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„Ich war fast weg gewesen“

Ein 15-Jähriger aus Velten erzählt, wie er in die Drogensucht geriet – und von den Problemen danach

MAZ Oberhavel, 25.2.2021

Velten.
Es begann alles mit Frust. Viel Frust. Aber vor allem mit einem Verlust an Vertrauen. Gegenüber der Mutter, gegenüber allen. Jonas* war zwölf, als es losging. Als er mit Drogen in Kontakt kam.

Damals hatte er eine Freundin. Sie war vier Jahre älter als er. „Sie wollte, dass er mit zu ihr zieht“, sagt Michaela*, seine Mutter. „Ich habe gesagt: Das geht nicht, das funktioniert nicht.“ Er setzte sich durch. „Ich wollte, dass er nach Hause kommt.“ Jonas war dann eine Weile mit ihr zusammen, aber es kam dann zur Trennung. Der Schock: Das Mädchen war schwanger. Von Jonas, sagte das Mädchen. „Ich war mir sehr sicher, dass das nicht sein konnte“, sagt Jonas. Und er wusste auch von einem anderen Jungen. Geglaubt hat ihm das keiner. Auch nicht seine Mutter. Die war sich sicher, dass das Mädchen die Wahrheit sagte. „Wenn er der Vater ist, dann muss er zu seiner Verantwortung stehen“, sagte sie stattdessen. Erst als das Kind auf der Welt war und nachdem Michaela es schon als Enkelkind akzeptiert hatte, kam das Testergebnis. „An dem Punkt war dann leider klar, dass er nicht der Vater ist“, sagt Michaela. Sie überlegt kurz. „Jonas hat sich gefreut. Ich war hin- und hergerissen. Aber innerlich auch froh. Aber dann fing der Stress richtig an.“ Denn die Vertrauensbasis zwischen Mutter und Sohn war zerstört.

Jonas ist abgehauen. Immer wieder. Er begann, sich von Velten aus in der Gegend rumzutreiben. „Ich wollte einfach weg. Irgendwo hin“, sagt er. „Wo nicht Menschen oder Behörden auf mich einquatschen.“ Durch ältere Freunde kam er mit Drogen in Kontakt. „Ich habe alles probiert. Hauptsächlich Speed und Ecstasy.“ Speed hält lange wach, der Hunger vergeht einem. Am Hennigsdorfer Hafen habe er dann Leute kennengelernt, die ihm Crystal verkauft haben. „Ein paar Mal“ habe er das genommen. Durch das Zeug dauert der Rausch länger. Und er kam nicht mehr von den Drogen weg. Er hat dann begonnen, Speed günstig anzukaufen. Zehn Gramm für 30 bis 50 Euro. Er verkaufte es für 100 Euro weiter, „um mir meine Drogen kaufen zu können.“

Tatsächlich werde im Gesundheitsamt im Landkreis Oberhavel eine Zunahme des Konsums von Amphetaminen und Crystal Meth festgestellt. „In diesem Zusammenhang stellen wir insbesondere auch eine steigende Nachfrage von Eltern an unsere Kinder- und Jugendpsychiaterin im Gesundheitsamt fest“, sagt Kreis-Pressesprecherin Ivonne Pelz. „Die Entwicklung verfolgen wir sehr aufmerksam und sensibilisiert.“
„Die Jüngste, die ich kenne, war zwölf, als sie angefangen hat“, erzählt Jonas. „Viele chillen mit 16-Jährigen ab.“ Es gebe da bei vielen Probleme mit den Eltern, ähnlich wie bei ihm. Viele würden LSD nehmen, „um das Selbstbewusstsein zu erweitern. Dadurch wurde mir auch alles egal.“ Gras gebe es an jeder Ecke zu kaufen. Einmal hatte er gestrecktes Speed. „Ich war fast weg gewesen.“
Cathrin Pelz, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt: „Der Konsumbeginn für die genannten Drogen liegt inzwischen nicht selten schon bei zwölf Jahren. Der Konsum hat insbesondere bei früh beginnender psychischer und körperlicher Abhängigkeit gravierende Folgen auf die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen: Je früher der Beginn des Konsums, desto gravierender sind die Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns, das in dieser Lebensphase besonders empfindlich ist.“

Für Jonas’ Mutter war klar: „Er war abhängig. Er brauchte Hilfe.“ Von einer Depressionsstation haute er nach einem Tag wieder ab. Es war schwer, an Jonas ranzukommen. Und auch schwer, Hilfe zu bekommen. Das Ziel war: „Er muss in eine Klinik, die ihm hilft.“ In Hamburg gab es eine. Acht Monate müsse er allerdings dort bleiben, hieß es. „Am Anfang wollte ich das nicht“, sagt Jonas. „Ich habe mich verarscht gefühlt.“ Er sah dort keine Perspektive. „Für mich war das aber Grundvoraussetzung, dass er dahin geht“, sagt Michaela. Ansonsten hätte sie nicht weiter gewusst. Sie hätte ihn ans Jugendamt übergeben müssen, sagt sie. „Damit er wieder zurecht kommt.“ Er bekam den Platz in Hamburg. Von September 2019 bis April 2020 war er in dieser Klinik. Weg von den Drogen.

