Tagesarchiv für 4. November 2014

RTelenovela

Fresse, Gauck!

Dienstag, den 4. November 2014
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Joachim Gauck ist unser Bundespräsident. Er soll uns sagen, was Sache ist. Er soll… ja, was soll er eigentlich? Soll er nur unser Grußaugust sein? Soll er ansonsten die Fresse halten, wenn es um aktuelle Parteipolitik geht?
Gerade wird darum wieder mal gestritten, weil sich Gauck unverschämterweise zur Linkspartei geäußert hat. Oder besser: Weil er Fragen gestellt hat.

Auf Uli Deppendorfs Frage, was er davon hält, dass die Linke in Thüringen wohl den Ministerpräsidenten stellen wird, sagte er: “Naja, Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren. Aber wir sind in einer Demokratie. Wir respektieren die Wahlentscheidungen der Menschen und fragen uns gleichzeitig: Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können? Und es gibt Teile in dieser Partei, wo ich – wie viele andere auch – Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln. Und wir erleben gerade in Thüringen einen heftigen Meinungsstreit: Ja, was ist denn diese Partei nun wirklich?”

Gauck stellt Fragen. Er fragt, welche Rolle denn die Linken spielen. Gauck merkt an, dass es für Leute, die vor 25 Jahren gegen das SED-Regime kämpften, schwer ist, diese aktuelle Entwicklung hinzunehmen. Gauck sagt aber auch, dass sei eben Demokratie.
Und das soll Gauck nicht dürfen?
“In strittigen Fragen der aktuellen Parteipolitik ist allerdings Zurückhaltung klug und geboten, zumal die Amtsautorität des Staatsoberhauptes auf seiner besonderen Überparteilichkeit beruht.” Das sagt SPD-Vize-Parteichef Ralf Stegner über die Äußerungen von Bundespräsident Joachim Gauck.

Überparteilichkeit bedeutet also, nichts mehr über die Parteien Deutschlands zu sagen? Heißt Überparteilichkeit nicht eher, dass er zu allen Parteien seinen Senf dazugeben darf? Kritisiert Gauck nicht auch hin und wieder, was SPD und CDU machen? Das darf er, das muss er.
Heißt Überparteilichkeit, dass zwar alle applaudieren, wenn er sich völlig zu recht gegen Rechts und die NPD äußert, aber die Linke sich aufregt, wenn er irgendwas sagt, was die Linke betrifft?
Drüberstehen darf nicht schweigen heißen.

Ich bin nun wirklich nicht in jeden Punkten Gaucks Meinung. Ich denke, dass die Linke von heute nicht mehr die SED von damals ist. Ich denke, die Partei hat sich entwickelt, auch wenn noch ewig Gestrige dabei sind.
Aber verbiete ich dem Bundespräsidenten deshalb seine Gedanken zu äußern? Es ist auch nicht Gaucks Aufgabe, es allen Deutschen recht zu machen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, ihm zuzuhören und nicht gleich hysterisch zu werden, bloß weil man irgendwo irgendwelche Satzfetzen aufgeschnappt hat, die dann auch noch reißerisch interpretiert werden.
Es ist unsere Aufgabe, zu werten, was er sagt. Dabei kann auch mal rauskommen, dass wir nicht seiner Meinung sind.
Wenn Gauck jedoch mal nicht meine persönliche Meinung teilt, heißt das trotzdem nicht, dass er “nicht mehr mein Präsident” ist. Das wäre viel zu kurz gedacht.

Und deshalb, lieber Joachim Gauck, stellen Sie bitte weiter bohrende Fragen. Äußern Sie bitte weiter Ihre Gedanken. Auch wenn sie weh tun. Auch wenn ich mal der Meinung bin, sie Ihre Meinung sei falsch. Aber ich höre sie mir an. Und lassen Sie sich nicht Ihre Meinung, Ihre Ansichten, Ihre Fragen verbieten und verdrehen!

Fresse, Gauck? Nein! Auf gar keinen Fall!

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RT im Kino

Hin und weg

Dienstag, den 4. November 2014

Morgen werde ich sterben.
Morgen wird mein Freund sterben.
Morgen wird mein Bruder sterben.
Morgen wird mein Sohn sterben.
Es ist ein unfassbarer Gedanke. So unwirklich, aber für die Familie und Freunde von Hannes (Florian David Fitz) leider erschütternde Realität. Hannes hat die unheilbare Nervenkrankheit ALS. Und es geht bergab.
Morgen wird er sterben. In Belgien. Sterbehilfe.
Sein Bruder (Volker Bruch) und seine Freunde (Jürgen Vogel, Johannes Allmeyer u.a.) erfahren es erst auf der Radtour, die sie unternehmen – und die nach Ostende führt. An den Ort, wo Hannes sterben wird.

