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Druck

Samstag, den 15. Dezember 2018
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DO 13.12.2018 | 23.05 Uhr | zdf neo

Fernsehen? Ist doch out!
Für die, die das noch anders sehen, für die zeigt zdf neo seit Donnerstagabend die Serie “Druck”. Denn eigentlich funktioniert “Druck” ganz anders. Denn “Druck” läuft, wenn “Druck” passiert.

Es geht um fünf junge Frauen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Um Beziehungen, um Freundschaften, aber auch darum, sich irgendwie gesellschaftlich und politisch zu positionieren.
Das ist durchaus spannend, es gibt sehr packende Momente, wenn sich über einen erstaunlich langen Zeitraum zwei Leute einfach nur unterhalten, dieser Dialog aber so intim und fesselnd ist, dass man dran bleibt.

Druck kommt eigentlich von Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF. Das Besondere: Wer der Serie auf Youtube oder anderen Plattformen im Internet folgt, bekommt eine Nachricht, wenn etwas Neues verfügbar ist. Die Szenen gehen dann online, wenn sie passieren. Wenn sich zwei Figuren am Montag um 14.25 Uhr in der Schule unterhalten, dann geht das Ganze auch genau dann online.
Alles passiert also verteilt auf die Tage und Wochen, später gibt es eine zusammenfassende längere Folge mit dem Wochengeschehen. Die schafft es nun auch zu zdf neo.
Wem sie Häppchen-Spielereien zu blöd sind, kann “Druck” also auch als normale Serie verfolgen. Aber dass ARD und ZDF auch mit solchen sehr jungen Formaten experimentiert, ist richtig und gut. Allerdings sollte man den Zuschauern viel deutlicher sagen, dass es sich um ein Produkt aus dem Hause Funk – also ARD und ZDF – handelt. Das wird noch versäumt.

-> “Druck” auf Youtube.

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World Wide Wohnzimmer: Ich hate da mal eine Frage – Exsl95

Freitag, den 12. Oktober 2018
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SO 07.10.2018 | Funk

Noch lacht er.
Von was bist du fresssüchtige Fast-Fehlgeburt weiter entfernt? Einem geordneten Leben oder Unterhosen, die kleiner sind als ein Zwölf-Mann-Zelt?
Nenne deine drei schlechtesten Eigenschaften, du saftiger Speckbaron.
Fühlt es sich geil an, dass dir deine Mutter live dabei zuschauen kann, wie du kinnlose Kackbratze dich Stück für Stück zum hoffnungslosen Alkoholiker ohne Chancen auf ein geregeltes Leben mutierst?
Wann kommst du lebendig gewordene Blähung endlich darüber hinweg, dass du immer in Tanzverbots kurvigem Schatten stehen wirst?
Was hat eigentlich zuerst den Boden erreicht? Deine Würde oder deine Wampe?

Das klingt nicht nach harmlosen Talkshow-Fragen. Wer sich in das “World Wide Wohnzimmer” traut und in der Rubrik “Ich hate da mal eine Frage” sitzt, der muss sich einiges anhören.
Die Sendung der ARD/ZDF-Jugendplattform Funk holt sich offenbar einmal pro Woche einen Youtube-Star ins Studio. Die Frage sind keine normalen, sondern es ist Hater-Fragen. Es ist blanker Hass. Die Zuschauer werden aufgerufen, Hassfragen einzuschicken, und die machen das auch.
Darüber echauffiert sich das Internet-Medienmagazin “Meedia”. Ob das Satire oder Body-Shaming sei. Anlass ist die am Sonntag veröffentlichte Folge mit Exsl95.

