Tagesarchiv für 26. Januar 2022

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Karl-Dietmar Plentz / Andrea Specht: Mit Laib & Seele – Neue Geschichten vom Brotmacher

Mittwoch, den 26. Januar 2022
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(1) -> 14.3.2019

Er hat noch so viel zu erzählen. Karl-Dietmar Plentz aus Schwante, der bekannteste Bäcker in der Region Oranienburg, hat ein zweites Buch herausgebracht. Denn Plentz ist nicht nur Bäcker, er ist bekennender Christ in einer freikirchlichen Gemeinde, und er ist ein sehr guter Erzähler.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass es nun “Neue Geschichten vom Brotmacher” gibt: “Mit Laib & Seele” heißt sein zweites Buch, das er erneut gemeinsam mit Andrea Specht verfasst hat. Der Titel passt, denn viele Geschichten drehen sich genau darum, um den Laib Brot, den er jeden Tag bäckt, und um die Seele, um seine Seele, um die Seelen seines Umfeldes.

Er berichtet von seinen Glaubenszweifeln – zum Beispiel als seine Schwester in jungen Jahren gestorben war. Nachdem er im letzten Buch erzählt hat, wie er mit seinen Kumpels zu “Bombenbauern” wurden, geht es diesmal um die Suche nach einem Geheimgang unter der Vehlefanzer Kirche – und warum man eines Tages eine merkwürdige Entdeckung machen wird, wenn man die Ruhestätte der von Bredows öffnen würde.
Immer wieder geht es um Gottesfügungen. Von Menschen, die etwas in Plentz gesehen und ihn daraufhin gefördert haben. Um Momente, wo scheinbar Gott anwesend war, wenn es darum ging, Streitigkeiten zu schlichten. Fast schon spooky ist die Geschichte über einen Mann, dessen Frau gestorben war. Gott habe ihm den Namen “Hildegard” genannt und ihn aus dem Westen Deutschlands nach Schwante führte, weil dort eine Hildegard bei Plentzens im Bäckerladen gearbeitet hatte – und die beiden haben tatsächlich geheiratet! Auch eine Heilung eines eigentlich totkranken Menschen wird beschrieben.

Die spannendsten und rührendste Geschichte ist, als der Bäckermeister an einer Demo in Berlin teilnimmt – am “Marsch für das Leben”. Er ist, auch das erzählt er im Buch, ein Kind, das eigentlich abgetrieben werden sollte. Bei der Demo war er auch mit lauten und unangenehmen Gegendemonstranten konfrontiert. Plentz schreckte davor nicht zurück – und mischte sich unter die Gegendemo, um zu hören, was sie zu sagen hatten. In den Gesprächen setzte er sich mit Abtreibungsbefürwortern auseinander, um zu verstehen, was sie beschäftigt.

Ob ist es ja so, dass ein zweites Buch, mit “weiteren Geschichten” nur ein müder Abklatsch ist. Das ist hier nicht so. Plentz hat mitunter wirklich interessante Geschichten zu erzählen. Er gibt Einblicke in sein Familienleben, die diesmal weniger intim sind. Oft sind sie zum Schmunzeln, hier und da staunt man aber auch, welche Zufälle – die für ihn natürlich keine Zufälle sind – es im Leben doch gibt.
Auch in diesem zweiten Buch muss man sich als Leser, der normalerweise mit der Kirche nichts am Hut hat, dass dieses Thema dominierend ist. Aber wenn man dafür offen ist – und ein ungläubiges Stirnrunzeln hier und da ist ja nicht verboten -, dann diese diese Lektüre einen interessanten Einblick in so ein gottesgläubiges Leben, in ein Unternehmen, in eine Kirchengemeinde, in eine Familie.
Potenzial für ein drittes Buch ist sicherlich auch da – wenn einige Dinge werden auch diesmal nur angedeutet, lohnen aber ganz sicher, auch irgendwann mal erzählt zu werden.

Karl-Dietmar Plentz / Andrea Specht: Mit Laib & Seele – Neue Geschichten vom Brotmacher
Brunnen, 216 Seiten
8/10

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Wie Gott uns schuf

Mittwoch, den 26. Januar 2022
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MO 24.01.2022 | 20.30 Uhr | Das Erste

Mehr als 100 Menschen haben sich am Montagabend im Fernsehen als nicht heterosexuell geoutet. Als wäre das nicht schon bemerkenswert genug: All diese Menschen haben mit der katholischen Kirche zu tun. Sie arbeiten für sie in diversen Einrichtungen. Sie sind Pfarrer. Sie sind kirchliche Mitarbeitende. Und fast alle hatten immer Angst, sich zu outen – aus Angst vor Konsequenzen, aus Angst, gefeuert, geächtet zu werden.

Das Massen-Outing passierte in der Doku “Wie Gott uns schuf” am Montagabend im Ersten. Und die dortigen Verantwortlichen müssen gespürt haben, dass es sich um eine wichtige Sache handelte. Denn eigentlich sollte die Doku erst um 22.50 Uhr laufen, und erst am Montagmorgen hat man sich bei der ARD wohl entschieden, den Film in der Primetime, nach dem “ARD extra”, zu zeigen.
Eine gute Entscheidung, und ein guter Tag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Inhaltlich war es mitunter erschreckend, was die Menschen in diesem Film erzählt haben. Eine Frau berichtete, dass sie hochschwanger gekündigt worden ist, weil man rausfand, dass sie mit einer Frau zusammen lebt. Viele andere hatten Angst, offenzulegen, dass sie schwul, lesbisch, bisexuell oder asexuell sind.
Und man fragt sich aber auch gleichzeitig, warum wollen alle diese Menschen für eine Kirche arbeiten, die sie als Menschen nicht respektieren. Für eine Kirche, die ihre Lebensweise für eine Sünde, für falsch halten. Für eine Kirche, die sagt, das sei abartig.
Auch könnte man fragen, ob es nicht das Recht der Kirche sein könnte, Leute zu kündigen, die nicht nach ihren bekannten Regeln leben. Aber das kann man am schnellsten verwerfen, denn diese Regeln sind es, die zu ändern sind. Die katholische Kirche beruft sich dabei auf Gott – dabei ist es doch Gott, der all diese Menschen erschaffen hat.
Warum fast alle dieser Menschen, sich trotzdem mit der katholischen Kirche verbunden fühlen, klingt dann auch logisch: Wie will man sie ändern, wenn man nicht mehr Teil davon ist? Man muss sich zeigen, man muss aufklären, man muss dafür kämpfen.
Diese Doku zeigte lauter mutige Menschen, und es wird interessant, was sich nun in der nächsten Zeit in der katholischen Kirche verändert.
Und wann kommt die Doku über das Massen-Outing im Profi-Fußball?

-> Die Doku in der ARD-Mediathek (bis 24. Januar 2023)

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