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Christo, der Mann, der den Reichstag verpackt hat

Christo ist tot. Er starb mit 84 Jahren am Pfingstsonntag in New York.
Und sofort denke ich an den Sommer 1995. Damals, vor 25 Jahren, als er mit seiner Frau Jeanne-Claude den Reichstag verpackt hat.

Es war Montag, der 26. Juni 1995, als ich mit einem Freund und meiner Videokamera nach Berlin fuhr und am Reichstag ins Staunen kamen.
Der Reichstag führte zu dieser Zeit noch mehr oder weniger ein Schattendasein. Wir standen schon mal davor, am Abend des 2. Oktober 1990. Vor dem Reichstag erlebten wir die Minute der deutschen Einheit, wir waren dabei, und es war ein großer Augenblick, als um Mitternacht die deutsche Fahne gehisst worden ist. Es war der 3. Oktober 1990, als wir den Platz wieder verließen und wir nach Oranienburg zurückkehrten, die Heimatstadt, die nun nicht mehr in der DDR lag, sondern seitdem in der Bundesrepublik Deutschland.

1995 war klar, dass Berlin wieder Regierungssitz wird. Der Reichstag sollte wieder der Ort für den Bundestag werden, dafür musste er entkernt und innen neu aufgebaut werden.
Doch davor kamen Christo und Jeanne-Claude. Seit 1971 versuchte das Künstlerpaar, sich mit ihrer Idee, den Reichstag in Berlin zu verhüllen, durchzusetzen. Es gelang ihnen erst 1994. Damals stimmte der Bundestag ab. 1995 war es dann soweit.

Und dann standen wir davor. Und staunten. Und fassten den Stoff an. Ich war noch mal mit meiner Klasse dort, kurz vor Schuljahresende der 10. Klasse. Und selbst diese Truppe schien ziemlich fasziniert gewesen zu sein von dem, was sich ihnen – uns – da bot. Später war ich am Abend noch mal mit meinen Eltern da.
Es war nicht nur das verhüllte, eingepackte Gebäude. Auch wenn das schon ein großer Anblick war. Wie der Stoff sich sanft im Wind bewegte. Wie die Formen des Gebäudes zu sehen waren – und doch nicht zu sehen waren.
Es waren auch die Menschen. Es herrschte eine sehr besondere Stimmung auf dem Platz. Die Leute kamen, sie guckten, sie staunen. Sie saßen auf der Wiese, unterhielten sich, sie spielten, sie machen Musik. Viele Leute machten Musik, am Abend spielten oft kleine Bands, dazu das Licht, das den Reichstag anstrahlte.
Es war wohl das friedlichste, ungeplante Volksfest – ganz ohne Rundum-Attraktionen, nur das Kunstwerk selbst – das Berlin je erlebt hat.

Diese Kunst, diese Tage, diese Erlebnisse, diese Eindrücke, diese Erinnerungen haben uns Jeanne-Claude und Christo geschenkt. Sie starb 2009. Nun ist ihr Christo gefolgt. Zwei große Künstler sind nicht mehr da. Die Bilder von damals bleiben.

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