Tagesarchiv für 22. April 2021

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Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete

Donnerstag, den 22. April 2021

Für den Psychiater Otto Kadoke (mit Betonung auf dem E) lief es schon mal besser. Seine Patientin Michette, die in den vergangenen Wochen bei ihm gelebt hat, wirft ihm Missbrauch vor. Kadoke bestreitet das, immerhin fange er nichts mit Patientinnen an, und diese hätte sich vermutlich umgebracht, wenn er sie nicht für eine spezielle Therapie zu sich nach Hause geholt hätte. Das Ganze eskaliert, als Michette ihre Story als Buch rausbringt, für viel Wirbel sorgt. Seine Unschuld kann Kadoke nicht beweisen, er darf nicht mehr als Psychiater arbeiten.
Zuvor hatte er überraschenden Besuch von seiner sehr weit entfernten Verwandten Anat, einer fanatischen Zionistin aus dem Westjordanland. Sie haben schnellen Sex, und als es für Kadoke in Amsterdam keinen Grund mehr gibt, zu bleiben, beschließt er, ihr gemeinsam mit seinen Vater zu folgen.
Er hat sich in Anat verliebt, aber sie sich nicht so richtig in ihn. Aber für Anats ebenso fanatische Mutter ist klar: Kadoke muss ihrer Tochter ein Kind machen.

Arnon Grünberg schreibt in seinem Roman “Besetzte Gebiete” die irre Geschichte eines Mannes, dem sein Leben entgleitet und der einen Neuanfang in der Fremde wagt. Und “irre” kann man durchaus wörtlich nehmen, denn dieser Roman ist in der Tat an vielen Stellen irre. Denn Kadoke trifft scheinbar fast nur auf völlig irre, enthemmte Menschen.
Da ist Michette, in ihrem Wahn behauptet, Kadoke hätte ihr was angetan. Und übrigens auch als Leser ist man sich nicht immer sicher, ob der Psychiater nicht wirklich… Was auch daran liegt, dass er sich in die Liebe zu Anat auf einer sehr seltsame, manchmal bedrückende Weise reinsteigert. Andererseits ist aber auch Anat auf bedrückende Weise von einem Wahn besessen. Als rauskommt, dass sie auf seltsame Sex-Phantasien steht und sie drauf besteht. dass Kadoke sie mit ihr ausübt, sind das im Roman, nun ja, denkwürdige Momente. Aber es wird schlimmer, das kann man an dieser Stelle schon mal sagen, und es wird später noch eine weitere Wendung geben, die sehr überraschend und aus dem Nichts kommt.
Komisch ist in diesem Roman sehr wenig, dafür an verschiedenen Momenten durchaus schockierend, fast ungläubig liest man einige der Passagen, weil man auch nicht immer sicher ist, wer da falsch tickt und wer nicht.
Das alles liest man über weite Strecken widerwillig, zu krank ist vieles davon, auch wenn es von Arnon Grünberg gut geschrieben hat. Verstehen, warum das alles so ist und warum das alles so passiert, muss man das ja eh nicht.

Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete
Kiepenheuer & Witsch, 431 Seiten
7/10

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Chernobyl

Donnerstag, den 22. April 2021
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MO 19.04.2021 | 21.00 Uhr | ProSieben

Diese Serie sorgt für Kopfschütteln, für ungläubiges Staunen, für Fassungslosigkeit. Sie zeigt, wie gelogen, geleugnet und runtergespielt wurde.
Es ist ein Stück Geschichte, und sie spielt im April 1986. Im Kernkraftwerk Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat kommt es zu einem Zwischenfall. Schließlich explodiert einer der Reaktoren. Eine riesige Menge an Radioaktivität tritt frei, jede Minute, jede Stunde.
Die Menschen in Prypjat können sehen, dass es im Kernkraftwerk brennt, aber natürlich denken sie sich nichts dabei. Und die Entscheider spielen alles runter. Nur ein Brand. Nicht schlimm. Und die Radioaktivität? Auch nicht dramatisch.

All das ist so geschehen, vor 35 Jahren. Davon erzählt die fünfteilige Serie “Chernobyl”, die derzeit immer am Montagabend bei ProSieben zu sehen ist. Minutiös zeigt sie, wie die Katastrophe ablief und wie katastrophal das Katastrophenmanagement versagte.
In diesem Werk scheinen Menschen gearbeitet zu haben, die von der Materie scheinbar wenig wussten. Oder sie wollten mit allen Mitteln vertuschen, was da wirklich passiert ist. Stattdessen schickten sie Feuerwehrleute in den sicheren Strahlentod. Oder niedrige Mitarbeiter, die mal gucken sollen, was mit dem Reaktor los ist.

Die US-Miniserie ist vielfach ausgezeichnet und gilt an vielen Stellen als beste Serie des Jahrzehnts. Und in der Tat ist “Chernobyl” eine extrem packende Serie. Allerdings gibt hier das wahre Leben leider die Story vor. Die Schicksale, die Ignoranz – die Emotionen beim Schauen der Serie sind vielfältig.

Dass ProSieben die Folgen 3 und 4 am Montagabend verschoben hat, war allerdings nicht die cleverste Idee. Der Start am 12. April erreichte sehr gute Quoten. Diesmal entscheid man sich, das Baerbock-Interview in der Primetime zu setzen – mit eher miesen Zuschauerzahlen. So verlor auch “Chernobyl” ein Drittel der Zuschauer, und das hat die Serie nicht verdient. Aber ProSieben hat es verbaerbockt.

-> Die Serie bei Joyn (zeitlich begrenzt)

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