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Werk ohne Autor

Mittwoch, den 6. Oktober 2021
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SA 02.10.2021 | 20.15 Uhr | BR-Fernsehen

Dieses Bild bleibt für immer: Der junge Kurt (Cai Cohrs) muss 1937 mit ansehen, wie seine Tante für verrückt erklärt, abgeführt und weggefahren wird. Angeblich leidet sie an Schizophrenie. Sie wird später vergast.
Einen Rat hat sie Kurt mitgegeben, der ihn ein Leben lang prägen wird: “Niemals wegsehen.” Das hat er schon gemacht, als sie verhaftet worden ist.
Als Kurt (Tom Schilling) nach dem Krieg in einer Schilder- und Bannermalerei arbeitet, wird schnell klar: Er hat Talent. Ein großes Talent. Er kann phantastisch malen. Er kommt auf die Kunstakademie in Dresden, auch dort wird sein Talent erkannt. Womit Kurt aber nicht klarkommt: mit der DDR-Ideologie.
Er verliebt sich in Elisabeth (Paula Beer). Eine schicksalshafte Begegnung. Nicht nur, dass sie aussieht und so heißt wie seine Tante. Ihr Vater ist der Arzt Carl Seeband (Sebastian Koch), der Mann, der einst dafür zuständig war, Karls Tante wegzubringen. Und auch in der Beziehung von Karl und Elisabeth wird er seinen teuflischen Einfluss geltend machen.
Aber Karl lässt sich nicht von seiner Kunst abbringen – kann er im Westen mehr erreichen als in der DDR?

“Werk ohne Autor” ist nach dem hervorragenden Werk “Das Leben der anderen” und dem mäßigen “The Tourist” der dritte große Film von Florian Henckel von Donnersmarck. Erzählt wird die Geschichte des Kunstmalers Kurt Barnert. Die Figur ist angelehnt an das Leben vom deutschen Künstler Gerhard Richter, der allerdings kein gutes Haar am Film gelassen hat.
Ob der Film nun das Leben Richters gut trifft, sei mal dahingestellt. Klar ist aber, dass dieses 188-Minuten-Werk – am Sonnabend lief der Film im BR-Fernsehen mit einem kurzen Abspann, so dass nur 175 Minuten übrig blieben – über weite Strecken fesselnd ist.
Es gibt viele geradezu ergreifende Momente. Angefangen bei einem Museumsbesuch in Dresden, der Festnahme der Tante und viele der Maleraugenblicke mit Kurt. Begünstigt wird das alles durch eine hervorragende Kameraarbeit, die auch für den Oscar nominiert war.
Zu beobachten, wie Kurt für seine Kunst arbeitet, zu ihr steht und langsam seinen Stil findet, wie er sein Leben ordnet und sich mehr und mehr durchsetzt – das kann auch in einem so langen Film für Spannung sorgen.

-> Der Film in der ARD-Mediathek (bis 9. Oktober 2021)

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303 – Die Serie

Mittwoch, den 1. September 2021
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SA 28.08.2021 | 3.40 Uhr (So.) | BR-Fernsehen

Eine Reise von Berlin nach Portugal – mit einem alten Mercedes-Camper. Eine Reise, zwei Personen, eine junge Frau, ein junger Mann. Viele Gespräche, Streits, tolle Gegenden, Romantik. Liebe?

Jule (Mala Emde) ist an der Uni durch die Prüfung gefallen. Sie ist ungewollt schwanger, und sie will es ihrem Freund in Portugal sagen. Sie beschließt, mit ihrem Wohnmobil von Berlin in den Südwesten Europas zu fahren.
Jan (Anton Spieker) hat sein Uni-Stipendium nicht bekommen. Außerdem will er endlich seinen leiblichen Vater kennenlernen. Deshalb will er trampen – zunächst nach Köln, dann mit dem Bus nach Spanien. Doch seine Mitfahrgelegenheit hat ihn hängen lassen. Und so trifft er auf Jule.
Die beiden machen sich auf den Weg. Und reden. Über die Menschen. Über den Kapitalismus. Über die Liebe. Über Sex. Über sich.

“303” hieß dieses ganz besondere Roadmovie – benannt nach dem Hymer 303, mit dem Jule und Jan unterwegs sind. “303” lief schon 2018 in den Kinos. Unter der Regie von Hans Weingartner entstand ein tolles Stück Menschenkunde. Denn es ist überaus spannend, geradezu packend, den beiden zuzusehen und zuzuhören.
2021 gab es das Ganze noch mal als Serie. Der Film war etwa 145 Minuten lang. Das war schon viel, aber schon im Kino verging die Zeit wie im Flug. Für die Serie sind es nun insgesamt 211 Minuten geworden. Und (fast) jede davon lohnt. “303 – Die Serie” hat sechs Folgen, sie liefen im Nachtprogramm des BR-Fernsehens und sind nun auch in der ARD-Mediathek zu sehen.

Sind die Gespräche anfangs noch ein wenig abgehoben, wenden sie sich bald Gesprächsthemen zu, die so ziemlich alle Menschen bewegen. Aber es ist auch extrem interessant zu beobachten, wie sich die Beziehung der beiden wandelt. Das machen beide Schauspieler ganz hervorragend. Es gibt diesen einen Moment, wo Jan klar wird, dass er sich verliebt hat. Anton Spieker spielt das ganz großartig. Die Chemie stimmt überhaupt sehr zwischen den beiden. Mala Emde, die junge Frau, die stark ist und auch mit sich zaudert.
Hans Weingartner gibt der Geschichte den Raum, den sie braucht. Lässt auch mal Ruhe- beziehungsweise längere Spannungspunkte zu. So ruhig und doch so fesselnd – und so schön.
Nur das Ende – das ist irgendwie inakzeptabel doof. Hätte man weglassen sollen.

-> Die Serie in der ARD-Mediathek (bis 22. August 2022)

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Rundschau extra: Zum Gewaltverbrechen in Würzburg

Sonntag, den 27. Juni 2021
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FR 25.06.2021 | 20.15 Uhr | BR-Fernsehen

Gewaltverbrechen in Würzburg. Ein Mann griff andere Menschen mit einem riesigen Messer an. Motive, Opferzahlen – man weiß nichts Genaueres, es gibt nur Gerüchte.
Am Freitagabend übertrug das BR-Fernsehen zeitversetzt in einer “Rundschau extra” eine Pressekonferenz mit einem Polizeisprecher. Darin berichtete der Sprecher, was er wusste. Und sagte aber auch, was derzeit noch nicht bekannt ist.

