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1990 – Jahr der Einheit: Golf jagt Trabant

Dienstag, den 28. Dezember 2010
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Dezember 1990 I -> 18.12.2010

Rückblick: Im Dezember 1990 sorgt ein Verkehrsrowdy für Wirbel / Armee im Umbruch

MAZ Oranienburg, 28.12.2010

Was passierte im Jahr der Einheit im Altkreis Oranienburg – und was stand in der MAZ? Diesmal: die zweite Hälfte im Dezember 1990.

OBERHAVEL
Nach der Wende ist auch die Armee im Umbruch. Am 12. Dezember 1990 zieht sie sich wieder ein Stück mehr aus Oranienburg zurück. 40 Panzer vom Typ T55 des Motschützenregiments in der Straße des Friedens (Bernauer Straße) werden per Güterzug nach Löbau abtransportiert und dort verschrottet.
Zur selben Zeit gibt die Bundeswehr bekannt, dass sie das Oranienburger Wehrkreiskommando schließen wird. Die Musterung und Einberufung der Soldaten sollen nun die Dienststellen in Neuruppin und Nauen übernehmen.
Die Raketenbrigade der Bundeswehr will bis März 1991 den Standort in Beetz aufgeben. Was mit der dortigen Kaserne passieren soll, ist noch völlig unklar. Die Beetzer Bürgermeisterin Ingeborg Füllert bekundet ihr Interesse am Standort: Sie denkt darüber nach, dort ein Kurhaus oder einen Gewerbepark zu etablieren.

Der Konsum von Kreuzbruch verzeichnet einen traurigen Rekord. Innerhalb von sechs Wochen wird das Geschäft sechsmal von Einbrechern heimgesucht. „Wegen Einbruch geschlossen“ – dieses Schild hängt nun öfter an der Ladentür. Die Diebe nehmen hauptsächlich Alkohol und Zigaretten mit.

Die Oranienburger müssen sich von der alten „Puckelbrücke“ an der Saarlandstraße verabschieden. Die Holzkonstruktion ist überflüssig, nachdem vor einigen Monaten die neue Dropebrücke eröffnet wurde.

Die Hilfsschule für lernbehinderte Kinder in Sachsenhausen sendet Hilferufe aus. Das Haus ist vollkommen verfallen, die Kinder erhalten ihren Unterricht in alten Baracken. Die sanitären Einrichtungen gelten als unzumutbar, die Turnhalle ist ein zehnmal fünf Meter kleiner Raum. Die Verantwortlichen denken über einen Standortwechsel nach. Vielleicht in Oranienburg, am besten in S-Bahn-Nähe.

Kurz vor Weihnachten kommen Maria und Josef nach Borgsdorf und eröffnen einen Gebrauchtwagenmarkt. Das Ehepaar Olteano benennt ihr Geschäft tatsächlich „Maria und Josef“, ab 1991 soll es auch Neuwagen geben.

Die Awu will 1991 ihre Preise senken. Der Preis für die Abfuhr einer Mülltonne sinkt von 4 auf 2,95 Mark.

Am 22. Dezember 1990 kommt es zwischen Hohen Neuendorf und Hennigsdorf zu einem denkwürdigen Zwischenfall. Mario R. aus Ulm knackte in Berlin einen Golf, im Lehnitzer Friedrich-Wolf-Haus trank er diverse Mengen Alkohol. Auf seiner Fahrt nach Hennigsdorf trifft er dann auf einen Trabant, der ziemlich langsam vor dem Golf herfährt. Der Trabifahrer fühlt sich vom Fernlicht des Golfs geblendet, fährt noch langsamer. Daraufhin überholt der Golf, lauert dem Trabi später aber wieder auf. Mario R. klemmt sich wieder hinter die Rennpappe, fährt mehrmals auf. Der Trabant stoppt. Der Golf nicht, er schiebt das Ostauto vor sich her. Als der Trabifahrer den Golffahrer zur Rede stellen will, verriegelt der die Türen und gibt dem Trabant stattdessen den Rest – mit sechs Rammstößen in die Seite. Der Ulmer flüchtet, die Polizei findet den Golf später in Hennigsdorf-Nord. Es kommt raus, dass der Mann auch in seiner Heimat schon per Haftbefehl gesucht wird.

