RT im Kino

Je suis Karl

Mittwoch, den 22. September 2021
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Das Grauen kommt unvermittelt. Er hat ein Paket für eine Nachbarin entgegengenommen. Er hat es in seine Wohnung gebracht. Er hat seine Frau begrüßt und die beiden kleinen Söhne. Er hat den Wein im Auto vergessen. Er ist noch mal raus. Er steht auf der anderen Straßenseite.
Und dann knallt es. Gewaltig. Eine Explosion. Staub.
Er sieht auf das Haus, in dem er wohnt. Es ist nur noch Schutt und Asche.
Alex (Milan Peschel) verliert seine Frau und seine beiden kleinen Söhne. Seine Tochter Maxi (Luna Wedler) war gerade unterwegs. Schock. Alex und Maxi sind traumatisiert.
Und Berlin trauert. Und es herrscht Wut. Ein islamistischer Anschlag, heißt es.
War das so?
Als Maxi am Unglücksort von einer Reporterin bedrängt wird, hilft ihr ein junger Mann, aus der Situation rauszukommen. Karl (Jannis Niewöhner) ist ihr sympathisch. Sie kommen ins Gespräch, und Karl will sie von ihrem Trauma befreien. Aber Karl hat noch ganz andere Dinge vor. Europa befreien. Europa verändern. Europa erneuern.

Dieser Film lässt einen verstört zurück. Denn er stellt Thesen auf, über die zu diskutieren ist. Es geht um die Frage, wie bestimmte Gruppen versuchen, die Macht zu ergreifen. Auf welche Weise sie die Gesellschaft spalten und in Aufruhr versetzen wollen. Mit welchen perfiden Methoden auf cool gemacht wird, aber man eigentlich ein Bauernfänger ist.
“Je suis Karl” heißt der hochexplosive Film von Christian Schwochow, der ein düsteres Bild des rechtsextremen Untergrunds zeigt. Es geht um die Frage, wie sich der rechte Rand mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft schiebt. Vorbild für den Film sind die Machenschaften der Identitären Bewegung, die genau dieses Ziel verfolgt: die Mitte erreichen. Mit Videos, in denen Frauen über ihre Ängste reden – selbst wenn es gar nicht ihre eigenen sind, sondern nur gespielt sind. Angst machen, Hass schüren, spalten.
Der Satz “Je suis Karl”, der sich an “je suis Charlie” anlehnt, hat in diesem Film eine hochdramatische Bedeutung, und Alex spricht das Ungeheuerliche irgendwann aus: Machtergreifung.
Wer sagt, dass die Handlung des Films weit hergeholt ist, unterschätzt die neurechten Bewegungen, die weltweit aktiv sind. Wer diesen Film sieht, wird unweigerlich an die versuchte Stürmung des Berliner Reichstags denken und die Stürmung des Capitols in Washington. An Gewaltausbrüche, wie sie in den USA oder Frankreich passiert sind – oder beim G20-Gipfel in Hamburg.
Der Film soll dazu führen, ins Gespräch zu kommen. Zu diskutieren, wie weit wir eigentlich sind. Wie geschützt oder ungeschützt wir sind. Ob Deutschland, die Deutschen noch besonnen genug sind, sich nicht spalten zu lassen.
Ohne Frage ist “Je suis Karl” ein wichtiger Film, vielleicht der wichtigste des Jahres.
PS: Milan Peschel, gerade auch klamaukig in “Beckenrand Sheriff” zu sehen und auch aus Til-Schweiger-Klamauks bekannt – spielt hier den traumatisierten Familienavter auf ganz starke Weise. Ausnahmsweise mal in einer sehr ernsten Rolle.

-> Trailer auf Youtube

Je suis Karl
D 2020, Regie: Christian Schwochow
Pandorafilm, 126 Minuten, ab 12
9/10

Hits: 91

RT im Kino

Die Unbeugsamen

Samstag, den 11. September 2021
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Es gab Zeiten, da saß eine (ja, eine) Frau im Regierungskabinett, und die Anrede des Vorsitzenden war dennoch “Meine Herren”. Schließlich sei die Frau unter den vielen Herren schließlich auch ein Herr.
Es gab Zeiten, da mussten sich Frauen im Bundestag anhören, dass sie wohl schon lange keinen Herren mehr abbekommen hätten.
Es gab Zeiten, da befummelte ein Politiker eine Politikerin von hinten, um zu testen, ob sie denn einen BH anhatte – weil er mit der Fraktion gewettet hat.
Es gab Zeiten, da schien es unmöglich, dass eine zweite (!) Frau Mitglied der Bundesregierung werden könnte. Und als es die zweite Frau geschafft hat, wurde sie später weggelobt, weil sie als Ministerin leider etwas genervt hat.
Die Zeiten gab es. Bis zu den frühen 90ern.
Und so richtig vorbei ist diese Zeit eigentlich auch noch nicht.