Nun muss man natürlich sagen, dass es immer wieder merkwürdig ist, zu sehen, wer sich so auf Youtube rumtreibt. Exsl95 ist dick, er krakeelt in seinen Videos rum, frisst, säuft, pöbelt – und wirkt oft wie eine sehr billige Kopie von Tanzverbot, der auch ein Youtube-Star ist.
Er musste sich gepfefferte Fragen anhören – und musste oft ziemlich lachen.
Meedia beschwerte sich, dass man diesen Menschen damit beleidigen würde. Dem ist nicht wirklich so. Erstens, weil er wusste, worauf er sich einlässt. Zweitens, weil er sich in den Kommentaren unter seinen Videos garantiert viel Schlimmeres durchlesen muss – das aber ohne Augenzwinkern.
Zumal das Interview mit Exsl95 fast noch harmlos war, da er bis auf seine Statur gar nicht so viel Angriffsfläche bietet. Wer sich mal Hass-Talks mit anderen Youtubern im “World Wide Wohnzimmer” ansieht, wird sehen, dass da teilweise sehr viel kritischere, wirklich harte Fragen dabei sind.

Eines hat Meedia allerdings erreicht: Die Medienjournalisten haben mich auf ein eigentlich ganz spannendes Format aufmerksam gemacht.

-> Die Sendung auf Youtube.

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Wach

Mittwoch, den 19. September 2018
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MO 17.09.2018 | 20.00 Uhr | Funk

Beim Namen Kim Frank fällt mir schon lange nicht nur die Band “Echt” ein. Inzwischen ist er ein sehr angesagter Musikvideo-Filmer. Er drehte mehrere Clips für Mark Forster (“Bauch und Kopf”, “Sowieso”, “Flash mich”), außerdem für Udo Lindenberg, Adel Tawil, Revolverheld und viele andere.

Sein Traum schon lange war aber ein Langfilm, es war allerdings schwierig einen Partner dafür zu finden. Er fand ihn in Funk, dem jungen Netzwerk von ARD und ZDF und im “Kleinen Fernsehspiel” des ZDF. Am Montagabend hatte “Wach” bei Funk Premiere. Unter anderem bei Youtube ging er online, am sehr späten Abend lief er dann (allerdings mit sehr wenigen Zuschauern) im ZDF.

Zwei 17-jährige Mädchen wollte so lange wie möglich wach bleiben. Daraus entwickelt sich mehr und mehr ein echter Trip.
Der allerdings keine 75 Minuten trägt. Leider zieht sich die Geschichte ein bisschen wie ein Kaugummi, abgesehen davon, dass die Grundkonstellation auch nicht sehr aufregend ist.
Auch wenn sich am Ende alles ziemlich zuspitzt – von der Qualität seiner Videoclips ist Kim Frank leider mit seinem ersten langen Film ziemlich weit entfernt.

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Straight Family

Mittwoch, den 12. September 2018
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DI 11.09.2018 | Funk

Ein feuchter Traum. Lara fährt mit dem Zug – und sieht SIE. Sie tauschen Blicke, dann treffen sie sich am Zugende und haben heißen Sex im Stehen. Uuuh.
So beginnt “Straight Family”, die schwul-lesbische Serie von Funk, dem jungen Netzwerk von ARD und ZDF. Dass man überhaupt eine schwul-lesbische Serie startet, in der alles Schwule und Lesbische total normal ist, findet man bei Funk wohl so überragend, dass man das Stichwort “schwul-lesbische Serie” unbedingt in den Youtube-Titel unterbringen musste.
Seit Dienstag sind die fünf bis zu neun Minuten langen Folgen online.

Nach dem Zugsex weiß Lara, dass sie lesbisch ist. Herzlichen Glückwunsch. Nun muss sie es nur noch Mama und Oma sagen. Eventuell werden sie es verkraften, weil ihr Bruder Leo schwul ist, einen Freund hat und eine queere Kneipe betreibt. Das weiß allerdings Oma nicht, und vor Oma haben alle Angst.

Ja, alles total normal. Angeblich. Aber wenn doch in “Straight Family” alles so herrlich normal ist, wieso ist dann das Coming Out Thema in allen fünf Folgen? Doch nicht so normal?

