Tagesarchiv für 20. Juli 2021

RT liest

Ragnar Jónasson: Dunkel

Dienstag, den 20. Juli 2021

Viele Jahre hat Hulda Hermannsdóttir bei der Polizei in Reykjavik gearbeitet. Nun soll sie vorzeitig in den Ruhestand gehen. Für Hulda ein Schock. Sie kann es nicht fassen. Sie soll nun Platz machen für einen jüngeren Kollegen. Ihr Chef Magnús will sie loswerden, eigentlich könnten sie ihren Stuhl sogar sofort räumen, ihm wäre das am liebsten. Aber so schnell will Hulda nicht gehen. Magnús lässt sich auf einen Deal ein, dass sie sich noch einen Fall aussuchen kann, den sie zu Ende bringt.
Ihr ist schnell klar, für welchen Fall sie sich entscheidet. Es geht um den Tod einer jungen Frau. Sie wollte nach Island einwandern, und offenbar stand sie kurz vor der Abschiebung, als sie aufgefunden worden ist. Damals hieß es, es sei Selbstmord gewesen – aber daran kann Hulda einfach nicht glauben. Und tatsächlich nehmen ihre Ermittlungen schnell Fahrt auf, und es kommen neue Dinge ans Licht.

“Dunkel” ist der erste Teil einer Roman-Trilogie von Ragnar Jónasson. Wir tauchen ein in das Leben auf Island. Ewige Weiten, Lavagesteinslandschaften – und natürlich Geheimnisse und nicht aufgeklärte Verbrechen. Dabei ist Hulda aber ein durchaus besonderer Charakter. Die Kommissarin ist bald Mitte sechzig, sie hat auf aufregendes Leben hinter sich, und es sind Dinge vorgefallen, die sie für immer prägen. Und nun soll sie abgesägt werden. Der Autor gibt ihr einen letzten aufregenden Fall, bei dem ihr aber auch schwere Fehler unterlaufen.
Dem Autor gelingt es, die isländische Melancholie gut rüberzubringen. Hulda ist eine Kommissarin, mit dem jeder gut mitfiebern kann. Das Ende ist überraschend und leider seltsam lapidar.

Ragnar Jónasson: Dunkel
btb, 367 Seiten
7/10

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RT im Kino

Nebenan

Dienstag, den 20. Juli 2021

Was für ein Leben. Ein schickes Loft in Berlin-Prenzlauer Berg, hoch über den ansonsten verfallenen Hinterhöfen. Daniel (Daniel Brühl) ist Schauspieler, ist international unterwegs. Er hat eine schöne Frau, ein spanisches Kindermädchen, die sich um die Kleinen kümmert. Und wenn er mal mit wieder Flieger irgendwo hin muss, geht das Leben zu Hause weiter.
Daniel muss nach London, ein Casting für einen ziemlich sicheren Mega-Blockbuster. Bevor er aber zum Flieger fährt, kehrt er noch schnell in eine Eckkneipe ein: “Zur Brust”. Eigentlich will er da noch ein Käffchen trinken und für seine Rolle lernen.
Er wird jedoch von Bruno (Peter Kurth) angesprochen. Er kennt jeden Film von Daniel – und er ist nicht gerade zimperlich in seinem Urteil. Daniel ist genervt – und schockiert, als mehr und mehr rauskommt, was Bruno über Daniels Leben weiß.

“Nebenan” heißt das erste Regie-Werk von Daniel Brühl. Regie und Hauptrolle – das ist durchaus eine Herausforderung, die Brühl aber ganz offenbar sehr gut gemeistert hat. Denn “Nebenan” funktioniert hervorragend und ist sehr sehenswert.
Denn eigentlich ist dieser Film ein Kammerspiel. Brühl und Kurth in der Kneipe, am Tresen oder sich gegenüber sitzend am Kneipentisch. Kurth, der Brühl Fakten um die Ohren haut. Brühl, der irgendwie reagiert muss, cool bleiben will, das aber nicht immer schafft. Den meisten zuzusehen, wie sie sich die Bälle zuwerfen, debattieren, wie sie sich mustern – das ist packend.
Denn Schauspieler Daniel muss im Laufe der Zeit einsehen, dass er bei Bruno in eine Falle getappt ist, dass Bruno Daniels Leben aufblättert und entlarvt.
In einer wunderbaren Nebenrolle ist Rike Eckermann als Wirtin zu sehen – herrlich flapsig, mit einer Berliner Kodderschnauze und auf den Punkt.
“Nebenan” ist ein kleiner, ganz feiner Film.

-> Trailer auf Youtube

Nebenan
D 2020, Regie: Daniel Brühl
Warner, 94 Minuten, ab 12
9/10

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