RTelenovela

Nichts als Schnee

Sonntag, den 23. November 2008
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Wintermorgen in Meitze. Der Blick aus dem Fenster aus Feld – nichts als Schnee. Aber die Wege und straßen waren einigermaßen frei, so dass die Rückfahrt nicht problematisch zu werden schien. Als ich am Nachmittag losfuhr, war die Autobahn auch trocken.
Die Wettergrenze auf der Hinfahrt war an der Elbe. Auf der Rückfahrt – auch. Fast. Hinter Magdeburg setzte leichter Schneefall ein. Aus dem leichten schneefall wurde mehr und mehr ein heftiger Schneefall. Bei Burg wurde aus dem heftigen Schneefall wildes Schneetreiben. Die Scheinwerfer leuchteten nur noch in eine Schneewand. Ich sah in einen Flockenwirbel.
Was tut man? Eine Abfahrt zu benutzen und abseits der Autobahn eine Pause zu machen bringt jedenfalls nichts. Denn erstens habe ich nicht genau erkennen können, wo die Abfahrt beginnt und zweitens, wer weiß, ob ich den Verlauf der Straße hätte folgen können?
Also weiter. Immer den Leitplanken und den Rücklichtern des Vordermannes nach. Tempo 50. Die Autobahn 2 war nicht noch eine weiße Fläche. Nur ein paar Lkw-Fahrer vertrauten auf die Winterreifen und überholten.
Kurz hinter der Grenze zu Brandenburg wurde das Schneetreiben weniger, die Straße wieder erkennbar. Doch bis alle Fahrer wieder auf die Tube drückten, verging einige Zeit, denn von dieser Viertelstunde mussten sich sicherlich alle erstmal erholen.

Nicht überall lag Schnee. Im Verlauf der Autobahn war es wieder bunt am Straßenrand, von der weißen Pracht war nichts zu sehen. Erst auf der B5 bei Dallgow-Döberitz und in Spandau war es an den Rändern wieder winterlich, im Zentrum dann wieder kaum noch.
Das Konzert von Anne Clark im K17 in Friedrichshain war gegen Mitternacht zu Ende, ich tankte noch nix für 1,129 Euro und sah schon – wieder Schnee. Dicke Flocken, als ich an der Kniprodestraße von der Tanke losfuhr. Die Prenzlauer Promenade war bereits weiß, die Schneeschicht sicherlich zwei Zentimeter dick. Bei der Überfahrt auf die Autobahn zum Dreieck Pankow ging es wieder in eine Schneewand. Alles weiß, dicke Flocken, Sichtweite um die 20 Meter, Tempo 40. So schlich der Verkehr dahin, Fahrspuren gab es nicht mehr. Bei Mühlenbeck war das Schneespektakel aus dem Himmel zu Ende.
Tempo 60 war nun auf jeden Fall drin. Meistens ist es auch besser, direkt auf Schnee zu fahren, als schon auf ausgesfahrenen Spuren, denn da könnte sich Glätte bilden. Angst vor Glätte hatte auch der BMW-Fahrer, der vor Havelhausen mit Tempo 25 durch den Wald schlich. Blinker gesetzt und vorbei.
Auch Oranienburg ist jetzt übersät von dicker, winterlicher Pracht. Der Winter ist da, noch lange vor dem eigentlichen Winteranfang und dem Advent. Wenn ich nicht gerade beim Schneetreiben auf der Autobahn unterwegs bin, finde ich das auch ganz schön…

