Tagesarchiv für 31. März 2020

aRTikel

Tischdecken werden zu Masken

Dienstag, den 31. März 2020
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Dagmar Martin, Rotraud Braesicke und weitere Frauen aus Bärenklau sind fleißig am Nähen – Die Spendeneinnahmen gehen an den Germendorfer Tierpark

MAZ Oberhavel, 31.3.2020

Bärenklau.
Sie werden jetzt überall dringend gebraucht: Schutzmasken für den Mund. In Bärenklau haben sich jetzt mehrere Frauen zusammengetan, um solche Masken herzustellen.

Sie machen das, „weil man weiß, dass man etwas Nützliches macht“, sagt die Bärenklauerin Dagmar Martin am Montag. „Ich bereite mich sonst auf unsere Tanzgruppe vor oder auf den Chor, und das geht ja jetzt gerade alles nicht. Und da man immer wieder hört, dass Masken gebraucht werden, dachten wir uns, dass wir uns da einbringen können.“ Gesagt, getan – schon in der vergangenen Woche entstanden auf diese Weise 166 Masken.
„Ich habe mich vorher beraten lassen“, sagt Dagmar Martin – nämlich von Rotraud Braesicke. „Ich bin Schneiderin“, erzählt sie im MAZ-Gespräch am Telefon. „Ich habe eine elektrische Maschine.“ Insgesamt sind sieben bis acht Frauen aus Bärenklau an der Aktion beteiligt. „Das macht jede für sich zu Hause“, so Rotraud Braesicke. „Ich habe eine Art Prototypen hergestellt, den hat Dagmar Martin dann verteilt.“ Und dann konnte die Arbeit auch schon losgehen.
„Wir nähen die Masken aus Stoff“, so die Bärenklauerin weiter. Es fing an mit Tischdecken. Sie stammen aus dem Dorfkrug in Bärenklau, noch aus der Zeit vor den heutigen Besitzern. „Die haben wir damals bekommen, vom damaligen Wirt der Gaststätte. Aber die passen auf keinen Tisch drauf, sind zu breit und zu kurz, haben seltsame Maße. Da haben wir dann gedacht: Die können wir doch dafür nehmen. Und die sind sehr schön, und man bekommt auch gut Luft dahinter, man kriegt keine Atemnot.“ Die Tischdecken seien aus 100-prozentiger Baumwolle. Sie werden zurecht geschnitten und mit Bändchen versehen.

Die Masken gehen einerseits an das Caritas-Seniorenzentrum St. Elisabeth in Velten. Andererseits aber auch an die Einwohner von Bärenklau. „Wir haben das in Bärenklau ein bisschen bekannt gemacht“, erzählt Dagmar Martin. „Wir habe schon einige abgegeben.“ Gegen eine Spende in Höhe von fünf Euro seien sie zu haben. „Der Erlös geht dann an den Tierpark in Germendorf. Die freuen sich da vielleicht.“ Dagmar Martin findet, dass der Park unbedingt weiter bestehen müsse. „Da gehen die Leute doch so gern hin.“ Die Leute im Seniorenzentrum brauchen für die Masken allerdings nichts zu spenden, ergänzt die Bärenklauerin. Zu St. Elisabeth seien schon 36 der Masken gegangen.

Dagmar Martin hat auch eine Meinung über die Diskussion, bald die Sicherheitsmaßnahmen rund um das Corona-Virus zu lockern: „Ich bin nicht dafür, wir sollten das jetzt einmal richtig durchziehen. Die Diskussion, das jetzt zu lockern, ist Quatsch.“

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RT liest

Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz

Dienstag, den 31. März 2020
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(1) -> 27.10.2010

2009 war der Autor Moritz von Uslar schon mal in Zehdenick. Er sah sich dort mehrere Monate lang um, freundete sich mit einigen Bewohnern an. Hardrockhausen nannte er den Ort liebevoll – oder auch Provinzhöllennest.
Immer wieder zog es ihn seitdem dorthin, und genau zehn Jahre später wollte der Autor schauen, wie es um den Ort, die kleine Stadt im Norden von Oberhavel, nun bestellt ist.
Im Frühjahr 2019 zog er noch einmal für mehrere Wochen nach Zehdenick, und nun gibt es sein Buch “Nochmal Deutschboden”.

Es hat sich einiges verändert. Die Stadt ist bunter geworden. Es gibt jetzt einen Dönerimbiss, der bis nachts um 1 geöffnet ist. Dafür ist der Große Ratskeller geschlossen. Es scheint dennoch, als ob die Menschen etwas besser drauf sind als vor zehn Jahren. Die Band 5-Teeth-less gibt es zwar nicht mehr. Aber natürlich trifft Moritz von Uslar wieder Raul und seinen Bruder Eric. Raul fährt Lkw, führt offenbar ein geregeltes Leben. Immer wieder geht um um früher, als sie noch Skinheads waren. Nicht wegen der Politik, sondern wegen der geilen Partys.
Moritz von Uslar lässt sich treiben. Er beobachtet. Geht zum Bäcker, trifft auf eine keifende Verkäuferin und trifft auf die Leute, die schon am Mittag in der Kneipe sitzen.

