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Jan Hofer: Was haben Sie gemacht, als die Mauer fiel? Prominente aus dem Osten erinnern sich

Mittwoch, den 18. Oktober 2017
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Wer den 9. November 1989 in der DDR bewusst erlebt hat, der weiß auch heute noch, was er an diesem Tag getan hat. Wie er erfahren hat, dass in Berlin die Mauer gefallen ist. Wie es war, das erste Mal im Westen.
Der “Tagesschau”-Sprecher Jan Hofer hat mit zwölf ostdeutschen Prominenten darüber gesprochen, wie sie den Tag erlebt, was sie in den Wochen zuvor gemacht und wie sie überhaupt die Wende erlebt haben.

Es sind interessante Begebenheiten, die dort teilweise erzählt werden. Die Entertainerin Dagmar Frederic hat vor der Wende leiber nicht erzählt, wenn sie mit der Familie in Holland war, sie wollte ja niemanden traurig machen, sagt sie. Die erste freie Wahl 1990 hat sie geschwänzt, da musste erst Manfred Stolpe kommen, um ihr zu sagen, dass das wichtig sei.
Gunther Emmerlich dagegen durfte nicht in den Westen reisen, und auch Fernsehsendungen waren nie live – weil man Angst hatte, er sagt wieder was gegen die DDR.
Gregor Gysi erzählt, dass er am 10. November eine wichtige Gerichtsverhandlung hatte, und alle Beteiligten waren vom Mauerfall-Feiern ziemlich durch. Was er zu sagen hat, ist überhaupt extrem spannend. Denn er zeigt auf, dass die deutsche Einheit keine Einheit war. Der Westen wurde dem Osten übergestülpt. Was an sich in Ordnung ist – aber auch das Gesellschaftliche wurde nicht zusammengeführt, sondern es wurde übersehen, dass der DDR mehr ist als der bloße Staat, sondern dass auch Menschen dahinterstanden mit ihren Eigenheiten und kulturellen Besonderheiten. Gysi öffnet dem Leser darin wenig die Augen, denn wer darüber nachdenkt, sollte zu dem Schluss kommen: Er könnte Recht haben.

Alle Geschichten sind anders, und das macht es interessant. Da sind Entertainer, Politiker, Sportler und damals noch “einfache” Menschen, die da erzählen. Manchmal hätten die Gespräche ein wenig gekürzt werden können, andere wirken wie auf dem Fragebogen ausgefüllt.
Im Grunde ist über die Ereignisse des 9. November 1989 alles gesagt. Aber diese persönlichen Geschichten erweitern das Gesamtbild.

Jan Hofer: Was haben Sie gemacht, als die Mauer fiel? Prominente aus dem Osten erinnern sich
Bild und Heimat, 235 Seiten
7/10

RTelenovela

Die Wende brachte uns die B.Z. ins Haus

Freitag, den 6. Oktober 2017
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Meine erste Begegnung mit der B.Z. hatte ich am 10. November 1989. Damals titelte die Zeitung “Die Mauer ist weg! Berlin ist wieder Berlin!” Am Tag nach dem Mauerfall waren wir das erste Mal in West-Berlin, und damals war das natürlich DIE Schlagzeile.
Und irgendwie war die Boulevardzeitung damit zu einem Symbol geworden. Als wir das zweite Mal “rüber” fuhren, kauften wir uns die Zeitung. Erneut war eine fette Schlagzeile vorne drauf, und die Sache mit den fetten Schlagzeilen hat uns damals fasziniert. Immerhin gab es in der DDR ja keine Boulevardzeitung in dieser Machart.

Irgendwann gab es die B.Z. auch in Oranienburg zu kaufen, und ich kaufte sie jeden Tag. Die B.Z. war die erste (und eigentlich bis heute auch einzige) Tageszeitung, die ich mir tatsächlich so gut wie täglich kaufte. 60 Pfennig kostete sie anfangs.
Es dauerte einige Jahre, bis mein Interesse daran abebbte, in meiner Familie wurde sie jedoch noch sehr lange jeden Tag gekauft. ich finde sie inzwischen nicht mehr allzu spannend.

Jetzt feierte die B.Z. ihr 140. Jubiläum. Die erste Ausgabe erschien 1877, zwischen 1943 und 1953 pausierte das Blatt. Inzwischen läuft’s mit den Verkaufszahlen – wie überall – eher mau, sie kostet 1 Euro, und damit weit mehr als das Doppelte wie 1990.
Zum Geburtstag kaufte ich mir mal wieder eine Ausgabe mit dem Sonderhaft und einem Rückblick. Ein bisschen Nostalgie ist dabei. Herzlichen Glückwunsch!

