RT liest

Ines Geipel: Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass

Sonntag, den 13. Oktober 2019
Tags:

Seit einigen Jahren rückt Deutschland wieder stärker nach rechts. Vor allem Ostdeutschland rückt nach rechts. Dabei geht es um die Frage: wieso? Wieso wählen ein viertel der ostdeutschen Wähler eine Partei, die ganz klar rechtsextremistische Züge aufweist.

Ines Geipel schreibt in ihrem Buch über die “Umkämpfte Zone”, über ihren Bruder, den Osten und den Hass. Sie berichtet von ihrer Familie. Von ihrem Vater, der für die Stasi arbeitete, vom Schweigen, das ansonsten darüber in der Familie herrschte, Sie erzählt von ihrem Bruder, von seinem Tod und den vielen Erinnerungen an damals.
Sie arbeitet sich aber vor allem an der Art und Weise, wie in der DDR erinnert worden ist. Daran, dass vor allem geschwiegen worden ist. Eine richtige Aufarbeitung der Nazizeit habe im Osten kaum stattgefunden. Selbst als die Gefangenen aus den russischen Lagern zurückkehrten, hatten die ihren Mund zu halten. Rechtsradikale Vorfälle, wie es sie schon zu DDR-Zeiten in Sachsen gab, sind totgeschwiegen worden. So wird auch an einen Prozess in den späten 80ern in Oranienburg erinnert, als Neonazis vor Gericht standen.

Es geht um Verdrängung und Verleugnung. Darum, dass die Wiedervereinigung ja “nur” ein Beitritt der DDR an die Bundesrepublik war und für die “Wessis” kaum Veränderungen brachte – stattdessen fielen viele Ostdeutsche durchs Netz. Und erneut diese Sprachlosigkeit, das Nichtansprechen von bestimmten Themen , das Nichtdiskutieren von wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Das Buch beginnt ganz stark, als Ines Geipel die letzten Momente mit ihrem Bruder beschreibt. Danach kommt ein schreiberischer Bruch, wenn der Dokumentarstil angenommen wird. An einigen Stellen ist die geschichtliche Betrachtung ein wenig langatmig geworden, die Analyse am Ende ist dann aber wieder sehr spannend.
Ein wichtiges Buch, wenn auch kein erfreuliches.

PS: Ein Satz im Beschreibungstext auf dem Buchrücken irritiert sehr: “Verlieren wir den Osten Deutschlands?”
Wer sagt den? Ines Geipel? Wer ist “wir”? Und wie soll ich diesen Satz als Ostdeutscher bewerten? Er klingt, als habe ihn ein Lektor in Westdeutschland geschrieben, und er ist an dieser Stelle aus vielen Gründen falsch und unpassend.

Ines Geipel: Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass
Klett-Cotta, 277 Seiten
7/10

Hits: 136

RTZapper

RTL Fußball: Deutschland – Argentinien

Samstag, den 12. Oktober 2019
Tags: , ,

MI 09.10.2019 | 20.25 Uhr | RTL

“Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche…”
“Halt die Fresse!”

Vor dem Fußball-Freundschaftsspiel von Deutschland und Argentinien sollte es am Mittwochabend eine Schweigeminute geben. In Dortmund sollte an die Ereignisse von Halle gedacht werden – und vor allem an die Opfer des rechtsextremen Amokschützen, der einen Angriff auf das jüdische Leben in Deutschland starten wollte.

RTL übertrug das Spiel und somit auch die Schweigeminute. Es ist nicht einfach, in einem großen Stadion für echte Ruhe zu sorgen.
Ein Typ fand es ganz offenbar schrecklich lustig und geistreich, die Nationalhymne zu singen. Ob er rechtsextrem, abgrundtief dämlich oder beides ist, kann man nur vermuten. Jemand anderes brüllt ihn jedenfalls nieder.
Dass eine Schweigeminute mit Jubel und Gelächter endete – auch Nationalspieler Serge Gnabry musste lachen – ist, nun ja, ungewöhnlich, aber in dieser Situation sicherlich nicht zu ändern gewesen.
Dass es jemanden gab, der Zivilcourage hatte und einfach mal dazwischenzubrüllen, ist gut. Man hätte vielleicht danach kurz mal überlegen sollen, einfach die Schweigeminute zu verlängern, gern auch nach einer weiteren kurzen Ansage. So von wegen: Nationalhymne singen wir später. Wenn es passt.

-> Die Szene auf Youtube

Hits: 99

KeineWochenShow

#143 – Wie könnt ihr es wagen?

Sonntag, den 29. September 2019
Tags: ,

Eine wütende Greta Thunberg sprach in dieser Woche auf dem UN-Klimagipfel. Das ist auch ein Anlass, uns mal wieder länger über dieses Thema zu unterhalten. “Wie könnt ihr es wagen?”, ruft Greta, und eigentlich ist es ja das, was wir auch gern mal den Politikern zurufen wollen. Dabei ist das mit dem Umweltschutz alles gar nicht so einfach, und die Gräben zwischen den Lagern wird auch immer tiefer. Und wie gut sind sie denn eigentlich, die angeblichen Alternativen?

