage zu übertragen – nur wenn die Beratungen bis nachts um 2.35 Uhr hinziehen, verzichten die Sender, bis auf tagesschau24.

Corona zerrt an den Nerven – bei allen Leuten. Kritiker der Coronamaßnahmen und überhaupt der Politik der Regierung und der Gesellschaft, die ihr folgt, werfen auch den Medien Einseitigkeit vor. Vom Regierungsfernsehen ist die Rede, von Staatsmedien – ein schwieriger Vorwurf, wenn davon die Rede ist, man werde die Journalisten aus den Medienhäusern jagen, wenn man erst mal, nun ja, an der Macht sei. Was immer das auch heißt. Aber es klingt nicht gut. Bei Demonstrationen werden Journalisten zunehmend angegriffen.

Nicht nur in Deutschland. Auch in den USA. Als im Capitol in Washington die Wahlniederlage von Donald Trump endgültig besiegelt werden soll, stürmen Trumps Anhänger das Gebäude. Und auch dort gehen sie auf Journalisten los. Prügeln und zerstören Technik. Es trifft auch ein Team des ZDF.

Den Hatern in Deutschland passt die Youtube-Kampagne “#allesdichtmachen” gut ins Anti-Corona-Stimmungsmache-Konzept. Mehr als 50 mehr oder viel weniger bekannte Schauspielende sprechen in den Clips über Corona und die Folgen. Ricky Müller atmet in eine Tüte, weil ausatmen gefährlich sei. Jan-Josef Liefers findet, dass man in den Medien nicht so richtig informiert worden sei. Unterschiedliche Meinungen zum Coronavirus und zu dessen Eindämmung würden nicht gehört. Diskussionen fänden nicht statt. Oder erst seit Neuestem wieder. Es heißt, das sei Satire. Weil man Liefers ansonsten ja fragen müsste, wo er in den Monaten davor gelebt habe. Später sagt er in einer Talkshow, er habe alle Zeitungen abbestellt. Einer der Urheber ist der Schauspieler Volker Bruch, dem Verbindungen zu den Querdenkern und zur Partei Die Basis nachgesagt werden.

Auch Michael Wendler dreht in der Coronakrise ab. Von den USA aus hetzt er gegen die Coronamaßnahmen, leugnet das Virus und spricht von einem KZ Deutschland. Laut Wendler: Krisenzentrum. Schon klar. RTL sendet trotzdem die erste Folge der Castingshow “Deutschland sucht den Superstar”, wo der Wendler in der Jury sitzt. Als der ehemalige Schlagerstar weitere Hetze absetzt, schreitet RTL ein – und schneidet das Jurymitglied aus der Sendung. Zunächst sehen die Zuschauer eine abenteuerlich bearbeitete Sendung, in der Wendler überblendet wird, später fehlt er ganz.

Das mag man kaum glauben, aber RTL will seriös werden. Und da passt Dieter Bohlen leider nicht mehr ins Konzept. In den beiden Live-Shows von “DSDS” fehlt nun schon das zweite Jurymitglied. DAS Jurymitglied. Nachdem RTL Bohlen gefeuert hat, meldet der sich krank. Thomas Gottschalk springt ein. Am Ende gewinnt… also, keine Ahnung, wer gewonnen hat. War am Ende auch nicht mehr wichtig. Auch beim “Supertalent” wird Bohlen rausgeschmissen, und RTL bekommt im Herbst dafür die bittere Quittung. Die Show versinkt im Quoten-Nirvana.
Zum neuen RTL gehören mehr Nachrichten. Auch am Nachmittag gibt es nun “RTL aktuell”, im Spätprogramm taucht Jan Hofer wieder auf – mit “RTL direkt”. Vor allem die älteren Zuschauer will RTL wieder erreichen. Was nur sehr schwer gelingt.