RT im Kino

Dunkirk

Dienstag, den 1. August 2017
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Wie ist es im Krieg?
Furchtbar. Angsteinflößend. Zermürbend. Tödlich.
“Dunkirk” zeigt, wie es im Krieg ist.

Dünkirchen, 1940. Die deutschen Truppen marschieren in Richtung Westen. Die Männer der britischen und französischen Armee sollen unterdessen vom Strand in Dünkirchen aus per Schiffe ins nicht sehr weit entfernte Großbritannien gebracht werden. Es ist die “Operation Dynamo”. Doch die Männer sind am Strand eingekesselt, sie sind wie auf dem Präsentierteller und sind vielen Angriffen ausgesetzt.
Tommy (Fionn Whitehead) und Gibson (Aneurin Barnard) versuchen auf eines der Schiffe zu kommen, doch das scheint ein nahezu unmögliches Unternehmen zu sein. Und selbst auf einem Schiff sind sie alles andere als sicher.
Unterdessen versuchen Mr. Dawson (Mark Rylance), sein Sohn und dessen Freund mit seinem Privatschiff nach Dünkirchen zu schippern, um die Evakuierung zu unterstützen.
Pilot Farrier (Tom Hardy) will zugleich aus der Luft die Schiffe auf der See schützen – und muss mit seinen Kollegen immer wieder Angriffe auf feindliche Flieger starten.

Zu Lande, zu Wasser, in der Luft. Christopher Nolan zeigt in “Dunkirk” den Krieg auf drei Ebenen. Erzählt wird dabei aber immer dieselbe nervenzehrende Geschichte einer riesigen Evakuierungsaktion.
Es ist ein Film, der es nicht zulässt, mal kurz durchzuatmen. Ein Krieg lässt keine Atempausen zu. Es gibt keine Sicherheiten. Überall lauern Gefahren, überall droht der Tod.
Auf einer sehr eindrucksvolle Weise lässt Nolan das den Zuschauern spüren. Der Spannungsbogen ist extrem eng gestrickt. Auch die fast permanent bedrohliche Musik sorgt für die Anspannung. Die Musik signalisiert: Es ist nicht vorbei. Keiner ist sicher, die Bedrohungen enden nicht. So entsteht eine Beklemmung, die nie anzuhören scheint. Es ist eine Mischung aus Unruhe, auch Angst und Sorge. Ein Alptraum.
Es scheint, als ob in der großen Gruppe von Menschen jeder seine eigenen Entscheidungen treffen muss, es ist in der Menschenmasse eine erschütternde Einsamkeit, die dort gezeigt wird.
Auch wenn “Dunkirk” keine Doku ist – der Film wirkt wie eine Doku, da er über weite Strecken nur zu beobachten scheint. Irritierend ist an einigen Stellen nur, dass es bei einigen Szenewechseln einen Tag-Nacht-Wechsel gibt, der nicht erklärbar ist. Dass eigentlich hunderttausende Soldaten am Strand sind, es im Film aber wirkt, als seien es “nur” hunderte, ist aber noch verschmerzbar.
Von diesen wenigen Kritikpunkten abgesehen: Es gab im Kino schon unzählige Anti-Kriegs-Filme. “Dunkirk” ist nicht irgendein weiterer Vertreter dieser Gattung. Es ist nachhaltiges, eindrucksvolles Kino.

Dunkirk
GB 2017, Regie: Christopher Nolan
Warner, 107 Minuten, ab 12
9/10

RTelenovela

Danke, Helmut Kohl!

Samstag, den 17. Juni 2017
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Natürlich war es nicht Helmut Kohl, der für die Wende in der DDR gesorgt hat. Aber ohne Helmut Kohl wäre sie sicherlich anders verlaufen – vielleicht wäre sie sogar irgendwann noch im November 1989 unterbunden worden.

Deshalb ist Helmut Kohl vermutlich die Person, von der ich sagen kann, dass sie mein Leben nachhaltig beeinflusst hat. Er hat das natürlich nicht gewusst. Aber seine Politik hat dafür gesorgt, dass mein Lebenslauf von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten beeinflusst worden ist.

