Tagesarchiv für 19. September 2016

RT liest

Ursula Poznanski / Arno Strobel: Fremd

Montag, den 19. September 2016

Da steht ein Fremder in Joannas Wohnung. Er behauptet, ihr Mann zu sein. Behauptet, dort zu leben. Und sie zu lieben.
Seine Frau Joanna erkennt ihn nicht mehr. Erik ist verzweifelt, seine Frau behauptet, ihn nicht zu kennen, dass er nicht dort wohne.

Das ist die Anfangssituation in “Fremd”, den spannenden Roman von Ursula Poznanski und Arno Strobel. Immer abwechselnd aus Sicht von Joanna und Erik erzählen sie die Geschichte eines merkwürdigen Zusammentreffens.
Und der Leser fragt sich: Was ist da los?
Lange, sehr lange bleibt unklar, ob Joanna und Erik wirklich ein Paar sind. Ob Erik sich das alles vielleicht wirklich nur ausgedacht hat. Oder ob Joanna lügt.

Dann aber nimmt die Story Fahrt auf. Denn als Erik für seine Firma wichtige Projektpartner vom Münchner Bahnhof abholen soll, wird er Zeuge eines Terroranschlags – den er nur knapp und zufällig überlebt. Plötzlich nimmt das alles eine andere wendung, und das Joanna und Erik müssen zusammenhalten.
Nimmt vielleicht doch irgendwer von außen Einfluss auf die beiden?

Das muss man ganz klar sagen: Die Ausgangssituation ist interessant, wenn auch ziemlich langgezogen. Das Ende ist mehr als ernüchternd und irritierend. Es hinterlässt mehr Fragen als Antworten. Ohne direkt zu spoilern: Aber die Geschichte nimmt plötzlich eine politische Dimension, erklärt sie aber nicht näher. Das ist hanebüchen. Hinzu kommt, dass Details der Geschichte im Nachhinein schlicht nicht hinhauen. Der Epilog soll Aktualität in diese Story bringen, aber sie sorgt nur für ein herzhaftes “Hä?”.
Da hätte jemand im Verlag mal deutliche Signale senden müssen, dass diese Story so irgendwie nicht funktioniert, dass sie hätte dringend überarbeitet werden müssen. Dafür gibt es diverse Punkte Abzug. Schade und ärgerlich.

Ursula Poznanski / Arno Strobel: Fremd
Wunderlich, 393 Seiten
5/10

Hits: 39

RT im Kino

Tschick

Montag, den 19. September 2016

Maik Klingenberg (14) ist ein Außenseiter – und sauer. Alle sind sie in seiner Klasse zur Party seines Schwarms eingeladen. Nur ihm hat das Mädchen keinen Zettel zugesteckt. Das heißt: ihm und dem Neuen, Andrej Tschichatschow, genannt Tschick (Anand Batbileg).
Die Ferien beginnen, und Maik (Tristan Göbel) ist allein zu Hause. Seine Mutter ist auf der Schönheitsfarm (Alkoholentzug) und sein Vater auf Geschäftsreise (Urlaub mit der jungen Geliebten). Und plötzlich steht Tschick vor der Tür – mit einem alten Lada Niva. Den hat er sich geliehen, sagt er.
Die beiden beschließen, ein bisschen rumzufahren, und Tschick hat auch ein Ziel – die Walachei. So tuckern sie also durch das weite südliche Brandenburg, übernachten unter einem Windrad, lernen eine kluge Landfamilie kennen, das Mädchen Isa (Nicole Mercedes Müller) – und die Polizei, die ihnen auf den Fersen ist.

“Tschick” ist die Verfilmung des Romans von Wolfgang Herrndorf. Das Buch ist schon mehr als vier Millionen Mal verkauft worden, wird schon oftmals im Schulunterricht gelesen.
Ein Roaptrip zweiter Jugendlicher. Ein Sommer-Erlebnis der Sonderklasse. Verbotener Kram, aufregende Abenteuer, Momente der Stille.
Fatih Akin hat sich der Aufgabe angenommen, daraus einen Film zu machen. Das ist ihm sehr gelungen.
Er zeigt zwei Jungs auf der Reise ins Nirgendwo. Sie fahren einfach. Sie haben ein Ziel, aber eigentlich auch nicht. Fahren um des Fahrens Willen. Das alles ist toll gefilmt, in schönen Bildern, und wenn Maik dann die alte Amiga-Kassette mit den Klavierklängen von Richard Claydermann einlegt, dazu die Felder Brandenburgs zu sehen sind – dann ist das fast schon erhebend.
Die beiden Hauptdarsteller sind eine wahre Entdeckung. Tristan Göbel spielt den Schüchternen, Unauffälligen, der an der Ferienreise wächst und Selbstbewusstsein bekommt. Anand Batbileg, der erstmals in einem Film spielt, ist der selbstbewusste, aber irgendwie auch unnahbare Tschick. Am Anfang wirkt es, als spiele er hölzern – aber es ist Tschick, der so ist. Und der sich dann bei der Reise mit Maik öffnet.
“Tschick” ist die Geschichte eines Sommers, einer Reise, einer Freundschaft. Unbedingt sehenswert, und vielleicht ja auch mal ein Klassiker.