Am Ende schaut Jette positiv auf 1990 zurück. Es gebe keinen Grund zum Meckern. Oder doch: Behältst du deine Arbeit? Das sei dann schon eine der wichtigsten Fragen der Zeit. Für das Jahr 1991 bestehe dennoch große Hoffnung.

RTelenovela

Volojahre (42): Zentrales Kompetenzgerangel

Donnerstag, den 28. Januar 2010
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(41) -> 23.1.2010

Dies ist die Geschichte einer Recherche. Einer Recherche, die sich als schwieriger erwies wie anfangs gedacht.
Die spannende Frage war: Wie kommen eigentlich Uniformträger mit den klirrend kalten Temperaturen klar? Bundeswehrsoldaten, Polizisten, Müllmänner. Nun gut, eigentlich durfte dabei wenig Neues rauskommen. Sie ziehen sich eben wärmer an. Ich fragte trotzdem nach. Oder versuchte es zumindest.
Der Kampf konnte beginnen.

Kapitel 1. Die Bundeswehr in Geltow.
In Geltow befindet sich ein Bundeswehrstandort. Also suchte ich mir die Telefonnummer raus, um mich von der Zentrale aus zur Pressestelle weiterleiten zu lassen.
Ich wählte die Nummer. Und nach einer Weile hatte ich eine Dame am anderen Ende der Leitung. “Ich würde gern jemanden von der Pressestelle sprechen.” Daraufhin fragte die Frau: “Die in Schwielowsee?”
Wie jetzt, Schwielowsee? Ich überlegte kurz. Mir fiel ein, dass Geltow zur Gemeinde Schwielowsee gehört. Also, okay, dann eben Schwielowsee.
Die Dame sucht. Und findet nicht. Kein Eintrag in Schwielowsee. Ich präzisiere also: Geltow, sage ich. Und ich ergänze, dass ich ja auch die Geltower Nummer angerufen hatte. Die Dame antwortet, dass ich in der Bundeswehrtelefonzentrale in Hamburg gelandet sei.
Schön. Aber das hilft mir nicht weiter.
Die Telefonistin sucht nun in Geltow nach einer Pressestelle. Und findet sie nicht.
Ich habe vor elf Jahren im IV.Korps in der Pressestelle gearbeitet, da muss es das also geben, sage ich.
Die Frau kennt das Wort Korps nicht. Sie buchstabiert es “Corp”. Und findet natürlich nichts. Wir sprechen nun schon fast sieben Minuten miteinander.
Sie klinkt sich kurz aus, fragt irgendwo anders nach und erfährt, dass es kein IV.Korps mehr gibt. Okay, Punkt für sie. Oder so ähnlich.
“Und nun?”, frage ich. Sie will mich in irgendein Geschäftszimmer durchstellen. Danke, auf Wiederhören.
Leider meldet sich im Geschäftszimmer niemand. Ich lege auf.

