Tagesarchiv für 18. April 2015

RT im Kino

Dessau Dancers

Samstag, den 18. April 2015
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Es ist ein Stück DDR-Geschichte, das vielen gar nicht so präsent ist: Breakdance im Sozialismus. Thomas Gottschalk war es, der in seiner ZDF-Show “Na sowas!” Mitte der 80er in der DDR einen Trend auslöste. Damals hatte er einen Breakdancer zu Gast. Der Sänger und Moderator Bürger Lars Dietrich erzählte davon, dass auch er einst in Potsdam diesen Trend mitmachte. Als dann auch in der DDR der US-Musikfilm “Beat Street” anlief, war es um Teile der DDR-Jugend geschehen. Sie begann zu tanzen – auf der Straße. Fanden die SED-Funktionäre nicht so ganz gut.

Davon handelt auch der Film von Jan Martin Scharf. Frank (Gordon Kämmerer) sieht den Breakdancer bei Gottschalk und ist geflasht. Er will auch tanzen. Als dann “Beat Street” im Kino läuft, bildet er mit seinen Freunden eine Breakdancegruppe. Doch die Polizei verhaftet sie. Tanzen auf der Straße ist verboten. Aber die SED-Oberen kommen dem Hype nicht bei, also versuchen sie eine neue Strategie: Frank und seine Freunde dürfen ganz offiziell üben und auftreten, sie werden die “Dessau Dancers”. Die freuen sich, aber kommen auch bald in eine Zwickmühle. Staatstreue oder echten Breakdance?

“Dessau Dancers” behandelt ein Stück spannende DDR-Geschichte, und es hätte ein richtig toller Film werden können. Allerdings nutzt er viele Chancen nicht. Teilweise vermutlich aus Budgetgründen.
Der Film punktet vor allem mit der Musik und den durchaus guten Tänzern, an sich ist auch die Geschichte nicht unspannend.
Schade ist es, dass es sich der Film ziemlich einfach macht, wenn er die SED-Leute zeigt. Sie wirken wie Parodien, alles wirkt lustig. Dabei meinten die ihnen Wahnsinn durchaus ernst, und diese Ernsthaftigkeit hätte dem Film auch eine interessante und relevant machende Note gegeben. Ziemlich peinlich wirken die Szenen, wo die Gruppe im “Kessel buntes” auftritt – die im Film aber in irgendeiner Minilocation mit Minibühne stattfindet. So posemuckelig-provinziell war das dann doch nicht.
Sehenswert sind die “Dessau Dancers” aber dennoch – für Leute, die sich für Zeitgeist interessieren und natürlich für die damalige Musik.

Dessau Dancers
D 2014, Regie: Jan Martin Scharf
Senator, 90 Minuten, ab 0
7/10

Hits: 112

RTZapper

Aus der Kurve

Samstag, den 18. April 2015
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MI 15.04.2015 | 20.15 Uhr | Das Erste

Dass Privatsender auf die Einschaltquote glotzen und auf gar keinen Fall wollen, dass nach einer Sendung die Zuschauer wegzappen, das ist verständlich. Deshalb haben Sendungen dort auch keinen Abspann mehr.
Im Ersten aber auch nicht.

Am Mittwochabend lief dort der recht spannende Film “Aus der Kurve”. Der Showdown: Vater, dessen Polizistensohn, ein Mordverdächtiger und dessen Freundin stehen sich gegenüber. Der Vater hat ein Gewehr, ein Schuss fällt.
Und noch während des Schussgeräusches blendet sich Das Erste plötzlich aus dem Film, es folgt ein Programmhinweis, daneben stehen die Credits vom gerade gezeigten Film.
Ganz toll, ARD! Was soll der Mist?

In der Nacht-Wiederholung zeigte sich, dass der Film natürlich genauso – mit diesem (anoymen) Schuss – endet, es ist nichts verloren gegangen. Ins Schwarzbild läuft da allerdings der Abspann, dazu eine passende Filmmusik.
Auch wenn der Schluss dadurch nicht befriedigender wird – der Zuschauer wird dennoch nicht plötzlich aus dem Film gerissen. Es wird ihm durch den Abspann – der auch nicht allzu lang ist – noch ein paar Sekunden gegeben, um das Geschehen zu verdauen.
In der Primetime scheint die ARD das den Zuschauern aber nicht mehr zu gönnen. Stattdessen verstümmeln sie ihre Filme (das Ende bei “Zorn” am Donnerstagabend war durch den fehlenden Abspann ebenso ärgerlich) aufs Übelste. Dabei wäre das gar nicht nötig. Erstens muss die ARD nicht zwingend auf Quoten achten. Zweitens gibt es zwischen dem Film und dem Magazin “Plusminus” sowieso eher wenig “Audience flow”.