Wir sprechen auch über die Hassbotschaften, die sich Renate Künast nun offenbar ganz offiziell anhören darf. Dazu gibt es wieder einen CD- und einen Kinotipp, außerdem ein Bier – und noch einiges mehr in KeineWochenShow #143 auf Youtube.

Hits: 154

RTelenovela

Knatter sie doch mal so richtig durch!

Freitag, den 20. September 2019
Tags: ,

Beleidigungen sind im unsozialen Netzwerk an der Tagesordnung. Auf Facebook oder Twitter wird gehasst, gedisst, da werden Leute niedergemacht und übel beschimpft.
Was aber kann man dagegen tun? Diese Menschen anzeigen.
Die Politikerin Renate Künast hat sich gegen solche Beleidigungen gewehrt. Aber was der Richter da entschieden hat, das ist ein Witz, das ist erschreckend, das ist beschämend.

„Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird“, schrieb jemand. Das Gericht sagt, das sei „mit dem Stilmittel der Polemik geäußerte Kritik“.
Künast sei “vielleicht als Kind ein wenig zu viel gef…“ worden, schrieb jemand. Das sei, so das Gericht, „überspitzt, aber nicht unzulässig“.
“Sondermüll”, schrieb jemand. Das Gericht sagt, das habe „Sachbezug“.
„Stück Scheiße“, schrieb jemand. „Schlampe“, schrieb jemand. „Geisteskranke“, schrieb jemand. Das Gericht sagt, dass man Renate Künast damit nicht beleidige, es sei eine „Auseinandersetzung in der Sache“.
“Drecks Fotze”, schrieb jemand. Das Gericht sagt, der Kommentar “bewegt sich haarscharf an der Grenze des von der Antragsstellerin noch Hinnehmbaren.“

Unsere Sprache verroht. Oder eigentlich sind es die Menschen, die verrohen. Die keine Manieren mehr haben, kein Taktgefühl, dafür aber viel Hass, viel Gram.
Wenn ein Gericht nun sagt, das sei alles vollkommen okay, dann ist das bedenklich. Denn es gibt den Hatern recht. Ein Recht, das man ihnen nicht geben darf.

Hits: 120

RTZapper

Hirschhausen im Hospiz

Donnerstag, den 19. September 2019
Tags: ,

MO 16.09.2019 | 20.15 Uhr | Das Erste

Das passiert viel zu selten. Zur Primetime beschäftigt sich das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen mit den ganz elementaren Fragen der Menschheit.
“Stellen Sie sich vor, Sie sind weg, es gibt Sie nicht mehr. Sie sind tot. Für wen ist das eigentlich schlimm? Für Sie selber oder für alle, die noch weiterleben?”
Diese Frage stellte uns Eckart von Hirschhausen am Montagabend im Ersten. 45 Minuten lang drehte sich alles um das Sterben und um den Tod. Und das auf eine nachdenkliche, aber auch erfreulich lockere Art und Weise.

Es ging darum: “Wie gelingt ein Leben, wenn einem die Endlichkeit bewusst ist, wenn man nur noch wenige Tage zu leben hat? Was verschiebt sich da an Prioritäten und müssen wir eigentlich Angst vor dem Sterben haben?”
“Hirschhausen im Hospiz” hieß die Doku, und Hirschhausen ging dahin, wo die Menschen sterben. Wir sehen einen Ort, an dem aber keine gedrückte Stimmung herrscht. Den Sterbenden sollen die letzten Tage so schön wie möglich gemacht werden. Der Tod ist traurig genug, da muss man im Hospiz nicht noch traurige Stimmung verbreiten.

Auch wurde gezeigt, woran die Menschen eigentlich sterben. Der Gedanke, dass jedes Jahr in Deutschland eine Million Menschen sterben – oft einfach so sterben, weil sie alt sind – das ist ein so erstaunlicher, wie schlimmer. Denn uns wird vor Augen geführt: Wir sind alle mal dran.

In der Doku lernen wir Menschen kennen, die sterben. Aber auch Menschen, die Abschied nehmen müssen, und die am Ende sagen: Die Zeit, als der Angehörige starb, war die intensivste des bisherigen Lebens.
Dieser Film machte uns klar, das Beste aus dem Leben zu machen. Und auch das Beste aus dem Sterben. Eine wichtige Doku.

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 16. September 2020)

Hits: 113

RTelenovela

Guckt mal, was ich gestern im Wald erlebt habe

Donnerstag, den 19. September 2019
Tags: , ,

Birkenwerder hat ein Wildschwein-Problem. Die Viecher rennen durch den Ort und durchpflügen die Gärten. Die Leute machen sich Sorgen und fordern, dass die Gemeindeverwaltung endlich handelt.