Weil die Jugend ja in unserer modernen Zeit nicht mehr in der Lage ist, längere Filme zu sehen (glauben zumindest Videoproduzenten), sind die Folgen sehr kurz, insgesamt ist das Ganze keine 40 Minuten lang. Zeit für eine Handlung hat man da natürlich nicht. Da sitzen sie also in der Kneipe, Lara und Leo haben Schiss, und manchmal zicken sich alle an.
Das ist relativ gut in Szene gesetzt, inhaltlich aber mau.
Der Fünfteiler entstand in Zusammenarbeit mit Maneo, einem Projekt zum Thema Gewalt gegen Homosexuelle. Inwiefern aber junge Zuschauer aus der Handlung irgendwelche Schlüsse ziehen sollen, ist nicht klar.
Ein ziemlicher Sturm im Wasserglas.

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Lösch dich – So organisiert ist der Hass im Netz

Samstag, den 28. April 2018
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DO 26.04.2018 | 20.00 Uhr | Funk

Wenn man in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, dann begegnet uns oft vor allem Hass. Sobald es um kontroverse Themen geht, um Flüchtlinge, um Gewalt, um Politik, um Angela Merkel, scheint es, als ob ein riesiger Prozentsatz der Menschen, die dort diskutieren nur den Hass kennen. Sie machen Andersdenkende nieder und beschweren sich, angeblich nicht anders denken dürfen. Die verbreiten Zwietracht und Mussgunst. Aber sind wirklich alle Menschen so oder zumindest ein Großteil?

Am Donnerstagabend ging beim Jugend-Netzwerk Funk von ARD und ZDF die Doku “Lösch dich” online, u.a. auch auf Youtube: So organisiert ist der Hass im Netz. Ein junger Journalist schlich sich in ein Netzwerk ein, das diesen Hass verbreitet und dafür sorgen soll, dass wir denken, dass eine Mehrzahl der Menschen so denkt.
Vor der Bundestagswahl 2017 wurde “Reconquista Germanica” gegründet. Ein rechter Youtuber schart seitdem etwa 6000 Menschen um sich. Sie sprechen sich ab, um Wellen von hasskommentaren unter bestimmten Beiträgen abzusondern. Es geht gegen bestimmte Themen, Seiten und Menschen. Es geht um das konsequente Niedermachen, darum, rassistische Aussagen oder Bilder zu verbreiten. Und immer wieder dieses: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. So von wegen Meinungsfreiheit.

In dem Film von Rayk Anders wird auch gezeigt, welche Rolle die AfD in diesem Netzwerk wohl spielt. Vertreter der Partei mischen dort offenbar offensiv mit.

Die Rechten diffamieren “Lösch dich” schon jetzt als linke Propaganda von der angeblichen staatlich geführten ARD/ZDF-Lügenpresse. Ist natürlich unsinnig.
So oder so gibt diese Doku einen sehr erhellenden, aber auch wütend machenden Einblick in eine Propaganda-Szene, die immer stärker wird. Und gegen die sich die offene Gesellschaft dringend wehren muss.

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Das war 2016!

Samstag, den 31. Dezember 2016
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Was war das für 1 Jahr???!!!!11!!
Die Welt wird immer verrückter. Nein, eigentlich sind es die Menschen, die immer irrer werden. Die sich gegenseitig anstacheln, die nur noch ihre eigenen Wahrheiten akzeptieren, alles andere als Lüge abtun. Die immer und überall Verschwörungen wittern und nicht mal mehr offiziellen Mitteilungen der Polizei glauben.
Stattdessen wird immer mehr als gefühlte Wahrheiten gesetzt. Was ich fühle, wie ich etwas empfinde, ist auch ein Fakt. Wir leben im postfaktischen Zeitalter, und das ist auch das Wort des Jahres. Eigentlich ja eher das Unwort.

