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Bücher, Bücher, Bücher

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Claudia Rusch: Mein Rügen

Montag, den 20. September 2021

Heimat ist, wonach das Herz sich sehnt. So heißt ein Spruch, und die Autorin Claudia Rusch kann ihn sicherlich sehr gut nachvollziehen. Seit langer Zeit lebt sie in Berlin. Als Kind aber hat sie auf Rügen gelebt, im Norden der Insel. Auch danach war sie sehr oft dort, und dementsprechend hat sie sehr viele Erinnerungen. Immer wieder kommt sie nach Rügen – und es ist dieses Gefühl von Heimat, das sie selbst in Berlin hat, wenn sie am Horizont die Ostsee erahnt.

“Mein Rügen” heißt das Buch, in dem sie nicht nur ihre Erinnerungen teilt, sondern auch erzählt was die Insel Rügen ausmacht. Dabei ist aber auch klar, dass jeder der Rügen lebt, andere Erinnerungen und Vorlieben hat. Das Insel-Innere zum Beispiel spielt bei Claudia Rusch kaum eine Rolle, auch mit den Ostseebädern im Osten wurde sie nie so richtig warm, weil: zu überlaufen.
Stattdessen erzählt sie von ihrem Lieblingsstrand auf Wittow, vom Kap Arkona, der für sie der schönste Ort der Welt ist. Auch erzählt sie, dass es am Bodden längst nicht so schön sei wie an der Ostsee, der Bodden tue im Stillen so, als sei er die offene See.

Es ist ein Buch für Rügen-Fans und für die, die es noch sein wollen. Die Mischung aus persönlichen Tipps – Sassnitz hat sehenswerte Ecken, die für viele vermutlich verborgen bleiben, wenn sie nur schnell durchfahren oder am alten Überseehafen sind – und Erinnerungen an damals lesen sich sehr schön. Eine inspirierende Lektüre.

Claudia Rusch: Mein Rügen
mare, 190 Seiten
8/10

Hits: 128

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David Safier: Miss Merkel – Mord in der Uckermark

Montag, den 6. September 2021

Was macht Angela Merkel eigentlich, wenn sie nicht mehr Bundeskanzlerin ist? Wenn sie sich nicht mehr mit der Tagespolitik rumschlagen muss? Und mit Laschet, Merz und Co.?
2022, in der Uckermark. Angela Merkel ist in die brandenburgische Provinz gezogen, nach Klein-Freudenstadt. Mit Mann Achim (“Puffel”) und Mops Putin lebt sie in ihrem Häuschen mit Garten. Merkels Ziel ist es, sich in die Gemeinschaft des kleines Orts einzugliedern. Deshalb gehen Angela und Achim auch zum Schlossfest – das aber mit einem Schock endet. Freiherr Philipp von Baugenwitz wird vergiftet. In einer Ritterrüstung wird er in einem von innen verriegelten Schlossverlies gefunden.
Nun hat Angela etwas, worum sie sich kümmern kann. Mit ihrem Mann und Bodyguard Mike im Schlepptau beginnt sie ihre Undercover-Ermittlungen – denn bei einem Fahndungserfolg möchte sie keinesfalls, dass die Zeitungen davon Wind bekommen, was sie so in der Uckermark treibt.

Die Idee, zu überlegen, was Angela Merkel in ihrem Ruhestand so treibt, ist putzig, und natürlich hat sie großes Potenzial. David Safier hat daraus allerdings nur allzu leichte Unterhaltungskost gemacht. Das wäre an sich nichts Verwerfliches – leider ist sie nicht richtig gut geworden.
“Miss Merkel – Mord in der Uckermark” heißt sein Roman. Und so piefig wie der Titel klingt und das Buchcover aussieht, so piefig ist leider auch Safiers Roman geworden. Zwar ist die Geschichte grundsätzlich eigentlich ganz lustig, aber Safier macht zu wenig draus. Der Mordfall und die Ermittlungen sind nicht wirklich spannend aufgeschrieben. Safiers Wortwitze verpuffen, ebenso die an vielen Stellen langen Dialoge, die eigentlich nur dazu da sind, krampfhaft lustige Situationskomik abzubilden.
Und so wirkt der Roman wie ein Schmunzelkrimi im Vorabendprogramm der ARD. Und es hat einen Grund, warum die Schmunzelkrimis abgeschafft worden sind.