All das ist in der spannenden Doku “Die Unbeugsamen” zu sehen. Torsten Körner blickt zurück auf die Bonner Republik, auf einen Bundestag voller Männer, die sich über Frauen beömmeln. Wo Frauen darum kämpfen mussten, überhaupt etwas zu sagen zu haben.
Die waren die Wegbereiterinnen der Gleichberechtigung: In Interviews erzählen Herta Däubler-Gmelin (SPD), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Ursula Männle (CSU), Christa Nickels (Die Grünen), Ingrid Matthäus-Maier (FDP/SPD), Renate Schmidt (SPD), Rita Süssmuth (CDU) und andere ehemalige Politikerinnen, wie sie die damalige Zeit erlebt haben. Von Vorurteilen, Diskriminierungen und sexueller Belästigung – verbal und real.

Sieht man das alles im Jahr 2021, dann stockt einem manchmal der Atem. Hass und Häme, teilweise gerade mal 30 oder 40 Jahre her. Was sie Frauen damals alles anhören mussten, ist krass. Wie sich die Herren in ihrer Macht sonnten, ist bedrückend und sorgt heute für Fremdscham.
Was aber auch auffällt: Damals echauffierte sich die Herrenwelt darüber, dass sie künftig “Meine Damen und Herren!” sagen sollten. Oder “Frau Ministerin”. Man musste sich umgewöhnen, und es war ungemütlich. Dieselbe Diskussion führen wir heute über das Gendersternchen, über den Umstand, dass es nonbinäre Menschen gibt. Und wieder ist es ungemütlich, und Leute regen sich auf, dass das Geschriebene komisch aussehe. All das sieht man in der “Frauenvariante” in dieser Doku über “Die Unbeugsamen”.
Ein wichtiges Zeitdokument.

-> Trailer auf Youtube

Die Unbeugsamen
D 2020, Regie: Torsten Körner
Majestic, 100 Minuten, ab 12
8/10

Hits: 172

RTZapper

ProSieben. Das Thema: Deutschland radikal – Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet

Mittwoch, den 8. September 2021
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MO 06.09.2021 | 20.15 Uhr | ProSieben

Verblendung und Hass. Jagd auf Andersdenkende. Bedrohungen. Gewaltbereitschaft. Eine gefährliche Mischung.
Deutschland ist in den vergangenen beiden Jahren nicht nur von einem Virus bedroht worden, sondern von mindestens zwei. Auf der einen Seite das Coronavirus und die Folgen und Gegenmaßnahmen. Auf der anderen Seite diejenigen, die das alles nicht glauben und überall Verrat wittern.

ProSieben widmete sich am Montagabend zur besten Sendezeit einem explosiven Thema: dem Hass. Wo kommt der Hass her? Und wer schürt diesen Hass? “Deutschland radikal – Wie Hass unsere Gesellschaft spaltet”.
Zum Beispiel die Bild-Zeitung. Chefredakteur Julian Reichelt sagt im Interview mit Thilo Mischke, dass es ihm egal sei, was die Berichterstattung auslöse. Er wolle berichten, welche Folgen das habe, sei ihm egal. Verantwortungsvoller Journalismus geht anders, und Reichelt und seine Leute erweisen sich mehr und mehr als geistige Brandstifter – wie Reichelt in dieser Doku bewies.
Zum Beispiel der Sender, der von der russischen Regierung bezahlt wird. In einem Livestream von einer Demo werden Lügen verbreitet, und man tut so, als vermute man nur, stellt die Lügen dann aber doch als Fakten dar – und die verbreiten sich. Mischke und die Antifa würden zusammenarbeitet, sagt der Journalist des Propagandasenders. Das ist falsch.

Anhänger einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen wollen nicht gefilmt werden. Dafür filmen sie die unliebsamen Journalisten, bedrängen sie. Sie fordern Grundrechte – aber nur für sich, nicht für die anderen. Demoteilnehmer schreien Journalisten an, bedrängen sie, schlagen sie – und beschweren sich, sie würden provoziert, und man würde sie bedrängen. Leute, die von einer Diktatur faseln und in einer Diktatur längst weg vom Fenster wären.
Man fragt sich, was in diesen Leuten vor sich geht. Ist das die totale Verblendung? Ist es Dummheit? Oder die schlichte Angst, in einer komplizierten Welt nicht mehr die einfachen Antworten finden zu können?