RT Deutsch zum Beispiel. Das russische Auslandsfernsehen sei reine Propaganda, sagen die einen. Das sei alles die Wahrheit, und nur dort gebe es sie, sagen die anderen. Als in Berlin angeblich ein Asylbewerber eine junge Russlanddeutsche entführt und vergewaltigt, kocht die Volksseele, angestachelt auch durch Berichte von RT Deutsch. Dass das Mädchen die Schule geschwänzt und der Mann ihr Freund war – irgendwann hat es schlicht keinen der Demonstrierenden mehr interessiert.
Es sind nämlich nicht nur von Gefühlen geprägte Kommentare, die verbreitet werden – sondern auch Fakenews, Nachrichten, die schlicht ausgedacht, die eine Lüge sind. Da werden Politiker Worte in den Mund gelegt, die sie nie gesagt haben. Oder Gerüchte über angebliche Taten von Ausländern gegenüber Deutschen, die so nie stattfanden.
So haben EU-Gegner den Brexit in Großbritannien erreicht, dass die Wähler für den Austritt des Königreiches aus der EU stimmen, hatten wenige für möglich gehalten. So hat es Donald Trump in den USA geschafft, Präsident zu werden. Gefühle statt Fakten. Irgendwelche Zahlen statt echtem Inhalt.
Oder eben irgendwas daher gelabert. So macht das Mario Barth. In New York sendete er live auf Facebook und wunderte sich, dass zwar über Anti-Trump-Demo berichtet werde, er aber keine sehe. Dass es am Tage war und die Straße, an der er stand, gesperrt – na ja, das hat Mario ja nicht wissen können.
Facebook, Twitter und Co. werden aufgefordert, etwas gegen die Verbreitung solcher Fakenews zu unternehmen. Darüber wird 2017 noch zu reden sein.

Ganz unschuldig sind die Medien aber nicht, dass man ihnen nicht glaubt. Als in der Neujahrsnacht rund um den Kölner Hauptbahnhof hunderte Männer Frauen begrapschen und Passanten berauben, dauerte es Tage, bis umfassend berichtet worden ist. Der WDR sendete um Mitternacht sogar live aus der Domregion – da hat man das offenbar nicht mitbekommen. Beim ZDF war selbst am 4. Januar, als alle anderen endlich berichteten, noch nichts dazu zu sehen. Man bat um Verzeihung. Im Laufe des Jahres ist dann aber recherchiert worden: Dass es sich vorwiegend um Täter aus Nordafrika handelt. Dass die Polizei haarsträubend unterbesetzt war, dass Fehlentscheidungen getroffen und in einer ersten Pressemitteilung beschönigt worden ist.

Es war kein schönes Jahr. Terror, Unglücke, Todesfälle.
Und immer startet die Breaking-News-Maschine. Ein Zwischenfall in Berlin? Da darf gern mal schwadroniert und vermutet werden – immer mit der Betonung, man wolle nichts vermuten. Amoklauf in München? Da zeigt man bei RTL schon mal, wie Leichen abtransportiert werden und live hinter dem Reporter, wie Polizisten mit Waffen auf Passanten zielen. Auch der Teilzeitnachrichtensender N24 ist da ganz weit vorn mit bei.
Und immer wieder der Vorwurf an ARD und ZDF, es werde in solchen Fällen zu spät reagiert. Nach dem Zugunglück in Bayern ging der BR erst nach Stunden auf Sendung, nach dem Berliner Zwischenfall das ZDF erst nach fast zwei Stunden.