1989 hatte er einen guten Riecher, als er die Gunst der Wendestunde nutzte. Am 9. November fiel die Mauer. Kohl legte bei Michail Gorbatschow gute Worte ein, als er am 10. November wissen wollte, ob es eine Gefährdungslage in der DDR in Bezug auf sowjetische Einrichtungen gebe. Woraufhin Gorbatschow nicht eingriff. Kohl sah schnell, dass die deutsche Einheit das Ziel der Wende sein sollte. Er verhandelte in der DDR, in Europa, in den USA – überall. Er hatte viele Helfer, aber er war die treibende Kraft.

Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wären wir noch in der DDR. Ob ich ein Streberschüler geworden wäre? Hätte ich in der DDR das Abi geschafft? In die Partei eingetreten? Journalist geworden?
Noch heute – und vermutlich für immer – ist die Wende das Ereignis in meinem Leben, das mich wie kein anderes geprägt hat. Noch heute achte ich in Berlin auf die ehemaligen Grenzpunkte. Noch heute freue ich mich, wenn ich das Brandenburger Tor in Berlin sehe . durchlässig und frei. Es ist das Symbol der Freiheit.

Am 2./3. Oktober 1990 stand ich mit meinem Eltern auf der Wiese vor dem Reichstag in Berlin. Wir waren dabei, als die deutsche Einheit vollzogen wurde. Vorn standen Helmut Kohl und viele andere damalige Politiker.
20 Jahre danach, am 3. Oktober 2010, waren wir wieder am Reichstag, und Helmut Kohl war auch dort, damals schon im Rollstuhl. Aber es war ein bedeutender Moment.

Natürlich – er war immer auch umstritten. Er hat längst nicht alles richtig gemacht. Hat die Probleme im Osten damals unterschätzt. Hat in der Spendenaffäre Mist gebaut.
Aber seine Verdienste an der Wende – und an der europäischen Einigung – die bleiben.

Am Freitag ist Helmut Kohl gestorben.
Ein Abschied und irgendwie ein Ende einer Ära.
Danke, Helmut Kohl.

RT im Kino

Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen

Donnerstag, den 9. Februar 2017
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Die USA in den frühen 60ern: Noch immer gibt es getrennte Räume für Menschen mit weißer und schwarzer Haut. Im Bus. Bei den Toiletten. In den Bibliothek. Und selbst bei der NASA. Da haben schwarze Frauen nur Jobs, die nicht hoch dotiert sind.
Die Afro-Amerikanerin Katherine Johnson (Taraji P. Henson) ist eine kluge Frau, aber bei der NASA lässt man sich nicht machen – zumindest nicht an wichtigen Positionen. Als dann aber doch wichtige Untersuchungen scheitern, bringt sie sich mit ihren unfassbaren Rechenkünsten ins Spiel – unter anderem bei Al Harrison (Kevin Costner). Aber der Weg zur Gleichberechtigung bleibt hart.

“Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen” erzählt davon, wie arrogant das Verhältnis der weißen Menschen in den USA lange gegenüber den Afro-Amerikanern war. Da stellte man der schwarzen Kollegin eine Extra-Kanne auf den Tisch, weil sie den Kaffee der anderen nicht mittrinken soll. Und dass das so lange noch gar nicht her ist, lässt einen doch immer wieder staunen.
Der Film von Theodore Melfi ist durchaus spannend. Er erzählt seine Geschichte aber in einer Weise, die keiner Weise herausstechend ist. Das ist nicht negativ, er hat eine gute Geschichte zu erzählen, und er hat dafür tolle Darstellerinnen und Darsteller.
So ist “Hidden Figures” sehenswert, aber kein Meisterwerk.

Hidden Figures – Unbekannte Heldinnen
USA 2016, Regie: Theodore Melfi
Fox, 127 Minuten, ab 0
7/10

RTZapper

Landgericht – Geschichte einer Familie

Mittwoch, den 1. Februar 2017
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MO 30.01.2017 | 20.15 Uhr | ZDF

Ausgrenzung. Hass. Das Ausleben von niederen Instinkten.
Da ist die Frau, eine deutsche Frau, die deshalb Probleme bekommt, weil sie mit einem Juden verheiratet ist. Nicht nur er bekommt quasi ein Berufsverbot. Auch sie darf nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten. Sie erlebt Ausgrenzung. Männer von deutschen staatlichen Behörden, die diese deutsche Frau behandeln, als sei sie der letzte Dreck. Weil sie mit einem Juden zusammen ist. Männer, die sie schlagen, weil aus ihnen blanker Hass spricht.
Das war in den 30ern. Und nur ein Detail vom Grauen, das damals herrschte. Mitten in Deutschland, und daran muss man erinnern.