David Safier: Miss Merkel – Mord in der Uckermark
Kindler, 315 Seiten
5/10

Hits: 148

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Yassin Musharbash: Russische Botschaften

Sonntag, den 22. August 2021

(1) -> 11.12.2018

Es sollte eigentlich ein entspannter Abend werden. Journalistin Merle Schwalb sitzt in Berlin-Neukölln in einem Café, als es zu einem Unglück kommt. Vor ihren Augen stürzt ein Mann von einem Balkon. Angesichts der Verletzungen muss man davon ausgehen, dass der Mann tot ist.
Doch im Polizeibericht ist am nächsten Tag davon die Rede, dass er schwerverletzt in eine Klinik eingeliefert worden ist. Schwalb beginnt zu recherchieren und findet schnell heraus: Das ist eine Lüge, der Mann ist tot. Der Tod soll vertuscht werden.
Mehr und mehr kommt ans Licht. Es geht um kriminelle Clans, es geht um den russischen Geheimdienst und um die Frage: Sorgt dieser Geheimdienst dafür, dass Menschen in Deutschland geschmiert werden, um bestimmte positive Meinungen und Meldungen über Russland zu verbreiten?
Merle tut sich mit Kollegen zusammen, um Fakten zusammenzutragen – aber der Feind und seine Propaganda lauern schon, um geschickt zuzuschlagen.

“Russische Botschaften” beschäftigt sich mit einem spannenden Thema. Yassin Musharbash blickt auf die Rolle Russlands bei der Einflussnahme auf das Meinungsbild zu bestimmten Themen. Dabei geht es nicht darum, den einen Schuldigen zu finden, vielmehr versucht der Autor auch Hintergründe zu erklären. Wie funktioniert die russische Propagandamaschine, und der stellt klar, dass dahinter nicht die eine Person stecken muss.
Der Roman braucht ein bisschen, um in die Gänge zu kommen. Nach dem furiosen Beginn, sind die nachfolgenden Kapitel leider etwas langatmig. Aber die Story muss sich aufbauen, und sie wird spannend, als Merles Chefin ins Spiel kommt – steht sie auch auf der Liste des russischen Geheimdienstes? Auf interessante und mehr und mehr fesselnde Weise beschreibt Musharbash den Prozess der Recherche, der Zusammenarbeit, der Rück- und Anschläge.
Dies ist der zweite Roman mit der Journalistin Merle Schwab. Und ein dritter dürfte sicherlich auch ganz spannend sein.

Yassin Musharbash: Russische Botschaften
Kiepenheuer & Witsch, 399 Seiten
8/10

Hits: 157

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Jan Seghers: Der Solist

Samstag, den 21. August 2021

Mord, mitten in Berlin. In der Nähe der Admiralbrücke wird am späten Abend David Schuster umgebracht. Der Fall ist brisant, denn Schuster war ein jüdischer Aktivist und schwul. Er wurde dort hingelockt.
Der Frankfurter Ermittler Neuhaus ist aus dem Weg nach Berlin. Dort soll er in der Sondereinheit Terrorabwehr arbeiten. Die ist in einer Baracke auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof untergebracht. An seiner Seite soll die junge Deutschtürkin Suna-Marie Grabowski arbeiten. Was sie schnell mitbekommt: Neuhaus ist ein Einzelgänger. Er will lieber im Hotel arbeiten. Dennoch scheint sich zwischen den beiden eine gute Arbeitsatmosphäre zu entwickeln.
Deutschland steht unterdessen vor der Bundestagswahl 2017, die Stimmung ist erhitzt – und es passiert ein weiterer Mord: Diesmal ist es eine muslimische Anwältin.