Natürlich wollten das die Journalisten vor Ort nicht auf sich beruhen lassen. Schließlich habe man ja schon ganz andere Informationen.
Drei Tote, sechs Verletzte soll es geben, aber wollen Sie nichts sagen? Knallharte Fragen an den Polizeisprecher. Und was es vielleicht wirklich ein Migrant, ein Ausländer?
Der Sprecher konnte nur darauf verweisen, dass man es noch nicht sagen könne.
Eine Journalistin las daraufhin von ihrem Handy ab, dass man ja sogar auf einer Nachrichtenseite aus Spanien lesen könne, dass es drei Tote und sechs Verletzte seien. Und warum er das denn nicht sagen könne? Wisse er das nicht? Dürfe es das nicht sagen?
Der Polizeisprecher blieb hart. Er wolle keine Gerüchte verbreiten, was er nicht nicht genau wisse, werde er auch nicht sagen, und die genauen Infos gebe es auf keiner spanischen Nachrichtenseite, sondern bei ihm.
Aber damit machte er die Journalisten natürlich nicht glücklich.

Bei “Bild live” verkauften sie die drei Toten und sechs Verletzten da schon längst in Dauereinblendung. Als Innenminister Joachim Herrmann später in einer bei Bild live übertragenen Pressekonferenz von fünf Verletzten sprach, wurde auch unauffällig die Dauereinblendung verändert.

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Fastnacht in Franken

Montag, den 8. Februar 2021
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SA 06.02.2021 | 20.15 Uhr | BR-Fernsehen

Der Karneval 2021 geht so in die heiße…
Ähm, nein. Im Karneval 2021 wird gar nichts heiß. Im Grunde genommen findet der Karneval 2021 nicht statt. Das Coronavirus hat die komplette Saison gekillt.
Nur ein bisschen Fernsehkarneval findet in den zwei Wochen vor Fastnacht und Aschermittwoch statt.

Am Freitagabend zeigte der BR seine erfolgreichste Sendung des Jahres: die “Fastnacht in Franken”. In normalen Jahren schauen bundesweit bis zu 4 Millionen Menschen zu.
In normalen Jahren herrscht dort auch gute Stimmung – aber diesmal musste das Spektakel ohne Publikum auskommen. Die Show ausfallen zu fallen, kam offenbar nicht in Frage. Und so war die “Fastnacht in Franken” für die Künstler:innen sicherlich eine Herzensangelegenheit und vermutlich die einzige Möglichkeit, etwas Gage zu verdienen. Allerdings ist es alles andere als einfach, ohne Publikum Stimmung zu erzeugen. Und so gab es hin und wieder kleine Einspieler früherer Shows, und im Saal saßen die Künstler:innen, die gerade nicht dran waren.

Der BR ist übrigens so stolz auf seine Show, dass diese an zwei Abenden hintereinander zur besten Sendezeit läuft. Vermutlich hat der BR da ein Alleinstellungsmerkmal. Sowohl am Freitag als auch am Sonnabend um 20.15 Uhr lief die exakt selbe Show. Muss man sich auch mal trauen.

-> Die Show in der ARD-Mediathek (bis 5. Februar 2022)

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Ferdinand von Schirach: Feinde

Dienstag, den 5. Januar 2021
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SO 03.01.2021 | 20.15 Uhr | Das Erste / one / Dritte Programme

Ein Film, zwei Blickwinkel, elf Sender. Die ARD ist ja eher selten wirklich experimentierfreudig, aber am Sonntagabend hat sie es mal wieder gewagt.

Ein junges Mädchen wird entführt. Der Entführer fordert von der reichen Familien viel Geld für die Freilassung. Kommissar Nadler ermittelt und fokussiert sich auf das Umfeld der Familie. Sicherheitsmann Kelz wird verhört, und Nadler ist sich sicher: Kelz hat das Mädchen entführt. Weil aber Kelz nichts zugibt und auch nicht sagt, wo das Mädchen ist, greift er zu drastischen Mitteln.
Strafverteidiger Biegler muss sich vor seiner Frau rechtfertigen, weil er Kelz verteidigen wird. In der ausführlichen Befragung seines Mandanten bringt er Ungeheuerliches ans Licht.

Das Thema von “Ferdinand von Schirach: Feinde” ist extrem spannend. Denn der Zuschauer war bei der Entführung dabei, und man kann ziemlich sicher sein, dass Kelz ein Täter ist. Ziemlich. Aber nicht hundertprozentig.
Nadler foltert Kelz während des Polizeiverhörs, um ein Geständnis zu erpressen. Ist diese Art der Folter legitim? Sind alle Mittel recht, um ein Mädchen aus ihrer Gefangenschaft zu befreien?
Die Antwort ist sehr eindeutig, denn der Strafverteidiger nimmt Nadler während der Gerichtsverhandlung regelrecht auseinander. Nadler hatte keine Beweise, die Spurensicherung war quasi nicht vorhanden, es war lediglich ein Gefühl, dass Kelz es gewesen sei. Dass Nadler Kelz gefoltert hat, fliegt dem Ermittler um die Ohren.

Bjarne Mädel spielt in “Feinde” den Ermittler Nadler, und das macht er hervorragend. Einmal mehr zeigt er, dass er ein fantastischer Schauspieler ist. Ebenso aber Klaus Maria Brandauer, der den Strafverteidiger spielt.

Es gibt zwei Versionen dieses Films. In Version 1 geht es vor allem um die Sichtweise des Ermittlers. Der Zuschauer ist dabei, wenn Nadler zunächst im Dunkeln tappt und später beim Verhör, das dann eskaliert. Diese Version lief im Ersten.
In Version 2 verfolgen wir, wie Strafverteidiger Biegler arbeitet, wie er hadert und sich dann seiner Aufgabe widmet, wie er schließlich Kelz verhört und auf die Tatsache der Folter stößt. Die erstengut 15 Minuten sind deckungsgleich, die letzten 25 Minuten auch – zumindest fast. Denn im Prozess ist die Kameraführung vor allem auf Biegler fokussiert, und am Ende erfährt der Zuschauer auch mehr über die Urteilsbegründung, während in Version 1 der Zuschauer mit Nadler relativ zügig nach der Urteilsverkündung den Saal verlässt. Version 2 lief bei one und in allen neun Dritten Programmen.