Es ist wohl kein Zufall, dass das ZDF an einem 30. Januar, dem Tag von Hitlers Machtergreifung 1933, den Beginn des Zweiteilers “Landgericht – Geschichte einer Familie” ausstrahlt.
Der Film zeigt, wie eine jüdische Familie durch das Naziregime auseinandergerissen wird. Wie diese Menschen schikaniert werden. Und das aus scheinbar willkürlichem Grund.
Wie das Naziregime ihre Allmachtsphantasien auslebt und Andersdenkende und -gläubige ausgrenzt und niedermacht.

Tendenzen, die auch heute wieder zu spüren sind. AfD-Hetzer dürfen abschätzig über das Holocaust-Gedenken sprechen, aber in der AfD findet man das nicht schlimm. Stattdessen wird über die gehetzt, die ihnen gegenüber kritisch sind. Stattdessen möchte man Kritikern einen Maulkorb überstülpen. Wie einst in der DDR und wie einst auch beim Regime davor. Die rechten Hetzer wollen scheinbar eine gleichgeschaltete Presse – eine ihnen wohlgesonnte. Kennt man auch aus den 30ern, als von den Nazis ungeliebte Presseorgane verboten worden sind.
Wehret den Anfängen – auch mit solchen Filmen wie der im ZDF.

RTelenovela

Lasst doch einfach Sophie Scholl in Ruhe!

Montag, den 16. Januar 2017
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Die AfD behauptet, Sophie Scholl würde AfD wählen.
Und man weiß nicht, ob man lachen, weinen oder gleich kotzen soll.

Die AfD in Nürnberg-Süd/Schwabach – also ganz kurz vorm Arsch der Welt – nimmt ein Zitat der Widerstandskämpferin gegen die Naziherrschaft und glaubt, die AfD könnte damit gemeint sein. Sophie Scholl sagte: “Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique regieren zu lassen.”
Ich kann mir beim allerallerallerallerallerbesten Willen nicht vorstellen, dass Sophie Scholl irgendjemanden anderes als Rechtsradikale gemeint hat. Sie sagte, man müsse sich gegen die Nazis auflehnen, gegen das Hitler-Regime, das Deutschland damals im Griff hatte.
Und deshalb: Nein, Sophie Scholl würde die AfD nicht wählen, sondern bekämpfen. Sie gehörte nämlich zu den von den AfD-Anhängern betitelten Gutmenschen. Und Gutmenschen finden AfD-Anhänger doch eher kacke. Die sind lieber Schlechtmenschen.

Vielleicht ist nicht die ganze AfD rechtsradikal, aber immer größere Teile. Und jetzt kommen diese Leute daher und meinen, dass Sophie Scholl ausgerechnet AfD wählen würde?
Abgesehen davon, dass es schon absolut widerlich ist, Tote zu instrumentalisieren. Tote Menschen, die, weil sie tot sind, nicht mehr sagen können, wen oder was sie wählen würden. Dass die AfD nun aber ausgerechnet Sophie Scholl, die gegen Judenhetze, gegen das Unrecht und die Nazidiktatur kämpfte, für sich einnehmen will, das ist einerseits ungeheuerlich, andererseits dumm, eklig, lächerlich, traurig.

Vermutlich spricht die AfD mit ihrer irrlichternden Bauernfängerei sogar noch Leute an. Vermutlich dieselben, die es auch gut finden würden, dass die AfD, wenn sie erst mal die Diktatur erreicht hat, die “heute show” absetzen lassen würde. Ließ die AfD – zumindest irgendein popliger Splitterverband – ebenfalls bei Facebook mitteilen. Ist ja – und die allermeisten Medien ja sowieso – allles Lügenpresse. Linksversifft und so. Das ist alles schon mal ein Vorgeschmack darauf, was diese Partei von der Demokratie und der Pressefreiheit hält.

Würde eigentlich der Führer die AfD wählen?

PS: Angeblich gibt es gar keinen AfD-Kreisverband Nürnberg-Süd/Schwabach. Eine Lügen-AfD? Ein Maulwurf? Alle böse?

PPS: Auf Facebook kommentierte jemand das Scholl-Plakat mit einem anderen Zitat:
“Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.”
Es ist von Hermann Göring. Passt.