“Der Solist” ist scheinbar der Start einer neuen Romanreihe von Jan Seghers. Neuhaus könnte zum Star einer ganzen Reihe von Krimis werden. So geht es jedenfalls aus dem Klappentext hervor.
So ist dann wohl auch der Roman zu verstehen – eine Art “Pilotfilm”. Denn in dieser Geschichte geht es nicht nur um die Mordserie, sondern auch um die Einführung der beiden Hauptprotagonisten.
Tatsächlich ist der Fall auch durchaus interessant, wobei aber hätte mehr draus gemacht werden können. Dem Roman fehlt es inhaltlich ein bisschen an Pfiff, an etwas Besonderem, an größerer Spannung. Fast möchte man sagen: Er ist routiniert und seltsam lustlos aufgeschrieben. Wie ein Vorabendkrimi, der recht schnell abgehandelt werden muss. Zumal 230 Seiten für einen Krimi eher wenig sind.
Das Potenzial ist da, immerhin werden hier Linien zum Berliner Weihnachtsmarkt-Attentat von Anis Amri gezogen. Aber dennoch: Für eine Reihe muss eine Schippe draufgelegt werden.

Jan Seghers: Der Solist
Rowohlt Hundert Augen, 230 Seiten
6/10

Hits: 149

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Constantin Schreiber: Die Kandidatin

Sonntag, den 15. August 2021

Deutschland, ungefähr im Jahr 2050. Bald ist Bundestagswahl. Sabah Hussein von der Ökologischen Partei (ÖP) ist die Kandidatin, die die aussichtsreichsten Chancen hat, neue Bundeskanzlerin zu werden. Für Deutschland wäre das ein neuer Meilenstein. Sabah Hussein ist Muslimin, ehemaliger Flüchtling, Feministin.
Ihr Rückhalt in der Bevölkerung ist groß – einerseits. Andererseits ist das Land tief gespalten. Die einen wollen die unbedingte Diversität in allen möglichen Institutionen und in der Gesellschaft allgemein. Es sollen Quoten eingeführt werden, wie viele Frauen, die einen Hijab tragen, in leitende Positionen sollen. die Polizei soll abgeschafft werden, stattdessen soll es eine Art Bürgerbewegung geben. Die “alte weiße Mann” wird mehr und mehr zurückgedrängt.
Der Graben ist groß, die Mauern und der Groll auf beiden Seiten ebenfalls.

Der Nahost-Kenner und Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber hat mit seinem Roman “Die Kandidatin” eine schwierige Vision eines Deutschlands im Jahre 2050 geschaffen.
Denn was sich heute teilweise schon andeutet, wird in seinem Roman auf die Spitze getrieben. Da ist auf der einen Seite eine Gesellschaft, die politisch korrekt sein will. Die Diversity feiert. Statt der deutschen Hymne eine Diversity-Hymne singt. Die jegliche Art der Diskriminierung geißelt. Die jeden verbalen Ausrutscher als Rassismus betitelt. Die unerbittlich ist, was andere Meinungen angeht. Und auf der anderen Seite die Menschen, die sich da nicht mehr mitgenommen fühlen, die angefeindet werden. Der Hass wird größer.
Constantin Schreiber übertreibt es in seinem Roman hier und da – wobei man sich da gar nicht immer so sicher sein kann. An manchen Stellen wirkt es sogar wie Satire. Ansonsten schildert er aber eine Vision, die durchaus realistisch erscheint.
Und als Leser stellt man sich ernsthaft die Frage, ob man das alles so eigentlich gut finden kann. Sicherlich ist es gut, wenn Diversität Einzug hält. Aber die Mauern, die da hochgezogen werden, die Intoleranz der Toleranten, der teilweise in Hass umschlägt und auf der anderen der Unmut der anderen.
Schreibers Roman wirkt mitunter wie ein Bericht, wie eine reine Beschreibung der Lage. Fast nüchtern. Aber das macht es vielleicht so – realistisch?

Constantin Schreiber: Die Kandidatin
Hoffmann und Campe, 205 Seiten
7/10

Hits: 159

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Max Meier-Jobst: Bonustrack – Mein Leben mit Peter und andere Geschichten

Donnerstag, den 12. August 2021

“Die Sache mit Peter” war ein kontrovers diskutierter Roman, und Fans des Autors Max Meier-Jobst wollten gern eine Fortsetzung. Die hat er auch geliefert – allerdings gibt die seitenmäßig nicht so viel her, als dass diese Fortsetzung ein zweites, eigene Buch ergeben würde.
Deshalb hat er Autor diese Geschichte an das Ende eines Buches gepackt, das ansonsten aus diversen Kurzgeschichten besteht. Was so irgendwie gar nicht zusammenpassen will, weil dieser “Bonustrack” ja das ist, was die Fand eigentlich wollten, und dieser “Bonustrack” ist auch der Titel des Buches.
Somit könnte man dem Autor vorwerfen, damit Aufmerksamkeit bekommen zu wollen und dem Leser gleichzeitig noch ein paar andere Storys unterzujubeln.
Immerhin ist die Geschichte, um die es eigentlich geht, nur 50 von 228 Seiten lang. Davor stehen die Kurzgeschichten.