Und was ist mit dem Trashfernsehen? Auch da will die RTL-Gruppe seriöser und braver werden. Als sich in der Datingshow “Princess Charming” bei VOX zwei Frauen prügeln, bekommen wir das nicht zu sehen, stattdessen nur einen Hinweis darauf, dass da was passiert sei und beide Damen gehen mussten. Das hätte es bei meinem RTL früher nie gegeben, da hätte man draufgehalten.
Bei Sat.1 ist man da nicht so zimperlich. Bei den “Promis unter Palmen” haben sie wieder alle Krawallschachteln eingeladen, die Trash-Deutschland zu bieten hat. Es gibt ordentlich Zoff, die Kameras halten drauf, auch bei schlimmsten homophoben Entgleisungen. Nur einer schreitet ein: Willi Herren. Sat.1 bekommt trotzdem und zurecht einen Shitstorm, die nächste Folge läuft stark gekürzt – und dann ist nach Folge 2 Schluss. Nach der Nachricht lässt Sat.1 die Ausstrahlung ruhen: Willi Herren ist tot.

In Trauer sind sich Sat.1 und RTL einig: In beiden Frühstücksfernsehsendungen trauern die Teams um Jan Hahn. Er erliegt einem Krebsleiden. Als die Meldung bekannt wird, fließen bei der RTL-“Exclusiv”-Moderatorin am Ende die Tränen, und “RTL aktuell” endet mit einer stummen Trauertafel.
An seinem 100. Geburtstag kündigt die “TV Spielfilm” einen alten DDR-Film mit dem Schauspieler Herbert Köfer an – mit dem Hinweis, dass er heute 100 geworden wäre. Dabei IST er 100 geworden. Aber leider nicht älter – Herbert Köfer stirbt wenige Monate danach.
Mit ihm verlassen 2021 weitere Schauspielende die Bühne: der Komiker Mirco Nontschew, Jean-Paul Belmondo, Heide Keller, Aschenbrödel Libuše Šafránková, “Golden Girl” Betty White, der Lindenstraße-Grieche Kostas Papanastasiou, Arved Birnbaum, “Love Boat”-Käptn Gavin MacLeod, Lindenstraße-Doktor Ludwig Haas, Thomas Fritsch und Christopher Plummer. Die Musiker Françoise Cactus, Volker Lechtenbrink, Baccara-Sängerin Maria Mendiola, Steve Bronski, Ted Herold, Charlie Watts, John Miles, Milva, Mikis Theodorakis, DMX, Barby Kelly, Bill Ramsey, Komponist Siegfried Matthus und Nick Kamen. Die Journalisten und Moderatoren Alfred Biolek, Larry King, Bettina Gaus, Gerd Ruge, Wolf-Dieter Poschmann, Christopher Plass, Hans-Eckart Eckhardt und Jürgen Engert. Peter R. de Vries wird in den Niederlanden ermordet. Die Sportler Horst Eckel und Gerd Müller. Der Youtuber Philipp Mickenbecker. Die Politiker Kurt Biedenkopf, Donald Rumsfeld und Colin Powell. Prinz Philip. Die Zirkusleute Gerd Siemoneit-Barum und Siegfried Fischbacher, der Nobelpreisträger Desmond Tutu. Die Autoren Noah Gordon und Uta Ranke-Heinemann. Comiczeichner Martin Perscheid und Kabarettist Ludger Stratmann.

Sie verkünden ihren Abschied: Petra Gerster verlässt “heute”, Claus Kleber das “heute-journal”. Nach fast 30 Jahren verabschiedet sich Claus-Erich Boetzkes von den Nachmittagsausgaben der “Tagesschau”. Der rbb streicht sein Vorabendmagazin “zibb”. Aus Geldgründen. Und wegen schlechter Quoten. Außerdem streicht der rbb ausgerechnet die “Abendshow” – ein sehenswertes Satireformat. Nun läuft dort das “Riverboat”. Beim rbb findet man das vermutlich innovativ. Antenne Mecklenburg-Vorpommern gibt es nicht mehr – auf den Frequenzen im Norden dudelt jetzt 80s80s. Und einige Hörer fragen sich vielleicht, wie man das ausspricht. Emotional ist die Übertragung des Großen Zapfenstreiches für Angela Merkel, die sich vom Orchester “Du hast den Farbfilm vergessen” spielen lässt – über zehn Millionen Menschen schauen zu.

