Tagesarchiv für 20. Oktober 2021

aRTikel

Freundlich, aber immer ihr Ziel vor Augen

Mittwoch, den 20. Oktober 2021
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Erika Kaatsch mischte mehr als 20 Jahre lang in der Kommunalpolitik in Oberkrämer mit – sie baute die Seniorenarbeit in der Gemeinde auf – die „Alte Schule“ ist ihr letztes Lebenswerk – im Alter von 87 Jahren ist sie gestorben – ein Nachruf

MAZ Oberhavel, 20.10.2021

Vehlefanz.
Wenn Erika Kaatsch zu einem Pressetermin einlud, dann war sie immer perfekt vorbereitet. Hat sich Notizen gemacht, ihre Unterlagen und Ordner standen auch bereit. Die Frau wusste, was sie wollte, und ihre Ziele hatte sie auch immer fest im Blick. Oberkrämer voranbringen, Neues schaffen, das war ihr Ziel.
Am Montag ist Erika Kaatsch gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt. Ein Schaffensreiches Leben ist zu Ende gegangen.

Es begann auf einem großen Bauernhof bei Posen im heutigen Polen. Dort wurde sie am 28. August 1934 geboren. „Als Kind ging es mir gut, wir hatten eine große Wirtschaft”, erzählte sie anlässlich ihres 80. Geburtstags 2014 in einem MAZ-Gespräch. Doch am 19. Januar 1945 hatte sich alles geändert. „Die russische Front war durchgebrochen, wir mussten unsere Heimat verlassen.” Mit Pferd und Wagen, aber ohne Ziel machte sich die Familie auf Richtung Westen. Der Vater fehlte, er musste in den Krieg ziehen — und kehrte auch nicht mehr zurück. „Am Anfang haben wir gedacht, wir müssen nur über den nächsten kleinen Fluss.” Aber die Reise war länger, viel länger. Bei minus 15 Grad reisten sie bis in den Berliner Raum. Sie landeten in Börnicke im Havelland.
Die Familie — Erikas Mutter mit fünf Kindern — kam auf einem Bauernhof unter. Die Zeit war hart. „Wir hatten kaum etwas. Es ging ums nackte Überleben.” Glück im Unglück: Die Leute, bei denen die Familie unterkam, waren nett, und die Mutter hatte auf dem Hof Arbeit. „Ich glaube, wenn mein Vater aus dem Krieg zurückgekommen wäre, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen”, so Erika Kaatsch. „Er hätte uns wieder eine Existenz aufgebaut. Meine Mutter konnte das nicht.”

Erika Kaatsch begann nach der 8. Klasse eine Lehre beim Konsum und wurde Verkaufsstellenleiterin in Grünefeld. „Oft haben die Lebensmittel nicht gereicht”, erinnerte sie sich. 1956 lernte sie ihren Mann Helmut kennen. Ein Jahr später haben sie geheiratet. Sie zog zu ihm nach Vehlefanz, auf einen Hof an der Lindenallee. In den 70er-Jahren machte sie ein Fernstudium zur Ökonompädagogin und wurde in Oranienburg Ausbildungsleiterin in der Konsumgenossenschaft, später war sie Mitglied im Kreisvorstand beim Konsum. Schon damals hatte sie sich immer schützend vor ihre Leute gestellt. Der Fels in der Brandung.

Das Jahr nach der Wende brachte den nächsten Schicksalsschlag. 1990 starb ihr Mann Helmut an Lungenkrebs. Ihre Familie war es, die sie wieder aufrichtete. 2014 sagte Erika Kaatsch, ihre Familie gebe ihr Kraft.

1993 war sie aus der Konsumgenossenschaft ausgeschieden. Sie wollte sich ein neues Betätigungsfeld suchen. Nichts tun – das kam für sie gar nicht in Frage. „Ich bin zur Gemeinde gegangen und habe gesagt, wenn es Arbeit gibt, nehme ich sie an.” Und, klar, es gab Arbeit. Mit den Bürgern für Oberkrämer kam sie ins Gemeindeparlament. Vehlefanz wurde ein Teil von Oberkrämer. Sie wurde Ortsvorsteherin. Sie gründete den Seniorenbeirat. Sie war es, die die Senioren in den Dörfern zusammenhielt. Sie lud zu Weihnachtsfeiern, zur Seniorenwoche und vielen weiteren Veranstaltungen ein, wo Senioren zusammenkamen. Schaffenskraft. Durchsetzungskraft. Damit machte sie sich nicht nur Freunde – aber schon meistens. Durch ihre Ortsvorsteher-Tätigkeit war sie Ansprechpartnerin für Leute im Ort. Und präsent, das war sie immer. Immer war sie mit ihrem Auto unterwegs. So ziemlich jeden Tag düste Erika Kaatsch von A nach B und weiter nach C. Ihr Terminplan war oft voll. Sie fuhr bis fast zum Schluss selbst – auch Touren auf der Autobahn machten ihr nichts aus. Ängstlich war sie nie.