Es ist eine Doku, die nachdenklich macht – und auch wütend. Und es stellt sich die Frage, wie man mit solchen Menschen eigentlich noch diskutieren kann, die sich ja eh nichts mehr sagen lassen. Das macht ratlos.

-> Die Doku bei Joyn

Hits: 133

RTelenovela

Kommt die Polizei, hat der Suffpöbel Schiss

Dienstag, den 31. August 2021
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Wie von der Tarantel gestochen rennt ein Besoffener auf einen anderen Besoffenen zu. Der andere steht neben seinem Fahrrad, und vielleicht hat er was gesagt, was dem ersten Besoffenen nicht passt. Vielleicht ist es auch nur seine bloße Anwesenheit. Der erste Besoffene stürmt auf den anderen zu und tritt so heftig gegen sein Fahrrad, dass einige Einzelteile auf die verkehrsberuhigte Limmerstraße fallen.
Schreiend rennt der erste Besoffene wieder weg, der zweite Besoffene schreit ebenfalls. Sie brüllen sich weiter an, bis Besoffener 1 wieder auf den den Besoffenen 2 zurennt. Diesmal schmeißt er das Fahrrad brutal um und tritt noch zweimal dagegen. Kurz sieht es aus, als würde er dem Fahrradbesitzer noch eine reinhauen wollen. Aber er macht es nicht. Stattdessen geht er wieder auf den Platz zu, wo noch ein paar andere Typen rumstehen.

Auch in Hannover gibt es Polizeistreifen, und vermutlich zufällig kommt gerade eine. Vielleicht hat auch – während ich Geld aus der Sparkasse abhob – jemand die Polizei angerufen.
Der Streifenwagen bleibt stehen, der Fahrradbesitzer ruft sie zu sich, er sagt, dass er angegriffen worden ist.
Der erste Besoffene hat mit der Polizei aber nicht so viel am Hut, denn er hat sich in der Zwischenzeit vornehm verpisst. Er läuft von der Szenerie weg.

Es sieht kurz aus, als würde der Streifenwagen ihn verfolgen, aber als der Typ rechts in eine Straße biegt, fährt der Polizeiwagen kurz darauf geradeaus weiter.
Amateure.

Hits: 104

RTelenovela

Party vs. Quarantäne in Zeiten des Coronavirus

Dienstag, den 10. August 2021
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Normalerweise ist ja eine Einschulungsfeier kein Grund, dass die Polizei anrückt. In Borgsdorf war am Wochenende anders.
Das Problem: Die Familie kam aus dem Urlaub und hätte sich eigentlich noch zwei Tage in Quarantäne befinden müssen. Da ist es eher blöd, wenn man sich noch diverse Leute in diese Quarantäne einlädt.
Irgendwer muss davon Wind bekommen haben, denn plötzlich stand die Polizei mit mehreren Streifenwagen vor der Tür. Die Party wurde beendet, es wurden diverse Platzverweise ausgesprochen, wie es die Polizei ausdrückt.

Und was regt die Leute auf? Nein, nicht dass andere Leute die Quarantäne ignorieren. Sondern, dass es andere Leute gibt, die in so einem Fall die Polizei ruft.
Nun ist es ja mitunter tatsächlich unangenehm, wenn die Nachbarn als Blockwarte aufführen und Lärm anzeigen, von nächtlichen Lärm vorm Fenster genervt sind oder eben darauf achten, ob eine Quarantäne eingehalten wird.
Andererseits findet man das aber auch immer nur dann unangenehm, wenn man selbst von solchen Maßnahmen betroffen ist. Die Frage ist ja: Wer ist da eigentlich ignorant und nervig?

Denn ist es nicht eigentlich hochgradig verantwortungslos, statt die Quarantäne zu halten, eine Party zu veranstalten? Hätte man die Einschulungsparty nicht einfach um eine Woche verschieben können (immerhin geht das Kind dann immer noch frisch zur Schule). Aber nein, stattdessen richtet sich der Hass gegen die, die das angezeigt haben. Irgendwie auch verkehrte Welt.