“Hin und weg” ist ein tieftrauriger Film. Aber auch unheimlich wichtig. Hannes ist totkrank, und er möchte selbst bestimmen, wann es mit ihm zu Ende geht. Er diskutiert mit seiner Freundin Kiki (Julia Koschitz) über den Zeitpunkt. Darüber, dass er nicht, wie sein Vater, als Pflegefall enden will. Bevor es richtig schlimm wird, will er gehen. Und ein letztes Mal Freude und Spaß mit seinen Freunden haben.
Das Tragische, das Traurige schwingt deshalb natürlich immer mit. Aber der Film von Christian Zübert hat auch lustige Momente, wenn jeder der Mitreisenden eine ihnen gestellte Aufgabe erfüllen muss.
Der Film verlangt vom Zuschauer aber einiges ab. Jeder muss sich der Frage stellen: Ist es richtig, was Hannes tut? Und jeder muss sich auch ansehen, wie Hannes stirbt, wie – man wagt es kaum zu sagen – einfach es ist. Und wie traurig. Es sind lange quälende Minuten des Abschieds, ganz ruhig, ganz ohne Musik. Die pure, leise Tragik. Und die Befreiung.
Umso besser, dass der Film den Zuschauer am Ende trotzdem irgendwie befreit, dem Ganzen dennoch eine kleines positives Ende setzt.

Hin und weg
D 2014, Regie: Christian Zübert
Majestic, 95 Minuten, ab 12
9/10

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RTZapper

Skyscraper live

Dienstag, den 4. November 2014
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SO 02.11.2014 | 0.00 Uhr (Mo.) | DMAX

Der blanke Wahnsinn: Hochseilartist Nik Wallenda läuft von einem Hochhaus zum anderen – über ein Seil. 200 Meter über dem Boden von Chicago läuft der 35-Jährige über das Seil, nur eine Stange hat er dabei. Sonst nichts. Scheinbar auch nichts, womit er sich absichert, wenn doch mal etwas schiefgehen sollte.
DMAX übertrug in der Nacht zu Montag das Ereignis “Skyscraper live”. Und tatsächlich waren die Augenblicke sehr spannend. Zwar fragt man sich schon, warum er auch noch eine Schippe drauf legen musste, und dann noch mal blind über ein Seil laufen musste, aber der Thrill genhört wohl zur Show. Bis mal was schiefgeht.

Wahnsinn, blanker Wahnsinn war aber auch die Vorberichterstattung. Um 0 Uhr ging DMAX live auf Sendung und übernahm die Live-Übertragung des US-Discovery Channels, mit dem Wallenda wohl einen Exclusiv-Vertrag hat.
Zweieinhakb Stunden (!!) lang gab es Berichte darüber, dass ja kürzlich das Wetter in Chicago alles andere als gut war. Wie sich denn die Familie fühlt. Darüber, wo Wallenda schon mal übers Seil gelaufen ist. Wie sich seine Familie fühlt. Wie das Wetter ist. Wie das Wetter war. Wie sich seine Familie fühlt. Und wie das Wetter ist.
Es fühlte sich an, als wäre DMAX in eine nicht enden wollende Zeitschleife geraten, und die deutschen Kommentatoren wussten auch irgendwann nicht mehr, was sie denn sagen könnten.

Sicherlich, der Zeitplan hatte sich wohl etwas verschoben, aber man kann es auch übertreiben mit der Countdown-Laberei.

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RTelenovela

In Görlitz schließt der Edeka

Dienstag, den 4. November 2014
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Das Getränkeregal ist ratzekahl leer. Eine einzige Sechserpackung Wasser steht noch da. Mehr nicht. Die Kühlregale sind dunkel und abgeschaltet, es liegt auch nichts mehr drin. Das Regal mit den Süßigkeiten ist nahezu verwaist. Nur noch wenige Tütchen und Tafeln liegen dort rum. Die Kosmetikabteilung ist nahezu leergekauft.
Nachschub? Fehlanzeige.
Ist der Laden überrannt worden? Wegen des langen Wochenendes?
Nein. Als ich den Edeka-Markt in der Görlitzer Südstadt betrete, ist das die letzte Stunde vor der Schließung. Vor der endgültigen Schließung.

Ich habe nur Minuten davor im Lokalteil der Sächsischen Zeitung davon gelesen, dass der laden dichtmacht. Und dabei hatte ich mich so gefreut, als ich mein Hotel erreichte und ich den Markt in der unmittelbaren Nachbarschaft entdeckt hatte.
Die Pächterin geht in Rente, und einen nachfolger hat sie für ihr Geschäft nicht gefunden. Einerseits ist das seltsam, weil ich in dem Wohngebiet in der Nachbarschaft keine Konkurrenz entdecken konnte. Andererseits war der Laden auch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Er liegt irgendwo auf einem Hinterhof auf einem zugigen Parkplatz und auch drinnen sind die modernen Zeiten längst vorbei gewesen.

Ich wollte diesem kleinen, traurigen Ereignis beiwohnen und ging noch schnell rüber. Es gab nur noch Reste, im Großen und Ganzen herrschte gähnende Leere in den Regalen.
Die Kunden an der Kasse verabschiedeten sich von der Frau, die sie bediente. Es gab noch ein Danke, und irgendwie war das tatsächlich anders, als sonst, wenn man sich schnell mal verabschiedet. Dort, in Görlitz, war es ein Abschied für immer.

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