Tagesarchiv für 8. Oktober 2014

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Als die Tagesschau über die Dorfneuigkeiten berichtete

Mittwoch, den 8. Oktober 2014
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Auffällig viele Autos im Ort: Die Bewohner in Schwante haben aber von der SDP-Gründung erst hinterher erfahren – aus dem Westfernsehen.

MAZ Oranienburg, 8.10.2014

SCHWANTE
Alle im Dorf wussten, dass was los ist. Allerdings wussten sie nicht was. „Wir konnten nur erahnen, dass da was vor sich geht“, erinnert sich Dieter Blumberg. Der Schwantener, der heute ehrenamtlich die Schmiede im Dorfkern betreibt, erinnert sich noch recht genau an den 7. Oktober 1989. Es war der Tag, als in Schwante die Sozialdemokratische Partei der DDR gegründet wurde, die SDP. „Wir Leute aus dem Dorf waren da aber nicht involviert“, sagt Dieter Blumberg. Für sie war zunächst der 40.DDR-Republik-Geburtstag vordergründig. Doch die Festumzüge fanden woanders statt. „Große Feiern im Dorf gab es nicht“, so Blumberg. Die wurden eher im zehn Kilometer entfernten Oranienburg abgehalten – und natürlich in Berlin.

An diesem 7. Oktober aber waren ungewöhnlich viele Autos im Dorf unterwegs. Aber nicht nur das: „Dann gab es noch die Autos, die mal hier, mal dort standen und auf irgendwas warteten, das war schon sehr auffällig“, so Blumberg weiter. Auch ungewöhnlich viel Polizei sei in Schwante an diesem Tag unterwegs gewesen.
Es begann das große Getuschel. Der Andrang richtete sich aufs Pfarrhaus, das war auch den Schwantenern klar. „In Leipzig gab es zu der Zeit ja schon Demonstrationen gegen das SED-Regime, und wir dachten damals, dass die Aktionen jetzt auch auf unsere Region überschwappen“, erzählt Dieter Blumberg. Die Dorfbewohner trauten dem damaligen Pfarrer Joachim Kähler zu, dass er mit im Spiel ist. „Er war immer ein Gegner des Regimes und hat das in seinen Predigten auf wunderbare Weise zum Ausdruck gebracht.“

Und in der Tat, Joachim Kähler hatte die Aktion mit vorbereitet. Er kannte die Pfarrerskollegen Markus Meckel und Martin Gutzeit schon länger. Letzterer lebte in Marwitz, und da war der Vorschlag, die SDP-Gründung in Kählers Pfarrhaus in Schwante zu vollziehen, sehr willkommen. „Ich habe ihnen diesen Ort angeboten“, erzählt Joachim Kähler, der inzwischen Pfarrer in Stendal (Sachsen-Anhalt) ist. Natürlich blieb die geheime Aktion aber nicht geheim – jedenfalls nicht gegenüber der Staatssicherheit. Es seien merkwürdige Autos im Ort unterwegs gewesen. „Die Stasi hat uns von der Ortsbibliothek auf der anderen Straßenseite aus beobachtet“, erzählt Kähler. Dass Gründungsmitglied Ibrahim Böhme selbst bei der Stasi war, das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Einen Tag danach, am 8. Oktober 1989, berichtete das Westfernsehen von der SDP-Gründung in Schwante, Kreis Oranienburg. Die Nachricht und die Bilder sind an ein ARD-Team weitergereicht worden. „Ich habe es aus der Tagesschau erfahren“, erzählt Karsten Peter Schröder. „Das hat sich wie ein Strohfeuer verbreitet“, so der Bärenklauer. „Mich hat das damals tief bewegt.“ Und nicht nur das. Im Januar 1990 gründete Schröder den Bärenklauer SDP-Ortsverein mit 23 Mitgliedern. Noch heute ist er in der Oberhavel- und Oberkrämer-SPD sehr aktiv. Was am 7.Oktober 1989 in Schwante begann, war für ihn eine Initialzündung.

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Berliner Abendschau: 7.10.1989

Mittwoch, den 8. Oktober 2014
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DI 07.10.2014 | 1.15 Uhr (Mi.) | rbb

Die “Berliner Abendschau” im SFB-Vorabendprogramm der ARD war im Jahre 1989 mehr als nur eine Regionalnachrichtensendung. Wer jede Nacht die Wiederholungen im rbb oder täglich in der Mediathek sieht, wird sehen, dass das Magazin einen sehr viel höheren Stellenwert hatte – ja, man möchte, im Nachhinein, fast von einer historischen Aufgabe sprechen.

Am 7. Oktober 1989 berichtete das Fernsehen der DDR über die Jubelfeiern in Berlin. Die Feiern zum 40. DDR-Geburtstag. Die Parade. Das Bankett. Küsschen und Umahmung. Festreden. Friede, Freude und ganz viel Eierkuchen.
Wenn aber die DDR-Bürger wissen wollten, was wirklich in Berlin los war, dann wichen sie auf das Westfernsehen aus. Jeden Abend berichtete die “Berliner Abendschau” – nahezu parallel zur “Aktuellen Kamera” im DDR-Fernsehen – nicht nur darüber, was in West-Berlin passierte. Vielmehr war der SFB so etwas eine Stimme für die DDR-Opposition. Dort war zu sehen, wo demonstriert worden ist. Welche neuen Gruppierungen es im Osten gab. Wie die SED Jubelmeldungen verfälschte. Der SFB sendete ein Nachrichtenmagazin für ganz Berlin, für Ost und West.

Damit beeinflusste die “Berliner Abendschau” auch die Ereignisse im Osten. Die Nachrichten erreichten die DDR ungefiltert. Über den Aufbruch im kaputten Land erfuhr die DDR nur im Nachbarland.
Sich das alles 25 Jahre danach noch mal anzusehen, ist in den meisten Fällen hochinteressant. Und wer weiß, was gewesen wäre, hätte es in der DDR kein Westfernsehen gegeben. Nicht auszudenken.

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