Und dann immer wieder die Empörungswellen, die durch Deutschland rollen.
Letzter Platz beim Eurovision Song Contest? Empörung! Keiner hat uns lieb! Alles Fake! Und überhaupt! Dass unser Song mies war, zieht keiner in Betracht – obwohl er in den deutschen Charts auch unterbelichtet war. Na ja, diese Fakten halt.
Die Sache mit dem Nachbarn Boateng. AfD-Mann Alexander Gauland habe gesagt, keiner wolle, dass Boateng sein Nachbar sei. Mag er so gesagt haben, er meinte aber wohl eher, dass viele Deutsche erst mal schlucken würden, wenn ein Dunkelhäutiger nebenan einziehen würde. Dennoch: Empörung! Aber eher eine geheuchelte, weil nicht weiter nachgedacht, sondern nur auf einen Satz Bezug genommen wurde, aber nicht auf den Kontext.
Fußball-Bundestrainer Jogi Löw kratzt sich während eines EM-Spiels an den Eiern und riecht dann an seiner Hand. Groooße Aufregung! Viele Berichte und Artikel, als ob wir keine anderen Sorgen haben.
Diskuswerfer Christoph Harting gewinnt Gold bei Olympia und erdreistet sich, bei der Hymne nicht ernsthaft zu sein. Empörung! Wie kann er nur so respektlos sein!! Meine Güte.
Und so weiter.

Da geht es schon mal fast unter, wenn Journalisten etwas enthüllen – die Panamapapers. Es ging um Briefkastenfirmen in Panama und um Geldwäsche von Unternehmen und Promis. Da wird ein großes Ding aufgedeckt, es ist das, was die Menschen fordern: diese Art des Enthüllungsjournalismus. Zwei Abende lang ist das ein Thema, dann verpufft es schon wieder. Empörung? Hält sich in Grenzen.
Oder wenn Jan Böhmermann in seiner zdf_neo-Show “Neo Magazin Royale” aufdeckt, wie die Leute in der RTL-Dokusoap “Schwiegertochter gesucht” arbeiten, wie sie die Teilnehmer und Zuschauer veralbern. Kurze Aufregung und gleich wieder verpufft. Quasi ohne Folgen.

Apropos Böhmermann: Nach einer “extra 3”-Satire über den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan legte er in seiner Show noch einen drauf. Er wolle mal zeigen, was denn ein Schmähgedicht sei und wie es klingen müsse: und trug eines vor. Und wieder: groooooße Aufregung. Das ZDF löschte vorsichtshalber die Passage aus der Mediathek, in der Wiederholung lief die Show verkürzt. Erdogan forderte eine Strafe, die Bundesregierung gab den Fall zur Ermittlung frei. Böhmermann zog sich einige Wochen zurück. Am Ende siegte dennoch die Satirefreiheit. Zumal viele Kritiker schlicht den Kontext des Gedichtes ausblendeten. Dass Böhmermann Aufsehen erregen wird, ahnte er wohl, dass das Aufsehen so groß wird – inklusive Berichte in “Tagesschau” und Co., das ahnte er sicher nicht.

Aber zwischendurch waren die Deutschen sowieso mit, ähm, wichtigeren Dingen beschäftigt: dass sich Sarah und Pietro getrennt haben. Weshalb RTL II das auch ordentlich ausschlachtete. Dass Babette von Kienlin (Einstmann) zum zweiten Mal in ihrer ZDF-“Drehscheibe” zusammengebrochen ist. Dass irgendwo irgendwelche Horrorclowns aufgetreten sind.
Oder dass sich Til Schweiger unfassbar toll findet. Sein Nick Tschiller im “Tatort” sei der beste Krimi, der je im Fernsehen lief, und jeder Kritiker habe keine Ahnung, so schrieb er auf Facebook. Von Fernsehgeschichte war da die Rede. Nun ja.

Einer hat keine Lust mehr auf den Zirkus: Im Herbst hing Tobias Schlegl seinen Fernsehjob an den Nagel – um sich zum Notfallsanitäter umschulen zu lassen.
Auch Jürgen Domian will nicht mehr – jedenfalls nicht Nacht für Nacht im 1LIVE-Studio sitzen. Nach 22 Jahren endet seine Call-in-Show “Domian”. Sie wird schwerstens vermisst.