Tschick
D 2016, Regie: Fatih Akin
Studiocanal, 93 Minuten, ab 12
9/10

Hits: 61

RTZapper

Netz-O-Rama

Montag, den 19. September 2016
Tags:

SA 17.09.2016 | 23.50 Uhr | Comedy Central

Man hat “Upps”, der Pannenshow von Super RTL, viel Unrecht getan. Man hat gesagt, es sei ganz schön billig, einfach nur alte Schenkelklopferclips aneinander zu schneiden.
Jetzt weiß ich: Es geht wirklich schlimmer, und eigentlich war es von Super RTL eine super Idee, die Clips pur zu zeigen (manchmal kommen überflüssige Moderationen, aber die wurden, glaube ich, auch schon ganz abgeschafft).
Bei Comedy Central gibt es einmal wöchentlich “Netz-O-Rama”. Die Wiederholung lief am späten Sonnabendabend.

Motto: Clipshow trifft Stand-Up.
Soll heißen: Oft furchtbar lahme Clips werden danach noch sehr viel lahmer zerredet.
In “Netz-O-Rama” steht ein gewisser Masud vor einer Greenbox, zeigt Clips und macht Witze darüber. Das wirkt ein wenig wie “TV total” – nur in unlustig.
Nicht nur, dass die Gags von Masud so lau wie seit Tagen rumstehender Kaffee ist. Auch sagt er sie auf, als würde er sie entweder ablesen oder schlecht auswendig aufsagen. Er plaudert nicht, er rezitiert.

Und er macht sich lustig. Gezeigt wurde ein Ausschnitt aus einer Facebook-Versammlung, in der ein Deutscher in sehr, sehr schlechtem Englisch wissen wollte, wenn denn Otto-Normal-Bürger live auf Facebook streamen könnte.
Ja, das war wirklich komisch. Zumal der Mann gar nicht wusste, warum man über ihn lacht. Das widerum war dann nicht mehr ganz so komisch, weil Masud das recht hemmungslos und plump ausgenutzt hat. In einem sinnfreien Einspieler stellte er ihn in einer Unterrichtssituation zur Rede, und in einem weiteren Sinn suchenden Filmchen machte Masud mit dem Facebook-Frager seltsame Box-Übungen.
Gesucht: der Witz.

Die Witzlosigkeit von “Netz-O-Rama” ist wirklich atemberaubend, geradezu bedrückend. Dass so was überhaupt auf Sendung geht, und keiner in dem Team scheinbar ein Gefühl für Gags hat, ist erstaunlich. Auch, weil die Sendung eine Produktion von Strandgut-Media ist. “Circus Halligalli” können sie, auf “Netz-O-Rama” hatten sie wohl keinen Bock.

Hits: 51

RTelenovela

An Friedrichsthal geht die schöne, neue Mobilfunkwelt vorbei

Montag, den 19. September 2016
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Zwei Stichwörter, die leider so gar nicht zusammenpassen. Erstens: guter Handyempfang. Zweitens: Friedrichsthal.
Man könnte ja meinen, dass der Oranienburger Ortsteil nicht wirklich im hintersten Winkel der Welt liegt. Was die Mobilfunkwelt angeht, ist das aber leider so.

Neulich war ich auf eine Party in dem Dorf eingeladen, und auf dem Weg vom Auto zur Feier schrieb ich noch schnell eine WhatsApp-Nachricht. Doch nach dem Wegschicken passierte – nichts. Kein Signal, dass das Ding rausging und schon gar nicht, dass es angekommen ist.
Nach einer Stunde schaute ich noch mal nach – immer noch nichts. Wie ich überhaupt keinen Empfang hatte. Weder das mobile Internet funktionierte, noch das Telefonnetz. Völlig abgeschnitten.

Und so sah man auf der Party hier und da Leute, die frustriert aufs Handy starrten. Allerdings handelte es sich um eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, denn scheinbar gibt es andere Mobilfunkanbieter als meinen, die auch in Friedrichsthal präsent sind. Und ein Stück weit Neid auf sich zogen.

Nach weit mehr als drei Stunden muss dann doch eine Mobilfunkzelle übrig geblieben sein, denn plötzlich ging die WhatsApp-Nachricht raus. Leider hatte sie sich da schon inhaltlich erledigt. Die schöne neue, mobile Internetwelt findet offenbar nicht in Friedrichsthal statt.

Hits: 39