Tagesarchiv für 18. April 2022

RT liest

Wolfgang Schorlau / Claudio Caiolo: Der Tintenfischer

Montag, den 18. April 2022

(1) -> 6.3.2020

Das Coronavirus, die Lockdowns, die Maskenpflicht – all das findet nur wenig Beachtung in Filmen, Serien oder auch in der Unterhaltungsliteratur. Für den zweiten Roman ihrer Reihe um Commissario Morello in Venedig haben sie sich entschieden, die Coronakrise zum Thema zu machen.
In “Der Tintenfischer” ist Venedig nämlich zunächst vollkommen ausgestorben. Es sind keine Touristen da, und die Bewohner dürfen nicht ohne Weiteres auf die Straßen und Plätze. Lockdown, und alle sind genervt.

Commissario Morello muss nun auch immer dran denken, die Maske zu tragen. Und vor allem muss er helfen, zu überprüfen, dass wirklich niemand unberechtigt draußen ist.
Er ist mit seiner Kollegin Anna Klotze unterwegs, als sie beobachten, wie ein junger Mann von einer Brücke in den Canale Grande springt. Anna Klotze springt ihm nach und kann ihn retten.
Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Mann um einen Flüchtling aus Nigeria handelt. Seine Freundin wurde von der nigerianischen Mafia in Sizilien zur Prostitution gezwungen.
Morello will nach Sizilien, um die Frau zu retten – in die Region Italiens, aus der er stammt und in der er wegen der Mafia selbst in großer Gefahr schwebt. Mit Anna bricht er auf, von Neapel aus fahren sie mit dem Segelboot, geraten in einen Sturm – und treffen auf weitere Flüchtlinge in Not.

Schon im zweiten Roman der Reihe schlagen die Autoren Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo den ganz großen Bogen. Denn sie behandeln in ihrem Buch nicht nur das Coronavirus. Recht schnell verlassen sie mit ihrer Geschichte Venedig, und es geht um die ganz großen Fragen der Gesellschaft und Politik – um den Umgang mit Flüchtlingen. Plötzlich müssen Morello und Klotze Flüchtlinge aufnehmen, und in dem Zuge bekommen sie große Probleme, sie am nächsten Hafen an Land bringen zu können.
Das sind alles richtige und wichtige Themen, aber für einen Venedig-Roman, der recht bald plötzlich nicht mehr in Venedig spielt, doch ein bisschen weit hergeholt. Hinzu kommt Morellos eigene Vergangenheitsbewältigung in Sizilien. Dabei wäre allein schon ein Fall rund um die Coronaprobleme sicherlich sehr spannend gewesen.
Und obwohl das alles recht flott, szenisch mit vielen Dialogen, aufgeschrieben ist, hat der Roman immer wieder Längen und Leerläufe. Einige Stellen sind dazu recht flapsig aufgeschrieben, seltsam stichwort- oder drehbuchmäßig, wie schnell dahingeschrieben.
So richtig warm bin ich mit dem Buch irgendwie nicht geworden – was wirklich in vielerlei Hinsicht schade ist.

Wolfgang Schorlau / Claudio Caiolo: Der Tintenfischer
Kiepenheuer & Witsch, 293 Seiten
5/10

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RTZapper

Die Passion

Montag, den 18. April 2022
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MI 13.04.2022 | 20.15 Uhr | RTL

Das muss man RTL wirklich lassen: Die trauen sich ab und zu noch was. Zum Beispiel “Die Passion”, live vom Burgplatz in Essen. Vor Ostern hat man bei RTL am Mittwochabend die letzten Tage im Leben von Jesus dargestellt. Bis zum bitteren … also, na ja, fast bis zum bitteren Ende.
Bibelkunde im Privatfernsehen? Natürlich ist da kein echter Gottesdienst zu erwarten, stattdessen wird die Geschichte garniert mit schmissiger Popmusik und den größten RTL-Trashstars.

Thomas Gottschalk mit gestriegelten Haaren ist der Erzähler, der in dieser Aufführung ganz schön was zu tun hat, denn erstaunlicherweise wird ziemlich viel erzählt und über einige Strecken wenig dargestellt.
Jesus kommt natürlich mit seinen Freunden mit den Öffis zur Kreuzigung. Das allerdings wurde schon vor zwei Jahren aufgezeichnet, denn “Die Passion” sollte schon vor Ostern 2020 gezeigt werden – was das Coronavirus dann verhindert hat. Das erklärt auch, warum beispielsweise Gil Ofarim immer wieder auftauchte, aber später nicht auf der Bühne stand. Er war nur in den vorproduzierten Einspielern dabei. Wegen seines Leipziger Ketten-Skandals wäre er bei einer 2022er-Vorproduktion wohl nicht dabei gewesen.

