Tagesarchiv für 12. November 2014

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Triebtäter sorgte im Wald für Angst

Mittwoch, den 12. November 2014
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Der RBB hat eine Verbrechensserie aufgearbeitet: Zwischen 1946 und 1948 suchte die Polizei den Mörder Willi Kimmritz

MAZ Oranienburg, 12.11.2014

Hunger. Die Menschen hatten einfach nur Hunger. Besonders viele Frauen kamen nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit der S-Bahn nach Lehnitz oder Oranienburg, um in den Schmachtenhagener Forst zu laufen. Dort konnten sie ihren Hunger stillen. Beeren oder das, was der Wald sonst noch so hergab. Die Not trieb sie aus Berlin: Birnen, wo bloß gibt es Birnen oder Äpfel? Die Frauen gingen auf Hamsterfahrten. Stehlen war selbstverständlich geworden, die Menschen nannten das damals „organisieren“. Kohlen, Kartoffeln, alles was zu kriegen war. Die Moral war vollkommen am Boden.
Es sind gefährliche Hamsterfahrten gewesen, denn ein Vergewaltiger und Mörder trieb ab dem Sommer 1946 in der Region zwischen Nauen, Oranienburg und Eberswalde sein Unwesen. 24 Vergewaltigungen und 23 Raubüberfälle muss die Polizei zunächst registrieren. Allein im Mai 1948 verzeichnete die Polizei im Schmachtenhagener Forst fünf Vergewaltigungen – und einige Wochen später den ersten Mord.

Für die RBB-Dokureihe „Tatort Berlin“ haben sich die Wissenschaftsjournalisten Gabi Schlag und Benno Wenz mit Willi Kimmritz beschäftigt, der als „Schrecken der Brandenburgischen Wälder“ in die Kriminalgeschichte eingegangen ist. Ihr Film läuft am kommenden Montag ab 22.15 Uhr im RBB-Fernsehen. Dafür haben sie Zeitzeugen befragt und einige nachgestellte Szenen auch in der Region gedreht.

„Kimmritz hat damals die Not der Menschen ausgenutzt und in den Wäldern sein Unwesen getrieben“, sagt Gabi Schlag. „Er war ein Psychopath, er handelte aus Habgier und Berechnung.“
Immer wieder hatte Willi Kimmritz in der Bahn nach Oranienburg Frauen angesprochen und ihnen seine Hilfe angeboten. Die Nachricht, dass ein Triebtäter unterwegs ist, machte bereits die Runde. Trotzdem fand Kimmritz immer wieder Opfer. Viele Frauen blieben nach dem Zweiten Weltkrieg alleine mit ihren Problemen, ihre Männer waren gefallen oder noch in Gefangenschaft. Der Hunger war die Triebfeder des Alltags.

So zeigt der Film die nachgespielte Szene, in der Kimmritz eine Frau anspricht, die weiß, wo es Frühkartoffeln gibt. Er bietet ihr an, sie nach Birkenwerder zu fahren. Er kenne eine Abkürzung durch den Wald. Doch der Mann hat nicht vor, sie nach Birkenwerder zu fahren. Stattdessen vergewaltigt er die Frau.
Eine weitere Masche war folgende: Der Täter begleitet die Frauen in den Wald. Wenn sie ihm erzählen, dass sie alleinstehend seien, setzt Kimmritz zu seinen grausamen Taten an. Vergewaltigung, Raub und später auch Mord. Weiß er, wo die Frau wohnt, reist er zu deren Wohnung, räumt sie aus und verscherbelt alles, was er kriegen kann, auf dem Schwarzmarkt.