2021 wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Eigentlich haben sich die Grünen schon als Wahlsieger gesehen – aber Annalena Baerbock fliegt ihr schnell zusammengeschustertes Buch um die Ohren. Unter anderem. Die Medien sind unerbittlich. Dann wähnt sich die CDU vorn – aber Armin Laschet fliegt sein Gelächter während einer ernsten Rede von Bundespräsident Steinmeier im Hochwassergebiet um die Ohren. Und ein Kinderinterview bei Joko und Klaas, bei dem Laschet gegenüber den Kindern ziemlich patzig wird.
Diesmal gibt es nicht nur ein Duell. Sondern ein Triell. Äh, drei Trielle. Bei RTL, bei ARD und ZDF und bei ProSiebenSat.1. Wobei das Triell bei ARD und ZDF in Wirklichkeit das Duell der beiden Moderatoren Oliver Köhr und Maybrit Illner ist – die zusammen so gar nicht können und sich ständig gegenseitig ins Wort fallen. Und dissen.

Apropos Hochwasser: Als die Flut über das Ahrtal reinbricht, sendet der WDR – nichts. Also nicht nichts, aber auch keine Sondersendungen. Weil es nachts eben keine Sondersendungen gibt. Auch nicht im Radio. Als in NRW die Katastrophe geschieht, lässt der WDR seine Leute allein. Und der SWR macht es kaum besser. Die reichlichen Sondersendungen beginnen erst am Tag danach.

Bei der Bild sind sie stundenlang auf Sendung – Bild macht nämlich jetzt auch Fernsehen. Genau genommen gibt es die gestreamten Sondersendungen schon sehr lange, aber im August startet die Fernsehversion von Bild auch offiziell. Oft mit dabei: Julian Reichelt, der Chefredakteur. Bis zu seinem Aus. Reichelt steht schon mal im Rampenlicht. Sein Umgang mit Mitarbeiterinnen wird angeprangert, bleibt aber folgenlos. Zunächst. Dann aber gibt es Recherchen von Journalisten der Ippen-Gruppe. Die werden aber zunächst nicht veröffentlicht, Verleger Dirk Ippen will Springer nicht an den Karren fahren. Er lässt die Story zurückziehen. Sie erscheint dann im Spiegel. Aber auch die New York Times berichtet über Springer und Reichelt. Er muss seinen Platz räumen. Und bei Bild im Fernsehen wird geschluchzt.

Gibt es denn über 2021 gar nichts Gutes zu sagen? Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt überraschen die Zuschauer mit einer siebenstündigen Doku über den Klinikalltag einer jungen Krankenschwester. Hautnah erleben wir alles aus ihrer Perspektive mit. Joko unterhält die Leute zudem mit “Wer stiehlt mir die Show”. Eine extrem unterhaltsame Sendung, und am Ende kann jemand aus dem Panel Joko beim nächsten Mal die Showleitung abnehmen. Das gelingt zum Beispiel Thomas Gottschalk, Bastian Pastewka und Elyas M’Barek, die was ganz Eigenes draus machen.
Kurt Krömer überrascht in seiner rbb-Talkreihe “Chez Krömer” Gast Torsten Sträter mit dem Geständnis, dass er mit Depressionen in der Klinik gewesen sei. Ein ernstes, rührendes Gespräch entwickelt sich.
2021 steht auch für Retro: “Wetten, dass…?” ist zurück, und 14 Millionen schauen zu. “Geh aufs Ganze” auf Sat.1 mit Jörg Draeger und dem Zonk ist wieder da. Ebenso “TV total” auf ProSieben – nicht mit Stefan Raab, dafür mit Sebastian Pufpaff. Und ABBA bringt ein neues Album raus. Thank you for the Music. Aber wäre doch nicht nötig gewesen.
Ganz offenbar immer noch nötig: sich zu positionieren. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung outen sich 185 Schauspieler*innen als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans. Hashtag: #actout. Erstmals wird über Diskriminierung von queeren Menschen in bestimmten Berufen diskutiert.

