Tagesarchiv für 18. Mai 2022

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Leute, Leute: Er kennt jede große Berliner Malerei

Mittwoch, den 18. Mai 2022
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Norbert Martins aus Schildow beschäftigt sich seit fast 50 Jahren mit Wandkunst an Häusern

MAZ Oberhavel, 18.5.2022

Schildow.
Alles begann mit einem Wandbild von Ben Wagin. Norbert Martins hatte es am S-Bahnhof Berlin-Tiergarten entdeckt. Er machte davon ein Foto. Das war im Jahr 1975. Was er damals noch nicht wusste: Dass daraus ein Hobby werden würde, das ihn sein ganzes weiteres Leben beschäftigen würde und dass er ein großes Stück Berliner Kulturgeschichte festhalten würde.

Seit fast 50 Jahren beschäftigt sich der 74-Jährige aus Schildow mit Berliner Wandbildern. „Hauptsächlich mit Wandmalerei“, sagt er. Wenn er erfährt, dass es in der Stadt ein neues Bild gebe, dann fährt er hin und macht Fotos. Inzwischen ist sein drittes Buch erschienen, es heißt „Street Art Galerie“ ist überall bestellbar, wo es Bücher gibt.

Das zweite Wandbild, das Norbert Martins fand und fotografierte, ließ nicht lange auf sich warten. „Ich fand es toll, was die Menschen für Bilder malen können“, erzählt er. Er wandte sich an den damaligen Berliner Bausenator, ob er Adressen für ihn hätte. „Und ich bekam eine Liste mit 14 Adressen. Ich bin überall hingefahren und habe die Wandbilder fotografiert.“ Ihn haben aber nicht nur die Bilder an sich interessiert. „Mich interessiert: Wie machen die das?“ Bis 1989 entstanden schon so viele Fotos, dass er sein erstes Buch herausgab: „Giebelphantasien“ heiß es. „Als es rauskam, fiel die Mauer. Und die Arbeit begann wieder von vorne.“ Nun galt es, auch den Osten Berlins und seine Wandbilder an den Häusern zu entdecken und festzuhalten. Das erste Bild im damaligen Ost-Berlin fotografierte Norbert Martins in Pankow. „Nach 1989 wurde in West-Berlin dagegen kaum noch gemalt. Der damalige Senat hatte dafür kein Geld.“

Inzwischen seien es oft die Wohnungsbaugesellschaften, die Künstler anfordern, um Wandbilder zu malen. Das wohl größte Wandbild befindet sich an der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg. Es ist 1,5 Kilometer lang. „Drei Jahre wurde daran gemalt“, erzählt Norbert Martins.

Norbert Martins Hobby nimmt viel Zeit in Anspruch. „Ich habe schon immer sehr gerne fotografiert“, sagt er. „Und so hat es sich dann für mich zum Thema entwickelt.“ Er arbeitete bei der Bewag, hat dort eine Abteilung geleitet. Und immer, wenn er von einem neuen Kunstwerk oder von einem Projekt in Entstehung erfährt, geht es los – bis heute. „Ich fahre hin, treffe mich auch mal mit dem Künstler.“ Er schaut, stehen Bäume davor, die sein Foto stören könnten, „auch das Wetter muss gut sein, es darf kein Gegenlicht herrschen.“ Früher, als die Fototechnik noch nicht so weit fortgeschritten war, mussten zwei Bilder pro Kunstwerk reichen. „Dias waren teuer.“ Inzwischen ist alles digital, jetzt mache er viel mehr Fotos, fahre auch schon mal mehrfach zum Kunstwerk. „Das ist ein bisschen, wie wenn andere Briefmarken sammeln“, erzählt Norbert Martins. „Es kommt das erste Foto, dann das zweite, dann der erste Steckkasten, dann sind plötzlich schon ganz viele.“ Es sei eine richtige Sucht. „Wenn ich weiß, dass da irgendwo ein neues Bild ist, nehme ich meinen Motorroller und fahre da hin.“

