Tagesarchiv für 7. November 2018

RT liest

Irvine Welsh: Kurzer Abstecher

Mittwoch, den 7. November 2018

Eigentlich führt Jim Francis in Kalifornien ein schönes Leben. Er hat eine Frau und zwei Kinder. Alles könnte gut sein. Dass er mal ein berüchtigter Straftäter war, das ahnt keiner mehr.
Aber dann ereilen ihn schlechte Nachrichten aus Edinburgh in Schottland. Sein Sohn Sean aus erster Ehe ist ermordet worden. Er will zur Beerdigung – in die Stadt, der er einst den Rücken gekehrt hat. Weil die Menschen dort wissen, was er damals alles getan hat. Weil sie sich erinnern werden und mit ihm darüber sprechen wollen.
Dass Franco Begbie zurückgekehrt ist, macht dann auch schnell die Runde.

“Kurzer Abstecher” ist nicht nur ein mehrdeutiger Titel, der sowohl für den “Ausflug” nach Schottland steht, als auch für mörderische Taten. Es ist auch die Wiederkehr einer Filmfigur: Denn diesen Begbie kennen Fans aus “Trainspotting”.
Allerdings beginnt Irvine Welshs Roman eher mau. Die Sprache ist wenig bildhaft, das Kopfkino will und will nicht anspringen. Das macht die Lektüre leider sehr mühevoll. Erst sehr viel später nimmt die Handlung Fahrt auf, auch als Franco herausfindet, wer seinen Sohn wirklich umgebracht hat.
Letztlich will so eine richtige Lese-Begeisterung aber nie aufkommen.

Irvine Welsh: Kurzer Abstecher
Heyne Hardcore, 271 Seiten
5/10

RT im Kino

Der Trafikant

Mittwoch, den 7. November 2018
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Österreich, 1937. Franz Huchel (Simon Morzé) ist 17, und hat ein beschauliches Leben auf dem Lande. Nun aber soll er eine Lehre beginnen. Seine Mutter schickt ihn nach Wien zu Otto Trsnjek (Johannes Krisch). In dessen Trafik (in Österreich so etwas wie ein Tabak- und Zeitschriftenladen) soll in die Lehre gehen.
Dort lernt er auch den Professor kennen. Sigmund Freud (Bruno Ganz) ist Stammkunde, kauft jeden Tag seine Zeitung und Zigarren. Franz und er kommen ins Gespräch, ihn fragt der Jugendliche um Rat. Er hat sich nämlich verliebt – in Anezka (Emma Drogunova) aus Böhmen. Aber er kommt nicht so richtig an sie ran – und wenn doch, dann ist sie danach spurlos verschwunden.
Unterdessen droht auch in Wien die Machtübernahme Hitlers, die Wahlen zum Anschluss Österreich ans Deutsche Reich stehen an.

Franz ist “Der Trafikant”. Im Film von Nikolaus Leytner nach dem gleichnamigen Roman von Robert Seethaler sehen wir, wie aus dem verspielten Jungen, in der in heilen Welt lebt, ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann wird. Denn er muss sich ernsthaft mit seinem Leben befassen – und mit dem Leben der Menschen in seinem Umfeld.
Wir erleben Wien in einer Zeit des großen Umbruchs. Nach und nach schleichen sich die Nazis ins Leben des Trafikanten. Franz wird bald ins kalte Wasser geworfen, als er nämlich weitreichende Entscheidungen treffen muss. Das zu beobachten ist interessant, spannend, manchmal rührend.
Die Darsteller sind stark. Allen voran Simon Morzé als Franz, der auf den Gruß “Heil Hitler!” antwortet: “Ihnen auch.”

Der Trafikant
Österreich 2018, Regie: Nikolaus Leytner
Tobis, 113 Minuten, ab 12
8/10

RTelenovela

Wer klingelt denn da?

