Tagesarchiv für 17. Dezember 2014

RT im Kino

#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung

Mittwoch, den 17. Dezember 2014
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Durch das Internet scheinen wir alle immer enger zusammenzurücken. Aber ist das wirklich so? Ist diese Nähe nicht vielleicht auch trügerisch?
Jason Reitman hat sich mit den Auswirkungen des Internetkonsums beschäftigt, und was dabei rausgekommen ist, ist an vielen Stellen fast schon traurig, macht nachdenklich, ist manchmal auch ein bisschen lustig.

Da ist das unzufriedene Ehepaar. Er flüchtet in die Welt der Pornos, sie sucht auf einer Datingseite einen Seitensprung. Ihr Sohn (15) sieht im Netz so viele Pornos, dass ohne gar nichts mehr läuft, dass er mit realem Sex überfordert ist.
Da ist das Mädchen, das um einen Jungen zu gefallen, hungert und sich entsprechende Tipps in Foren sucht. Ein anderes Mädchen wird von der Mutter regelrecht terrorisiert – aus Angst, ihr Teenie könnte im Netz irgendwas zustoßen. Und da ist der junge Mann, dessen Mutter abgehauen ist, der nun keine Lust mehr auf Football hat und stattdessen in die Welt der Videospiele flüchtet.

Klingt nach Klischees. Ist aber “#Zeitgeist”. Und der Untertitel passt perfekt: “Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung”. Im Netz sind wir uns nah, real haut irgendwas nicht mehr hin.
Es ist durchaus realistisch und um so beängstigender, wenn wir Szenen sehen, in denen zwei Menschen nebeher laufen und nicht miteinander sprechen – weil sie auf dem Smartphone daddeln. Wir lernen die Ängstlichen kennen, die es mit ihrer Angst aber übertreiben. Und das junge Glück, das es irgendwie fast ohne Internet schafft – oder zumindest auf einem normalen Level.
Jason Reitman hat die Gesellschaft für seinen neuen, recht klugen Film ganz gut beobachtet. Hysterie und Sorglosigkeit laufen parallel.
Leider ist die Handlung an einigen Stellen ein wenig zu sehr in die Länge gezogen. Das Ganze hätte auch in weniger als 120 Minuten erzählt werden können. Dennoch ist “#Zeitgeist”, u.a. mit Adam Sandler und Jennifer Garner, unbedingt sehenswert.

#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung
USA 2014, Regie: Jason Reitman
Paramount, 120 Minuten, ab 12
8/10

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RTelenovela

Der 24-Stunden-Imbiss am Berliner Ring

Mittwoch, den 17. Dezember 2014
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Überall an den deutschen Autobahnen gibt es Raststätten mit schlechtem Essen und überhöhten Preisen. Am Berliner Ring, an der A10 zwischen Potsdam und dem Kreuz Berlin-Spandau, steht auf einem Parkplatz ein einsamer Imbisswagen.

Es ist etwa 1.30 Uhr als ich den Parkplatz, der sich in der Gemarkung Priort befindet, erreiche. Eigentlich wollte ich nur schnell eine CD wechseln, als ich den Imbiss erblicke.
Es ist ganz dunkel auf dem Platz, nur der Imbiss selbst spendet Licht. Ein paar Autos und zwei Lkw scheinen dort zu “übernachten”. Ein Auto aus Tschechien mit großen Anhänger steht mit laufendem Motor da. Vermutlich zum Heizen. Kein Wunder bei nur 1 Grad, bei den anderen Autos sind die Scheiben zugefroren.

Der Imbiss hat geöffnet – offenbar rund um die Uhr. Drinnen steht eine Frau, im Hintergrund läuft der Fernseher, eine alte Hella-von-Sinnen-Internetclipshow auf RTL II. Es gibt diverse Würstchen, Brötchen und Baguettes, dazu heiße und kalte Getränke. Ich überlege ernsthaft, noch was zu essen – einfach nur, weil ich es so toll finde, dass die Frau im Wagen um 1.45 Uhr noch da ist. Ich kaufe einen Kakao. Er ist wässrig und nicht doll. Aber egal.
Ich laufe hin und her, um mich warm zu halten. In dieser Zeit, sicherlich 15 Minuten, passiert nichts weiter. Es kommt niemand, es fährt niemand.

Ich weiß nicht, ob sich so ein Geschäft auf einem kleinen Autobahnparkplatz lohnt. Irgendwann, in den nächsten Jahren, soll es dort in der Nähe eine neue Raststätte geben. Ob der Imbiss das überlebt?

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