Der “Bonustrack – Mein Leben mit Peter” ist allerdings auch nur eine Weitererzählung der Geschichte aus dem Hauptbuch. Der Ich-Erzähler (Max) berichtet, wie es mit ihm und Max weiterging. Dass er mit 16 wieder bei Peter eingezogen ist und sie bis heute zusammenleben – eigentlich. Denn in der Tat gab es noch ein Nachspiel.
Die Geschichte wirkt mehr wie ein Bericht als wie ein Roman.

Erfreulicherweise können sich aber auch die meisten seiner Kurzgeschichten sehen (oder eher lesen) lassen. Da geht es um einen Zirkusjungen, der Kontakt mit einem Mädchen an einem der Auftrittsorte aufnimmt – daraus entwickelt sich eine Lovestory – oder doch nicht?
Potenzial für mehr hat die Geschichte von Daniel, der mit seinem Vater an die Ostsee reist. Ohne zu wissen, dass sein Vater nicht vor hat, wieder zurück zu fahren. Der Cliffhanger am Ende ist krass – und man will mehr erfahren.
Gerade rührend und fesselnd ist die Story von dem Jungen, der Bahnfahren und Schienen so liebt, dass es sein Hobby ist, von morgens bis abends Bahn zu fahren.

Es sind lauter Geschichten, die überraschen, die zum Nachdenken anregen, manchmal auch auf falsche Fährten führen. Oft sehr lesenswert.

Max Meier Jobst: Bonustrack – Mein Leben mit Peter und andere Geschichten
Books on Demand, 228 Seiten
8/10

Hits: 152

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Carmen Buttjer: Levi

Mittwoch, den 11. August 2021

Levis Mutter ist gestorben. Auf ihrer Beerdigung ist er mit ihrer Urne abgehauen. Auf der Flucht. Gewissermaßen. Nun sitzt er auf dem Dach des Hauses, in dem der 11-Jährige wohnt. Bei seinem Vater kann er sich nicht blicken lassen. Aber andererseits hat er von ihm bisher sowieso nicht so viel mitbekommen.
Nun weiß Levi nicht weiter, kämpft mit seinen Ängsten und Problemen.
Er lernt Vincent kennen, der im selben Haus wohnt. Die beiden kommen ins Gespräch, und für Levi ist das ein Stück Ablenkung. Ebenso wie die Besuche im Kiosk von Kolja.
Auch Vincent und Kolja haben in ihrem Leben etwas zu bewältigen. Vielleicht auch zu verdrängen. Aber die Erinnerungen daran tauschen immer wieder auf. Wie auch bei Levi, der immer wieder an den Moment des Todes seiner Mutter denken muss. Denn das weiß sein Vater nicht – dass er beim Tod der Mutter dabei war.

“Levi” ist der Debütroman der Berliner Autorin Carmen Buttjer. Sie erzählt einerseits vom Schicksal eines 11-jährigen Jungen, der auf eine tragische Weise seine Mutter verloren hat und damit nicht umgehen kann. Er klaut die Urne, um weiter bei ihr sein zu können. Und mit seinem Vater findet er keine richtige Art und Weise, zu kommunizieren. Das macht er unterdessen mit dem Kioskmann und dem Nachbarn. Gleichzeitig erfahren wir viel als Levis Gedankenwelt. Es ist eine, in der sehr viel passiert, er hat ordentlich mit sich und seiner Umwelt zu kämpfen.
Ein lesenswertes Debüt. Wenn auch “Levi” kein Kracher ist, liest es sich gut weg.

Carmen Buttjer: Levi
Galiani Berlin, 257 Seiten
7/10

Hits: 138