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Die „Lindenstraße“ geht weiter

Der Berliner Jörg Frisch (39) setzt seit einem Jahr in seinem Blog die alten Geschichten fort

MAZ, 27.3.2021

Berlin.
Die „Lindenstraße“ geht weiter. Zwar lief am 29. März 2020, also vor ziemlich genau einem Jahr, im Ersten die letzte Folge. Aber eigentlich war sie nie zu Ende. Zumindest wenn man Jörg Frisch und seinen Blog „Lindenstraße 2.0“ auf www.frischikowski.com im Internet kennt.
Denn der 39-Jährige aus Berlin schreibt seit einem Jahr die ehemalige ARD-Serie Woche für Woche weiter. Am Sonntag veröffentlicht er Folge 1810, es ist die 52., die Jörg Frisch geschrieben hat. Dann werden die Fans wissen wollen, ob Gaby und Andy Zenker wirklich die Senioren-WG von Helga Beimer und damit die Lindenstraße verlassen wollen.

„Ich habe die Lindenstraße seit frühester Kindheit geschaut“, erzählt Jörg Frisch. Anfangs schaute er mit seiner Oma. Nachdem sie 1990 gestorben war, blieb er dran. „Ich habe weitergeguckt.“ Er mochte das Alltägliche. „Durchs Schlüsselloch schauen.“
Aber auch die Aufreger. Wie der, als Klaus Beimer in die Naziszene abrutschte oder als eine ganze Folge im sächsischen Borna spielte. „Else Kling habe ich geliebt.“ Beeindruckend sei gewesen, dass es schon 1986 in der Serie ein Coming Out gegeben habe. „Das war einprägsamer als später der erste Männerkuss.“
Doch die Zuschauerzahlen sanken. Im Herbst 2018 verkündete die ARD das Aus der Serie Ende März 2020. „Ich konnte es nicht glauben und erst mal gar nicht einordnen“, sagt Jörg Frisch. Er saß gerade auf dem Flughafen, als die Eilmeldung gekommen war. „Ich habe geglaubt: Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, und ich hätte nicht gedacht, dass die das wirklich durchziehen.“
Er hält die Absetzung der Serie, die fast 35 Jahre lang sonntags lief, nach wie vor für einen Fehler. „Die Serie hatte ein Alleinstellungsmerkmal, sie zeigte den Alltag in Deutschland, und das über eine so lange Laufzeit.“ Eine andere Form des Bildungsfernsehens.

Am 29. März 2020 hatte er sich mit Freunden getroffen. „Wir haben uns Highlight-Folgen angesehen, die Abschiedsdoku und dann die letzte Folge. Ich war schon enttäuscht und traurig.“ Allerdings: Zu dem Zeitpunkt wusste er schon, „dass ich weitermache“. Schon im Dezember 2019 war in ihm die Idee gereift. „Ich habe überlegt: Wie fängst du an?“ Bis kurz vor der letzten Folge habe er abgewartet, wie sich die Geschichten in der Serie entwickeln. „Ich wollte ja keinen Quatsch schreiben.“
Er legte sich Dateien an. In einer stehen die Feiertage und die Geburts- und Hochzeitstage der Lindenstraßen-Bewohner. In einer weiteren, wann eine Figur das letzte Mal vorgekommen ist. In einer dritten Datei entwickelt er den aktuellen Handlungsbogen, „wo ich schreibe, was wann passiert.“ Eine Woche nach der letzten Fernsehausstrahlung erschien Jörg Frischs erstes Kapitel, die eigentliche Folge 1759, im Internet. Jetzt gerade plant er bereits, was im Oktober 2021 passieren wird.
In der Regel schreibt er drei bis vier Wochen im Voraus. Wie in der wahren Serie gibt es jede Woche drei Handlungsstränge. Eine Folge besteht meist aus acht eng beschriebenen Seiten. „Kurz vor der Veröffentlichung schicke ich den Text an Freunde, zur Korrektur.“ Und natürlich gibt es – wie einst in der Serie – Aktualisierungen, wenn es nötig ist. Durch das Coronavirus ist das nötig – denn das wirbelt auch seine Geschichte ordentlich durcheinander.
Zum 35. Jubiläum im Dezember 2020 sollten Iffi Zenker und Roland Landmann im „Akropolis“ heiraten, und dafür sollten auch lange nicht gesehene Familienmitglieder zurückkehren – Corona machte das unmöglich. „Ich war so stolz auf die Folge“, sagt Jörg Frisch. Er musste sie umschreiben und eine Onlinehochzeit draus machen. Mit Jamal, einem Krankenpfleger, der einst als Flüchtling in die Lindenstraße kam, gab es im Sommer 2020 auch einen Corona-Toten.

Tatsächlich werden sich Fans der Serie in Jörg Frischs Texten sehr zu Hause fühlen. Wer die Geschichten der Serie in seinem Blog verfolgt, hat tatsächlich das Gefühl, dass die Handlung normal weitergeht. Die Texte lesen sich recht professionell, die Dialoge werden die Serienkenner beim Lesen in den Ohren haben.
Das bloße Schreiben einer Folge dauere um die zwei Stunden. „Ich habe da gewisse Momente. Andererseits schreibe ich mal drei Wochen gar nichts oder an einem Tag drei Folgen. Um die 400 Leser haben die Lindenstraße-Folgen auf seinem Blog. „Das ist okay, mehr wären natürlich immer nett“, so der Berliner, der eigentlich als Flugbegleiter arbeitet.

Vom WDR und den Produzenten der „Lindenstraße“, Hannah und Hans W. Geißendörfer, hat er bislang kein Feedback bekommen. „Ich habe sie mehrfach angeschrieben, auch einige Darsteller.“ Das einzige, was klar war, ist, dass er mit seinem Blog und der „Lindenstraße 2.0“ kein Geld verdienen darf. „Das will ich auch gar nicht“, so Jörg Frisch.

Als die „Lindenstraße“ 1985 gestartet war, wusste keiner, wie lange sie gehen würde. Das ist jetzt bei Jörg Frisch auch so. „Mal sehen“, sagt er. „Ich habe schon ein paarmal gedacht, ich höre auf.“ Aber er will weiter Woche für Woche seine Fans bedienen. „Mit Carsten Flöter habe ich noch ein paar Ideen.“ Auch rund um Lisa und Murat werde es turbulent. Ein Jahr nach dem Fernseh-Aus ist die „Lindenstraße“ also noch lange nicht tot – sie lebt aber eben nur noch in Schriftform.

Der Blog „Lindenstraße 2.0“ auf www.frischikowski.com.

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