Tagesarchiv für 9. Mai 2017

RTZapper

Selfie Dates

Dienstag, den 9. Mai 2017
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MO 08.05.2017 | 23.15 Uhr | RTL II

Modernes Fernsehen von heute: Man braucht keine Drehbücher mehr, man braucht auch kein Fernsehteam mehr. Es reichen irgendwelche Leute, die irgendwas machen und sagen und das Ganze auch noch selbst filmen. Fertig ist das Billigfernsehen am späten Abend bei RTL II.

Man braucht auch eine Weile, um zu kapieren, worum es bei “Selfie Dates” am späten Montagabend bei RTL II geht. Da sind zwei Männer und zwei Frauen, die… also, ähm, erzählen, wie einsam sie ja irgendwie sind und gern eine Beziehung hätten. Oder wenigstens Sex.
Einer der Männer reist mit seinem Date nach “Zinnowitz bei Usedom”, wo er dann merkt, dass es nicht so richtig funkt. Der androgüne Markus lässt sich fix in New York ein Sexdate aufs Hotelzimmer kommen, in der schwulen Dating-App ging das fix zügig. bei den beiden Frauen tut sich auch irgendwas, aber das Discodates verzieht sich einfach, und am Morgen danach hat sie einen Kater.

Man muss schon eine Weile zusehen, um zu verstehen: RTL II hat zwar preiswertes Programm, aber dennoch ein gesellschaftlich wertvolles Psychogramm. Ein Drama über die Liebe, über die Menschen, über den schnellen Sex. Und natürlich über Menschen, die das seltsame Hobby haben, sich ständig beim Daten zu filmen und ständig ihr mehr oder weniger spannendes Leben in die Kamera zu labern. Weshalb das eben doch nicht bei arte, sondern bei RTL II läuft.
Das Schlimme aber ist: Irgendwie interessant ist’s doch. Mist.

RTZapper

Naked Attraction – Dating hautnah

Dienstag, den 9. Mai 2017
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MO 08.05.2017 | 22.15 Uhr | RTL II

Endlich, endlich können wir an dieser Stelle mal ganz offen über Schwänze und Muschis sprechen. Und natürlich über Titten und Ärsche. Wurde ja auch mal Zeit, und natürlich haben wir das RTL II zu verdanken.
Denn, ganz klar, was interessiert uns bei Dates? Nein, nein, nicht dass er oder sie kinderlieb ist. Oder das Lächeln. Und seine oder ihre superlustige Art. Nein, wir wollen sehen, was er oder sie in der Hose hat. Beschnitten? Große Schamlippen? Rasiert? Dick, dünn, muskulös?
Und welcher Schwanz oder welche Muschi ist hässlich genug, um ihn oder sie gleich mal auszusortieren?
Das sind doch mal Fragen, mit denen wir uns beschäftigen wollen! Machen wir doch schließlich auf Tinder und Co. genauso.

Deshalb ist das neue Datingformat auf RTL II nur folgerichtig. Am Montagabend lief dort erstmals “Nacked Attraction – Dating hautnah”. Der Untertitel ist zwar nicht ganz richtig, denn nur der Fernsehzuschauer bekommt eine hautnahe Fleischbeschau, wenn die meist komplett rasierten Intimbereiche der Kandidaten abgefilmt werden.
Eine Frau (angezogen) trifft auf sechs Männer (ausgezogen). Allerdings sieht sie die Männer nur ab den Hüften abwärts – und nackt. Sie und Moderatorin Milka Loff Fernandes schreiten die sechs Penisse ab. Och, der ist aber schön. Oha, der ist ganz schön dick. Und der ist ja beschnitten! Fehlen bloß noch der Einkaufswagen und die Durchsage “Bitte eine dritte Kasse öffnen!”.
Eigentlich sucht die Kandidatin ja jemanden, der kinderlieb ist. Da ist es ja immer gut, wenn sie zuallererst mal den Penis des eventuellen Partners zu sehen bekommt. Deshalb nimmt sie am Ende auch den mit dem größten Schwanz. Zwinker, zwinker.