Das Experiment: Die beiden Filme laufen parallel, und der Zuschauer kann entscheiden, aus welcher Sicht er das Ganze sehen will. Oder er konnte hin- und herschalten, um zwischendurch zu schauen, was der Strafverteidiger ermittelt.
Ich habe das probiert und habe gezappt. Gut ist, dass man tatsächlich nicht nennenswert etwas in den jeweils anderen Versionen verpasst hat. Allerdings verliefen die Handlungen nicht immer wirklich parallel. So gab es in Version 1 ein Zusammentreffen von Nadler und Biegler, das aber da nicht gleichzeitig in Version 2 gab.
Andererseits gab es in Version 1 die Folterszenen, während Kelz in Version 2 die Szenen schilderte und der Anwalt darauf reagierte. Das war ein spannender Gegensatz, der auch nur so unmittelbar funktioniert.
Wer dagegen die beiden Filme hintereinander sah – weil viele den Eindruck hatten, es habe sich um einen zweiten Teil gehandelt – sah dagegen viele Doppelungen, die dann langweilig erschienen.

Version 1 im Ersten. Version 2 auf one, im WDR, NDR, radiobremen tv, BR, SWR, SR. hr, mdr und im rbb. Ein Film auf zehn Sendern. War das wirklich nötig? Die ARD hielt das offenbar für nötig, und sicherlich ist dabei zu bedenken, dass wahrscheinlich nicht jeder Fernsehzuschauer wirklich jedes Dritte Programm und one empfängt. Es heißt, dass über DVB-T nur bestimmte Dritte zu empfangen sind. Um also sicherzustellen, dass wirklich alle Zuschauer am kompletten Experiment teilnehmen können, wurde der Film also durchgeschaltet.
Ob es grundsätzlich den zweiten Film gebracht hätte, ist eine andere Sache. Das Experiment war spannend, aber mit 120 statt 90 Minuten Länge hätte man auch alles erzählen können. Was dann aber vermutlich wieder weniger Aufmerksamkeit bekommen hätte, weil es dann eben nur ein Film im Ersten gewesen wäre.

Der Umgang mit dem Experiment in der ARD war jedoch lausig. Man hat den Zuschauer mit den Filmen leider sehr allein gelassen. Man hat sich darauf verlassen, dass alle vorher informiert waren, was denn da jetzt passiert.
Nicht nur, dass der Film in den meisten Dritten nicht zeitgleich mit dem Film im Ersten startete, sondern schon etwas früher. Er startete ohne Info an die Zuschauer.
Eigentlich hätten alle elf Sender zu Beginn wirklich zusammengeschaltet werden müssen. Ein(e) Ansager(in) (ja, sowas gibt es ja leider nicht mehr) hätte den Zuschauern erklären müssen, was jetzt passiert und was die Zuschauer machen können. Auch während des Films hätte es ab und zu Einblendungen geben müssen. An bestimmten Stellen hätte man “Umschalthilfen” geben können, in dem man sagt, was gerade in der anderen Version passiert. Dazu hätte man während des Films vielleicht zwei oder drei Punkte schaffen müssen, wo sich die Storys kreuzen und man dem Zuschauer das durch entsprechende Einblendungen sagen können.
Aber die Mühe hat man sich dann leider nicht gemacht, so wirkte das ganze wie eine gute Idee, die man aber nicht zu Ende gedacht hat.

Fast elf Millionen Menschen haben am Sonntagabend zur Primetime einen der beiden Filme gesehen. Das ist ein Erfolg, und solche Experimente könnte es gern mal wieder geben. Dann aber bitte noch mehr durchdacht.

-> Die Filme in der ARD-Mediathek (bis 3. April 2021)

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Das war 2020!

Donnerstag, den 31. Dezember 2020
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Weißt du noch, damals? Als Shows in großen Hallen mit tausenden Menschen aufgezeichnet worden sind? Als in der “heute show” noch Menschen im Studio saßen und gelacht und geklatscht haben? Das war alles davor. Vor Corona.
Kein anderes Thema hat die Menschheit und somit auch das Mediengeschehen 2020 so beeinflusst wie das Coronavirus.

Okay, davor gab es noch die Umweltsau. Corona war noch weit weg. 2020 begann mit einem Skandal, der noch von 2019 ins neue Jahr rüberschwappte. Der WDR-Kinderchor und die Oma, die alte Umweltsau. Satire und so. Die führte jedoch zu einem heftigen Streit. Einerseits der Shitstorm, angeführt von rechten Kreisen. Andererseits beim WDR selbst. Dass sich Intendant Tom Buhrow für eine Satire entschuldigte, anstatt sich näher damit zu befassen oder sich vor seine Leute zu stellen, kam nicht gut an.
Apropos Shitstorm: Der rollt auch 2020 wieder zigfach durchs Land. Weil das RTL-Dschungelcamp in Australien live auf Sendung ging, obwohl es im Land riesige Waldbrände gab, sorgte bei denen, die sich schnell empören, für Empörung. Dass die Brände so weit weg waren, dass es für die Show nicht relevant war – egal. RTL rief stattdessen in den Sendungen zu Spenden auf. Ach, und wer hat eigentlich gewonnen? Kann das mal jemand googlen?
Empörung herrschte auch über den vom mdr übertragenen Semperopernball. Zuvor vergaben die Ausrichter des Balls den St.-Georg-Orden an Abd el Fatah al-Sisi, dem Präsidenten von Ägypten. Menschenrechtsverletzungen stehen bei ihm auf der Tagesordnung, und wie es zur Preisvergabe kam, ist unklar. Es heißt, man wollte einen Ball-Ableger in Ägypten etablieren. Die Wellen schlugen hoch, als Moderatorin Judith Rakers beschloss, die Moderation abzugeben. Mareile Höppner wollte einspringen, wurde aber vom Shitstorm weggefegt – am Ende moderierte Roland Kaiser allein, nicht ohne heftige Kritik zu üben.