Und sonst so? Bei ProSieben lernen Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind, dass man Politikern in der eigenen Talkshow am Ende nicht beklatscht. Die ARD freut sich über die erste schwule Serie und versendet “All you need” vor Freude im Spätprogramm bei one. Bei “RTL aktuell” gehen die Lichter aus. Also, nur einmalig. Vermutlich. Netflix schafft mit “Squid Game” den Hype über die Streaminggrenzen hinaus. Die Russen starten ihren Propagandasender RT DE und bekommen schnell Gegenwind. Bei ORF1 geht ein beschwipster Nachrichtenmoderator auf Sendung – und wird danach beurlaubt. Die ZDF-Serie “Kommissarin Heller” endet überraschend: Frau Heller wird vom Blitz getroffen.
Und die bitterste Erkenntnis des Jahres: Evelyn Burdecki ist schlauer als ich. Und Anne Will und alle anderen Medienheinis merken sich endlich mal: Reiner Haseloff. Haseloff. Haseloff! David Hasselhoff macht keine Politik. Noch nicht. Man weiß ja nie, heutzutage.

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Halloween: Nehmt euch!

Montag, den 1. November 2021
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Halloween entwickelt sich auch hierzulande immer mehr zu einem Kult, zur großen Unterhaltungsindustrie. Sind vor 20 Jahren die Kinder am Halloweenabend um die Häuser gezogen, da haben sie noch bei den Leuten geklingelt. Die haben aufgemacht (oder auch nicht), und dann fragte man nach Süßem oder Saurem. Man bat um eine Süßigkeit. Vielleicht ist man auch noch kurz ins Gespräch gekommen. Ein bisschen Lob für die Kostüme, einmal ins Schüsselchen greifen.

Inzwischen ist aufgerüstet worden. Auf immer mehr Grundstücken hat sich eine wahre Halloween-Deko-Orgie entwickelt. Gärten und Häuser sind gruselig geschmückt, und es scheint Leute zu geben, die sich für solche Schmuckaktionen tagelang Zeit nehmen, um ein wahres Halloween-Wunderland zu schaffen.
Was in Ordnung ist, wenn es den Menschen Spaß macht.

In vielen Facebook-Foren waren am Sonntag aber auch Beschwerden zu lesen. Darin heißt es, dass die Tüten oder Schüsselchen weg oder leer seien, obwohl kaum Kinder da waren. Die Süßigkeiten wurden also hier und da in großem Stil geklaut.
Das ist unfein, zeigt aber auch einen interessanten Trend: Man möchte die verkleideten Kinder vielleicht gar nicht mehr treffen. Die sollen einfach umherlaufen und sich den Kram einsammeln, den die Leute vor die Tür gestellt haben. Nehmt einfach. Dass sich da einige übermäßig bedienen, sollte da nicht verwundern.
Ist es wirklich Sinn der Sache, die Gabe einfach vors Haus zu stellen? Sollte es nicht eher darum gehen, den Kindern die Tür zu öffnen, sie zu bestaunen und ihnen dann etwas zu geben? Geht es nicht auch um Begegnungen?
Vielleicht hat dieser Trend, einfach den Kram vor die Tür zu stellen auch mit Corona und den Kontaktbeschänkungen zu tun – neu ist er aber auch nicht.
Deshalb hält sich mein Mitleid auch in Grenzen, wenn sich Menschen darüber aufregen, dass man ihnen die Süßigkeiten geklaut habe, die sie achtlos vor die Tür gestellt haben.

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Forsa ruft an

Mittwoch, den 20. Oktober 2021
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Schon seit einigen Tagen hatte ich immer mal wieder einen Anruf von einer nicht eingespeicherten Nummer. Vorwahl: 0231. Aus Lünen in Nordrhein-Westfalen.
Ich kenne niemanden in Lünen, und deshalb war mein Drang, das Gespräch anzunehmen, eher klein. Ich bin bisher nie rangegangen. Aber Lünen war hartnäckig. Am Dienstagnachmittag kam der nächste Anruf. Ich saß im Homeoffice, hatte die Ohrstecker drin und nahm das Gespräch an.