RTelenovela

Zehn Monate perfekt getarnt

Freitag, den 4. September 1998
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Nun ist es endlich (natürlich nicht endlich) soweit! Ich bin jetzt Angehöriger unserer Bundeswehr. Soldat also. Ich freue mich ungefähr so drauf, als wenn ich in der Schule fünf Klausuren an einem Tag zu schreiben hätte. Aber ich hätte ja immerhin auch Zivi werden können! Diesen Satz werde ich wohl hoch öfter bei diversen Gelegenheiten von meinen netten Vorgesetzten zu hören bekommen …
In Zukunft habe ich in der Havelberger Kaserne kein Zimmer mehr nur ganz für mich allein, ich werde es nun mit drei weiteren Typen (Bundeswehr-Deutsch: Kameraden) teilen müssen. Glücklickerweise ist einer davon Patrick. Mein weiches, warmes Bett muß ich nun gegen ein schmales Doppelstockbett eintauschen. Und, so meinen es zumindest die vom Bund, ich muß mir erst einmal etwas Vernünftiges anziehen.
Tarnklamotten. Dummerweise gibt es die aber nicht in meiner Kaserne, sondern es werden extra für uns Reisebusse gechartert, um uns an einen zwei Fahrstunden von uns entfernten Standort zu karren – nach Burg, wo es wirklich alles gibt, was das Bundeswehr-Herz erwärmt – und das Zivilisten-Herz … Naja, sprechen wir nicht darüber, jedenfalls nicht an dieser Stelle…
Dort angekommen, wird man erst einmal von oben bis unten vermessen. Bin ich wieder mal gewachsen? Bin ich noch fetter um die Hüften geworden? Auch das wollen die da wissen, schließlich muß einem das ganze Zeugs doch passen! Als nächstes bekommt man einen Einkaufswagen zugewiesen, und damit geht es dann von Station zu Station, wie wenn man bei ALDI vom Butterregal über die Getränkeabteilung zur Wursttheke wandert. Nur daß man hier eben Tarnhosen, Tarnblusen, Tarnmützen, Tarnjacken, den tollen (noch ungetarnten) Stahlhelm (BW-Deutsch: der Knitterfreie), einen total wichtigen Dienstanzug, diverse Schuhe und Stiefel usw. bekommt
Diesen ganzen Plunder (Tschuldigung, ich meine natürlich dieses wichtige und vor allem teure Bundeswehr-ntateria!) muß dann noch fein säuberlich in einen riesigen Rucksack (BW-Deutsch: Seesack – warum gerade Seesack ist mir wirklich völlig rätselhaft) gelegt werden. Man kann es natürlich auch wild durcheinander reinschmeißen.
Und dann kann es auch richtig losgehen mit dem Bundeswehr-Alltag! In richtigen Tarnklamotten!

