Tagesarchiv für 17. Juni 2021

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Interview der Woche: „Niemand will in einem leeren Laden tanzen“

Donnerstag, den 17. Juni 2021
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Marwitzer Beat-Fabrik könnte wieder Discos veranstalten – Susan Beastoch erklärt, warum das noch nicht sinnvoll ist und womit dennoch Geld verdient wird

MAZ Oberhavel, 17.6.2021

Marwitz.
Am Dienstag wurden von der Landesregierung in Potsdam wieder neue, lockerere Coronaregeln verkündet, die es auch den Clubs ermöglicht, wieder zu öffnen – zumindest theoretisch. Wie das in der Praxis aussieht, erzählt Susan Beastoch von der Marwitzer Beat-Fabrik.

Ist das ein guter Tag für die Beat-Fabrik?
Susan Beastoch: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.
Aber? Findet bald wieder eine Disco statt?

Noch nicht. Unser Job hat nicht nur mit Wirtschaftlichkeit und Effizienz zu tun, das ist auch ein großer Spaßfaktor. Niemand will in einem leeren Laden tanzen – auf Abstand, mit Maske und zertifiziert getestet. Die Vorstellung einer ausgelassenen Party passt auch nicht damit überein, den ganzen Abend mit erhobenem Zeigefinger die Einhaltung aller Regeln zu kontrollieren – vom personellen Aufwand ganz abgesehen.

Wieso leer?
Weil nach aktueller Verordnung bis dato für Clubs nur eine Person auf zehn Quadratmetern erlaubt sind. Auf unseren drei Floors wären das 40 bis 60 Leute.

Insgesamt?
Ja, insgesamt im ganzen Haus. Das sind so wenig, dass man entspannt miteinander verstecken spielen könnte. Partyfeeling kommt da nicht auf.

Ab wann würde es sich denn für die Beat-Fabrik lohnen?
Ich mag das Wort „lohnen“ in dem Zusammenhang nicht. Hier geht es nicht um Geld, es geht um Spaß. Das ist die Dienstleistung, die wir 24 Jahre lang angeboten haben. Der Club muss einigermaßen voll sein, damit die richtige Stimmung herrscht. Diese Atmosphäre ist im kahlen Raum einfach nicht herzustellen. Mit drei Leuten und je 1,50 Meter Abstand auf der Tanzfläche, das kannst du nicht schaffen, das macht auch der Crew keinen Spaß. Wir kennen diese leeren Abende mit 50 bis 100 Gästen aus der großen Discothekenkrisenzeit 2011 bis 2014, als wir schlussendlich auch die Reißleine zogen und seither nur noch den letzten Samstag des Monats, dafür aber mit guter Auslastung, anbieten.

Gibt es denn Nachfragen?
Wir haben ganz, ganz viele Anfragen. Gäste, die uns anschreiben und wissen wollen, wann es weiter geht und ob es weitergeht. Die Leute sind heiß, das ist ein ganz tolles Gefühl. Es gab ja jede Woche die Anfrage, ob wir schließen. Manche haben sich gar nicht getraut, anzurufen.

Konnte Ihnen der Gaststättenverband Dehoga weitere Hoffnungen machen?
Nein, erst mal nicht. Der jetzige Schritt kam schon sehr überraschend und signalisiert, dass man unsere Branche zumindest nicht vergessen hat. Lockerungen haben auch mit Verantwortung zu tun, die wir gegenüber Personal und Gästen haben – wir möchten nicht der erstbeste Hotspot sein, weshalb wir wohlüberlegt agieren und schrittweise Öffnung nachvollziehen.

Und hören Sie ganz allgemein etwas aus der Clubszene?
Ich weiß, dass beispielsweise in Friesack und auch andernorts am Wochenende erste Outdoorveranstaltungen stattfinden. Die, die die Möglichkeit haben, machen das. Wir haben die Möglichkeit leider nicht.

Aber kann man irgendwas planen?
Ja, wir planen die Kneipennacht. Sie soll am 11. September stattfinden, sicherlich in abgespeckter Form je nach dann geltendem Regelwerk. Wir sind da mit der Planung noch ganz vorsichtig, aber Termin und Wille stehen beim Großteil der Gastronomen fest. Wir haben die gleiche Band wie immer und machen das bei Plan B notfalls auch draußen auf der Wiese.

Wie sieht es mit dem Personal der Beat-Fabrik aus?
Bei uns sind alle Angestellten noch da. Dafür sind wir sehr dankbar. Es gibt große Personalabgänge in der Gastro-Branche. Da ist aktuell eine ganz hohe Fluktuation, da gibt es jetzt große Schwierigkeiten, die Stellen wieder zu besetzen. Wir haben aber vor allem Minijobber. Die sind noch alle dabei.

