Tagesarchiv für 27. Mai 2022

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Prignitz-Express: Oberkrämer hat vom Ausbau der Strecke gar nichts

Freitag, den 27. Mai 2022
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Auch künftig wird der RE 6 an Schwante, Vehlefanz und Bärenklau vorbeifahren – für die Gemeinde ergeben sich durch die Bahnpläne keine Vorteile – SPD-Landtagsabgeordneter Noack äußert sich

MAZ Oberhavel, 27.5.2022

Oberkrämer.
Was hat eigentlich die Gemeinde Oberkrämer mit den Bahnhöfen in Schwante, Vehlefanz und Bärenklau vom Ausbau des Prignitz-Express? Die Antwort lautet: eigentlich nichts.

Die Ankündigungen der Landespolitik am Montag klangen geradezu euphorisch: Künftig sollen zwei Züge pro Stunde zwischen Neuruppin und Hennigsdorf fahren, und die S-Bahn nach Hennigsdorf alle zehn Minuten – perspektivisch auch nach Velten. Allerdings: Die Durchbindung des RE 6 über Tegel nach Gesundbrunnen ist endgültig vom Tisch. Ob und wann die S-Bahn bis Velten fährt, bleibt weiter vollkommen unklar. Und der Prignitz-Express wird auch künftig an Oberkrämer vorbeirauschen, und nur die RB 55 wird weiterhin an den drei Stationen halten – und auch weiterhin nur stündlich. Denn in Wirklichkeit wird der Prignitz-Express auch künftig nicht zweimal pro Stunde fahren. Genau genommen wird nur die RB 55 von Kremmen bis Neuruppin verlängert, wird aber auch dann, anders als der RE 6, an jeder Station halten. Irgendeine Verbesserung für Oberkrämer ist somit gar nicht in Sicht.

Darum ging es auch am Dienstagabend im Bärenklauer Dorfkrug. Dort traf sich der SPD-Ortsverein aus Oberkrämer. Zu Gast war der SPD-Landtagsabgeordnete Andreas Noack. Die Strecke sei dem aktuellen Bedarf nicht mehr gewachsen, sagte er. Problem: Die Strecke ist eingleisig. „Wenn ein Zug ausfällt, sich verspätet oder liegenbleibt, dann gibt es eine Kettenreaktion“, so Noack. „Das wird sich erst ändern, wenn der zweigleisige Ausbau nach Neuruppin erfolgt.“ Der ist nach jetzigen Plänen bis 2026 angekündigt. Nahe Beetz solle beispielsweise ein Ausweichgleis gebaut werden.

Schon jetzt sind die Pendler in Schwante, Vehlefanz und Bärenklau ziemlich genervt von der Regionalbahn 55. Ausfälle und Verspätungen sind an der Tagesordnung. Erst kürzlich ist die Linie am Wochenende wieder mal komplett ausgefallen, wegen Personalmangels. Uta Hoffmann, die für die SPD auch im Ortsbeirat in Schwante sitzt, bemängelte das bei dem Treffen mit Noack.
Wie der Landtagsabgeordnete sagte, bleibe für die Menschen in Oberkrämer weiterhin nur der Zustieg in Kremmen oder Velten zum Prignitz-Express – auch in Zukunft. Und für Nutzer der RB 55: „Ihr werdet weiterhin in Hennigsdorf umsteigen müssen.“ Dass der RE 6 nicht in Oberkrämer halte, sei zudem verständlich: „Das Ding heißt Regionalexpress. Er soll Berlin-ferne Orte anbinden.“ Er glaube nicht, dass es nach dem Streckenausbau mit hybrider Technik einen Halt für den RE 6 in Oberkrämer geben könne. „Eher nicht“, so Noack.

