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Voll im Leben

Erika Kaatsch feiert heute ihren 80. Geburtstag. Seit sechs Jahrzehnten lebt sie in Vehlefanz.

VEHLEFANZ
Lauter Unterlagen. Und alle wichtig. Erika Kaatsch sitzt im Versammlungsraum des „Hauses der Generationen“. Sie sortiert. Die nächste Sitzung des Ortsbeirates steht vor der Tür, da muss alles vorbereitet sein. Und nicht nur das: Sie ist Ortsvorsteherin von Vehlefanz, sitzt im Gemeinderat, ist Chefin des Seniorenbeirates und kümmert sich mit um das Kreiserntefest. „Es gibt auch mal einen Tag, wo ich sage: Das ist mein Tag.“ Erika Kaatsch lächelt. „Da trödele ich auch mal, ganz ohne Druck.“ Kaum vorstellbar.
Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag – und steht voll im Leben. „Ich fühle mich noch fit“, sagt sie. Obwohl: Ein bisschen Respekt vor dieser Zahl, vor dem Alter, hat sie schon. „Man muss inzwischen auch mal Nein sagen können.“ Was ihr schwer fällt. Sie hat gute Gene, sagt sie, und man müsse sich immer Ziele setzen. Seit gut 20 Jahren engagiert sie sich in der lokalen Politik. Nach dem Aus der Konsumgenossenschaft, für die sie bis Ende 1993 arbeitete, suchte sie sich ein neues Betätigungsfeld. „Ich bin zur Gemeinde gegangen und habe gesagt, wenn es Arbeit gibt, nehme ich sie an.“ Es gab und gibt Arbeit für sie – bis heute.

60 Jahre lang lebt sie schon in Vehlefanz. Geboren wurde sie am 28. August 1934 auf einem großen Bauernhof bei Posen im heutigen Polen. „Als Kind ging es mir gut, wir hatten eine große Wirtschaft.“ Bis zum 19. Januar 1945. Ein echter Schicksalstag. „Die russische Front war durchgebrochen, wir mussten unsere Heimat verlassen.“ Mit Pferd und Wagen, aber ohne Ziel machte sich die Familie auf Richtung Westen. Der Vater fehlte, er musste in den Krieg ziehen – und kehrte auch nicht mehr zurück. „Am Anfang haben wir gedacht, wie müssen nur über den nächsten kleinen Fluss.“
Dem war nicht so. Bei minus 15 Grad reisten sie in den Berliner Raum. Sie landeten in Börnicke im Havelland. Eine harte Zeit, die Familie – Erikas Mutter mit fünf Kindern – kam auf einem Bauernhof unter. „Wir hatten kaum etwas. Es ging ums nackte Überleben.“ Aber die Leute, bei denen sie lebten, waren nett und die Mutter hatte auf dem Hof Arbeit. „Ich glaube, wenn mein Vater aus dem Krieg zurückgekommen wäre, dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen“, sagte sie heute. „Er hätte uns wieder eine Existenz aufgebaut. Meine Mutter konnte das nicht.“
Nach der 8. Klasse begann sie eine Lehre beim Konsum. Sie wurde Verkaufsstellenleiterin in Grünefeld. „Oft haben die Lebensmittel nicht gereicht“, erinnert sie sich. 1956 lernte sie ihren Mann Helmut kennen. „Seine Cousine war meine Freundin.“ Erika Kaatsch schmunzelt. Ein Jahr später haben sie geheiratet.
In den 70ern machte sie ein Fernstudium zur Ökonompädagogin und wurde in Oranienburg Ausbildungsleiterin in der Konsumgenossenschaft, später war sie Mitglied im Kreisvorstand beim Konsum.

Das Jahr nach der Wende brachte den nächsten Schicksalsschlag. 1990 starb ihr Mann Helmut an Lungenkrebs. Ihre Familie war es, die sie wieder aufrichtete. „Sie gibt mir Kraft, auch heute noch.“ Und Erika Kaatsch hat noch viel Kraft. Oft ist sie mit ihrem Auto unterwegs. Sie besucht ihren Sohn in Strausberg oder reist zu ihrem Elternhaus nach Polen.
Wenn das neue altersgerechte Wohnheim in Vehlefanz mal fertig ist, dann will Erika Kaatsch ein wenig kürzer treten. Ihre Aktivitäten von hundert auf null zurückschrauben kann und will sie aber nicht. Denn eines kann sie dauerhaft nicht: nichts tun.

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