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Heldin der Woche: Nicht krank, trotzdem ein Virus-Opfer

Mit einem Youtube-Video macht Stefanie Dietrich auf die schwierige Lage von Kulturschaffenden aufmerksam – in Falkenthal betreibt die Sängerin als zweites Standbein den Hof Landlust

MAZ Oberhavel, 25.5.2021

Falkenthal.
​Von der großen Bühne zur Beschaulichkeit des ländlichen Raums. Wenn die Showtreppe nur noch neben dem Traktor aufgebaut wird. Davon handelt ein Youtube-Video, das Stefanie Dietrich vor gut drei Wochen hochgeladen hat. Es ist humoristisch, satirisch gemeint, es trägt den Hashtag #allepflichtlachen. Doch der Kern des Films ist ernst gemeint. Denn die Betreiberin des Hofes „Landlust“ in Falkenthal im Löwenberger Land möchte damit auf ein echtes kulturell-wirtschaftliches Problem aufmerksam machen. Es geht um die Folgen des Coronavirus.
„Ich habe dieses Virus nicht bekommen. Das empfinde ich als großes Geschenk“, sagt die 44-Jährige. „Aber obwohl wir den nicht bekommen haben, sind wir in voller Linie Opfer dieses Virus.

Stefanie Dietrich hat in München Musical, Gesang, Tanz und Schauspiel studiert. Seit 21 Jahren gastiert sie als freie Musicalsängerin an Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum. Sie wird als Gast geholt, wenn Rollen nicht aus dem eigenen Ensemble besetzt werden können. In dieser Zeit ist sie auf Lohnsteuerkarte beschäftigt. In den restlichen Zeiten arbeitet sie freiberuflich. Als die Pandemie im März 2020 begann, war auch für sie erst mal Schluss. „Wir haben alle Maßnahmen mitgemacht“, sagt sie. „Ich habe das sehr ernst genommen.“ Im Sommer konnte sie immerhin in Weimar an einem Stück proben. Aber seit November geht wieder gar nichts mehr.

Ihr zweites Standbein ist der Hof Landlust in Falkenthal. Aber auch dort ging sehr lange nichts. Keine Übernachtungen, keine Hochzeiten, keine Klassenfahrten. Doppelter Stillstand, auf beiden Standbeinen. Was die finanziellen Hilfen angeht, fällt sie durch alle Raster, wie sie erzählt.
„Irgendwann kommt eine unglaubliche Trauer“, sagt Stefanie Dietrich. „Es ist nicht nur die Sorge um die Existenz. Wir sind Kreativschaffende. Ich weiß nie, was ich in zwei Jahren machen werde. Mich schreckt es nicht, keine Sicherheit zu haben, ich bin breit aufgestellt.“ Es ist eher die Trauer um die Theater. „Das Wissen, dass es nie wieder so sein wird wie vorher.“ Sie geht davon aus, dass die Theaterlandschaft sich verändern werde. „Es fängt an. Diese Selbstverständlichkeit, dass man in vielen Mittelstädten für 12 Euro Shakespeare angucken kann. So breit kulturell aufgestellt zu sein, wird es nicht mehr geben. Die Etats bröckeln.“ Es werde ein Prozess, der langsam einsetze, wenn sich zeige, dass die Kommunen, die für die Theater zahlen, immer weniger Geld dafür zur Verfügung hätten.

Dabei hatte sie selbst bislang noch Glück. „Ich habe noch zwei Verträge bekommen“, sagt Stefanie Dietrich. „Aber klar ist auch, dass der Hof hier in Falkenthal als Sicherheit nicht reicht.“ Was sie aber wirklich traurig findet: „Es gibt gegenüber meiner Branche wenig Barmherzigkeit und viel Häme.“ Wenn es darum gehe, dass Bühnenmenschen wegen der aktuellen Bestimmungen derzeit nicht oder kaum arbeiten können, dann heiße es oft, man solle sich doch einen „richtigen Job“ suchen. „Aber das ist auch ein Job!“, sagt sie. „Aber ich verstehe, dass einige Menschen hämisch sind, weil ich 20 Jahre jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen bin. Die denken vielleicht: Warum sollt ihr immer glücklich sein?“

Zwei Tage hat sie für das Youtube-Video gebraucht. „Ich habe es geschrieben, Freunde haben mir beim Drehen geholfen“, sagt Stefanie Dietrich. Die Reaktionen darauf seien positiv gewesen. „Ich wollte es mit Humor machen.“ So ist der Titel „#allepflichtlachen“ auch eine Reaktion auf die „#allesdichtmachen“-Videos, die  für viel Wirbel gesorgt haben. 
Seit Freitag sind touristische Übernachtungen in Brandenburg wieder erlaubt, auch auf dem Hof Landlust in Falkenthal geht es wieder weiter. „Wir beten, dass wir doch noch einige Hochzeiten machen können“, so Stefanie Dietrich. 

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