RTelenovela

In der AGA (2): Getarnt

Mittwoch, den 2. September 1998
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„Dritter Zug – Aufsteeeeehn!“ Dieser Ruf von Stabsunteroffizier N., Gruppenführer der 1.Gruppe, schallt durch den Flur. Es ist genau 4.58 Uhr. Mittwoch früh. Es ist der zweite Tag. Geschlafen habe ich kaum. Wenn überhaupt. Draußen ist es noch dunkel. Aber wir müssen wohl trotzdem aufstehen.
Auf dem Flur ist es arschkalt. Aus allen Zimmern kommen schläfrige, junge Männer herausgetappt und laufen schnurstracks in den Waschraum, in dem es glücklicherweise wesentlich wärmer ist. Die Duschen und die Waschbecken sind von mehr oder weniger oder auch gar nicht bekleideten Kerlen umringt. So werden die Tage also immer anfangen: Kampf um einen Waschplatz und darauf hoffen, dass das warme Wasser reicht.
Ich habe gerade mal die Unterhose und das T-Shirt angezogen, als es von draußen ertönt: „Dritter Zug – Vorbereiten zum Raustreten!“ So, jetzt habe ich noch ´ne knappe Minute Zeit, bis ich fix-fertig angezogen bin. Das ist vielleicht mit meinen privaten Klamotten, die ich heute noch mal anziehen darf, zu schaffen, aber bald muss das mit der Uniform in der gleichen Zeit gehen.
Wenig später stehen alle 33 Mann unseres Zuges in Reih’ und Glied auf dem Flur. Anwesenheitskontrolle. Dazu hat N. ein Notizheftchen, in dem all unsere Namen stehen. Schon gestern hat man uns beigebracht, dass, wenn wir irgendein Wehwehchen haben und zum Arzt wollen/müssen, wir, wenn wir aufgerufen werden, „Neukrank“ antworten müssen. Ansonsten sagen wir einfach nur „Hier!“ oder, wenn es der Stabsunteroffizier befiehlt: „Hier, Herr Stabsunteroffizier!“ Und er wird es fast immer so befehlen…
Danach werden wir zum Frühstück geführt. Wir werden jetzt nämlich überall hin geführt. Zum Essen, zum Lernen, zum Onkel Doktor – wirklich überall hin. Nur zum Klo dürfen wir alleine gehen. Besagtes Frühstück ist um 5.45 Uhr natürlich sehr willkommen, mir steht quasi der Magen still. Zumal wir auch nicht die einzigen sind, die frühstücken wollen/müssen. Die anderen beiden AGA-Züge (Allgemeine Grundausbildung) gehen, wie sollte es anders sein, zur selben Zeit wie wir, zum Mannschaftsspeisesaal. Vor mir stehen also bestimmt noch etwa 80 Leute. Und in spätestens 20 Minuten müssen wir wieder auf unseren Stuben sein. Überraschenderweise werden wir vom Essen nicht ins Kompaniegebäude geführt! Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das auch alleine schaffen… Als wir dann doch noch unser Essen auf dem Tablett zu liegen haben, schlingen wir es wortlos in uns hinein. Patrick, der mir gegenüber sitzt, sieht mich nur an und aus seinem Gesicht kann ich auch nur eine gewisse „Skepsis“ ablesen. Ich glaube, ich habe keine Lust mehr auf die Bundeswehr…
Nach dem Stuben- und Revierreinigen, das wir gestern Abend ja schon mal geübt haben, findet der morgendliche Appell der Kompanie statt. Hier wünschen uns jeden Morgen um Punkt 7 Uhr der Spieß und der Kompaniechef einen guten Selbigen. Und teilen uns ganz wichtige Sachen mit: Welche Erfolge es zu vermelden gibt (Misserfolge gibt es nicht oder werden eben nicht vermeldet), welche tollen Dinge die AGA-Züge heute auf dem Plan zu stehen haben („untolle“ Dinge gibt es nicht und wenn doch, werden sie erst recht als toll bezeichnet) und wer Geburtstag hat. Derjenige darf sich freuen: Er darf vor die Kompanie treten, sich beglückwünschen lassen und sich ein dreifaches „Anker – wirf!“ aller Soldaten anhören.
Dann sind wir mit einem Reisebus nach Burg kutschiert worden. Dort befindet sich die StoV (Standortverwaltung) mit unseren Tarnklamotten, die wir jetzt einsacken dürfen. Und anziehen dürfen… müssen.
Auf einer kleinen Bühne werden wir vermessen. Schuh- und Körpergröße, Kopf-, Hals-, Bauchumfang und Gewicht müssen stimmen, schließlich muss das Zeugs ja auch passen. Als nächstes werden uns kleine Wägelchen zugewiesen, mit denen wir von Station zu Station wandern, um da die wichtigen und sehr wichtigen Utensilien in Empfang zu nehmen. Fast wie bei ALDI, wenn man vom Butterregal an der Getränkeabteilung vorbei, zur Wursttheke wandert. Nur dass man hier eben Tarnhosen, Tarnmützen, Tarnjacken, den Tarnhelm (interessanterweise müssen wir den Stahlhelm, oder auch „der Knitterfreie“, selbst tarnen), außerdem bekommen wir noch einen sauschweren Dienstanzug und diverse Schuhe und Stiefel. Das meiste dürfen/müssen wir auch gleich anprobieren, ob uns die wertvollen Klamotten auch passen. So dürfen die netten Damen und Herren an den Stationen unsere Unterwäsche und auch unsere trainingsbedürftigen Oberkörper betrachten.
Passenderweise wird das gesamte Gebäude über das laufende Radio mit dem Song „In The Army Now“ beschallt. Die sowieso schon gedrückte Stimmung wird durch ausgerechnet dieses Lied nicht gerade gehoben…
Wieder in Havelberg angekommen, dürfen/müssen wir uns das Zeugs auch gleich anziehen. Nun stehen Patrick und ich uns gegenüber und die Skepsis in seinem Gesicht wird immer größer.
Mit den Uniformen, die wir jetzt alle anhaben, ergibt sich für uns ein Problem: Betritt jemand den Raum, können wir jetzt nicht mehr sofort unterscheiden, ob ein Vorgesetzter oder ein Kamerad die Stube betritt. Ob wir strammstehen müssen oder weiterlümmeln dürfen. Nachdem Unteroffizier G. unsere Stube betrat und keiner von uns sofort „Achtung!! – Herr Unteroffizier, Pionier Sowieso, ich melde, Stube 214, mit vier Mann belegt, vier Mann anwesend“ runterleierte und noch sagte, was wir gerade so machen (nie „abhängen“ sagen!!!), haben wir alle eine neue allgemeingültige Regel geschaffen: Mannschaftsdienstgrade klopfen an, bevor sie einen Raum betreten…