Kapitel 2. Die Bundeswehr in Potsdam.
Auch in Potsdam gibt es eine Bundeswehrkaserne. Ich suche mir die entsprechende Nummer raus und wähle sie.
Überraschung! Ich lande wieder bei der freundlichen, aber nicht sehr wissenden Dame in Hamburg. Meine Freude hält sich in engen Grenzen.
Ich frage nach der Pressestelle. Sie fragt: Die in Potsdam? Ich sage: Ja, ich habe ja auch die Potsdamer Nummer gewählt. Sie sagt: Sie findet keine Pressestelle in ihrem Verzeichnis. Ich sage: Gibt es denn irgendjemanden, der mir irgendeine Auskunft geben kann?
Die Frau fragt nach. Und will mich dann zu einer anderen Potsdamer Dienststelle durchstellen.
Und tatsächlich meldet sich dort jemand. Ich teile dem Mann in der Geschäftsstelle mit, dass ich mit der Hamburger Telefonzentrale nicht so wirklich zufrieden bin. Der Mann lacht, das Problem scheint bekannt zu sein.
Zum Winterklamottenthema kann er allerdings nichts sagen, er stellt mich zu einem höheren Dienstgrad durch.
Und dann, oh Wunder! Ich habe jemanden in der Leitung, der mir etwas zu meinem Thema sagen kann. Nach 30 Minuten!
Dann aber, nachdem er mir alles erzählt hat, fragt er: Wollen Sie das als O-Ton verwenden? Ich sage: zumindest Teile davon. Er sagt: Sie dürfen mich nicht zitieren, da müssen Sie erst da und da anrufen und nachfragen.
Dolle Sache, der Bund. Wo doch Klamotten so ein großes Geheimnis sind. Ein Staatsgeheimnis.

Kapitel 3. Die Polizei.
Ich rufe den Pressesprecher in Potsdam an. Und es scheint simpel zu sein. Der Herr erzählt mir, was ich wissen will. Dann sagt er aber, dass ich mich an einen Herren in Wünsdorf wenden soll. Der arbeite im Zentraldienst und könne mir das sehr viel genauer erzählen.
Also wähle ich die Wünsdorfer Nummer. Tatsächlich habe ich den Mann am Rohr, den mir der Pressesprecher empfohlen hat. Blöd nur: Er darf mir nichts sagen, sagt er. Ich müsse das Innenministerium in Potsdam anrufen. Er ist dazu nicht befugt.
Ich klingele also in Potsdam an. Zwei Gespräche verlaufen im Sande, ich habe immer Leute dran, die nichts zu meinem heißen Klamottenthema sagen können. Ich solle mich per Mail ans Ministerium wenden.
Ich schreibe also die Mail.
Eine gute halbe Stunde später: Der Wissende vom Innenministerium ruft an. Meine Mail hat er noch nicht gelesen, ich schildere ihm also noch mal, was ich wissen möchte. Er wolle sich drum kümmern.
Eine weitere gute Stunde später. Der Wissende schickt mir tatsächlich eine Antwortmail mit meinen Fakten. Dann ruft er mich an.
Er hoffe, dass ich jetzt alles hätte, was ich wissen möchte. Und er meint, dass das Innenministerium solche Auskünfte eigentlich nicht gebe. Es gebe einen Mann in Wünsdorf, der mir alles erzählen könnte. Ich sage: Ich habe mit dem Mann gesprochen, er darf nichts sagen. Der Ministeriumsmann sagt: Klar darf er. Mit solchen Kleinigkeiten gebe sich sein Amt nicht ab. Ich solle doch bitte noch mal in Wünsdorf anrufen, er habe mich bereits dort angekündigt. Er gibt mir noch mal die Telefonnummer.
Es ist leider die Falsche. Die Frau, die ich nun am Apparat habe, kennt den Mann nicht, mit dem ich vorher gesprochen hatte. Sie muss in irgendeiner Liste nachschauen, wo sie ihn überraschenderweise sogar findet. Sie sagt mir seine Nummer.
Ich wähle besagte Nummer. Aber der Mann ist nicht mehr da.
Ich gebe auf. Und ich habe ja sowieso, was ich wissen will.

Alles andere funktioniert verhältnismäßig reibungslos. Aber die Bundeswehr und die Polizei haben mich sehr viele Nerven gekostet. Die Sache mit den Kompetenzen sollte vielleicht mal geklärt werden. Und die Bundeswehr sollte ihre seltsame Telefonzentrale am besten gleich mal wieder abschaffen. Rührt euch, weggetreten.

