Tagesarchiv für 8. März 2019

RTelenovela

Ist Gott farbenblind?

Freitag, den 8. März 2019
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Gott ist farbenblind. So steht es auf einem Plakat im Schaukasten der Oranienburger Freikirche. Zu sehen ist eine farblose Zeichnung, auf der man zwei Jungs sieht, der eine dunkelhäutig, der andere hellhäutig. Sie tragen T-Shirts: “Best” und “Friends”.
Das Anliegen ist nett, ich halte die Aussage trotzdem für falsch.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott farbenblind ist. Immerhin hat er ja, so sagen es die wirklich Gläubigen, die Welt erschaffen – mit all ihren Farben. Wie hätte er denn das grüne Gras erfinden sollen oder die gelben Sonnenblumen, mal ganz abgesehen vom Regenbogen? Wo doch die Christen sogar einen Fisch in Regenbogenfarben als Symbol haben.

Ja, ich weiß, worum es bei der Aussage gehen soll. Um verschiedene Herkünfte. Darum, dass Menschen aus aller Welt verbunden sind. Und dass Gott da keinen Unterschied mache. Auch wenn es nur eine symbolische Bedeutung haben soll – ich halte sie nicht für richtig.
Zumal man ja auch sagen muss: Wenn es nicht bunt ist, dann ist es immer noch schwarz-weiß oder hell-dunkel. Und damit sind – um zu diesem Plakat zurückzukommen – die unterschiedliche Hautfarbe immer noch sichtbar.

Ganz im Gegenteil: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Gott ein Schwarz-Weiß-Maler ist. Gott muss diese Farben sehen, und er sieht sie, er hat sie ja erschaffen.
Zumal ich es sowieso für einen Denkfehler halte, dass man Gott diese Toleranz-Eigenschaften zuschreiben muss. Wenn Gott nicht tolerant ist, wer denn sonst? Der ist auch tolerant, indem er Farben sieht.
Wir sind es, ja, und und gerade die Kirchen und ihre mitunter fanatischen Anhänger sind es, die hin und wieder daran erinnert werden müssen, andere so zu akzeptieren und zu lieben, wie sie sind.

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RT liest

Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Freitag, den 8. März 2019

Neuanfang. Aaron Englund macht einen harten Schnitt in seinem Leben. Er gibt seinen Job auf, verlässt seinen langjährigen Partner Walter und zieht weg – nach San Francisco.
Dass er dort nur eine Behausung in einer umgebauten Garage bekommt, nimmt er hin. Er beginnt einen Lehrerjob und bringt Einwanderern Englisch bei.
Gleichzeitig holt ihn allerdings auch seine Vergangenheit ein, über die er plötzlich viel nachdenkt. In seiner Kindheit war er immer der Außenseiter. Seine Mutter war depressiv und brannte irgendwann mit den Dorfpfarrer durch. 20 Jahre lang hat er seine Mutter nicht gesehen…

“Das Leben ist ein merkwürdiger Ort” heißt der Roman von Lori Ostlund, und damit hat sie ja durchaus recht. Merkwürdig ist auch das Leben von Aaron. Er fängt ein neues Leben an, weil er das alte nicht mehr ausgehalten hat. Er hatte es schon immer irgendwie schwer.
Das erfährt der Leser in vielen längeren Rückblenden. Zu lesen, wie Aaron seine Welt entdeckt hat, ist interessant. Es gibt sehr rührende Momente, wenn der Junge sich mit seiner Mutter über ihre Krankheit unterhält. Oder wenn Aaron bei einer Tante einen Kleinwüchsigen trifft, und die beiden führen ein ziemlich packendes Gespräch über das Leben und wie es ist, anders zu sein.
Die Spannung hält der Roman leider nicht die ganze Zeit auf einem so hohen Niveau, zwischendurch hat er echte Schwächephasen, wo man auch schon mal Absätze überfliegt. Die ganz starken Momente entschädigen dafür aber wieder.

Lori Ostlund: Das Leben ist ein merkwürdiger Ort
dtv, 416 Seiten
7/10

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