Viele werden am Ende des Jahres vermisst. Sehr viele Promis – sehr viele Musiker sind 2016 gestorben.
George Michael ist tot, ebenso Prince und David Bowie. Leonard Cohen und Roger Cicero. Achim Mentzel und Ekki Göpelt. Außerdem “Trio”-Schlagzeuger Peter Behrens und Manfred Durban von den Flippers. Der Publizist Roger Willemsen, die Politiker Guido Westerwelle, Hans-Dietrich Genscher, Lothar Späth, Peter Hintze, Jutta Limbach, Hildegard Hamm-Brücher, Henning Voscherau und Walter Scheel. In Kuba Fidel Castro. Der Produzent Wolfgang Rademann. Die Schauspieler Götz George, Manfred Krug, Uwe Friedrichsen, Alan Rickman, Bud Spencer, Maja Maranow, Gisela May, Hans Korte, Hilmar Thate, Karl-Heinz von Hassel und Peter Lustig. Die Moderatorinnen Erika Berger und Miriam Pielhau, die Journalisten Günter-Peter Ploog und Jana Thiel, Tamme Hanken, Schriftsteller Umberto Eco, Synchronsprecher Arne Elsholtz, Comiczeichner Lothar Draeger, DDR-Regimefrau Morgot Honecker und der Boxer Muhammad Ali.

Drei Fernsehsender haben sich auch verabschiedet: Der Social-Media-Sender joiz ist erst verkauft worden, dann ging er in Insolvenz, das Studio ließ der Besitzer schon mal ausräumen – ein Musiksender sollte daraus werden. Am Ende zog man den Stecker. einsplus und zdf.kultur gibt es auch nicht mehr. Dafür aber das ARD/ZDF-Jugendangebot Funk – allerdings nur im Internet.
Und was ist mit Servus TV? Erst ließ Besitzer und Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz verkünden, er mache den Sender zum Jahresende dicht. Zu Hohe Kosten. Und von der Gründung eines Betriebsrates war die Rede. Nur einen Tag später hieß es: Es geht doch weiter. Und dann: Servus TV beendet die Ausstrahlung in Deutschland. Und dann: doch nicht, alles geht weiter. Ein Hü und Hott.

Was war sonst so?
Der Deutsche Fernsehpreis ist nun eine rumpelige Gala in den Düsseldorfer Rheinterrassen. Eine öde Party.
Harald Schmidt ist auch noch da – in grausamen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen – und auf dem Traumschiff.
Weibliche Fußball-Kommentatorinnen wollen einige deutsche Männer nicht haben: Als Claudia Neumann im ZDF ein Herren-EM-Spiel kommentiert, wird im Internet fies gepöbelt. Wo doch angeblich nur Asylbewerber nicht gut mit ihren Frauen umgehen. Wobei, sorry, im Fußball gelten natürlich andere Regeln.
RTL hat einen neuen Ableger: RTLplus. Noch mehr Sendeflächen für Gerichtsshow-Resterampen.
Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis teilen ihr Leben mit den RTL-II-Zuschauern: Hochzeit und Heiligabend live. Puh.
Auch puh, aber anders: Als Jörg Draeger, Frederic Meißner, Björn-Hergen Schmipf und Harry Wijnvoord den Jakobsweg liefen, entstand daraus die 12-teilige Dokureihe “OGOT” bei Tele 5. Slow-TV vom feinsten. Ein kleines TV-Highlight.
Sehr sehenswert war auch “Terror – Ihr Urteil”. Der Film bestand nur aus einer Gerichtsverhandlung um den Abschluss eines Flugzeuges, das von Terroristen entführt worden ist, und am Ende konnte das Fernsehvolk abstimmen. Ein spannendes Experiment, und immerhin ist das auch einen Tag diskutiert worden.
Olympia in Rio. Das letzte Mal bei ARD und ZDF – nun übernimmt Eurosport.
Als an einem Sonntag morgens um kurz vor halb 7 im ZDF der Horrorfilm “Halloween – Nacht des Grauens” statt Kinderfernsehen läuft, fragen ein paar Leute via Twitter mal nach. Erst da fällt den ZDF-Leuten was auf. Ups.