Hits: 105

RTZapper

3 1/2 Stunden

Sonntag, den 8. August 2021
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SA 07.08.2021 | 20.15 Uhr | Das Erste

Es sind schon viele Geschichten über den Mauerbau am 13. August 1961 erzählt worden. Es ist inzwischen 60 Jahre her, dass West-Berlin eingemauert worden ist – und sich damit aber eigentlich die DDR mit ihren Bürgern eingemauert hat.
Zum Jubiläum zeigte Das Erste mit “3 1/2 Stunden” einen eindrücklichen Film, der sich mit einem schrecklichen, geradezu unfassbaren Gedanken befasst.

Am 13. August 1961 ist ein Interzonenzug aus Bayern in Richtung DDR und Ost-Berlin unterwegs. Unterwegs erfahren die Menschen im Zug, dass die DDR die Grenze schließt.
Die schlimme, lebensverändernde Erkenntnis ist: Diese Fahrt entscheidet darüber, wie das Leben eines jeden Einzelnen weitergeht. Bleibt man im Zug, wird man in der DDR eingesperrt sein. Steigt man noch in Bayern aus – der Zug wird noch ein paarmal halten -, kann man im Westen bleiben – und unter Umständen von einem Moment zum anderen die alte Heimat verlieren.

“3 1/2 Stunden” erzählt die Geschichte von den Menschen in diesem Zug. Da gibt es eine Familie, die droht auseinandergerissen zu werden. Die Mutter ist linientreu, der Vater will gern im Westen bleiben. Die Tochter will im Osten Sporterfolge feiern. Wird es eine Trennung geben?
Die vier Mitglieder einer Band überlegen, ob sie noch in Bayern aussteigen oder weiterfahren. Unter ihnen ein schwules Paar, das im Westen mehr Schwierigkeiten haben könnte als im Osten, ein Jude, eine Stasimitarbeiterin. Alle machen sie Musik zusammen – auch künftig?

Sie alle haben dreieinhalb Stunden für eine Entscheidung. Es sind Momente, die mitunter herzzerreißend sind. Und es ist ein grundsätzlich krasser Gedanke, wie entscheidend solche dreieinhalb Stunden sein können.
Auf spannende Weise macht dieser Film klar, wie schicksalshaft der Mauerbau für die Menschen war. Die politische Komponente ist das eine – die menschliche das andere.

-> Der Film in der ARD-Mediathek (bis 6. September 2021)

Hits: 140

RTelenovela

Der Geruch der Frau P.

Donnerstag, den 5. August 2021
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Es ist ein merkwürdiges Geräusch, und es passt so gar nicht zum Film auf der großen Leinwand.
Jemand schnarcht.
Nun gut, es ist Sonntag, es ist auch schon nach 22 Uhr, und da kann man schon mal müde sein. Allerdings kann man das Nickerchen auch preiswerter haben als die 11 Euro Eintritt im Berliner Delphi Lux.

Der Herr ist schon vorher aufgefallen, denn er kam lange nach Filmbeginn in den Saal, er keuchte, er muss es eilig gehabt haben, um noch rechtzeitig anzukommen – was ihm nicht gelungen ist. Sein T-Shirt sah etwas verschwitzt aus. Seufzend ließ sich der stattliche Mann in seinen Sessel fallen.

Und manchmal ist es leider so, dass Menschen einfach ziemlich unangenehm sind. Denn der Herr schnarchte nicht nur ab und zu – meistens ist er relativ schnell vor Schreck wieder aufgewacht. Er roch auch. Und das sehr unangenehm. Obwohl ich gar nicht so dicht an ihm dran saß, wehte der Geruch rüber. Das fiel auch den Leuten auf, die auch in meiner Reihe saßen, und ich hoffte nicht, dass sie dachten, ich sei das.
Der Geruch erinnerte mich auf sehr unangenehme Weise an unsere alte Nachbarin schräg gegenüber. Frau P. hatte in ihrem Garten und im Haus diverse Katzen, unter anderem den fetten Pitti, vor dem ich als Kind Angst gehabt hatte. Frau P. roch dementsprechend muffig und nach Katzen. Und genau so roch der Typ – eine mehr als 35 Jahre alte Geruchserinnerung stieg mir in die Nase.

Kurz vor Schluss schnarchte der Typ dann sogar länger – dabei war der Film gar nicht so öde. Dafür ergriff er mit der ersten Abspann-Einblendung die Flucht – und alle anderen warteten ein wenig, bis der Herr sich wirklich entfernt hat.

Hits: 115