Dass der Prignitz-Express nicht durch den Berliner Norden fahren könne, sei für ihn klar gewesen. Man hätte neben der A 111 ein weiteres Gleis bauen müssen, durch den Forst, dazu viele Brücken und über die Gorkistraße in Tegel – dort wäre wegen der großen Schienenauslastung ein Tunnel nötig gewesen. „Wer ernsthaft daran geglaubt hat, dass wir das realisieren können, der ist ein Visionär, aber kein Realist.“ Deshalb sei es gut, dass sich Berlin und Brandenburg endlich verständigt hätten. Dafür bringt Noack eine zusätzliche Streckenführung über Hohen Neuendorf West und das Karower Kreuz ins Spiel.
Der größte Fehler, den die Deutsche Bahn in den 90er-Jahren gemacht habe, sei es gewesen, an vielen Stellen die vorhandene Infrastruktur aus rein wirtschaftlichen Gründen zurückgebaut zu haben. „Ganze Abschnitte wurden stillgelegt.“ Heute müsse das alles neu geplant und gebaut werden. Die heutige Bahn-Infrastruktur reiche nicht aus, um die Bedürfnisse zu stillen.

Darüber hinaus müsse aber, so Andreas Noack weiter, für eine bessere Busanbindung von Schwante nach Oranienburg gesorgt werden, um dort den Regionalexpress nach Berlin zu erreichen. Die Linie 823 bedient diese Strecke – aber nur am Wochenende.

Kommentar
„i2030“: Zu kurz gedacht
In Sachen Ausbau der Prignitz-Express-Linie hört man viel PR-Geklingel. Dabei heißt das Ausbau-Programm „i2030 – Mehr Schiene für Berlin & Brandenburg“. Das gilt aber nicht für Oberkrämer. Das muss man sich mal vorstellen: Der Bahnhof Bärenklau liegt am Gewerbegebiet mit dem künftigen Amazon-Lager und weiteren Großunternehmen. Am Bahnhof in Vehlefanz soll ein neues Wohngebiet entstehen. Oberkrämer wächst. Und was macht die Bahn? Ignoriert Oberkrämer. Weiterhin hält dort – auch künftig – nur einmal pro Stunde eine Bimmelbahn. Das „i2030“-Konzept ist überholt und konzeptionell nicht zu Ende gedacht. Es ist richtig, Berlin-fernere Gebiete wie Neuruppin besser anzubinden. Aber wenn Berlin-nahe Orte gar nicht bedacht werden, ist das ein Fehler im System. Denn eigentlich sollten Bahntaktungen, je näher man zur Stadt kommt, dichter werden. In Oberkrämer ist das nicht der Fall. Eigentlich sollte man über eine S-Bahn bis Oberkrämer oder Kremmen nachdenken. Aber dazu müsste sie ja erst mal bis Velten fahren. Und ob wir das noch erleben werden?

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RT liest

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder

Freitag, den 27. Mai 2022

Anthony ist 14, er verbringt mit seinem Cousin einen heißen Sommernachmittag am See. Gemeinsam beschließen sie, ein Kanu zu stehlen und damit über den See zu schippern. Sie wollen zu einem geheimen Badestrand – da soll es nackte Frauen geben. Sie werden von den Bootsbesitzern verfolgt.
Wir sind im Osten Frankreichs, es ist das Jahr 1992. In Heillange liegt die Industrie am Boden, viele Menschen sind verbittert. Die Jugendlichen hängen ab, saufen, nehmen Drogen.
Anthony verknallt sich das erste Mal in ein Mädchen, aber bis zu seinem ersten Mal wird er noch warten müssen. Als ihm aber das Motorrad von seinem Vater geklaut wird, da droht die Lage in der Familie zu eskalieren.