Giebelbilder an Häusern interessieren ihn am meisten. „Graffiti nicht so, die sind nicht mein Thema.“ Jedes der Bilder, die er verewigt, bekommt eine Nummer in seiner Datenbank. Er notiert, wer es gemalt, wer es in Auftrag gegeben hat und die Geschichte dahinter.
Relevant für ihn seien die wirklich großen Malereien: „Das sind dann große Bilder, mindestens 20 Meter hoch.“ Bislang habe er 1000 Bilder von Berliner Wandmalereien. Nicht dabei seien Sockelmalereien oder Stromhäuschen. „Sonst wären es wohl um die 3000 Bilder.“ So ein Wandbild halte in der Regel zehn bis 18 Jahre, schätzt der Schildower. Er geht davon aus, dass von den gut 1000 Kunstwerken, die er festgehalten hat, noch gut 500 bis 600 existieren würden. „Ich mache auch eine Notiz, wenn sie entfernt wurden und auch warum.“ Wichtig sei, dass er eine entsprechende Info bekomme.

Norbert Martins kann sich inzwischen sicher sein, dass er entsprechende Informationen zugespielt bekomme. Denn er gilt zu den wenigen Kennern der Berliner Wandbildszene. Es komme auch vor, dass sich die Presse bei ihm melde, ob er zu bestimmten Wandbildern Informationen habe – und meist kann er tatsächlich damit dienen.

Sein Lieblingswandbild befindet sich in der Obentrautstraße in Berlin-Kreuzberg. Es zeigt eine „Gebrochene Fassade“, und wer davor steht, hat tatsächlich eine entsprechende Illusion, obwohl alles nur aufgemalt ist. „Das Bild ist von 1985/86 und wurde 2018 restauriert.“

Inzwischen ist Norbert Martins 74 Jahre alt, und ihn beschäftigt, was aus seiner Sammlung – die man insbesondere für die Berliner Kunstszene als sehr wertvoll bezeichnen kann – einmal werden soll. Immerhin zeigen seine Bilder, was ist und vor allem auch was mal an bestimmten Orten war. „Ich hoffe, dass die Sammlung irgendwann jemand übernehmen kann, dass sie vielleicht in einem Berliner Museum archiviert wird.“

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50 Jahre Berliner Wandkunst

„Street Art Galerie – Berliner Wandbilder“ heißt das neueste Buch, das Norbert Martins gemeinsam mit seiner Tochter Melanie Martins herausgegeben hat – und das ohne Verlag. Es ist dennoch überall bestellbar, wo es Bücher gibt – in Buchläden und auch auf den gängigen Internetseiten.
Davor erschienen sind die Bücher „Giebelphantasien“ (1989) und „Hauswände statt Leinwände“ (2012). Im aktuellen Buch ist die Entwicklung der Street-Art-Malerei ab 2012 zu sehen.

Die Sammlung ist ein Schatz für Berlin. Die Dokumentation von Wandbildern umfasst inzwischen gut 2000 Seiten. Der Fundus an digitalen Fotos ist inzwischen auf etwa 17 500 angewachsen, gut 1000 Wandbilder hat Norbert Martins seit 1975 fotografiert.

Das erste Berliner Wandbild war „Weltbaum 1 – Grün ist Leben“, initiiert von Ben Wagin. Es entstand im Juni 1975. Im Mai 2018 wurde es in die Lehrter Straße in Berlin-Tiergarten „umgepflanzt“.

Stadtführungen zu den schönsten Wandbildern in Berlin sind auch möglich – Norbert Martins bietet sie für Interessierte an. Auch Vorträge seien möglich. Wer sich dafür interessiert, kann sich an ihn wenden: 033056/76161 oder per E-Mail an: norbert.martins@freenet.de

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ORA aktuell

Zwischenfall am Oranienburger Servicepunkt Migration

Mittwoch, den 18. Mai 2022

Ein Mann ist am Dienstagnachmittag im Oranienburger Servicepunkt Migration an der Mittelstraße offenbar ausgerastet. Das bestätigte die Polizei der Märkischen Allgemeinen. Er habe herumgeschrien und Toilettenpapier geworfen, so die Polizeisprecherin. Auch habe er ein kleines Messer dabei gehabt.

Die Polizei rückte an, der alkoholisierte Mann sei vor dem Gebäude fixiert worden – dabei habe er lautstark auf der Mittelstraße geschrien.
Wie es zum Zwischenfall kam, sei laut Polizei derzeit nicht bekannt.

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