Das gleiche Spiel später mit einem Mann und sechs Kandidatinnen. Erst sieht man nur den Unterkörper, dann den Körper halsabwärts, dann den ganzen nackten Menschen. Und man weiß nicht, ob es lustig oder eher traurig ist, wenn der Typ an den muschizeigenden Frauen vorbei läuft, und er seine Kommentare abgibt. Er mag es, wenn Frauen auch Haare da unten haben, aber bitte teilrasiert. Aber ein bisschen größer darf die Muschi (okay, das Wort Muschi und übrigens auch die Wörter Möse, Scheide, Penis, Schwanz, Pimmel, Pullermann etc. fallen den ganzen Abend nicht!) schon sein.

“Wer nackt ist, hat nichts zu verstecken!”, meinte Moderatorin Milka zu Beginn der Show. Das ist natürlich blanker Unsinn, denn wer nackt ist, ist vor allem erst mal nur nackt – von sich was erzählt hat er/sie da noch nichts. Und verstecken kann man auch nackt sehr viel.

Ein Skandal ist diese Nacktdatingshow heutzutage nicht. Eher unfreiwillig komisch. Und, ähm, so richtig, also, ähm, so wirklich richtig was fürs Auge war eh nicht dabei.

RT im Kino

Sieben Minuten nach Mitternacht

Dienstag, den 9. Mai 2017

0.07 Uhr, und Conor (Lewis MacDougall) ist wach. Aber ist er wirklich wach oder träumt er nur. Vor ihm taucht plötzlich ein großes Monster auf. Ein Monster, das aussieht wie ein sich bewegender Baum. Es kündigt ihm an, ihm drei Geschichten erzählen zu wollen. Eine Vierte aber, die soll ihm dann Conor erzählen, wenn es denn so weit ist.
Traum oder Wirklichkeit?
Conor hat zunächst nicht viel Zeit darüber nachzudenken, er hat genug Probleme. Seine Mutter (Felicity Jones) ist schwer krank, und zu seiner Oma (Sigouney Weaver) will Conor nicht. Sein Vater (Toby Kebbell) wohnt, nach der Trennung von seiner Frau, in den USA – aber Conor will seine Mutter nicht allein lassen.
In der Schule läuft es auch mäßig. Conor wird dort von einer Gruppe Mitschülern regelmäßig verprügelt.
Nachts aber, da kommt das Monster. Conor ist verärgert über die, aus seiner Sicht, unsinnigen Geschichten, die er erzählt bekommt. Und dennoch: Langsam kommt er seiner eigenen Wahrheit entgegen.

“Sieben Minuten nach Mitternacht” – das ist in dem Film von Juan Antonio Bayona die Uhrzeit, die Conors Leben prägt. Ein Junge, der immer mehr verzweifelt. Zunächst noch leise, aber das wird sich ändern.
Der Trailer wirkte ein wenig wie eine Science-Fiction-Weltuntergangsgeschichte. Doch diese Vorschau täuschte ganz gewaltig, denn in Wirklichkeit dreht sich dieser Film um bittere Lebenserfahrungen und -weisheiten.
Denn das Monster bringt dem Jungen bei, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt, dass Geschichten immer zwei Seiten haben, dass es nicht immer einfach ist, einen Schuldigen zu finden, dass kein Mensch nur gut ist, dass jeder seine dunklen Seiten hat und man abwägen muss, was gerade wichtig und bedenkenswert ist.
“Sieben Minuten nach Mitternacht” ist ein tieftrauriger Film – und das, ohne kitschig zu sein. Wenn erst mal klar ist, worum es geht, dann wissen wir: Das ist das Leben, das pure Leben, das Schicksal, das uns alle mal erreichen wird. Es geht um Liebe, um tiefen Schmerz, vor allem um das Loslassen.
Und das mit tollen Darstellern, poetischen Bildern und sparsamen, aber wirkungsvollen Effekten.
Nicht nur Conor muss sich in dieser sehr klugen und tiefgründigen Geschichte mit einer Wahrheit befassen – auch der Zuschauer wird sich damit beschäftigen. Und auch das sorgt für ein grenzenloses, überwältigendes Mitgefühl.

Sieben Minuten nach Mitternacht
GB 2016, Regie: Juan Antonio Bayona
Studiocanal, 109 Minuten, ab 12
10/10