Tagesarchiv für 7. August 2018

RT liest

Thilo Bock: Senatsreserve

Dienstag, den 7. August 2018
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2018. Gerade stand mal wieder in der Presse, dass irgendwie und irgendwer darüber nachdenkt, die Berliner U-Bahn-Linie 8 bis ins Märkische Viertel zu verlängern.
1988. Karsten Grube ist 20, als er sich als Praktikant beim “MV Kurier” bewirbt. Das kostenlose Blättchen wird im Märkischen Viertel in Berlin-Reinickendorf verteilt, und eines der brandheißen Themen: die immer noch ausstehende Verlängerung der U8 ins MV. Die ist nämlich immer wieder versprochen worden, und Karsten und der Redakteur Martin Horn sind da einer echten Verschwörung in diesem Zusammenhang auf der Spur. Bei ihren Recherchen geraten die beiden allerdings in die etwas schmutzige Welt der Bordelle und dunklen Geschäfte.
Karsten selbst hat unterdessen mit seinem Privatleben zu kämpfen. Er ist mit Simone zusammen, aber ihre Mutter Christel hat es ihm auch angetan. Und sein Vater nervt – er bringt nämlich ständig irgendwelchen Kram mit, der aus der Senatsreserve West-Berlins stammt.

Thilo Bock hat mit “Senatsreserve” einen Roman geschrieben, der viele interessante Ansätze hat. Da ist einerseits der sehr interessante Einstieg, als Karsten in das Leben eines Reinickendorfer Lokalreporters eintaucht. Dann natürlich die Story um die U8 und um die Senatsreserve. Einen Einblick in die West-Berliner Provinz 1988/89 ist so oder so schon ungewöhnlich und interessant.
Das alles ist also durchaus gut zu lesen, wirkt aber an einigen Stellen seltsam unausgegoren. Schon allein, dass die U8-Geschichte irgendwie auf der Stelle tritt, nervt irgendwann. Das Ganze tritt seitenlang auf der Stelle, die Puffgeschichten sind abstrus. Auf die Senatsreserve wird letztlich gar nicht wirklich eingegangen, sie spielt immer nur eine Nebenrolle. Karstens Privatgeschichten werden erst im Laufe des Buches interessanter.
Am merkwürdigsten aber ist im dritten Kapitel die plötzlich wechselnde Erzählperspektive. Erzählt davor Karsten die Geschichte, wird dann alles in der dritten Person erzählt, und plötzlich ist auch immer nur von “Horn” und “Grube” die Rede. Das wirkt unangemessen spröde, und wieso es zu diesem Wechsel kommt, ist vollkommen unklar.
So ist “Senatsreserve” grundsätzlich eine packende Geschichte – wirkt aber leider vollkommen unfertig und hätte an einigen Stellen noch mal bearbeitet werden sollen.

Thilo Bock: Senatsreserve
Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten
6/10

RTZapper

5 Euro Überraschungsshow

Dienstag, den 7. August 2018
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FR 03.08.2018 | 2.45 Uhr (Sa.) | pearl.tv

Was es nicht alles gibt! Beim Shoppingsender pearl.tv gab es in der Nacht zum Sonnabend einen Seifenspender mit Bewegungssensor. Berührungsfrei spuckt das Ding die Seife aus. Man könnte sich schließlich irgendwelche Bakterien holen. Also noch mehr als sowieso schon. Den Kindern macht das – angeblich – auch total Spaß, sie können ihre Hand drunter haltenh und schon kommt die Seife. Dass man vorher nicht ganz berührungsfrei eventuell den Wasserhahn bedienen muss – wie auch im Beispielfilm gezeigt – na ja, egal.
5 Euro kostet das Wunderding, man spart ganz viel Geld, weil normalerweise kostet das Teil mit unverbindlicher Preisempfehlung 19,90 Euro, im Katalog 9,90 Euro. In diesem Fall also nur wahnsinnige 5 Euro. Also, plus 4,90 Euro Versand, und ohne Batterien wird es auch nicht funktionieren.

Letzteres erwähnt Moderatorin Annekatrin übrigens nur einmal ganz am ENde im Nebensatz. Fast merkt man es als Zuschauer gar nicht, dass das eine wichtige Info sein könnte, und letztlich dann doch ein bisschen mehr als 5 Euro bezahlt werden. Aber da es sich ja um die “5 Euro Überraschungsshow” handelt, will man diese Nebensächlichkeiten auch nicht so aufbauschen. Aber vielleicht sind diese, ähm, Nebenkosten ja das Überraschende an der “5 Euro Überraschungsshow”.