2016 verließ sie den Hof, auf dem sie 60 Jahre gewohnt hatte, ganz freiwillig. Es war wieder eines ihrer Projekte gewesen, das sie jahrelang verfolgt und schließlich auch durchgesetzt hatte. Die „Alte Schule“ an der Lindenallee stand jahrelang leer. Den Leerstand wollte sie nicht hinnehmen, und natürlich gab es eine Idee: Dort entstand schließlich eine altersgerechte Wohnstätte. Und für Erika Kaatsch stand fest: Sie wird dort einziehen und ihren Lebensabend verbringen. Kisten wurden gepackt, von vielem hatte sie sich trennen müssen. Als die Wohnstätte fertig war, zog sie um.
Die Arbeit im Seniorenbeirat gab sie später an Kerstin Laatsch ab. Natürlich auch das organisiert. Ihre Nachfolgerin hatte sie nach und nach eingearbeitet. Bei den Kommunalwahlen 2019 trat sie nicht mehr an – ihr kommunalpolitischer Abschied. Was natürlich nicht heißt, dass es nichts mehr zu organisieren gab. In der „Alten Schule“ war sie bis zum Schluss die gute Seele, die auch dort für den Zusammenhalt gesorgt hat.
Am Ende hatte sie mit Krankheiten zu kämpfen – aber selbst in dieser Zeit versuchte sie immer, stark zu bleiben.

Meine letzte Begegnung mit ihr war im Juli – im Vehlefanzer Edeka. „Kommen Sie doch mal auf einen Kaffee vorbei“, sagte sie. Sie erzählte vom Pavillon auf dem Hof hinter der „Alten Schule“. Trotz Krankheit – der Tatendrang blieb ihr.
Nun ist sie nicht mehr da. Sie wird fehlen. Die kleine, freundliche, aber durchsetzungsstarke Frau hat Vehlefanz verlassen. Erika Kaatsch wird immer in Erinnerung bleiben.

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RTelenovela

Forsa ruft an

Mittwoch, den 20. Oktober 2021
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Schon seit einigen Tagen hatte ich immer mal wieder einen Anruf von einer nicht eingespeicherten Nummer. Vorwahl: 0231. Aus Lünen in Nordrhein-Westfalen.
Ich kenne niemanden in Lünen, und deshalb war mein Drang, das Gespräch anzunehmen, eher klein. Ich bin bisher nie rangegangen. Aber Lünen war hartnäckig. Am Dienstagnachmittag kam der nächste Anruf. Ich saß im Homeoffice, hatte die Ohrstecker drin und nahm das Gespräch an.

Dran war ein Herr vom Meinungsforschungsinstitut Forsa. Lang und breit erklärte er mir, was er denn wolle. Eine Umfrage zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen.
Woher er denn meine Nummer habe, wollte ich wissen. Die Frage beantwortete er mir – nicht. Er erklärte stattdessen, dass irgendwelche Nummern ausgewählt werden, per Zufallsgenerator. Und weil sie nicht nur Hausfrauen befragen wollen, die zu Hause sind (Macho!), haben sie auch andere Nummern. Woher er aber meine hatte – keine Angabe.

Dennoch hatte ich gerade Bock, also sagte ich: Dann legen Sie mal los. Das hat ihn ein bisschen gefreut, er meinte, er habe heute noch nicht so viel Glück gehabt, es sei alles sehr schwierig.
Er wollte zuerst wissen, welches gesellschaftliche oder politische Thema mich denn gerade am meisten beschäftigt: Ich hätte eigentlich Julian Reichelt und die Bild sagen müssen, das fiel mir da gerade aber nicht ein – also sagte ich: Die Berichterstattung um Gil Ofarim. Worauf er meinte, dass das ja wirklich ein spannendes Thema sei, und er fände das, was ihm da passiert sei, schlimm sei. Ich antwortete kurz, dass da momentan nicht ganz klar sei, ob die Geschichte so passiert sei. Er: Das habe er noch nicht mitbekommen. Und gebe es denn noch ein zweites Thema? Ich: die Koalitionsverhandlungen. Woraufhin er anfing, seine Ansicht dazu zu erzählen.
Auf einen Smalltalk hatte ich nun wirklich keine Lust, und deshalb hakte ich ein und frage, ob wir uns denn auf die Fragen konzentrieren könnten.

Und es folgten Fragen wie die nach der Partei, die ich am kommenden Sonntag wählen würde. Und die bei der Landtagswahl. Und ob ich glaube, dass sich die Situation in Deutschland bessern werde. Noch ein paar Umweltfragen. Und andere Gedöns. Er hat offenbar alles an Fragen abgefeuert, die er so auf seinem Bildschirm hatte.
Ob ich denn gern ab und zu Fragen per E-Mail beantworten wollen würde, da mache Spaß, sagte er. Ich verneinte. Nach zehn Minuten (oder waren es mehr?) waren wir durch. Und sehr bald bin ich Teil von Forsa-Ergebnissen…

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