“Wenn du nochmal in unsere Kleinstadt kommst, muss es ein politisches Buch werden.” Da bekommt er gesagt, als klar ist, dass er ein zweites “Deutschboden”-Buch schreiben wird.
Er ist in Zehdenick, während dort der Bürgermeister- und Europawahlkampf stattfindet. Er seziert die Kandidaten, die auf den Bürgermeisterstuhl wollen. Der eine mit klarem Handwerkergesicht, geboren in der Stadt. Der andere ein nicht der begabter Fußballer. Der nächste hat Ähnlichkeit mit Helge Schneider. Der Parteilose, der schon als Dorfversteher bekannt ist und offen schwul lebt und die AfD-Frau, die zu ihrem Programm wenig sagen könne, eine Frau, der der Gegenwart nicht ansatzweise intellektuell gewachsen sei. Überhaupt, die AfD – Moritz von Uslar ist auf die Truppe nicht gut zu sprechen. Ein Kapitel handelt davon, wie er sich mit einer Gruppe um AfD-Oberhavel-Chef Andreas Galau trifft. Er ließ sie auflaufen, stellte irgendwann gar keine Frage mehr.

Himmelfahrt wird in Zehdenick wie im ganzen Osten als Herrentag gefeiert. Auch in Zehdenick wird an diesem Tag gesoffen, und der Autor ist mittenmang. Am Abend findet ein Rechtsrockkonzert statt, und über der Stadt flirrt die nervöse, vorfreudige und angespannte Stimmung. Und der Autor bekommt aufs Maul.
Es sind die Momente, die ein wenig den Atem stocken lassen. Nicht unbedingt, weil man das alles nicht wusste. Es ist die immer relativ nüchterne, wie Moritz von Uslar das Geschehen beschreibt. Nüchtern, aber merkt man, wie es dennoch unter der Oberfläche leicht brodelt, wie auch in der Stadt selbst.
Interessant sind aber in dem Zusammenhang die Gegensätze, die er mitbekommt und beschreibt: Wenn sein Freund Raul lässig seine Stadt und das Geschehen kommentiert, Verständnis für dies und das aufbringt, aber auch feststellt, dass das mit der AfD eigentlich nichts ist und dass er die nicht brauche.

30 Jahre nach der Wende haben die Menschen eine stärkere Ostdeutschland-Identität als noch vor zehn Jahren. “Die reden anders miteinander, die haben einen anderen Umgangston. Der Umgang ist härter und auch politischer geworden”, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Es gebe einen rechten Sound, aber Ost bedeute nicht gleich Rechts. Dieses Ostsein empfinde er als positiv.
Moritz von Uslar zeichnet ein differenziertes Bild, aber eben auch ein sehr liebevolles Bild von Zehdenick. Eine Stadt, in der nicht alles gut ist. Aber auch eine, in der nicht nur Depessionen geschoben werden. Er schreibt rotzig, lyrisch, aber immer auf den Punkt. Es ist ein spannendes Porträt der Kleinstadt. Es wird nicht jedem gefallen. Aber es kratzt alles andere als an der Oberfläche. Und diesmal schafft er es sogar bis nach Deutschboden – dem Ort, der dem Buch den Namen gibt.

Moritz von Uslar: Nochmal Deutschboden – Meine Rückkehr in die brandenburgische Provinz
Kiepenheuer & Witsch, 330 Seiten
8/10

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RTZapper

Unorthodox

Dienstag, den 31. März 2020
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SO 29.03.2020 | Netflix

Berlin. Diese Stadt bedeutet für die 19-jährige Esty (Shira Haas) Freiheit. Ein neues Leben. Ein Leben, dass sie in New York bisher nicht hatte.
Sie war Mitglied der ultra-orthodoxen Sekte der Satmarer Chassiden und lebt bei ihrer Oma. Die arrangiert für sie eine Ehe mit Yakov (Amit Rahav). Esty lässt sich darauf hin, aber die Ehe ist nicht glücklich. Der Sex zwischen ihnen funktioniert nicht, sie windet sich vor Schmerzen. Er hat wenig Verständnis.
Heimlich reist sie ab – sie verlässt New York und fliegt nach Berlin, um dort ein neues Leben zu beginnen. Sie lernt eine Gruppe junger Leute kennen – alles Musikstudenten. Mit aller Macht will sie nun ein Stipendium bekommen. Und merkt, dass sie offenbar doch schwanger geworden ist.
Yakov reist ihr nach – er will seine Frau wiederhaben, schließlich bekommt sie doch nun ein Kind von ihm.

Die vierteilige deutsche Miniserie “Unorthodox” ist seit kurzem auf Netflix verfügbar. Unter der Regie von Maria Schrader entstand eine Geschichte, die zum Ende hin immer mehr packt.
Zum einen erleben wir den Kosmus einer besonders und extrem religiösen jüdischen Famile und deren Bräuche. Es ist nicht das normale, moderne jüdische Leben, und deshalb will Esty da offenbar auch raus. In Berlin erlebt sie ganz neue Freiheiten, und dort lernt sie jüdische Menschen kennen, die diese Freiheiten auch schätzen und leben.
Wie sich die junge Frau von ihren Zwängen und von ihren Ängsten befreit, wie sie an ihren Herausforderungen wächst, das ist spannend zu sehen.

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