Tagesarchiv für 8. September 2016

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ZAPPER VOR ORT: IFA 2016 in Berlin

Donnerstag, den 8. September 2016
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2015 -> 12.9.2015

MI 07.09.2016 | Berlin, Messegelände

Das ganze Dilemma zeigte sich im IFA-Sommergarten. Was war da früher mal alles los. Die großen Shows der großen Sender. Und heute? Nichts. Gar nichts.
Es ist der letzte Tag der Internationalen Funkausstellung 2016 in Berlin, und irgendwer fand es gute Idee, an diesem Tag einfach den Sommergarten nicht mehr zu bespielen.
Enttäuschend, aber ich hätte schon am Anfang stutzig werden können. Denn beim Pressecounter fragte die Dame, warum ich denn erst am letzten Tag käme. Da habe ich mich schon gefragt, was sie mir damit sagen wollte. Und nun ahnte ich schon: Weil nüscht mehr los ist.

Am letzten Tag, am letzten Nachmittag die IFA in Berlin zu besuchen, macht keinen großen Sinn. Denn die meisten Händler sind da schon müde. Die Hostessen an den Ständen wirken ausgelaugt – und sind es sicherlich auch nach so vielen Messetagen. In vielen Ausstellerboxen sitzen einsame Leute und daddeln auf dem Handy. Und überhaupt scheint das Smartphone sehr gegen die Langeweile zu helfen, denn man sieht viele, sehr viele der Aussteller mit dem Telefon spielen.

Mein IFA-Dilemma ist ja immer wieder, dass ich mich für die Technik selbst gar nicht so sehr interessiere. Kühlschränke oder Herde finde ich uninteressant, UHD-Fernseher sind ganz nett, aber wo kann man UHD-Sender empfangen, und will ich “Promi Big Brother” in Ultra-HD sehen?
Bleiben die Promis und Fernsehsender, die auf der IFA sind.
Äh, waren. Denn auch die Zeiten sind vorbei. Und die Sender, die da sind, scheinen sich auch keinen Aufwand mehr zu machen.
Bei n-tv war nichts los, kein Bühnenprogramm, keine Leute.
Bei N24 gab es einen “N24 Talk”. Eine Frau interviewte einen jungen Mann über irgendeine Internetseite für Männer – und kaum jemand hörte zu.

Ein wirkliches Trauerspiel war sogar die ARD-Halle. Auf der Hauptbühne standen ein paar Moderatoren an einem Tisch und kochten. Aber wen könnte es interessieren, Leuten auf der IFA beim Kochen zuzusehen, wenn es auch nur um des Kochen Willens ist?
Kein Wunder, dass die Plätze vor der Bühne überwiegend leer waren.
Danach wurde eine junge Frau vorgestellt, die irgendeinen Lyrikwettbewerb beim Deutschlandfunk gewonnen hatte. Sie durfte zwei ihrer Texte vorlesen, die aber nicht nur lang, sondern auch sehr laberig waren. Spannend daran war nur, womit man heutzutage Lyrikwettbewerbe gewinnen kann.
Nebenan gab es ein Interview mit dem Sportmoderator, und auch dort war das Publikum spärlich vorhanden.
Ich frage mich ja, was das alles soll. Wer plant solche öden Bühnenshows? Da muss Musik her, ein lockeres Programm, das die Leute anzieht. Dazwischen kurze Talks, und fertig ist der Lack.
Am Ende wurde es dann völlig irre. Zur Sandmann-Musik kamen große Ernie-, Bert-, Shaun-, und Sandmann-Figuren, und das ARD-Team tanzte dazu mit ihnen. Sie feierten, wie irre gut sie waren, was für eine geile Zeit sie hatten – und vermutlich, dass sie damit völlig am Publikum vorbei gearbeitet haben. Aber Hauptsache, sie fanden sich selbst geil.
Selten so gelangweilt.

Fazit: Es war nicht viel los, und das nächste Mal – wenn es denn eines gibt – dann gehe ich keinesfalls wieder am letzten Ausstellungstag auf die IFA. Der ist nämlich die Reise dahin (und für Normalbesucher) das Geld nicht wert.

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Christian Linker: Dschihad Calling

Donnerstag, den 8. September 2016
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Irgendwie ist Jakob da in etwas reingeraten. Irgendwie schleichend. Aber es hat ihn fasziniert und dann infiziert. Und dann wurde aus Jakob binnen Wochen Ya’qub.
Alles beginnt damit, dass der 18-Jährige in einen Streit eingreift. Samira trägt ein Gesichtsschleier und wird von Neonazis angriffen. Jakob kann sie retten.
Kurz danach entdeckt er das Mädchen in Presseberichten wieder – sie ist Salafistin. Dennoch will er Kontakt mit ihr aufnehmen. Er lernt ihren Bruder Adil kennen. Er ist Mitglied in einer islamischen Gemeinde. Jakob geht mit in die Moschee. Er ist beeindruckt, vielleicht auch ein wenig beängstigt – aber auch fasziniert. Er fühlt sich angezogen von den Salafisten, vom Gedankengut des “Islamischen Staates”.
Jakob entfernt sich von seinen Freunden, hat nun neue. Er tritt dem Islam bei.
Adil will bald nach Syrien – und Jakob, inzwischen Ya’qub, soll mit.

Christian Linker erzählt eine Geschichte, die extrem aktuell ist. Und zwar wie ein junger Mann in einen religiösen Strudel geraten kann. Er gewährt einige Einblicke, was in Moscheen vor sich geht, zeigt aber vor allem auch, welche Konflikte es im Hintergrund gibt. Natürlich arbeitet der Autor auch mit einigen Klischees, aber die gehören wohl dazu, um eine Geschichte auf diese Art zu erzählen und Jugendlichen dieses Thema näher zu bringen.
Natürlich ist Jakob nicht ganz auf den Kopf gefallen. Es ist interessant zu lesen, welche Schritte er macht, welche Gedankengänge eine Rolle spielen – aber auch wo er Gegenwind bekommt.
Liest sich gut.

Christian Linker: Dschihad Calling
dtv, 317 Seiten
7/10

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