Corona trat spätestens am 28. Januar in das Leben der Deutschen. Der erste Fall im Land. In einem “Tagesthemen extra” auf Youtube ist diese Meldung verbreitet worden. Und dann ging alles ganz schnell.
Die Fallzahlen stiegen, Mitte März gab es Einschränkungen und schließlich den ersten Lockdown. Fernsehshows mussten auf Publikum verzichten. Weil Kinos und Theater schließen mussten, zeigte der rbb diverse Aufführungen wie “Carmen”. Musiker gaben Online-Konzerte, viele Theater zeigten Stücke oder Ausschnitte davon live bei Facebook oder Youtube. Die Fußball-Bundesliga pausierte zwei Monate lang, stattdessen liefen am Sonnabend alte Länderspiele. Der Charité-Virologe Christian Drosten stieg zum Star auf, NDR Info bat ihn regelmäßig zum Coronavirus-Update, und Hunderttausende lauschten den Ausführungen. Mangels bewegter Bilder zeigte tagesschau24 den Podcast mit einem Standbild. Die Tagesschau selbst hatte plötzlich jeden Tag fast 20 Millionen Zuschauer. Alle wollten wissen, was los ist in diesem Land. Angela Merkel spricht zu den Deutschen: “Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.” Die Ansprache sehen auf verschiedenen Sendern gut 25 Millionen Menschen.

Medien im Ausnahmezustand. Und Fernsehsender, die plötzlich spontan umplanen müssen oder in Windeseile neue Formate schaffen. Bei RTL gehen Pocher, Jauch und Gottschalk zur Primetime live per Schaltkonferenz mit der “Quarantäne-WG” auf Sendung. Leider irgendwie ohne Konzept, und nach drei Sendungen ist Schluss. Auf Sat.1 bekommt Luke Mockridge eine einstündige Show, bei VOX sendet Mark Forster aus seinem Studio und holt sich übers Netz Gäste zu sich. Matze Knop witzelt jeden Tag bei Sky Sport News. Alles sehr kurzlebig. Nur Sebastian Puffpaff ist mit seiner täglichen Coronasendung bei 3sat langlebig. Es gibt Comedy-Konferenzen mit langweiligen oder gelangweilten Komikern, die zu Hause in die Kamera starren. “NDR Talk Show” und Co. wandeln sich ebenfalls zu Konferenzschaltungen – und alle zeigen, wie mies das Internet in Deutschland ist.
Kreativ wird Sido. Er meldet sich freitags zwölf Stunden lang live aus einem Berliner Loft – “Zuhause mit Sido” läuft elfmal auf Youtube. Später meldet er sich mit Knossi und weiteren Freunden live auf Twitch aus dem mehrtägigen Angelcamp. Jan Böhmermann und Olli Schulz senden mit ihrem Spotify-Podcast “Fest & flauschig” im Frühjahr fünfmal pro Woche und sorgen für Zerstreuung im Homeoffice. Klaas Heufer-Umlauf sorgt in “Late Night Berlin” für rührende Augenblicke, als er Supermarkt-Angestellten was Gutes tut und im Innenhof eines Altersheims ein Konzert veranstaltet.
Unterdessen gibt es in den Nachrichten jeden Tag die neuen Coronazahlen – und es gibt die, die alles anzweifeln. Lügenpresse. Mainstreammedien. Und andere Kampfbegriffe.
Ein Verlierer sind die Kinos. Diverse Filme verlieren ihren Leinwandauftritt – “Berlin Berlin” läuft nur auf Netflix, “Mulan” für viel Geld nur auf Disney+, auch auf Amazon Prime Video gibt es Filme zu sehen, die 2020 eigentlich hätten im Kino laufen sollen.

Und sonst? Fußball-EM: ausgefallen. Olympia? Ausgefallen. Viele, viele Events sind: ausgefallen. Es ist ein tristes, trauriges, ruhiges Jahr. Als die Bundesliga wieder läuft, ist es immer noch ruhig – in die Stadien darf weiter kein Publikum. Geisterspiele werden zur Normalität.
Auch der Eurovision Song Contest in Rotterdam: ausgefallen. Aus Versicherungsgründen konnte es offenbar auch keinen Ersatz geben. Stattdessen machte jedes Land einirgendein eigenes Finale. Unser deutscher Teilnehmer Ben Dolic – im deutschen Finale in der Hamburger Elbphilharmonie im Ersten war zu erahnen: Wir wären nicht weit gekommen. Bitte nicht wiederwählen.
Der Junior Eurovision Song Contest 2020 in Warschau: zum Glück nicht ausgefallen. Und erstmals nahm Deutschland teil und wurde: Letzter. Glück auf!

Am besten haben es im ersten Lockdown wohl die Bewohner des “Big Brother”-Hauses auf Sat.1 gehabt. Im Februar ziehen sie ein. Als sie später erfahren, was draußen los ist, ist das eine Live-Sondersendung. Experten erklären den Bewohnern, die Pandemie, die draußen herrscht. Die Show geht es – im Gegensatz zu Kanada, wo “Big Brother” abgebrochen werden muss. Am Ende gewinnt übrigens… kann das bitte auch mal jemand googeln? War übrigens ein Flop – leider. Das Publikum will mehr Zoff, mehr Trash – da war “Big Brother” fast erfreulich normal.

Trash, Zoff – da ragen zwei Formate 2020 heraus. In “Promis unter Palmen” auf Sat.1 und im “Sommerhaus der Stars” bei RTL kommt es zu heftigsten Mobbing-Attacken, die beim Zuschauen weh tun und wütend machen – aber eben auch für Quoten sorgen. Der Streamingdienst TV Now und RTL fluten das Land mit Promi-Trash-Formaten – sinnlos, die hier alle aufzuzählen, so schnell, wie sie vergessen werden. In “Kampf der Realitystars” auf RTL zwei regt sich Jürgen Milski über ein Spiel auf, das unter seinem Niveau sei. Lustig. Vor ein paar Jahren hat er bei 9Live noch ganz niveauvoll Zuschauer verarscht. Aber echt.
Und wenn ein Trash-Format plötzlich nicht mehr so richtig trashig ist, ist’s auch falsch: “Schwiegertochter gesucht” kommt 2020 mit ziemlichen Normalos daher – und schon weht auch deshalb wieder ein Shitstörmchen.