RTZapper

Vor Ort: Rekrutengelöbnis am Reichstag

Montag, den 21. Juli 2008
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SO 20.07.2008 | 19.15 Uhr | Phoenix

Der Platz vor dem Reichstag sei ja ziemlich weitläufig, da hätten Störer kaum eine Chance. Fast klang es so, als sei der Kommentator der Gelöbnis-Live-Übertragung bei Phoenix ein bisschen enttäuscht, dass diesmal kaum mit Action zu rechnen sei.
Vor dem Reichstag legten Soldaten ihr Gelöbnis ab. Wenn man aber der Rede von Verteidigungsminsiter Jung folgte, waren sie mit Abstand die Uninteressantesten vor Ort. Sie wurden zuletzt begrüßt, obwohl es doch um sie ging. Nein, vorher mussten noch alle möglichen Politiker begrüßt werden und irgendwelche Exzelenzen. Selbst die Eltern der Soldaten kamen nur in einem Nebensatz vor. Rangfolge hin oder her – höflich ist auch das nicht. Und irgendwelche SPD-Fraktionsheinis werden nicht umkommen, wenn man sie später (oder besser gar nicht) erwähnt.

RTZapper

MDR Info: Soldaten sind zu dick

Mittwoch, den 5. März 2008
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DI 04.03.2008 | 2.19 Uhr (Mi.) | MDR Info

Die Soldaten der Bundeswehr sind zu dick. Das kam jetzt in einer Studie heraus, über die der Nachrichtensender MDR Info in der Nacht berichtete.
Sie rauchen zu viel, essen zu viel, trinken zu viel und bewegen sich zu wenig.
Dabei würden sie es doch gern öfter tun. Also das Bewegen. Sagt zumindest Deutschlands Wehrbeauftragter Reinhold Robbe. Doch die armen Budneswehr-Soldaten haben gar keine Zeit, sich zu bewegen. Besonders die im Stab. Wegen der Bürokratie. Zu viel Zettelkram. Da hätten die Soldaten entweder gar keine Zeit, am Sport teilzunehmen, oder sie hätten ein schlechtes Gewissen, wenn sie es doch tun – die Arbeit bliebe schließlich liegen.
Aus eigener Erfahrung: Soldaten im Stab hassen Sport. Sie drücken sich vor jeder Bewegung zu viel. Ein schlechtes Gewissen, dass Arbeit liegen bleiben würde, haben sie nicht. Weil sie den Sport schwänzen. Sehr gern und sehr oft.
Aber wenn Herr Robbe das so verlautbaren würde, käme das nicht gut an. Und offen zugeben würde das sowieso niemand. Nur unter der Hand. Wenn kein Vorgesetzter zuhört.

RT im Kino

Kein Bund fürs Leben

Samstag, den 15. September 2007
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Was will man von einer Komödie über die Bundeswehr erwarten. Wenn dann auch noch Axel Stein mitspielt. Richtig: wenig bis nichts. So sind dann die Erwartungen auch nicht besonders hoch, wenn man sich “Kein Bund fürs Leben” reinzieht.
Eigentlich will Basti (Franz Dinda) nicht zum Bund. Aber erst läuft bei der Musterung etwas mit der geälschten Urinprobe schief. Und dann kommt auf seltsame Weise der Antrag auf Zivildienst nicht dort an, wo er ankommen soll. Basti wird von den Feldjägern abgeholt. Um den Dienst bei der Bundeswehr kommt der junge Mann nicht herum.
Auf seiner Stube trifft er auf seltsame Gesellen: Schleifer (Florian Lukas), den Urinfälscher, Ufo (Axel Stein), der irgendwie sehr einsilig ist, den Streber Zonk (Till Trenkel), der eigentlich zum BND will, Justus (Christian Sengewald), der eigentlich auf Kunst machen will, sowie auf den harten Nefzat (Kailas Mahadevan). Die große Belastungsprobe: ein Mänover mit den Amis.
Ha ha, lustig! Schenkelklopfer! Das ist das Humorkonzept dieses Films. Mit ein paar Bier intus funktioniert das vielleicht auch ganz gut. Das taäuscht aber nicht drüber hinweg, dass hier und da schlampig gearbeitet wurde. Oder nicht drauf wert gelegt wurde. Unrasiert bei der Grundausbildung? Gibt’s das? Ein Major ohne Schulterabzeichen?
Man hätte tatsächlich viele witzige Anekdoten über den Wehrdienst erzählen können. Das Thema gibt es eindeutig her. Doch Granz Henman beschränkt sich leider nur auf billige Zoten in einer öden, unwitzigen Story. Erst ganz am Ende wird die Geschichte lockerer und komischer (wenn auch dann völlig abgedreht).
Schade – wieder nur eine billig-prollige Komödie.
PS: Valescas (Maren Scheel) Ausführungen über die tollen Studienmöglichkeiten beim Bund: Dürfen wir davon ausgehen, dass die Bundeswehr für diese Szene gezahlt hat?