Dran war ein Herr vom Meinungsforschungsinstitut Forsa. Lang und breit erklärte er mir, was er denn wolle. Eine Umfrage zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen.
Woher er denn meine Nummer habe, wollte ich wissen. Die Frage beantwortete er mir – nicht. Er erklärte stattdessen, dass irgendwelche Nummern ausgewählt werden, per Zufallsgenerator. Und weil sie nicht nur Hausfrauen befragen wollen, die zu Hause sind (Macho!), haben sie auch andere Nummern. Woher er aber meine hatte – keine Angabe.

Dennoch hatte ich gerade Bock, also sagte ich: Dann legen Sie mal los. Das hat ihn ein bisschen gefreut, er meinte, er habe heute noch nicht so viel Glück gehabt, es sei alles sehr schwierig.
Er wollte zuerst wissen, welches gesellschaftliche oder politische Thema mich denn gerade am meisten beschäftigt: Ich hätte eigentlich Julian Reichelt und die Bild sagen müssen, das fiel mir da gerade aber nicht ein – also sagte ich: Die Berichterstattung um Gil Ofarim. Worauf er meinte, dass das ja wirklich ein spannendes Thema sei, und er fände das, was ihm da passiert sei, schlimm sei. Ich antwortete kurz, dass da momentan nicht ganz klar sei, ob die Geschichte so passiert sei. Er: Das habe er noch nicht mitbekommen. Und gebe es denn noch ein zweites Thema? Ich: die Koalitionsverhandlungen. Woraufhin er anfing, seine Ansicht dazu zu erzählen.
Auf einen Smalltalk hatte ich nun wirklich keine Lust, und deshalb hakte ich ein und frage, ob wir uns denn auf die Fragen konzentrieren könnten.

Und es folgten Fragen wie die nach der Partei, die ich am kommenden Sonntag wählen würde. Und die bei der Landtagswahl. Und ob ich glaube, dass sich die Situation in Deutschland bessern werde. Noch ein paar Umweltfragen. Und andere Gedöns. Er hat offenbar alles an Fragen abgefeuert, die er so auf seinem Bildschirm hatte.
Ob ich denn gern ab und zu Fragen per E-Mail beantworten wollen würde, da mache Spaß, sagte er. Ich verneinte. Nach zehn Minuten (oder waren es mehr?) waren wir durch. Und sehr bald bin ich Teil von Forsa-Ergebnissen…

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2G in Zeiten des Coronavirus

Dienstag, den 12. Oktober 2021
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Es sind noch viele Stühle frei im Theater. Die Show beginnt in zehn Minuten. Freie Stühle sind üblich in Zeiten des Coronavirus. Abstand und so. Und Masken.
Im Theater allerdings hat niemand Masken auf, und kurz bevor es wirklich los geht, kommt noch eine große Gruppe von Leuten. Alle wollen sie noch rein ins Theater. Der Raum füllt sich, und inzwischen ist fast jeder Platz besetzt.
Ich stehe vor der Tür, sehe rein.
Ein volles Theater. Wie lange habe ich das nicht mehr gesehen? Wie lange war ich nicht mehr in einem vollen Theater? Wie lange schon ist es her, dass Abstände keine Rolle gespielt haben? Und wir keine Maske tragen mussten?
Ich gehe rein, ins volle Theater.

Was heute irgendwie seltsam war, das war noch Anfang März 2020 ganz normal. Ins Theater gehen. Mit Leuten eng zusammensitzen. In großen Gruppen Spaß haben.
Aber es könnte der Beginn der neuen Normalität sein.