Da passte am Mittwochmittag ein Post in der Birkenwerder-Facebook-Gruppe. Jemand hat ein Video gepostet. Zu sehen ist ein Lkw im Wald. Hinten öffnet sich die Klappe und Dutzende junge Wildschweinchen rennen raus. Gefilmt von einer Person mit Handy, zu sehen ist auch der Fahrer, der die Tiere seelenruhig rausrennen lässt.
Unter dem Video auf Facebook stand: “Der Wahnsinn…… Guckt mal was ich gestern im Wald erlebt habe. Deutscher LKW. Kein Wunder, daß wir so ein Problem mit den borstigen Freunden haben….” Dahinter ein Smily.

“Und da hast du nicht die Polizei gerufen?”, fragt jemand, und der Mann, der das Video eingestellt hat, antwortet: “Ich war so überrumpelt… Ich habe nicht daran gedacht.”
Vielleicht weil er gar nicht im Wald war, das Video nicht gemacht hat, das Video nicht in Birkenwerder entstand, und die ganze Sache überhaupt eine Lüge war.

Das sieht derjenige ganz anders. Ein Scherz sei es gewesen, und auch ein paar andere Kommentatoren fanden, dass das ja ganz harmlos gewesen sei.
Mag sein. Aber es ist ein schlechter Scherz. Stellt jemand ein Video rein und behauptet, er habe es gemacht, ist es ein Scherz. Ist es auch ein Scherz, wenn jemand sagt, er habe ein Video gemacht, wie ein Asylbewerber irgendwas angeblich Schlimmes tut und sich rausstellt, das Video ist uralt und zeigt was ganz anderes? Ist es auch ein Scherz, wenn jemand sagt, Herr XY habe ein Kind unfein angefasst – was sich dann aber auch als unwahr rausstellt.
Alles nur Scherze?

In Wirklichkeit sorgen genau solche “Scherze” für die Spaltung der Gesellschaft. Dafür dass die einen Angst haben, die anderen sich drüber lustig machen und beide Seiten darüber streiten. So machen das übrigens auch extremistische Parteien: Einfach mal was behaupten, um dann zu sagen, man habe das ganz anders gemeint oder es sei Satire gewesen. Die Behauptung aber ist in der Welt und lässt sich nicht mehr einfangen. Gerüchte oder Fakenews lassen sich schwer aufhalten.
So was sollten wir wirklich lassen.

Hits: 129

RTelenovela

München (22): Nachts, draußen

Freitag, den 6. September 2019
Tags: ,

(21) -> 7.8.2011

München, Rückkehr nach acht Jahren. Meinen ICE-Ausflug wollte ich auch nutzen, zwei Nächte in München zu bleiben. Natürlich mietete ich mich – wie damals auch – ins Hotel am Rotkreuzplatz ein.
Es hat drei Sterne, und seit 2011 hat sich dort fast nichts geändert. Das muss aber nicht immer gut sein, denn so langsam kommt es in die Jahre. Die Technik wirkt alt, die Möbel haben Schrammen. Im kleinen Ein-Bett-Zimmer ist die Courch überflüssig, stattdessen wären Stuhl und Tisch schön. Aber das Frühstück ist toll, die Zimmer an sich nett, der Blick auf den Rotkreuzplatz schön, und in die City ist es auch überhaupt nicht weit.

Der Rotkreuzplatz ist bei den Menschen offenbar sehr akzeptiert und angenommen. Vom Morgen bis zum frühen Abend ist dort viel los. Die Menschen sitzen bei schönem Wetter auf den Bänken, es gibt ein paar Bäume, am Rande ein Café mit vielen Tischen draußen. Und wenn Markt ist, dann ist besonders viel los. Ein sehr lebendiger Platz, und das ist das beste, was einem Stadtteil passieren kann.

Wenn man vom Hauptbahnhof in Richtung Karlsplatz/Stachus geht, dann fällt das sehr schnell auf. In diesem Viertel halten sich scheinbar viele Türken und andere Südeuropäer und andere Nationalitäten auf. Die Stimmung ist eine ganz andere als in der Innenstadt. Das macht einen keine Angst, aber es fällt auf. Auf dem Gehweg wartet ein Bettler ohne Beine auf Spenden – und schreit den Leuten in einer fremden Sprache wütend hinterher. Es scheint, als müsse man froh, dass er keine Beine hat, sonst müsste man fürchten, dass er die Leute anpackt, so wie er sie anschreit.
Und noch etwas fällt auf, zumindest rund um den Stachus fällt das extrem auf: Dort gibt es sehr viele Obdachlose. Sie liegen in den Hauseingängen, teilweise liegen in Kaufhauseingängen ganze Familien oder Gruppen. Sie hüllen sich in Jacken ein, Tüten und Taschen liegen dort, einige noch eine Schüssel, in die Geld geworfen werden kann.
Diese Bilder passen irgendwie gar nicht zum reichen Bayern, darüber scheint irgendwie nicht gesprochen zu werden, vielleicht will das auch keiner wahrhaben. Aber in so einer Konzentration habe ich das selbst in Berlin noch nicht gesehen.

Hits: 113