Pech hat RTL auch mit “Deutschland sucht den Superstar”. Wobei: Was heißt Pech? RTL rannte mit offenen Augen ins PR-Desaster. Jurymitglied Xavier Naidoo macht mit Corona-Leugner-Videos und wirren Aussagen von sich Reden. Vor den Live-Shows im Frühjahr wird er gefeuert. Dieter Bohlen macht sich lächerlich, weil er stundenlang rumeiert, anstatt um zu erklären, was Sache ist. Für Naidoo kommt Florian Silbereisen in die Jury, und am Ende gewinnt der Schlager: Ramon Roselly kann sich in der Schlagerbranche schnell etablieren. Im Herbst kommt Michael Wendler ins Spiel. Als Jurymitglied soll er für Quote sorgen, aber auch er gleitet in die irre Welt der sogenannten Querdenker ab. Die Medien seien gelenkt, sagt er, auch RTL – und weiteren Stuss. RTL reagiert. Wendler ist raus. Blöd nur: Die Castings sind im Kasten. Im Januar 2021 ist Wendlerzeit bei RTL – bis zum Recall.
Aber warum eigentlich der Wendler? Es war nämlich auch das Jahr von Oliver Pocher. Auch er hatte Corona, und zu Hause begann er, Instagram und Co. zu durchforsten, um den dortigen Irrsinn freizulegen. Seine Videos finden riesigen Anklang, und dabei stößt er auch auf Wendler-Aktionen. Das schaukelt sich hoch bis zu einer gemeinsamen Battle-Show bei RTL. Wendler bekommt Dokusoaps und weitere Angebote. Bis zum Aus.
Und Pocher ist bei RTL omnipräsent. Moderationen, Auftritte und eine eigene Late Night mit Ehefrau Amira.

Wer immer noch fehlt in der Medienlandschaft: Stefan Raab. Vor fünf Jahren stand er das letzte Mal vor der Kamera. Jetzt produziert er nur noch Shows, sitzt in der Regie und frisst Chips. So wird das dem Zuschauer vor jeder seiner Sendungen mitgeteilt, als ob es ein Qualitätsmerkmal sei, dass Raab irgendwie anwesend ist. Doch es herrscht Götterdämmerung. Sein “Free European Song Contest” ist nett, wirkt aber altbacken, wie seine Shows vor zehn Jahren. “Fame Maker”, wo man die Sänger nicht hören kann, ist eine nette Idee, trägt aber nicht ewig. Und die Möchtegern-Late-Night “Täglich frisch geröstet” bei TV Now ist wohl die Enttäuschung des Jahres: nicht täglich, nicht frisch, nicht geröstet, eigentlich nicht mal eine Late Night.

Der Sender Tele 5 steht vor einer ungewissen Zukunft. 2020 erfolgte die Übernahme durch Discovery, die eigentlich durch Dokuformate bekannt sind. Senderchef Kai Blasberg nimmt den Hut.
2020 mussten wir aber noch weitere Abschiede nehmen. Jan Hofer verlässt nach mehr als 35 Jahren die Tagesschau. Die Moderatorin Sabine Sauer geht nach ebenso vielen Jahren in den Ruhestand, ebenso wie ZDF-Wettermann Gunther Tiersch. Hans-Ulrich Jörges verabschiedet sich vom “stern”. Mit Zee.One hat sich ein ganzer Sender verabschiedet – wobei ihn wohl kaum jemand vermissen wird. Und nach fast 35 Jahren endete die “Lindenstraße”. Mit Helga Beimers 80. Geburtstag mussten die Fans sich von der Dauerserie trennen. Das Fernsehballett wird aufgelöst. Die Formel 1 läuft letztmals bei RTL, wandert zu Sky. Eine Ära endete Ende Dezember bei radioeins: Nach 33 Jahren und 1627 Sendungen lief letztmals die Musiksendung “Roots”. Moderator Wolfgang Doebeling geht mit 70 Jahren in Rente.

Sie werden uns fehlen. Die Schauspieler Sean Connery, Michael Gwisdek, Claude Brasseur, Irm Hermann, Kirk Douglas, Renate Krößner, Otto Mellies, Burkhart Driest, Sonja Ziemann, Thilo Prückner, Michel Piccoli und Birol Ünel. Die Komiker Karl Dall, Herbert Feuerstein und Fips Asmussen. Die Comiczeichner Albert Uderzo und Uli Stein. Künstler Christo. Promifriseur Udo Walz. Die Musikschaffenden Gotthilf Fischer, Little Richard, Ennio Morricone, Werner Böhm (Gottlieb Wendehals), Kenny Rogers, Harry Jeske und Trini Lopez. Die Journalisten Gert Müller-Gerbes, Horst Schättle, Mathias Puddig, Hermann Schreiber, Ulrich Kienzle, Geri Nasarski, Sabine Zimmermann, Volker Panzer und Julitta Münch. “Bummi”-Gründerin Ursula Böhnke-Kuckhoff. Fußballer Diego Maradona. Die Politiker Norbert Blüm, Hans-Jochen Vogel, Thomas Oppermann, Wolfgang Clement, Ingrid Stahmer und Barbara Rütting. Die Unterhalter Roy Horn und Mike Shiva. Der Filmemacher Joseph Vilsmeier. Dramatiker Rolf Hochhuth. Der Autor Carlos Ruiz Zafón.

Immer noch da ist die AfD. Da wird von Ermächtigungsgesetzen gefaselt, es werden rechte Youtuber in den Reichstag eingeschleust, und die Querdenker-Bewegung findet man dort auch irgendwie sehr gut. Nicht gut findet die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Lieber setzt man auf sogenannte alternative Medien oder sorgt gleich selbst für den Content.
Dass die CDU in Sachsen-Anhalt vorsichtshalber nicht über die Erhöhung des Rundfunkbeitrages abstimmen lässt – im Fall dessen, dass die CDU selbst ablehnt, sitzt man in einem Boot mit der AfD und riskiert einen Koalitionsbruch -, und so die geplante Erhöhung vorerst kippt, gefällt der AfD.
Immerhin gibt es bei ARD und ZDF nicht Sendungen bei wie BILD, wo die Moderatoren aus Sponsoringgründen Milchflaschen ins Bild halten und schütteln müssen. “Reif ist Live” war mehr Milchreklame als Fußball-Analyse.

