RTelenovela

Nachtzug nach Amsterdam

Samstag, den 27. November 2010
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Das fängt ja gut an: Um 0.32 Uhr sollte der Nachtzug nach Amsterdam am Berliner Hauptbahnhof losfahren. “Etwa 15 Minuten später” steht nun auf der großen Anzeigetafel.
Das ist blöd, denn nach Mitternacht ist selbst auf Berlins größtem Bahnhof nichts mehr los. Nun gut, McDonald’s hat noch geöffnet, aber da haben wir ja schon die letzten 45 Minuten die Zeit totgeschlagen.
Was bleibt uns also anderes übrig als: blöd rumstehen.
Das finden wir nach zehn Minuten etwas langweilig, also laufen wir nach oben auf den Bahnsteig. “Etwa 30 Minuten später” steht inzwischen auf der Tafel. Na, großartig.
Bald werden 40 Minuten draus – angeblich wegen einer verspäteten Übergabe an der Grenze. Unser Zug kommt aus Warschau und Prag, da kann es schon mal zu Verspätungen kommen. Aber wenn die Verspätung – angeblich – an der Grenze passiert ist, wieso werden die Berliner Bahnkunden dann mit einem Verspätungslotto hingehalten? 15, 30, 35, 40, Zusatzzahl: 45.

Schon um 1.17 Uhr verlässt unser Nachtzug den Hauptbahnhof. Schon von außen sieht unser Waggon ein bisschen dreckig aus. Die Tür lässt sich schwer öffnen.
An unserer Schlafkabine angekommen, müssen wir uns erst mal bemerkbar machen: Die Tür ist von innen verschlossen.

Herrlich: Der Duft in so einem Schlafabteil ist einfach göttlich. Eine Mischung aus altem Parfüm und Fußmief. Auf drei der sechs Betten liegen bereits Leute und schlafen. Ganz unten sitzt ein älterer Herr – und starrt vor sich hin.
Wir haben die Betten ganz oben. Ohne mich groß umzusehen, ziehe ich mir die Schuhe aus und klettere auf der Leiter nach oben. Eine kleine Akrobatikübung, aber ich meistere sie vorbildlich.

Da sitze ich nun auf meinem Bett. Den Kopf eingezogen, denn so viel Platz nach oben gibt es nicht. Ich platziere meinen Rucksack, ziehe mir umständlich meine Jacke aus – und versuche, nicht allzu viel Luft zu holen. Sauerstoff scheint Mangelware zu sein.
Vor mir liegen ein Kissen, eine Plüschdecke und ein weißes Laken. Das Kissen schmeiße ich ans Kopfende, das Laken breitee ich unter mir aus – die zweite Akrobatikübung dieser Nacht. Ich ziehe mein Kapuzenshirt aus und lege mich hin.

Wo bin ich hier bloß hingeraten? Vier der fünf Menschen in diesem Abteil kenne ich nicht. Ich höre sie nur schwer atmen. Langsam versuche ich, mich an die Luft zu gewöhnen.
Die Schaffnerin kommt rein und fragt nach den Tickets. Wir sollen doch bitte von innen abschließen – sonst könnte es sein, dass am Morgen etwas fehlt. Wobei natürlich der potenzielle Dieb auch aus unseren eigenen Reihen kommen könnte. Einer der Herren bestellt den Weckdienst für den Halt in Düsseldorf um 6.54 Uhr. Da schlafen alle anderen sicherlich noch. Die Gelegenheit wäre günstig…

Es muss inzwischen 2 Uhr sein. Ich lese noch in meiner Zeitung, nebenan geht das Geschnarche los. Es muss ein Wettbewerb sein nach dem Motto: Wer kann lauter schnarchen als das Zuggeräusch? Der Schnarcher gewinnt, herzlichen Glückwunsch!
Unter mir knurrt jemand, auf der anderen Seite röchelt ein Mann. Echt romantisch, so eine Fahrt mit dem Nachtzug. Erholsam soll das alles sein. Na, ich weiß ja nicht.

3 Uhr. Ungefähr. Der Zug steht. Keine Ahnung, wo. Ich kann nicht aus dem Fenster sehen, und laut Kursbuch handelt es sich nicht um einen Zwischenstopp in einem Bahnhof. Wenigstens herrscht ein paar Minuten mehr Stille als sonst.
Es vergeht viel Zeit – aber die Bahn hat eine Überraschung für uns: Luft! Frische Luft! Von einer Sekunde zur anderen geht die Klimaanlage los und pustet kühle Luft in die Kabine. Ich muss mich zudecken, denn es wird kalt. Herrlich!

Alles, was nach 4 Uhr passiert, bekomme ich nur noch bruchstückhaft mit. Irgendwann erreichen wir Bielefeld. Da scheinen Waggons ab- und angehängen zu werden. Immer mal wieder rumpelt es leicht.
Eigentlich habe ich das Gefühl, nicht wirklich geschlafen zu haben. Dass ich aber von Hamm, Dortmund und Köln nichts mitbekomme, hat auch damit zu tun, dass ich ja leider nicht aus dem Fenster sehen kann. Ein blödes Gefühl: in einem Bett zu liegen, zu fahren, aber nicht zu wissen, wo man gerade ist.

Die beiden Männer aus den unteren Betten sind inzwischen weg. Draußen ist es hell geworden. Der Mann und die Frau in den mittleren Etagen stellen sich als Paar heraus, offenbar kommen sie aus Tschechien. Gerade schlurfte die Frau raus in Richtung Toilette. Ich nutze die Chance, ebenfalls aufzustehen und von der Leiter zu klettern.
Unser Zug steht im Bahnhof Emmerich. Von dem Ort habe ich noch nie gehört. Oder kommt Roland Emmerich als Emmerich? Lange warten wir hier. In dieser Zeit passiert nichts in Emmerich, aber auch gar nichts. Ab und zu ruckelt der Zug – wahrscheinlich wird die Lok gewechselt. Emmerich ist der letzte Bahnhof vor der Grenze zu den Niederlanden. Nach weit mehr als 30 Minuten setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

Wir erreichen die Niederlande, ohne dass es besonders auffällt. Irgendwann sehen einfach die Verkehrsschilder entlang der Strecke anders aus.
Wir erreichen Arnheim. Der Bahnhof wirkt wie eine Ruine, das Ding scheint gerade großartig umgebaut zu werden. Und das scheint nicht nur für Arnheim zu gelten. Auch in Utrecht herrscht das Chaos.

In Utrecht verlassen wir den Nachtzug. Mit gerade mal drei Minuten Verspätung – und auch die nur, weil wir vor Utrecht an einem roten Signal standen. Die 45 Minuten Verspätung aus Berlin hatte der Zug vorher locker wieder eingefahren – bei Nachtzügen sind lange Warteheiten in Bahnhöfen schon einberechnet.

Ein bisschen scheine ich im Nachtzug nach Amsterdam tatsächlich geschlafen zu haben. So richtig erholsam war das jedoch nicht. Ich glaube, ich bin nicht der Typ fürs Nachtzugfahren.