Was die ARD da also macht, ist absolut unsinnig und unfassbar ärgerlich. Für die Zuschauer und für die Filmemacher.

Hits: 94

RTelenovela

Rügen 2015 (5): Dessertkrise auf der Moritzburg

Samstag, den 18. April 2015
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(4) -> 17.4.2015

Einer der schönsten – und sicherlich der gemütlichste – Aussichtspunkt auf Rügen ist die Moritzburg in Moritzdorf. Es war nicht das erste Mal, dass ich raufgekraxelt bin, schon zu DDR-Zeiten war das Lokal eine Attraktion. Dazu gehört übrigens auch die kleine Fähre zwischen dem Hafen in Baabe und Moritzdorf. Der Fährmann rudert die Leute per Hand ans andere Ufer.

Früher führte der Aufstieg zur Moritzburg noch recht weitläufig über Feldwege nach oben, inzwischen gibt es eine Treppe. Da kommt man ganz schön außer Puste.
Das ist auch das Phänomen aller neuen Gäste dort oben: Sie müssen erst mal tief durchatmen und wirken ein wenig, nun ja, geschafft.
Aber man wird belohnt: Mit einem fantastischen Blick auf Moritzdorf und den Baaber Hafen. Und: Es herrscht eine wahnsinnige Ruhe. Es ist dort so ruhig, dass man sogar hört, was da ganz unten gesprochen wird. Eine echte Oase.

Die Moritzburg ist ein Lokal, und ich hatte leckeren Fisch. dazu noch Sonne, dazu einen klaren Himmel – was will man mehr?
Okay, dass die 0,4 Liter große Cola mehr als das Doppelte der 0,2-Liter-version kostet, hat mich dann schon ein wenig irritiert.

Drei Tische weiter saß ein älterer Herr, der ganz offensichtlich auch allein dort oben war. Schweigen war jetzt nicht so seine Sache. Lang und breit erklärte er der Kellnerin, dass er aus Berlin komme, und die Berliner ja alle ganz schön anstrengend seien. Was auf der Moritzburg für ein großes Hallo sorgte, denn der Berliner war nicht unter sich. Was sie ihm auch mitteilten.
Die Berliner seien ja überall, was daran liege, dass Berlin ja so verdammt groß sei und die Stadt so anstrengend sei. Der Mann redete sich um Kopf und Kragen.
Als die Kellnerin keine Lust mehr hatte, sprach er die Leute an den Nachbartischen an. Er sei ja alleine hier, und er spreche immer gern Leute an, und es sei ja ganz schön warum heute.
Dann stand er plötzlich auf, zückte den Fotoapparat und stellte sich an den Nachbartisch mit der jungen Familie. Den Jungen, etwa 10 Jahre, fragte er, ob er ihn mal fotografieren dürfe. Er wollte nicht. Der Mann meinte daraufhin, warum sich denn der Junge so habe, schließlich sei er doch hübsch, und er machte das Foto.
Irgendwie seltsam. Und ein bisschen, nun ja, eklig.

An einem weiteren Nachbartisch fand sich inzwischen ein älteres Ehepaar ein. Sie begann die Karte zu lesen und mumelte dann zu ihm: “Du teilst die Suppe mit mir.” Ihr Göttergatte sah sie daraufhin an. “Ach so?”
Am Ende nahm sie nur was zu trinken, und er einen Häppchenteller.

Hinter mir machte es sich eine Großfamilie gemütlich. Alle außer Atem, aber sie kriegten sich bald ein. Kiba war angesagt! Und Eis!
Zur Auswahl stehen ein Eis mit Apfelmus und eins mit Erdbeeren. Man sei noch nicht auf die Eissaison eingestellt, sagte die Kellnerin. Die Familie bestellte für die Kinder zweimal Eis mit Erdbeeren.
Minuten später: Oh, sorry, wir haben nur noch einmal Erdbeeren! Ist das schlimm? War es nicht. Stattdessen bestellte die Familie Vanilleeis, ohne Erdbeeren.
Minuten später: Oh, sorry, das Vanilleeis ist alle. Ist das schlimm? War es nicht. Stattdessen bestellte die Familie Joghurteis. Selbst die Kinder waren erstaunlich gelassen, das hätte auch alles sehr nach hinten losgehen können.

Aber vielleicht liegt es an der herrlichen Idylle, dass auf der Moritzburg alle ein bisschen entspannter sind.
Selbst wer nicht auf die Moritzburg möchte: Ein Spaziergang durch Moritzdorf ist unbedingt zu empfehlen. Abseits vom Trubel, vom Autoverkehr, nahezu ohne Lärm – man fühlt sich unglaublich wohl.

Hits: 112