Da ist man schon mal aufgeregt. Und bei all dem Neuen blickt sowieso keiner mehr durch. Deshalb kommen nun auch viele Sendungen von damals wieder. Für die guten Gefühle. Oder so. Das “Glücksrad” ist wieder da. “Herzblatt”, das “Familien-Duell”, “Jeopardy!”, “Ruck Zuck”, “Akte X”, “Der heiße Stuhl” und – da haben wir ja wirklich drauf gewartet: “Tutti Frutti”.
Mal sehen, wer oder was 2017 alles zurückkommt. Und ob wir uns alle ein bisschen abregen. So ganz allgemein.
Guten Rutsch.

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Echt Julia!

Dienstag, den 20. Dezember 2016
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SA 17.12.2016 | 19.45 Uhr | one

In Folge 2 tut sich Julia beim Baden im See die Hand weh. In Folge 3 labert sie davon, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat, einfach so. Und beschwert sich, dass er das so hingenommen hat.
Das ist keine Zusammenfassung der Handlung. Mehr passiert schlicht nicht in der neuen coolen Jugendserie “Echt Julia!”, die diese Woche im ARD/ZDF-Jugendangebot Funk und am Sonnabend bei one angelaufen ist.

1985 herrschte Aufruhr: Die neue wöchentliche Serie “Lindenstraße” sah damals sehr billig aus. Für viele ein Tiefpunkt.
1992 der nächste Schock. Das damalige RTL plus startete “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”, eine tägliche Soap. Noch billiger.
2011 ging’s weiter mit “Berlin Tag & Nacht” bei RTL II. Laiendarsteller improvierten irgendwas dahin. Nochmal billiger.
2016 kommt der nächste Trend: Selfie-Serien. Vor allem im Internet, auf Youtube, Instagram oder Snapchat, gibt es Leute, die ihr Leben filmen. Sie labern, sie erleben was, erzählen davon, und alles ist ganz dramatisch.

Diese Art Selfie-Serien gibt es natürlich auch gescriptet. Auf RTL II You gibt es “Berlyn”, wo sich alle nur selber filmen, was natürlich noch viel billiger ist, weil man ja keine großartige Kameratechnik mehr braucht.
Jetzt ziehen Funk und one nach. “Echt Julia!” funktioniert auch auch so, dass diese Julia scheinbar ihr Leben filmt.

Nur interessant ist das leider überhaupt nicht. Zugegebenermaßen ist es aber auch schwierig, in den nur fünfminütigen Folgen (mehr und längere Aufmerksamkeit geht leider nicht mehr), irgendwas aufzubauen, was nach einer Geschichte riecht.
Leider waren aber die ersten drei Folgen, die am frühen Sonnabendabend bei one liefen, alles andere als spannend. Da tut sich Julia also an der Hand weh. Au weia. Und dann kommt wie aus dem nichts die Trennung vom Freund mit einer irrwitzig-bekloppten Begründung.
Die Frau soll 29 Jahre alt sein, benimmt sich aber wie ein dümmlicher Teenie. Und das will die junge funk-Zielgruppe sehen? Und die, die älter sind als 20 oder 25: Ist denen das nicht auch zu dämlich?

Wirklich peinlich ist übrigens, dass diese Julia mit der Kamera spricht, als wäre die ihre Freundin. Sie nennt sie Kitty.
Klingelt da was? Anne Frank nannte ihr Tagebuch, dem sie sich anvertraute, auch Kitty. Soll dieser Zusammenhang wirklich hergestellt werden? Oder ist das Zufall (Nein, das kann kein Zufall sein)? Das wirkt geradezu unangenehm peinlich, weil dieser Vergleich irgendwie gar nicht geht. Nicht, weil man das eventuell nicht darf, sondern weil er im Fall von “Einfach Julia” so dumm ist.
“Echt Julia!” ist leider nur erschütternd blöd.

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