„Ich kam zu einem blöden Zeitpunkt zurück“, sagt Jonas. Corona hatte die Welt im Griff. Michaela erzählt: „Wir haben Kontakt zur Schule aufgenommen. Da hieß es, wir unterstützen ihn.“ Er kam in die 8. Klasse. Doch da gibt es ein Problem, denn Jonas darf kein Internet benutzen. „Damit er keinen Kontakt zu seinen alten Freunden aufnehmen kann.“
Es gab Gespräche mit einem Einzelfallhelfer. „Da sollte es um seinen Förderstatus gehen. Den braucht er.“ Mit seinem Einzelfallhelfer ist Jonas immer wieder im Kontakt. Als Schule auch in Coronazeiten möglich war, gab es dennoch Sorgen. „Ich wollte nicht, dass jemand was von meiner Vergangenheit erfährt“, sagt Jonas. „Aber der Lehrer fragte dann vor der Klasse, warum ich kein Internet habe. Ich hatte einfach den Wunsch, dass wir das unter vier Augen klären.“ Mit dieser Bloßstellung kam er nicht klar. Vertrauensverlust.
Als dann wegen des Lockdowns die Schule wieder nur zu Hause weiter ging, war das ohne Internet schwierig. Nur Jonas’ Mutter hat Zugriff, wenn E-Mails kommen. Aber dann ging auch noch der Drucker kaputt, sagt Michaela. „Sie schicken immer Aufgaben und gehen davon aus, dass ich online einen neuen Drucker bestelle.“

Beatrix Scheeren, die Leiterin der Kremmener Goethe-Oberschule beurteilt die Lage anders. „Er wird unterstützt“, sagt sie. „Wenn er den Willen hätte. Aber er will sich nicht unterstützen lassen.“ Die Schulleiterin sagt, das Problem liege bei Jonas’ Mutter, sie spiele ein falsches Spiel, es werde nicht auf Angebote reagiert. Näher könne sie sich nicht äußern, erklärt sie.
Jeder habe seine eigene Wahrheit, sagt sein Einzelfallhelfer, der aber betont, allgemein zu sprechen, nicht über den speziellen Fall. Über spezielle Fälle könne er grundsätzlich nichts sagen. Allgemein könne er sagen, es sei immer wieder eine Herausforderung, die globale Wahrheit zu erfassen, es sei fast unmöglich. Es sei immer wichtig zu sehen, wie jeder Beteiligte etwas wahrnehme. Warum tut jemand was oder auch nicht? Das sei immer eine neue Herausforderung.

Jonas, inzwischen ist er 15, will tatsächlich nicht mehr. Er hat das Vertrauen verloren. Wieder mal. Aber wie soll es weiter gehen? Für ihn ist klar, dass er nach der 8. Klasse abgehen will. „Ich möchte mich um einen Ausbildungsplatz bewerben.“ Seine Mutter ergänzt: „Aber ich fände es besser, wenn er ein Berufsorientierungsjahr macht.“ Er kümmere sich, sagt er. Vielleicht was bei der Bundeswehr. Vielleicht Küchenhilfe. „Mein Traum wäre es, Notfallsanitäter zu werden“, sagt er. „Oder was mit Elektronik.“ Wie er das ohne Schulabschluss schaffen kann, ist unklar.

Ist Jonas clean? Endgültig? Er überlegt. Ein Rückfall sei möglich, sagt er. Der Frust ist groß, und auch weil das Vertrauensverhältnis zur Mutter gestört ist. Hört man den beiden zu, dann stehen oft gegenseitige Vorwürfe im Raum. Bekommt Jonas Geld zum Einkaufen, muss er den Kassenzettel mitbringen.
„Ich als Mutter kann sagen, dass ich alleine gekämpft habe“, sagt Michaela. „Selbst den Einzelfallhelfer zu finden, war schwierig. Aber er bemüht sich.“ Das sieht Jonas ähnlich. Es gebe kaum Einrichtungen für Minderjährige, sagt er. Oder Ansprechpartner. Er überlegt, später eine Selbsthilfegruppe zu gründen.

Beim Landkreis will man an den Maßnahmen zur Drogenprävention schrauben. Angestrebt werde „noch 2021 die Einrichtung einer Fachstelle für Konsumkompetenz “, teilt Kreis-Pressesprecherin Ivonne Pelz mit. Die Fachstelle solle in erster Linie der Sensibilisierung sowie der Fort- und Weiterbildung von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe, in Schule und Elternschaft dienen.
Hilfe für Betroffene und Angehörige gebe es für Jugendliche insbesondere bei der Drogenberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Möglich sei das in Gransee, Hennigsdorf und Oranienburg.

*Die Namen von Mutter und Sohn wurden geändert.

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