Überhaupt, die BILD. Nach dem Anschlag von Hanau geht “Bild live” auf Sendung, und es werden krude Theorien on Air geschickt. Fakten prüfen? Ach was. Wozu denn?
Nach einem Familiendrama in Solingen veröffentlicht die BILD einen Chat zwischen einem Jungen, dessen Mutter und Brüder tot sind, und dessen Freund. RTL zerrt den Freund vor die Kamera. Die Sensationsgeilheit kennt keine Grenzen. Die Öffentlich-Rechtlichen machen es nicht immer besser: Nach einem Anschlag im hessischen Volkmarsen wird auch in einer hr-Sondersendung rumorakelt.

Und sonst so? Die Ärzte rocken die Tagesthemen. Joko und Klaas müssen sich für Fake-Beiträge entschuldigen – sorgen aber auch für Begeisterung, als sie ihre 15-Minuten-Live-Sendung auf ProSieben für Hinweise auf Frauenrechte und Flüchtlinge nutzen. Die CSU kann ihren Parteitag nur virtuell abhalten. Mal was anderes live auf phoenix: Angelika Niebler hat echt wenige Bücher in ihrem Regal – hätte man sonst gar nicht erfahren. Rezo hat mal wieder zerstört: diesmal die Presse, vor allem die Lügen der Klatschpresse. Der rbb kuschelte im Sommerinterview mit dem Neonazi Andreas Kalbitz (Ex-AfD) an einem lauschigen See. Blöd: Die Recherchen aus dem eigenen Haus haben die Redaktion irgendwie nicht erreicht. Und dann war da noch der Bachelor bei RTL, der am Ende einfach gar keiner Frau eine Rose schenkte. Single zu sein ist doch auch was Schönes.

2021. Bleiben Sie gesund. Werden Sie gesund. Alles wird gut. Hoffentlich.

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Das war 2019!

Dienstag, den 31. Dezember 2019
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Das Medienwort des Jahres ist vermutlich 2019 ein Name: Greta. Greta Thunberg ist 16, Schwedin und die wohl bekannteste Umweltaktivistin unserer Zeit. Kommt Greta ins Spiel, dann werden alle nervös. Die Medien, weil sie mit Greta-Artikel wieder Klicks bekommen. Die Fans, weil sie Greta für alles feiern. Die Hasser, weil sie Greta für alles, nun ja, hassen.
2019 ist das Jahr – wie auch 2018 und 2017 und … – der Shitstorms, deren Wellen in immer kürzen Abständen durch das Web rollen. Immer wieder ist irgendwo die Empörung groß, weil irgendwer irgendwas gesagt hat, was irgendwer aus irgendwelchen Gründen ganz schlimm fand.

Schlimm findet die CDU im Jahr 2019 das Internet aber auch. Ein gewisser Rezo ist es, der auf Youtube vor der Europawahl von der “Zerstörung der CDU” spricht. Bis Jahresende hat das Video 16,49 Millionen Klicks, darin zählt Rezo die Versäumnisse der Politik auf, gerade in Sachen Umweltbelange. Man solle doch nicht die CDU wählen, und die SPD eigentlich auch nicht, die AfD ebenfalls nicht.
Das schlägt Wellen, nicht nur bei dem Wahlergebnis. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer spricht danach davon, dass es ja nicht sein könne, dass Youtuber auf diese Weise Wahlen beeinflussen wollen.
Die CDU will mit einem Antwortvideo kontern. Philipp Amthor soll es richten, und das Video wird so geil, dass es danach nicht veröffentlicht wird. PR-Desaster. Genau wie das Monate danach gestartete Youtube-Format “CSYou”.
Aber mit PR-Desaster kennt sich Annegret Kramp-Karrenbauer aus. Ende Februar tritt sie beim SWR im “Stockacher Narrengericht” als Klofrau auf – wie jedes Jahr. Mit Witzen über das dritte Geschlecht – “Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen.” – sorgt sie für Zoff. Darf sich eine so hohe Politikerin so über Randgruppen lustig machen? Das ist die Frage.

Und worüber dürfen sich eigentlich Komiker noch lustig machen? Über Frauen mit Doppelnamen jedenfalls nicht. Kramp-Karrenbauer. Bernd Stelter bekommt beim “Karneval in Köln” jedenfalls Besuch auf der Bühne. Eine Zuschauerin teilt ihm Auge in Auge mit, dass sie seine Doppelnamen-Gags irgendwie doof findet. Nur eine Woche später stürmt eine Frau die Bühne des “Moma-Cafés” des ZDF-Morgenmagazins. Sie wollte wissen, ob denn hier eigentlich alle einen anlügen, sie sprach von Lügenpresse, Lügenfresse und wollte fragen, ob bei ihr die Mainzelmännchen zu Hause seien. Alles ganz wichtige Fragen, die dringend geklärt werden müssen.

Oh, Moment: Greta hat wieder was gesagt. Sie fordert mehr Panik. Wichtige Sondermeldung. Es folgen Lob und Empörung.

Apropos Empörung: Rammstein hat sich was Dolles geleistet. In einer Vorschau für den Song und das Video zu “Deutschland” werde der Holocaust relativiert. Heißt es. War dann aber nicht so, der Shirtstorm rollte trotzdem durchs Twitterland.
Sat.1 löst seine Shitstorms lieber im Ausland aus: in Thailand. Ach was, ein Krieg steht im Raum! Im Frühstücksfernsehen reißen sie blöde Witzchen über den thailändischen König. Der und angeblich ganz Thailand finden das empörend, und bei Sat.1 schmeißt man sich in den Staub und entschuldigt sich untertänigst. Fast fließen Tränen. Ohje. Wird Sat.1 etwa zur Strafe zum thailändischen Regierungsfernsehen?
ARD und ZDF in Deutschland sind diesem Vorwurf auch 2019 immer wieder ausgesetzt. Dabei zeigen Formate wie “Die Anstalt”, “heute show” und “Extra 3” dass das nun wirklich nicht sein kann. Und auch Magazine wie “Report”, “Kontraste” oder “Frontal 21” decken Skandale auf, die der deutschen Politelite sicherlich nicht gefallen haben.

Achtung, Greta hat wieder was gemacht. Mit einem Schiff reist sie über den Atlantik in die USA. Jubel von den Fans. Kritik von den anderen, und überhaupt, das ist ja aus Gründen gar nicht so umweltfreundlich, wie alle sagen.