3/10

RTelenovela

In der AGA (20): Die Rekrutenprüfung

Dienstag, den 27. Oktober 1998
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Montag, 26. Oktober 1998. Der Tag aller Tage ist gekommen. Nun wollen die Herrschaften der Bundeswehr sehen, was wir in den vergangenen zwei Monaten alles bei ihnen gelernt haben. Die Rekrutenprüfung ist gleichzeitig unser Rückmarsch von Klietz nach Havelberg in die Kaserne. Der marsch wiederum ist der erste Teil der Prüfung. Und tatsächlich nur der Anfang von allem.

Alarmposten. Na, großartig. Jetzt dürfen wir wieder minutenlang in einer hohen Wiese rumlümmeln und auf irgendein Feld starren, auf dem nichts, aber auch wirklich gar nichts passiert. Andererseits: Solche Pausen werden wir noch mal herbeisehnen.

Schießen. Am Rande des Truppenübungsplatzes befindet sich ein Grabensystem. Das durchschreiten wir, um zum Schießplatz zu gelangen. Und einfach nur so in die Gegend ballern ist ja auch öde. Dafür mussten Pappkameraden herhalten. Und, man mag es kaum glauben. Ab und zu habe ich sogar mal getroffen!

Retten und Bergen von Zwergen. Das leidige Thema. Würden wir uns tatsächlich im Krieg befinden und würden wir tatsächlich ständig unter Beschuss stehen – wir alle hätten verdammt schlechte Karten. Wie wir es trotzdem geschafft haben, dass wir alle ein Häkchen bekommen haben, ist mir vollkommen unklar.

Unfallrettung. Das ist dann schon wieder ein bisschen einfacher. So einen Arm zu verbinden, das kann doch jeder. Was ist aber, wenn der andere blutet? Und was ist, wenn man kein Blut sehen kann? Aber zum Glück blutet ja keiner.

Langsam wird es dunkel. In voller Montur stiefeln wir einen Panzerweg entlang, durch den puren Zuckersand. Plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund: ABC-Warnung. Den Schnuffi raus, den Poncho übergezogen. Die ABC-Maske beschlägt sofort. Es nieselt ein wenig. Ich sehe überhaupt nichts mehr. Halb blind torkele ich durch den Zuckersand. Lass diesen Mist endlich vorbei sein! Weiter vorne ist Unruhe. Irgendwas scheint da passiert zu sein. Aber ich sehe ja nichts.

Ende Tag 1. Unser Gruppennest für diese Nacht haben wir endlich erreicht. Es ist stockduster. Trotzdem dürfen wir jeder noch eine Stellung ausbuddeln. Jetzt, wo wir darin Profis sind, ist das im Dunkeln natürlich kein Problem. Alle geben ihr Bestes, dennoch dürfen wir auf das Ergebnis morgen gespannt sein.
Während der Rekrutenprüfung gibt es auch nichts zu Essen, außer das, was das E-Pack so hergibt. Harte Kekse. Diverse Pülverchen. Pumpernickel… Reden wir nicht weiter davon.