Im Kremmener Theater “Tiefste Provinz” präsentierte Ausbilder Schmidt am Montagabend sein neues Programm. Und was früher ganz normal war, ist heute besonders: Er trat vor vollem Haus auf.
Mehrfach verschoben, konnte der Abend nun stattfinden. Unter einer Bedingung: 2G. Nur wer geimpft oder genesen ist, durfte ins Theater. Unter anderen Umständen – auch mit 3G – wäre aus diesem Abend nicht geworden. Denn 3G bedeutet: weiterhin Abstände, Maske tragen. Aber die Tickets waren schon verkauft, und nun musste überlegt werden, es es weitergehen soll.
Nur sechs Leute haben abgesagt, als es hieß, dass die 2G-Regel für den Abend gilt. Es habe Verständnis geherrscht, sagt Betreiber Andreas Dalibor.

Und so sitze ich in einem vollen Theater, allerdings in der letzten Reihe. Ich sitze also nicht mittendrin, sondern am Rand. Aber dennoch: Dieses volle Theater zu sehen, war ein schönes Gefühl. Plus das Gefühl, sich erst wieder an die neue Normalität gewöhnen zu müssen. Aber auch die Erkenntnis: mach es, wenn die Gelegenheit da ist. Denn über kurz oder lang müssen wir uns wieder an Nähe gewöhnen. Um wieder normal zu werden. Aber auch, damit es weiterhin so ein Theater wie das in Kremmen gibt. Das rechnet sich nur mit einem gut gefüllten Saal.

Angesichts der Tatsache, dass inzwischen wohl mehr als 80 Prozent der Erwachsenen geimpft sind, halte ich die 2G-Regel in solchen Fällen für absolut gerechtfertigt. Auch für Clubs und Discos ist das nun die einzige Chance, wieder ans Netz zu gehen.

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Leipzigs hässliche Antisemitismus-Fratze

Mittwoch, den 6. Oktober 2021
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“Packen Sie Ihren Stern ein.”
Willkommen in der Messestadt Leipzig. Willkommen im Westin am Leipziger Innenstadtring. Das heißt, einer war nicht Willkommen, jedenfalls nicht mit einem Davidstern an seiner Halskette.

Der Musiker Gil Ofarim erzählte seine schockierende Geschichte in einer Story auf Instagram. Er wollte ins besagte Hotel einchecken. Aber erst habe man ihn in der Schlange ignoriert, dann habe er auf sich aufmerksam gemacht.
Aber erst rief jemand von der Seite, dass er den Stern abnehmen solle, so sagte es dann auch der Typ am Empfang. Der Davidstern, den Ofarim am Hals trug, sorgte dafür, dass er nicht ins Hotel gelassen werden sollte.
Antisemitismus von der übelsten Sorte, in Deutschland, 2021.
Gil Ofarim kämpfte zwischenzeitlich mit den Tränen, als er das erzählte.

Schockierend ist auch, dass es sich um einen Hotelangestellten handelte. Ein Typ, der internationale Gäste empfängt, der für ein an sich weltoffenes Haus arbeitet. Wie konnte er glauben, dass er mit dieser Aktion durchkommt.
Vermutlich kannte er Gil Ofarim nicht. Vielleicht hätte er den Promi Ofarim nicht behelligt. Was aber das perfide Denken des Hotelangestellten erst recht zeigen würde.

Das Westin hat reagiert, die betroffenen Mitarbeiter sind beurlaubt. In der Leipziger Volkszeitung wird die stellvertretende Hotelmanagerin Antje Reichstein so zitiert: „Wir sind ein weltoffenes Hotel und lehnen jede Form von Intoleranz, Diskriminierung und Antisemitismus auf das Schärfste ab. Deshalb sind wir über die unerträglichen Vorwürfe von Herrn Ofarim besorgt und alarmiert. Antisemitismus ist nicht entschuldbar und wird in ihrem Hotel nicht geduldet.”