„Da war eine mächtige Unruhe unter der Bevölkerung“, erzählt der ehemalige Kriminalkommissar Dieter Viererbe in dem RBB-Film. „Keiner hat sich mehr in den Wald getraut oder aufs Feld, allein auf keinen Fall, und da wurde aufgrund dessen die Fahndung ausgerufen.“
Als dann im Juni 1948 die erste Tote im Wald zwischen Oranienburg und Schmachtenhagen gefunden wird, steigt die Unruhe. Die Identität der toten Frau ist erst nicht festzustellen, alle wichtigen Dokumente fehlen. Allerdings erkennt die Polizei ein Verbrechensmuster. Es ist klar: Es muss derselbe Täter sein wie bei den vielen Vergewaltigungen zuvor.
Alle Polizeidienststellen in Brandenburg arbeiten damals zusammen, die Aktion erhält den Codenamen Roland. Doch es gibt zu dieser Zeit ein großes Problem: Berlin und seine vier Sektoren. Jeder Sektor, also die Russen, die Franzosen, die Engländer und US-Amerikaner, hat eine eigene Polizei. Ostpolizisten dürfen nicht im Westteil Berlins ermitteln und umgekehrt. Nach dem Überwachungsstaat im Dritten Reich herrscht nun die völlige Anarchie. Akten sind vernichtet, ein Meldesystem gibt es noch nicht. Die Polizei hat kaum Autos, die Beamten sind auf Fahrrädern unterwegs. Für Kriminelle eine komfortable Situation. Das führt auch dazu, dass die Fahnder zwischen der in Berlin vermissten und bei Schmachtenhagen ermordeten Frau zunächst gar keinen Zusammenhang sehen.

Im Fall des Vergewaltigers beginnt spätestens nach dem Mord im Juni 1948 die bis dahin größte Fahndungsaktion der Nachkriegszeit. Waldwege werden überwacht und Lockvögel eingesetzt. Tausende Polizisten sind in den Wäldern unterwegs. Und dennoch: Sie finden ihn nicht – und das, obwohl sie sogar seinen Namen kennen, mit seiner Mutter gesprochen haben und wissen, dass er zuletzt in der Nähe von Oranienburg gemeldet war. Sie wissen noch mehr: Kimmritz lebt von Betrug, Diebstahl und schwerem Raub. 1948 ist er 36 Jahre alt. Er arbeitete bei einem Bauern als Knecht und wurde bald straffällig. Während des Krieges saß er wegen Vergewaltigungen im Zuchthaus Brandenburg an der Havel.

Aber fassen kann die Polizei ihn dennoch nicht. Unterdessen haben ihn sieben Vergewaltigungsopfer aus Nauen, Birkenwerder, Havelberg und weiteren Orten auf Fotos als ihren Peiniger identifiziert. Die Polizei in Berlin ist auch aktiv. Sie findet heraus: Die lange vermisste Frieda Imlau aus dem Wedding ist die Tote aus dem Wald bei Schmachtenhagen.
Am 11. August 1948 ermordet Kimmritz in einem Waldstück bei Friesack die Buchhalterin Elsie Wilhelm aus Berlin-Steglitz. Wie auch Frieda Imlau war sie auf Hamsterfahrt. Die Polizisten sind verzweifelt. Die Suche nach Willi Kimmritz endet tatsächlich auch nur durch einen Zufall. Eine Zeugin erkennt ihn in einer Kneipe, dem „Nordbahnkeller“ in Berlin-Mitte. Am 11.September 1948 wird Willi Kimmritz festgenommen. Er gesteht. Vor dem Oberlandesgericht Potsdam wird er angeklagt, aus Habgier und zur Befriedigung des Geschlechtstriebes vier Frauen getötet und 45 vergewaltigt zu haben. Der Richter verurteilt ihn zum Tode.

Wäre so eine Verbrechensserie auch heute noch möglich? „Die Leute sind aufmerksamer und aufgeklärter“, sagt die Wissenschaftsjournalistin Gabi Schlag. „Die Arten der Fahndung sind heute auch ganz andere.“ In Zeiten des Internets und der Verbreitung von Fotos auf Facebook sind die Möglichkeiten heute ganz andere, Suchmeldungen verbreiten sich schnell.

Willi Kimmritz stirbt am 26.Juli 1950. Im Polizeigefängnis in Frankfurt (Oder) wird er am Morgen um 6Uhr hingerichtet. Laut der Polizeiakten hat er keinen Widerstand geleistet.