Bloß keine Schwäche zeigen. Nicht immer gelingt das. Ein Bundestagsabgeordneter bricht am Rednerpult zusammen, live übertragen von phoenix und dem Parlamentsfernsehen. Vorher machen sich die AfD-Leute noch lustig über ihn, als er beginnt zu stocken. Bei einem Auftritt stolpert Peter Altmeier nach einer Rede und fällt von einer Treppe. Das sieht böse aus. Gleich mehrere Male bekommt Kanzlerin Angela Merkel Zitteranfälle. Es beginnt das große Rätseln über eine mögliche Krankheit. In allen drei Fällen verbreitet sich über das Netz auch eine Welle der Häme. Politiker haben keine Schwäche zu zeigen, immerhin bekommen die doch so viel Kohle und tun dafür nichts, so wird, nun ja, debattiert.
Vor einem Millionenpublikum kollabiert “Tagesschau”-Sprecher Jan Hofer. Er wirkt fahrig, seine letzte Ansage kann er nicht mehr machen, die Sendung wird abgebrochen. Tage zuvor war er noch von morgens um kurz vor 10 bis nachts nach 23 Uhr in jeder Nachrichtensendung on Air. Bei der ARD will man von Überarbeitung nicht sprechen.

Ein bisschen flottere Arbeit wünscht man sich dagegen von der “Tagesschau” an dem Abend, als in Paris Notre Dame brennt. Eine kurze Sondersendung im Ersten und später eine hektisch zusammengestellte Live-Übertragung bei tagesschau24 lösen die Debatte über die Schnelligkeit der Nachrichtenübermittlung aus. Ob die stundenlangen Mutmaßungen und Kameraschwenks über die brennende Kathedrale bei ntv besser sind, ist unklar.
Legendär sind dagegen die stundenlangen Übertragungen aus dem britischen Parlament. Stichwort 1: Brexit. Stichwort 2: Order!

Greta! Jetzt bekommt sie auch noch die Goldene Kamera! Das Mädchen haut wieder eine Rede für den Klimaschutz raus, und kurz danach bekommt die Schauspielnewcomerin einen SUV geschenkt. Glückwunsch!

Schalten wir besser mal nach Österreich. Dort heißt das Wort des Jahres nicht “Greta”, sondern “Ibiza”. FPÖ-Rechtspopulist Hans-Christian Strache lässt sich von einer versteckten Kamera reinlegen. Auf Ibiza trifft er sich mit einer angeblichen Oligarchin. Es geht um Investitionen in Österreich und um Gefälligkeiten, die die Pressefreiheit aushebeln. Aus für die FPÖ in der Regierung. Pressekonferenzen. Neuwahl. Mega-Quoten für den ORF2.
In Deutschland dagegen sorgen die Rechtspopulisten der AfD immer wieder für Schlagzeilen. Bjö…, äh, Bernd, äh, Björn Hocke bricht ein Interview mit dem ZDF ab, weil er emotional aufgewühlt sei. Und er werde nie wieder ein Interview mit dem Journalisten führen, was er bedauern könnte, wenn Höcke mal eine wichtige politische Persönlichkeit sei.
Der mdr dagegen setzt Uwe Steimle gleich ganz ab. Oder besser: beschäftigt ihn nicht weiter. Darüber ist Uwe Steimle empört. Er würde gern vom mdr, den er für einen Staatsfunk hält und der regierungsnah sei und rückständig, weiterarbeiten. Der mdr sieht das anders. Der Arbeit- und Geldgeber mag es nicht, beschimpft zu werden. Uwe Steimle, das Opfer. Findet Uwe Steimle. Er redet von einem Berufsverbot. Seine Auftritte sind ausverkauft. Dort erzählt er dann von seinem Berufs, … ähm. Merken Sie selbst, oder?
Dieter Nuhr soll übrigens auch neurechts sein. Er äußert sich kritisch zu “Fridays for Future” und zu Greta. Dass er sich auch kritisch zur AfD äußert, scheint egal zu sein. Meinungsfreiheit gegen die Forderung, Dieter Nuhr abzusetzen.

Und, ach ja. Greta. Dieter Nuhr hat wieder was Böses über Greta gesagt. Bringt Schlagzeilen. Bringt Klicks. Lob und Hass, na, Sie wissen schon.

2019 hat auch Comebacks parat. Jörg Kachelmann feiert seine Rückkehr in die ARD. Er darf wieder das “Riverboat” im mdr moderieren, wo auch gleich die Quoten steigen. Der Deutsche Fernsehpreis kommt mit einer Gala zurück, in den vergangenen Jahren wurde eher spartanisch gefeiert. Die Rettungsschwimmer aus Malibu sind wieder da – und das auch noch in HD. “Baywatch” auf Nitro jetzt noch schärfer. Die Youtube-Star-Zwillinge, die Lochis, verkünden das Ende ihrer gemeinsamen Karriere. Jahrelang haben sie klickstarke Videos und am Ende auch Songs produziert. Durch die Jugend geht ein Ruck. Zlatko kehrt ins “Big Brother”-Haus zurück. 2000 war er schon mal drin, 2019 als “Promi”. Sat.1 jazzt das zum Comeback des Jahres hoch. Es erweist sich als laues Lüftchen. Domian meldet sich mit einer Talkshow im WDR zurück – ganz ohne Telefon. Pittiplatsch ist wieder da – fast 30 Jahre nach dem Aus im DFF. Und auch Jürgen Kuttner macht wieder den “Sprechfunk” – allerdings erstmal nur im Internet auf radioeins.de.
Ein Comeback – also zumindest für 30 Minuten – hat auch ein gewisser Ernesto. Ihn kennt man als Ex-Mann von einer Ex-Anwältin in einer RTL-Trashshow. Nun tritt er in einer RTL-II-Trashshow auf. Nackt. Aber: Sensation! Nach einer Penis-Vergrößerungs-OP! Das schauen wir uns doch mal genau an. Und, ähm, ein bisschen, nun ja, haben wir uns da schon mehr…. ähm… also…