Die Nachtwache darf natürlich auch nicht fehlen. Am Feuer und draußen in den Stellungen. Und ausnahmsweise führen wir auch mal ein Ablösegespräch.
Als Patrick und ich dann in Lauerstellung liegen, flüstert er mir es ins Ohr, warum beim ABC-Alarm so eine Unruhe herrschte. Die Leuchtrakete, die abgeschossen wurde, soll so unglücklich abgezischt sein, dass ein Soldat geblendet wurde und ins Krankenhaus musste. Na ja, kann ja mal passieren.
Unterdessen ist die Lage ruhig. Aber es ist kalt. Arschkalt. Patrick nickt ein.

Dienstag, 27. Oktober 1998, Tag 2 unserer Rekrutenbesichtigung. Im Morgengrauen begutachten wir unsere gestern im Dunkeln ausgehobenen Stellungen. Alle Achtung! Gar nicht mal schlecht! Ich hätte sie immer blind bauen sollen…

Meldung und beobachten. Wieder mal eine dieser Stationen, bei der man nur doof irgendwo rumliegt oder –sitzt und später über das Nichtgeschehene berichten darf…

Skizzen. Ach, schon lange kein Kunst mehr gehabt. Hab ich nach der 10. Klasse abgewählt. Aber um ein paar Bäume (Kreise) und Sträucher (Kreise), Wege (Striche) und Straßen (Striche) zu malen, braucht man wohl diese Kenntnisse auch gar nicht.

Der Orientierungslauf. Bei dem muss man sich eigentlich nur danach richten, wo die Vorgänger lang laufen. Oder besser: Die ersten warten an einem bestimmten Punkt der Strecke, bis alle da sind. Gemeinsam laufen alle bis kurz vor das Ziel, um dann nach und nach ins Selbige zu spazieren. Viel Orientierung braucht man da nicht. Wohl eher Teamgeist.

Waffen auseinandernehmen und zusammensetzen. Inzwischen setzte ein schöner Landregen ein. Unter dem Poncho kommt man ins Schwitzen. Auf einer nassen und pfützenreichen Matte darf man sich nun also mit dem G3 beschäftigen. Alles ist glitschig und rutschig. Ach, leckt mich doch alle am Arsch. Bei mir dauert die Prozedur lange. Sehr lange. Zu lange. G. lässt mich trotzdem bestehen. Mich noch mal zwei Monate diesen Stuss machen lassen, will wohl auch er mir nicht zumuten.

Der Regen wird stärker. Weil da so ist, erspart man uns auch die Sturmbahn. Die wäre für uns zu rutschig gewesen. Schön, dass man darauf ausnahmsweise mal Rücksicht nimmt. Aber wahrscheinlich hatte bei dem Wetter auch niemand mehr groß Lust, uns beim Rackern zuzusehen. Auch wird uns der Weg rund um Havelberg herum erspart. Stattdessen setzen wir mit einer Fähre über die Havel und dürfen durch die Stadt laufen.

Es ist ein regelrechter Triumphzug, unsere Rückkehr nach Havelberg. So müssen sich Soldaten fühlen, die aus dem Krieg heimkehren. Na ja, oder so ähnlich. Auf jeden Fall haben wir es geschafft. Und das ist aber wirklich ein kleiner Triumph für jeden von uns. Mit vollem Gepäck sind wir in den letzten drei Tagen um die 40 Kilometer gelaufen, haben beobachtet, geschossen, gebuddelt und und und…

Jetzt ist es geschafft. Die Grundausbildung ist zu Ende. Nun müssen wir nur noch die Ausrüstung reinigen. Jedes Teil. Ganz gründlich. Und das dauert. Übermorgen verlassen wir diesen Hof, das Pionierbataillon in Havelberg, das allerletzte Mal. Auf nimmer Wiedersehen.
Morgen wird es noch mal öde. Putzen. Packen. Warten. Aber egal. Die AGA ist vorbei!