Am Montag im RBB
Der Dokumentarfilm aus der Reihe „Tatort Berlin“ mit dem Untertitel „Willi Kimmritz – Schrecken der Wälder“ läuft erstmals am kommenden Montag, 17. November, ab 22.15 Uhr im RBB-Fernsehen.
Die Autoren Gabi Schlag und Benno Wenz recherchierten dafür im Potsdamer Landesarchiv und fanden über die Gedenkstätte Sachsenhausen Zeitzeugen aus der Region rund um Oranienburg. Besonders die älteren Leute erinnern sich an diesen Fall, im Internet ist darüber allerdings bislang recht wenig zu finden.
Für die Doku ließen die Autoren Szenen nachstellen. Zwölf Drehtage waren dafür nötig. Das Team fand einen geeigneten Schauplatz in der ehemaligen Lungenheilstätte am Grabowsee in Friedrichsthal. Es diente als Drehort, das ein zerschossenes, verfallenes Kommissariat darstellen sollte. Auch im Forst entstanden einige der Aufnahmen.
Johann Fohl stellt in den Spielszenen der Doku den Triebtäter Willi Kimmritz dar. Fohl stand in mehreren Produktionen der Berliner Vagantenbühne und des Schlossparktheaters auf der Bühne.
Mehr Infos und Filme zum Thema gibt es im Internet unter webdoku.rbb-online.de/tatort-berlin.

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RTelenovela

Vor 20 Jahren (106): Und nun die Nachrichten

Mittwoch, den 12. November 2014
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(105) -> 10.9.2014

Sonnabend, 12. November 1994.
Dass ich neben dem Schreiben auch ein Faible fürs Moderieren habe, erwähnte ich ja bereits. Mit verschiedenen Freunden inszenierten wir hin und wieder eine ganze Fernsehshow ohne Fernsehen oder auch ein aktuelles Feierabendmagazin.
Dann aber hatte ich eine eigene Videokamera, und wir wollten unser Hobby ein Stück professionalisieren.

Die Idee: Wir machen Nachrichten. Das erste Mal am besagten 12. November 1994. Ich dachte mir einen Sender aus, gab ihm den Namen MSK, und geboren waren die “MSK News”.
Die Kamera installierte ich über dem Fernsehbildschirm, den Schreibtisch postierten wir davor. Der Fernseher selbst diente als Teleprompter, denn die Nachrichten waren echt und stammten aus dem damaligen ARD/ZDF-Videotext.
Bevor es losing, wählten wir die Meldungen (also die Texttafeln) aus, die wir verwenden würden.

Unsere News waren aufgeteilt in den Hauptblock, den Kurznachrichten, der Börse, dem Sport und Nachrichten “Aus aller Welt”, später kamen noch Medien-Meldungen hinzu. Zum Schluss gab’s das Wetter.
In den ersten Wochen war alles noch provisorisch, aber es wurde perfekter. Wir bauten zwar keine Kulisse, aber später kamen Schilder hinzu, die wir so in meinem Zimmer platzierten, dass sie passend zum Themenblock immer im Bild zu sehen waren.
Später bekam die Sendung auch eine Titelmusik und Musiken für die Blöcke.
Nicht fehlen durften das oft noch heute übliche lockere Gespräch vor dem Wetter, schließlich hatte die sendung ja eine Doppelmoderation. Irgendwann malte ich auch noch eine riesige Wetterkarte mit dem Deutschlandumriss. Später fuhren wir für die Wettermoderationen immer irgendwo hin und drehten am Havelufer, irgendwo in den Neubauten oder wo auch immer…

Einmal im Monat stellte ich aus den Sendungen, die wir gemacht haben, einen Monatsrückblick zusammen. Der widerum ist auch von uns moderiert worden. Erst zu Hause, dann immer irgendwo draußen.
Die vielen Originalsendungen gibt es nicht mehr, aber die 35 Monatsrückblicke plus zwei Jahres-Best-ofs liegen irgendwo noch auf VHS herum, teilweise überspielt auf DVDs. Die bestehen aus den wichtigsten Nachrichten des Monats, den besten Pannen (natürlich gab es viele Pannen, Lacher und technische Aussetzer) und anderem Schnickschnack.
Gesehen hat das ganze übrigens noch niemand – nur die, die damals daran beteiligt waren. Bis September 1997, dann war Schluss.

Ich bin trotzdem nicht beim Fernsehen gelandet, was ich ein bisschen bedauere. Ich hätte Lust drauf. Immerhin darf ich viermal im Jahr in Kremmen den Brunchtalk und weitere viermal im Jahr die Open Stage moderieren. Das ist doch schon mal was…

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