Das irritierendste Comeback 2019: tm3. Der Sender Family.TV nennt sich in tm3 um. Die Rechte am Markennamen waren frei, mit dem tm3 von damals hat das aber nichts zu tun. Doch das Glück hält nicht lange, Wochen später wird der Sender abgeschaltet. Immer wieder gibt es Lizenzprobleme, der Betreiber von Family.TV/tm3 zeigt Sendungen im Programm, an denen er gar keine Rechte hat. Zwangs-Aus.
Unfreiwillig und mit großem Knall endet auf radioeins die freitägliche Comedy “radiozwei”. Als sich Tommy Wosch und Martin “Gotti” Gottschild live on Air ernsthaft zoffen, ist es aus. Erst im Herbst kehrt Wosch allein mit einem neuen Format zurück.
Abschied nehmen heißt es auch vom “Neomagazin Royale”. Jan Böhmermann verlässt zdf neo, um im Herbst 2020 mit neuer Show beim ZDF weiterzumachen.
Nächtliche Spitzeneinschaltquoten erzielt Sky mit der letzten Staffel von “Games of Thrones”. Doch viele Fans sind enttäuscht darüber, wie die Serie endet.
Der langsame Abschied von der “Lindenstraße” geht dagegen weiter. Am 20. Dezember ist Drehschluss. Noch drei Monate. Ende März 2020 ist dann auch im Fernsehen Schluss.

Auch viele bekannte Menschen sind nicht mehr da. Abschied für immer. Bruno Ganz, Hannelore Elsner, Doris Day, Billie Zöckler, Lisa Martinek, Ursula Karusseit, Luke Perry, Wolfgang Winkler, Jan Fedder, Rudger Hauer, Gerd Baltus, Helmut Krauss, Peter Fonda, Max Wright und Ken Kercheval werden als Schauspieler fehlen. Die Sportler Rudi Assauer, Matti Kykänen und Niki Lauda. Die Musiker Marie Fredriksson, Peter Schreier, Karel Gott, Costa Cordalis, Wiglaf Droste, Keith Flint, Gus Backus, Alphonso Williams und Mark Hollis. Die Moderatoren und Journalisten Wilhelm Wieben, Wiebke Bruhns, Manina Ferreira-Erlenbach, Franziska Pigulla, Michael Jürgs, Werner Doyé und Walter Freiwald. Die Politiker Manfred Stolpe, Jörg Schönbohm, Robert Mugabe, Klaus Kinkel, Jacques Chirac und Anke Fuchs. Weltraumfahrer Sigmund Jähn, Autorin Rosamunde Pilcher, Kabarettist Werner Schneyder, Produzent Artur Brauner, Comiczeichner Guillermo Mordillo, Unternehmer Ferdinand Piech, Weltenbummlerin Heidi Hetzer, Designer Luigi Colani und Modeschöpfer Karl Lagerfeld.

Vor dem Aus gerettet wird dagegen der Berliner Verlag. Dran hängen unter anderem die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier. Das Berliner Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich kauft den Verlag von der DuMont-Mediengruppe. Freude und Misstrauen. Immerhin sind die beiden kaum medienerfahren. Und dann kommt auch noch raus, dass bei Holger irgendwas mit der Stasi ist. Was er zunächst verheimlicht. Die Euphorieblase platzt.

Bei den Sendern platzen 2019 diverse Hoffnungen. RTL landet mit der Daily-Soap “Herz über Kopf” einen Flop. VOX versucht es mal wieder mit der schon öfter gefloppten Actionshow “Survivor” – und scheitert. Das ZDF hat kein Glück mit “Mein Lied für dich” und “Sorry für alles”.
Richtig gut läuft es dagegen weiter für den “Tatort” aus Münster. Der Fall “Spieglein, Spieglein” erreicht 14,01 Millionen Menschen. Quotenrekord 2019.

Und Greta? Müsste die nicht bald mal auf dem Schiff wieder in Lissabon angekommen? Nachrichtensender zeigen live und eine halbe Ewigkeit, wie ein Schiff aus dem Atlantik in Portugal anlegt.

Wird über Greta vor allem im Netz geredet, spielt sich auch das Mediengeschehen selbst zunehmend im Netz ab. Das herkömmliche analoge Fernsehen ist weiter auf dem Rückmarsch. Netflix begeistert mit Serien wie “Wir sind die Welle”, “Die Patchwork-Familie”, “How to sell Drugs online (fast)” oder “Sex Education”. Amazon Prime mit “Pastewka”. Außerdem geht Joyn an den Start, TV Now der RTL-Gruppe bietet unter anderem mit “Prince Charming” exclusiven Content. Und natürlich Youtube mit unendlich vielen Videos sowie diversen Funk-Formaten wie “Druck”.
Das Fernsehen muss sich anstrengen, wenn es weiter Aufmerksamkeit will. Das gelingt zum Beispiel mit “24h Europe” (arte), “Chez Krömer” (rbb), “Die Geschichte eines Abends” (NDR), “Käthe und ich” (Das Erste), “Die Unsichtbaren” (Das Erste) oder “Der Club der singenden Metzger” (Das Erste).

Was gab es sonst so? Thomas Gottschalk moderiert beim BR eine Literatursendung. Ja, wirklich! Bei Lanz zoffen sich Hasselhoff und Lindner. Hasselhoff gewinnt. Ja, echt! Böhmermann sagt was im ORF, und die Moderatorin distanziert sich. Ja, mei! Luke Mockrige prankt den “ZDF-Fernsehgarten” und ist … ähm, irgendwer fand das sicher lustig. Bei Funk gibt es eine 72-stündige Talkshow. Live! Und danach drei Tage Tiefschlaf. Die EU hat ein neues Urheberrecht. Und Youtube stirbt. Oder so ähnlich.
Achso, und: “I’m sorry! Zero Points!”

Schauen wir ein letztes Mal zu Greta: Die war auf dem Klimagipfel. Der war enttäuschend. Aber, bitte: Was war das denn?! Greta im ICE! Auf dem Boden sitzend! Wo sie doch 1.-Klasse-Tickets hatte!!! War dann zwar alles ein bisschen anders, aber da rollte der Shitstorm schon. Ist ja eh alles wurscht. Hauptsache Greta.

Nicht vergessen dürfen wir zu guter Letzt aber noch diese Feststellung. Enissa Amani ist eine Komikerin.
Echt!
Alles Gute für die 20er-Jahre.

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