Mittwoch, den 7. November 2018
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Gräberweihe. Andacht auf dem Katholischen Friedhof in Oranienburg. Vor der Trauerhalle steht der Pfarrer, alle singen gemeinsam ein Lied.
Ein Handy klingelt. Etwas dumpf, es muss in einer Handtasche liegen. Es bimmelt leise vor sich hin.

Plötzlich löst sich ein Mann aus der Menge. Peinlich berührt läuft er ein paar Meter und hat sein Handy in der Hand.
Allerdings: Es klingelt immer noch. Aber nicht bei dem Mann, sondern genau an derselben Stelle wie vorher auch.
Plötzlich löst sich eine Frau aus der Menge. Peinlich berührt und sich flüsternd entschuldigend läuft sie ein paar Meter und hat ihr Handy in der Hand.
Allerdings: Es klingelt immer noch. Aber auch nicht bei der Frau, sondern immer noch genau an derselben Stelle wie vorher auch.
Ich sehe es genau, wo das Bimmeln herkommt, und mein Hörsinn hat mich nicht getrübt. Zwei Leute haben sich schon irrtümlich entschuldigt und entfernt. Nur die ältere Dame, die die wahre Übeltäterin ist, bemerkt die Klingelei nicht.

Irgendwann dann aber doch. Sie dreht sich um und läuft los. Peinlich berührt und mit rotem Gesicht lächelnd läuft sie ein paar Meter – und geht ans Handy.
Sie beginnt ein Gespräch, und wie Flüstern funktioniert, hat sie vergessen. Sie teilt ihrem Gesprächspartner mit, dass sie gerade auf dem Friedhof sei, sie könne gerade nicht sprechen. Damit fängt sie sich ein paar böse Blicke ein. Nach einer guten halben Minute beendet sie das Telefonat und schleicht in die Masse zurück, die inzwischen der Pfarrerspredigt folgt.

RTZapper

Football Leaks – von Gier, Lügen und geheimen Deals

Mittwoch, den 7. November 2018
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SO 04.11.2018 | 21.45 Uhr | Das Erste

Zuerst ich. Und dann ich. Später gern aber noch ich.
Das ist der FC Bayern München.
Wer leise Kritik übt, ist ein böser Mensch. Kritik ist wirklich unfein.
Und weil das alles in der piefigen Bundesliga und der doofen Champions League ah alles nur noch nervt, macht man eben sein eigenes Ding. Eine Super League.

Am Sonntagabend lief im Ersten die Enthüllungsdoku “Football Leaks – von Gier, Lügen und geheimen Deals”. Medien in vielen Ländern Europas haben sich zusammengeschlossen, um zig tausende Daten zu studieren.
Aufgedeckt worden ist, dass diverse Top-Fußballclub in Europa die UEFA verlassen wollen und eben jene Super League gründen wollen. Sie wollen also unter sich bleiben. Vermutlich hieße das auch, dass sie die Länderligen verlassen würden oder müssten.

Aber ist es wirklich erstrebenswert, nur noch gegen die großen Clubs zu spielen? Ist das auf Dauer nicht langweilig? Also, für die Fans. Wobei allerdings über die Fans keiner zu sprechen scheint, wenn solche Überlegungen im Raum stehen.

Nebenher ging es noch um die Vergabe der Fußball-EM 2026 an die USA, Kanada und Mexiko, bei die FIFA von Anfang an hat durchblicken lassen, dass die USA dran seien und die Länder den meisten Profit für die FIFA versprechen.

Es ist wichtig, dass es Medien gibt, die an solchen Enthüllungen arbeiten. Die aufdecken, was in Hinterzimmern und heimlich besprochen wird. Dass solche Enthüllungen heutzutage nur noch ein kleines Echo unter den Menschen auslösen, ist traurig. Andererseits sind die Leute vermutlich total übersättigt von hysterischen Pseudo-Sensationen, dass die echten Kracher schlicht kaum noch wahrgenommen und diskutiert werden.