Dass pearl.tv irgendwie noch in der Pubertät steckt, erwähnte ich ja schon mal. Immer noch muss, ähm darf die reizende Assistentin, bevor sie das nächste Produkt bringt, aufreizend in die Kamera gucken, einen Kussmund machen, um dann loszulaufen, das Produkt auf den Tisch zu legen und sich zwinkernd und erotisch wegzubewegen.
In das Schema passt auch Vivien, die die “5 Euro Überraschungsshow” neben Annekatrin moderiert. Viviens Lippen sind seltsam dick, die Augenbrauen angemalt. Kommt in der Regie sicherlich gut an, denn die blendet gleich mal den Instagram-Account von Vivien ein. Da posiert sie und macht mit den dicken Lippen Kussmünder. Die pure Erotik. Oder das, was Mann dafür hält. Ihre Kollegin Annekatrin scheint auch nicht zwingend begeistert. Sie erzählt, dass sie ja schon von Facebook genervt sei, und die Filter bei Instagram findet sie auch blöd. Worauf Vivien schnell das Thema wechselt, ansonsten hätte es vermutlich einen Bitchfight gegeben, der aber in der Regie sicherlich hoseöffnend begrüßt worden wäre.

Der Shoppingsender pearl.tv weckt die ganze Zeit ein seltsames Fremdschamgefühl. Alles, die erotische Assistentin, die kosmetisch bearbeitete Moderatorin, wirken, als würden alle nur die Fantasien der Sendermacher bedienen und befriedigen müssen. Oder steckt da eine großangelegte Satire dahinter, und man hat einfach nur den richtigen Zeitpunkt verpasst, alles aufzulösen?

RTelenovela

Rügen 2018 (15): Moritzburg – geschlossen!

Dienstag, den 7. August 2018
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(14) -> 4.8.2018

Ob sich das lohnt, weiß ich nicht. Aber nach wie vor fährt vom Bollwerk in Baabe aus eine kleine Ruderbootfähre über die Having nach Moritzdorf. Wobei es dort nicht nur das Ruderboot gibt, sondern zwischenzeitlich auch ein kleines Mototboot. Vermutlich davon abhängig, wer der Fährmann ist oder wie das Wetter ist. Und bei weit mehr als 30 Grad ist Rudern für den älteren Herrn vermutlich ein bisschen zu anstrengend.
So schippert er uns, mich und ein Paar mit Fahrrädern mit dem Motorboot rüber nach Moritzdorf.

Ich finde nach wir vor, dass Moritzdorf ein verzauberter Ort ist. Eine Straße mit alten Häusern. Kein Verkehrslärm, die pure Stille. Nur vom Hafen in Baabe kommen ein paar unaufdringliche Geräusche rüber, aber auch das nur selten.
Mein Ziel: die Moritzburg. Ich will mal wieder hochkraxeln und dort zur fantastischen Aussicht was essen und trinken.

Ich laufe durch den Ort. Ganz am Ende beginnt der Aufstieg zur Moritzburg. Aber ich komme gar nicht mehr dazu, die Treppen zu besteigen, denn unten steht ein Schild: “Moritzburg geschlossen”. Ohne weiteren Kommentar.
Ich bin enttäuscht und versuche, was auf dem Smartphone rauszufinden. Aber Infos gibt es nicht. Auf der Facebook-Seite ist der letzte Eintrag vom Herbst 2017. Man hat es nicht nötig, über die Schließung – oder die Nichtöffnung – zu informieren.

Ich laufe also zur Fähre zurück. Ich hätte noch im Hotel Moritzdorf essen können, aber auf die pralle Sonne auf der Terrasse habe ich dankend verzichtet.
Auf der Fähre zurück nach Baabe frage ich den Fährmann, was denn mit der Moritzburg los sei. Aber der brubbelt nur, ob ich denn Koch sei. Auf meine Frage, ob es am fehlenden Koch liege, brubbelt er wieder irgendwas. Reizthema?
Ich gehe stattdessen in einem Fischerlokal in Baabe essen – ein Bauernfrühstück.