Alexander Klaws war Jesus, mit seinem Kumpels Stefan Mross, Laith Al-Deen und vielen mehr stromerte er durch Essen. Er traf Rainer Calmund beim Currywurst-Mampfen, während das leuchtende Kreuz durch Essen getragen worden ist. In weiteren Rollen: Mark Keller, dem man irgendwie keine Rolle so richtig abnimmt, als Judas und Henning Baum, der immer wirkt, als komme er gerade vom Sangria-Saufen auf Mallorca, als Pontius Pilatus. Martin Semmelrogge war besoffen, eventuell spielte er auch nur einen grölenden Besoffenen.
Zwischendurch trällerte Ella Endlich ein paar Songs, und Thomas Gottschalk las die Erzählung vom Prompter ab.

Um dem Ganzen noch eine seriöse Note zu geben, sprach eine Reporterin während der Kreuz-Prozession durch Essen mit einigen Trägern des Kreuzes über ihren Glauben. Wie sie zum Glauben gekommen sind, was ihnen der Glaube bedeutet. Das waren mitunter ganz interessante und rührende Momente.

Die Geschichte endete vor der Kreuzigung. Stattdessen sang Jesus, also Alexander Klaws, von einem Dach herab einen poppigen Song, und dann verbeugten sich alle. Irgendwie machte sich dann doch ein bisschen Enttäuschung breit.

In den Niederlanden ist “Die Passion” seit mehreren Jahren ein großer Erfolg, sie wird dort jedes Jahr neu inszeniert, was offenbar auch die Idee für Deutschland bei RTL ist. Allerdings wäre es dann zu wünschen, wenn man wirklich ein paar Promis für die Aufführung gewinnen kann. Mark Keller steht nur für Trash, ebenso Leute wie Martin Semmelrogge. Kann man kaum ernstnehmen. Ob “Die Passion” mal ein Fernsehkult werden kann, bleibt offen, dafür muss man sich noch mehr um gute Namen kümmern. Auch sollte die Show jedes Jahr ein wenig anders sein – also natürlich weniger die Story, aber die Songs könnte man von Jahr zu Jahr austauschen. Und natürlich in eine andere Stadt gehen, muss ja keine Großstadt sein.
Auf Twitter und den Medienseiten im Internet herrschte während und nach der Live-Show jedenfalls viel Häme. Anlass dafür gab es durchaus. Dennoch könnte eine Neuauflage 2023 interessant werden.

-> Die Sendung bei RTL+

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RTelenovela

Föhr (1): Die Zelebrierung eines Sonnenuntergangs

Montag, den 18. April 2022
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Die Wirtin unserer Herberge hat uns das Lokal direkt an der Nordsee empfohlen, und sie sollte recht behalten.
Wenn man mit dem Auto auf der Insel Föhr unterwegs ist, braucht man eigentlich nie wirklich lange. Denn mehr als 12 Kilometer breit ist sie nicht.

In Utersum befindet sich am Strand das Haus des Gastes, und dort wiederum ist auch das Lokal “Treibholz”. Das Besondere ist das große Panomafenster – also eigentlich sind es natürlich viele Fenster – mit Blick auf den Strand und die Nordsee. Ein bisschen erinnert mich die Lokalität an das Inselparadies in Baabe auf Rügen.
Nun gut, die Preise sind entsprechend des exklusiven Standortes, so kostet der Burger mit Pommes weit mehr als 20 Euro. Aber man ist ja selten an einer so schönen Location, die man dann ein Stück weit mitzahlt.

Der Höhepunkt ist dann natürlich der Sonnenuntergang. Man kann das sehr gut beobachten, denn die Sonne geht tatsächlich in unserem Blickfeld unter.
Ob sie das tatsächlich jeden Tag machen, wissen wir nicht: Aber als die Zeit des Sonnenuntergangs ran war, ertönte aus den Lautsprechern im Lokal der Song “Follow the Sun” von Xavier Rudd. Mit Blick nach draußen war das ein geradezu erhabener Moment, wahnsinnig rührend.

Viele Leute standen zu dieser Zeit draußen auf der Terrasse, um sich das Spektakel ohne die Scheibe anzusehen. Wir blieben sitzen und gingen erst später raus, als es über der Nordsee schon ordentlich dämmerte. Und ohne Sonne wurde es dann noch mal einig, inklusive eines ordentlichen Windes.

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