Für seinen Roman “Wie später ihre Kinder” ist der Autor Nicolas Mathieu mit dem Prix Concourt 2018 ausgezeichnet worden. Er erzählt in Zwei-Jahres-Schritten – 1992, 1994, 1996 und 1998 – jeweils vier Monate lang, was die Jugendlichen um Anthony erleben. Erfolge in der Liebe. Erste Jobs. Rückschläge. Wirtschaftliche Zwänge. Fußball-WM.
Es sind Jahre, in denen den Jugendlichen nichts geschenkt wird. Sie leben in prekären Verhältnissen, versuchen sich damit zu arrangieren.
Doch im Roman kommt leider nur sehr selten wirkliche Spannung auf. Denn so etwas wie einen Spannungsbogen hat er schlicht nicht zu bieten. Hin und wieder kommt es zu Konflikten, die aber im Nichts verlaufen. Scheint sich etwas Interessantes anzubahnen, wird es nicht weiter verfolgt. Das Ende des Romans ist vollkommen lapidar.
Ja, es ist an sich interessant, das Leben der jungen Leute über sechs Jahre zu verfolgen – aber im Gesamten gibt es da nichts, was hängen bleibt.

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder
Piper, 445 Seiten
4/10

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RT im Kino

Alles in bester Ordnung

Freitag, den 27. Mai 2022

Da ist Fynn (Daniel Sträßer). Der 32-Jährige hat nicht mehr als einen Rollkoffer. Mehr braucht er nicht. Wegen eines Jobs ist er in der Stadt und bezieht vorübergehend eine kleine Wohnung – in der eines Abends das Heizungsrohr platzt, die Wohnung unter Wasser setzt und dafür sorgt, dass er dort raus muss.
Und da ist Marlen (Corinna Harfouch). Die 54-Jährige lebt in der Wohnung unter der von Fynn, und von oben tropft es. Das ist auch deshalb problematisch, weil die Wohnung von Marlen, nun ja, voll ist. Marlen kann sich nicht nur nicht von Dingen trennen, sie kann auch nicht an Dingen vorbeigehen, die andere irgendwo haben liegen gelassen. Und so ist ihre Wohnung vollgestellt mit allem möglichem Krempel.
In seiner Verzweiflung sitzt Fynn nach seinem Zwangsauszug im Treppenhaus, Marlen nimmt ihn bei sich auf. Und das, obwohl sie sonst niemanden in ihre Wohnung lässt.
Sehr bald wird Fynn klar: Marlen hat ein Problem. Aber auch bei Fynn läuft es nicht so…

“Alles in bester Ordnung” heißt das Regie-Debüt der Schauspielerin Natja Brunckhorst, die einst mit “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” bekannt geworden ist.
Sie erzählt die Geschichte von einem ungleichen Paar. Er, der kaum Dinge braucht. Sie, die dafür unfassbar viele Dinge hat. Gegensätze treffen aufeinander, und es scheint, als müssten sie sich gegenseitig therapieren. Marlen ist, auch wenn es so nicht ausgesprochen wird, ein Messi. Fynn dagegen eine Art Vagabund, der kaum was dabei hat – aber auch irgendwie heimatlos, rastlos erscheint.
Alles in bester Ordnung – denn bei Marlen sieht es zwar wüst aus, aber sie weiß trotzdem, was wo hingehört. Und Fynn, der gar nicht viel braucht, der an sich schon Ordnung hat. Aber eigentlich ist ja eben nicht alles in bester Ordnung – wie sich zeigt.
Daniel Sträßer und Corinna Harfouch spielen das ganz hervorragend. Einerseits die Zurückgezogene, irgendwie aber auch Verzweifelte. Andererseits der Ruhelose.
Rührend ist das, fesselnd in der Art, wie sie spielen, aber auch humorvoll. Und allein schon das Set, das vollstellt bis oben ist, ist schon atemberaubend.
Auch wenn es noch diverse Nebendarsteller gibt – Sträßer und Harfouch liefern hier ein kleines Meisterstück ab.

-> Trailer auf Youtube

Alles in bester Ordnung
D 2021, Regie: Natja Brunckhorst
Filmwelt, 100 Minuten, ab 6
8/10

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