RTelenovela

In der AGA (19): 10 Tage Klietz

Freitag, den 23. Oktober 1998
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Punkt 6.00 Uhr. Truppenübungsplatz Klietz. Seit sechs Tagen sind wir nun schon hier. Das große zweiwöchige Bataillonsbiwak. Tausende Soldaten scheinen insgesamt auf diesem gewaltigen Platz zu sein. Ich weiß, dass auch Kompanien aus Prenzlau und Storkow hier sind. Und wer weiß, von woher sie noch hierher gekommen sind. Noch liegen wir in unseren kleinen Zelten. Im Schlafsack ist es herrlich warm. Man könnte noch stundelang hier drin liegen bleiben.
6.01 Uhr. Von draußen zieht jemand am Reißverschluss des Zeltes und umfasst meinen Knöchel. „Aufstehen!“ R., der wohl gerade Wache schiebt, ist jetzt, um diese Uhrzeit, auch fürs wecken zuständig.
6.03 Uhr. Ich will noch nicht aufstehen, es ist doch so schön warm in meinem Schlafsack! Von Patrick ist nur ein leises Grummeln zu vernehmen.
6.06 Uhr. Patrick pellt sich aus seinem Schlafsack. Ich glaube, ihm ist ein wenig kalt. Kein Wunder, draußen herrschen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Es ist bald Ende Oktober. Als er fertig ist, kriecht er aus unserer kleinen Hütte.
6.11 Uhr. Wieder packt mich jemand am Knöchel.
6.12 Uhr. Auch ich steige endlich aus dem Schlafsack. Und es ist kalt. Arschkalt. Schnellstens ziehe ich mich an, angle meinen Waschbeutel aus meinem Rucksack und klettere hinaus.
6.18 Uhr. Das Lagerfeuer wärmt. Nicht nur mich und die anderen, sondern auch einen kleinen Tank mit Wasser. Inzwischen haben wir auch gelernt, uns ohne Spiegel zu rasieren.
6.29 Uhr. Unsere Gruppe sammelt sich. Wir verlassen unser Nest zwecks Essen fassen. Brötchen, harte Butter, nicht so ganz harte Margarine, Marmelade, Wurst. Ich kann’s nicht mehr sehen.
7.00 Uhr. Kompanieantritt auf der kleinen Straße am Waldrand. Hauptmann J., der Kompaniechef, faselt etwas von einer guten Laune und es mache allen sichtlich großen Spaß. Der arme scheint leicht verwirrt zu sein und an Sinnestäuschungen zu leiden.
7.12 Uhr. Ich habe ein dringendes größeres Geschäft zu erledigen. Glücklicherweise gibt es hier auf dem Truppenübungsplatz gemütliche Dixi-Klos. Wer möchte, kann auch dabei auch die Geschäftsabschlüsse der vorherigen Besucher bewundern.
7.26 Uhr. Einige haben das Gruppennest verlassen und laufen kreuz und quer übers Gelände. Dabei starren sie die ganze Zeit auf ihr Handy und rufen sich gegenseitig die aktuellen Balkenanzeigemeldungen zu. Es scheint eine Eigenart von Truppenübungsplätzen zu sein, dass es hier kaum Handyempfang gibt. Pio Sch. bleibt plötzlich wie angewurzelt stehen. „Hier! Ich habe einen Balken!“
Seit dem letzten Sonnabend sind wir nun schon in Klietz. Netterweise mussten wir von Havelberg die gut 40 Kilometer hierher nicht laufen. Ein Bus hat uns gefahren. Den Rückweg aber müssen wir zu Fuß bestreiten und ist gleichzeitig unsere Rekrutenprüfung.
Viele schöne Sachen haben wir in den vergangenen sechs Tagen erleben dürfen. Bei einer äußerst spannenden Nachtwanderung haben wir uns verlaufen. Wir haben wundervolle Skizzen gemalt. Unser G3 unzählige Male auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Sind geschlichen, gerobbt, gerannt und leben trotzdem noch.
Heute ist Freitag. Das Wochenende verbringen wir noch an diesem unsäglichen Ort, Montag und Dienstag werden wir dann geprüft, ob wir gute Rekruten sind.