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Terra Xpress

SO 12.05.2019 | 18.30 Uhr | ZDF

Schock für Katharina. Ihre Mutter reicht ihr einen Brief – eine Vorladung der Polizei. Sie habe Geld veruntreut. Die Kamera verfolgt die junge Frau von den Büschen aus, als sie zur Polizei läuft. “Da muss eine Verwechslung vorliegen”, sagt die Stimme aus dem Off, und es scheint gleich spannend zu werden. “Es kommt noch dicker, Katharina gilt als tatverdächtig!” Und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Wie erleben Katharinas Odyssee live. Also, mehr oder weniger. Wie sie sich mit der Polizei unterhält. Wie sie sich mit ihrem Freund berät. Alles ist sehr dramatisch, und die Kamera ist immer wackelig, Zooms und Schwenks inklusive.
Und wer jetzt meint, das höre sich an wie eine Dokusoap am Nachmittag bei den Privatsendern, der irrt.
“Terra Xpress” läuft jeden Sonntag im Vorabendprogramm des ZDF. Und wenn nicht das Logo des Senders immer oben in der Ecke stehen würde, könnte man auch meinen, es handele sich um RTL II.

Das Magazin “Terra Xpress” greife eine halbe Stunde lang Wissensfragen auf, die unmittelbar an die Erlebniswelten der Zuschauer anknüpfen würden. So beschreibt das ZDF seine eigene Sendung.
Erstaunlich an diesem Magazin ist: Es ist von vorn bis hinten inszeniert. Keine Szene ist echt.

Da geht es um einen kleinen Imbiss, der in Oranienburg in einen Laden ziehen will. Als aber die Kreisverwaltung eine Bombenfreigabe für das Geschäft verlangt – Oranienburg ist extrem bombenbelastet -, steht alles auf der Kippe. Die Geschichte ist im wahren Leben längst erledigt, als das ZDF mit den Dreharbeiten für “Terra Xpress” beginnt. Extra für den Sender ist der Imbisswagen mit dem Notquartier noch mal aufgebaut worden. Extra für das ZDF kamen “Kunden”, um was zu kaufen. Alles simuliert: der Schreck und die ängstlichen Gespräche, die Nachfragen des Lokalreporters, das Happy End – alles gestellt. Die Leute sagen mehr oder weniger gut einen Text auf oder improvisieren, was mal gut funktioniert, mal sehr holprig wirkt. Und da reden wir noch nicht mal davon, dass sich die ganze Geschichte nicht mal ganz 100-prozentig so abgespielt hat, wie vom ZDF dargestellt.

Auch den Bombenfund im Garten einer Familie, die sich ein Haus bauen will, ist geschauspielert. Der Bombenfund, die Verhandlungen, das bange Warten. Nichts davon ist echt. In keinem Moment war das ZDF-Team wirklich dabei.
Um so absurder ist es, dass in einer Szene der Hinweis eingeblendet wird, dass die Szene nachgestellt sei.

Gedreht ist das alles auf eine sehr, nun ja, moderne Weise. Die Kamera steht nie still, immer wackelt sie hin und her, ruckartige Zooms und Schwenks. Gesichter in wackeliger Großaufnahme. Szenen aus dem Hinterhalt gefilmt oder halb unter der Tischkante. Wackelwackel. Bloß keine Ruhe einkehren lassen. Dazu emotionale Musik, die die Stimmung einfangen soll.

Selbst die Moderation ist inszeniert. Da sieht man vor dem Fenster die Protagonisten des vorherigen Beitrages glücklich vorbeischlendern, während die Moderatorin schon voller Ernst das nächste Thema ankündigt. Da riecht sie an der Suppe, die die Suppenfrau im letzten Beitragsbild vor die Kamera gestellt hat. Selbst das alles geht nach Drehbuch, auch das ist alles inszeniert.
So modern das wirkt, so aufwändig das gemacht ist – es wirkt dennoch billig. Und das Schlimme ist: Es wirkt niveaulos. Dass man sich mit diesem Magazin namenstechnisch an das renommierte “Terra X” ranhängt, verwundert umso mehr. Denn “Terra Xpress” ist eigentlich nichts anderes als Scripted-Reality in sehr leicht edlerer Form.

-> Die Sendung in der ZDF-Mediathek (bis 12. Mai 2024)

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