Nun gibt es vielleicht einige, die sagen, die Sache werde aufgebauscht. Nein, wird sie nicht. Denn der Fall zeigt: Wenn so etwas einem Promi passiert, der seine Reichweite nutzt, um seine Geschichte zu erzählen und zu erreichen, dass sie bekannt wird – wie es muss es erst den vielen Menschen gehen, die Ähnliches erleben, aber nicht die Bühne bekommen, es öffentlich zu machen?
Antisemitismus ist und bleibt ein deutsches Problem. Dem müssen wir uns entgegen stellen. Immer wieder.

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Otto – Der Film

Dienstag, den 5. Oktober 2021
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SA 02.10.2021 | 20.15 Uhr | zdf neo

Otto hatte mal wieder drei Probleme. Eines davon: Er hatte kein Geld. Was ihm helfen konnte, war ein Neger. Bimbo, so nannte er den Neger, den er zufällig auf der Straße traf, verkaufte er an eine reiche Ministergattin als Sklaven, von der er wenig später ein paar Scheine bekam, und weil das zu wenig war, nahm er Bimbo, den Sklaven, gleich wieder mit.
Das war 1985 in “Otto – Der Film”. Er lief am Sonnabendabend mal wieder auf zdf neo.

Ab, Moment mal: Neger? Ein Schwarzer als Sklave? Und dann auch noch mit Namen Bimbo?
Das ist doch… also… das kann doch nur RASSISTISCH sein!!!
Oder auch nicht.

Um “Otto – Der Film” gab es kürzlich eine Rassismusdebatte. Eine von vielen. Es wurde darüber gestritten, was man denn mit mehr oder weniger historischen Comedynummern macht, in denen deutsche Comedians Asiaten mit Schlitzaugen gespielt haben, sich schwarz geschminkt haben, um Schwarze zu spielen, die Inder mit entsprechendem Dialekt gespielt haben oder sich als schwule Kreischtucken in Filmkulissen gestellt haben.

Darüber muss man sprechen, denn aus heutiger Sicht, sagen viele Menschen, gehen Witze, die man 1995 oder 2005 gemacht hat, nicht mehr. Witze, die Minderheiten beleidigen, sich über andere Ethnien lustig machen oder sexistisch sind.
So wurden in den USA ganze Folgen von Serien gelöscht, weil da Schauspieler Blackfacing betreiben, “Little Britain” ist teilweise nicht mehr zu sehen, weil sich auch da, wie es heißt, über Minderheiten lustig gemacht wird.
Ja, gelöscht – weg damit.

Allerdings: Löschen ist falsch. Einfach unter den Tisch fallen zu lassen, ist nicht der richtige Weg. Aus den Augen, aus dem Sinn bringt nur wenig. Man muss die Szenen weiter zugänglich machen. Um sie in die Zeit einzuordnen, um sie aus heutiger Sicht beurteilen zu können. Um zu sehen, was damals eventuell nicht so gut war.
Denn, ganz klar: Solche Szenen fallen heute auf. Man macht sich Gedanken, ob man da so heute auch noch machen kann. Wenn man sich beispielsweise alte Folgen von “Kalkofes Mattscheibe” von 1998 ansieht, wird es dort auch Momente geben, bei denen man sagt: Das würde er heute so nicht mehr tun.

Und Otto? Ottos erster Film war gar nicht rassistisch. Denn im Film ging es nicht darum, sich über “Neger” lustig zu machen. Günther Kaufmann ist dunkelhäutig, und er spielte den Mann, den Otto als Bimbo als Sklave an die reiche Tussi verkaufte. Die Frau, für die Sklavenhandel mit “Negern” völlig normal zu sein schien. Das ist der Witz – der sich gegen die Frau richtet und nicht gegen den Schwarzen. Otto machte sich in dem Film genau darüber lustig – über den Alltagsrassismus von solch gutbürgerlichen Damen.

Auch in diesen Rassismusdebatten über alte Filme, Serien oder Sketche, muss man immer betrachten, welches Ziel ein Gag hatte. Geht es einfach nur darum, irgendwie lustig zu sein wollen oder geht es darum, was aufzuzeigen? Otto ging es 1985 um Letzteres.

-> Der Film in der ZDF-Mediathek (bis 10. Oktober 2021)

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