Wie steht es um Ihr zweites Standbein als Event-Ausstatter?
Wir sind ganz weit weg vom Niveau von 2019, aber wir wollen nicht klagen. Wir haben, von der Hüpfburg bis zum Kaffeelöffel, alles, was man für Feiern braucht. Wir richten komplette Feierlichkeiten aus. Am vergangenen Wochenende durften wir nach 16 langen Monaten Pause die erste Hochzeit begleiten, und am Freitag feiert bei uns eine Schulklasse ihren Abschluss. Dafür haben wir im Rekordtempo den Biergarten einsatzbereit gemacht.

Haben Sie finanzielle Hilfen bekommen?
Wir hätten es nicht durch die Krise geschafft ohne die finanziellen Unterstützungen, die wir ohne Weiteres bekommen haben.

Wird es die traditionelle Party am Heiligabend geben?
Ja. Egal, wie.

Es geht also weiter…
Wir sind noch da, wir bleiben da. Wir wollen das.

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RT liest

Ingo Schulze: Die rechtschaffenden Mörder

Donnerstag, den 17. Juni 2021

Ein aufrechter Büchermensch wird zum Reaktionär. Vielleicht auch zum Revoluzzer.
Ein idealer Stoff für eine literarisch-politische Debatte.
Also, ähm, nein.
Wie der S.Fischer-Verlag den Roman von Ingo Schulze promotet, ist spannend. Denn der Text, der hinten auf dem Buch steht, hat mit dem Inhalt des Romans erstaunlich wenig zu tun. Er führt genau genommen in die Irre und ist fast schon Etikettenschwindel.

Norbert Paulini hat sich schon immer für Bücher interessiert. Vor allem für alte Bücher. Als er zur Armee muss, arbeitet er in der Regimentsbuchhandlung. Später beginnt er eine Lehre, ebenfalls in einem Buchladen. Und schließlich kann er in Dresden ein Antiquariat eröffnen – und wird damit in der Kennerszene recht bald bekannt. Zu ihm kommen Menschen, die auch alte Bücher lieben, und immer hält er Ausschau nach neuen alten Werken.
Die Wende nimmt er erst nicht ernst – aber schnell merkt, dass es für ihn schwierig werden könnte, denn wer will noch alte Bücher?

“Die rechtschaffenden Mörder” heißt der Roman von Ingo Schulze, und die Frage lautet: Wen meint er? Sind es die Leute, die sein Antiquariat zum Scheitern bringen?
Der Verlag macht den Eindruck, als gebe es in Paulinis Leben eine dramatische Wende, ein Büchermensch werde zum Täter, er sei an einem fremdenfeindlichen Anschlag beteiligt gewesen.
Irritierenderweise ist das aber im Roman gar nicht das zentrale Thema. Vielmehr wird im ersten Teil Paulinis Leben erzählt, das später in der Tat einem Wandel vollzogen ist. Aber eigentlich erzählt Schulze die Nachwendezeit eher lapidar und gelangweilt. Wie ein Büchermensch zum Revoluzzer wird, erfahren wir nicht – oder ich muss den Absatz überlesen haben.
Im zweiten Teil berichtet – wie aus dem Nichts – plötzlich ein fiktiver Autor, der sich am Ende mit Paulini streitet, und im dritten Teil erzählt eine Verlagsfrau über Paulinis Ende. Aber auch eher runtererzählt und selten uninspiriert.
Dieser Roman liefert ganz gewiss keinen Stoff für eine politische Debatte. Sicherlich berichtet er vom Umgang mit alten Werken, aber es eine Debatte? Wüsste nicht worüber.
Die Buchwerbung machte den Eindruck, als würde sie die Geschichte eines enttäuschten Ex-DDR-Bürgers erzählen, der sich radikalisiert. Irgendwie ist das so, aber warum das geschieht, warum plötzlich dieser letzte Schritt – den es im Buch nicht wirklich gibt – geschieht, ist völlig unklar.
Der Roman ist gerade am Anfang noch sehr wirr aufgeschrieben. Die Faszination kommt erst, als Paulini sich als junger Erwachsener mit Büchern befasst. Die letzten zwei Teile des Romans reißen aber jegliche Faszination wieder ein. Wirklich schade.

Ingo Schulze: Die rechtschaffenden Mörder
S.Fischer, 320 Seiten
5/10

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ORA aktuell

Neuwahl nötig? Landrat Weskamp will zurücktreten

Donnerstag, den 17. Juni 2021
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Ludger Weskamp (SPD), der Landrat in Oberhavel, will offenbar zurücktreten. Stattdessen soll am 13. Juli entschieden werden, ob er Präsident des ostdeutschen Sparkassenverbandes wird. Er stelle sich der Wahl, teilte er am Mittwochabend im Kreistag in Oranienburg mit. Wird er gewählt, dann will er von seinem Posten zurücktreten.
Dann wäre in Oberhavel eine Neuwahl nötig. Seit 2015 ist er im Amt.

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