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Von ganzem Herzen Kremmenerin

Birgit Neumann-Hannebauer wird am Sonntag 60. Bald geht sie in den Ruhestand, sehr viel Ruhe wird sie aber nicht haben.

MaerkischeAllgemeine.de, 28.6.2014

KREMMEN
Schon wieder haben sich ein paar Gehwegsteine gelockert. Wenn Birgit Neumann-Hannebauer durch Kremmen spaziert, hat sie immer einen Blick für die kleinen und großen Nachlässigkeiten. Sie merkt sich die Stelle, sie muss ausgebessert werden. Aber der eigentliche Treffpunkt für das Gespräch mit der MAZ ist der Platz an der Nikolaikirche. Es ist ein sonniger Nachmittag, Birgit Neumann-Hannebauer hat sich eine Stunde Zeit genommen. Sie sitzt nun auf einer der Bänke und blickt auf die Kirche.
Das Haus steht für die vielen Veränderungen, die bald in ihrem Leben anstehen. Morgen, am Sonntag, wird sie 60. Sie plant eine Party. Am 1. August ist ihr letzter Arbeitstag als Leiterin des Bauamtes, und am 31. August endet ihre Amtszeit als stellvertretende Bürgermeisterin von Kremmen.

Ruhestand. Birgit Neumann-Hannebauer lächelt. Ruhestand? Das ist bei ihr schwer vorstellbar. „Ich möchte erst mal nichts tun. Wirklich mal nichts tun“, sagt sie. Wobei – das stimmt nicht so ganz. Kreiserntefest. Landeserntefest. Ach ja, und Wahlhelferin ist sie im September auch noch. Aber das sind die Wochenenden. Unter der Woche bleibt Zeit für Muße. „Wir haben ein Boot“, erzählt sie. „Wir wollen den Rhin entlang fahren, bis Neuruppin. Darauf freue ich mich schon ganz doll.“

Sie blickt wieder zur Kirche. Ab 1. Oktober hat sie dort ebenfalls eine neue Aufgabe. Sie wird Kirchenführerin. Wenn Touristen nach Kremmen kommen, zeigt sie ihnen das Haus. Und sie möchte Menschen besuchen, im Altersheim zum Beispiel. „Ich liebe das“, sagt Birgit Neumann-Hannebauer.

In Kremmen ist sie eine Institution, weshalb man durchaus vom Ende einer Ära sprechen kann. Sie ist Ur-Kremmenerin. 1908 ist ihr Opa einst von Beetz in die Stadt gezogen, er musste noch Geld an die Stadtväter zahlen, damit er in Kremmen wohnen durfte. Er hat in der Dammstraße gewohnt. Birgit Schöneberg, wie sie als Mädchen hieß, durfte ihn nicht mehr kennenlernen. Aber ihre Oma war ihr Ein und Alles. „Wir sind oft spazieren gegangen. Sie hat mich auf vieles aufmerksam gemacht, was schön war.“ Der Marktplatz, der See, der Friedhof. Noch heute ist Birgit Neumann-Hannebauer gern an diesen Kremmener Orten.
Ihre Eltern hatten ein kleines Geschäft, der Vater war Sattler und Tapezierer. „Wir hatten immer viel mit Menschen zu tun, ich hatte eine sehr schöne Kindheit.“ Ganz leicht war sie jedoch nicht immer, sie musste oft im Laden helfen. Sie war zum Beispiel für die Preisschilder zuständig. „4,05 Mark Einheitspreis für eine Turnhose, das muss man sich mal vorstellen.“ Birgit Neumann-Hannebauer lacht. Fünf DDR-Mark Taschengeld bekam sie im Monat. Frei entscheiden durfte sie darüber aber nicht. „Mein Vater wollte, dass ichs spare.“ Ihre Ausbildung absolvierte sie bei der Sparkasse in Oranienburg. Studieren durfte sie nicht, sie war nicht in der SED und der FDJ. „Ich bin Christin“, sagt sie. Hat sie es bereut? „Das war es mir wert“, antwortet sie.
Sie verließ die Sparkasse und fing beim Volkseigenen Betrieb (VEB) K-Bau in Oranienburg an – Buchhaltung. Aber es war klar: Sie möchte in Kremmen bleiben und da eine Familie gründen. Ab 1976 arbeitete sie im Gründungsteam der Kremmener Milchviehanlage.
Sie lernte ihren ersten Mann kennen, im August 1977 kam ihr Sohn Björn auf die Welt. Und das in einer Miniwohnung: kleine Schlafstube, kleines Wohnzimmer, kleine Küche, und das zu dritt. Aber auf eine Drei-Raum-Wohnung hoffte die Familie vergebens. So ergab es sich, dass sie auf dem Grundstück der Großeltern in der Straße der Einheit bauten. Und auch wenn sie Gartenarbeit hasst: „Das war das beste, was mir passieren konnte.“ 1983 kam Tochter Dörte auf die Welt. Dass ihr Sohn später bei einem Unfall ums Leben kam, ist wohl Birgit Neumann-Hannebauers schwerster Schicksalsschlag gewesen.
Die Wende brachte viel Neues. Als sie 1991 das Entlassungsschreiben von der Milchviehanlage bekam, musste sie auf das Arbeitsamt. „Das fand ich schlimm, so viele Menschen standen dort an.“
Dann aber traf sie Heike Schmidtsdorf, die heutige Kämmerin von Oberkrämer. „Sie erzählte mir, dass in Kremmen eine Kämmerei aufgebaut werden soll, da wollte ich dabei sein.“ Aber es musste fix gehen. Schnell ein Passfoto, und die Bewerbung auf der Schreibmaschine getippt. Sie bekam tatsächlich eine Stelle in der Verwaltung. Ihr erster Job: „Ich musste gucken, ob alle Gullydeckel sitzen und ob die Straßenbeleuchtung funktioniert. Und das im Juli, Sie können sich vorstellen, dass es erst spät dunkel wurde.“ Eine gute Woche verging, bis klar war „dass ich auch was anderes kann“. Im Rathaus war Birgit Neumann-Hannebauer dafür zuständig, Fördermittel für die Stadt zu bekommen. „Das war spannend, und ich habe es gern gemacht.“
Erst neulich hat sie in alten Kalendern geblättert. „Da gab es viele tolle Gespräche mit Investoren.“ Der erste Kauf eines Druckers. „Er war klein, aber wir waren total stolz.“ Der Bebauungsplan für das Lidl-Lager in Orion. Und überhaupt: „Für mich war es eine Herausforderung, die Politik zu verstehen.“ Sie erinnert sich an die vielen Sanierungsarbeiten in der historischen Altstadt, an den Umbau des Schlosses in Groß-Ziethen, an die Beetzer Schule, den Bau der Stadtparkhalle, die Einweihung des Kirchplatzes. Und und und.

Stolz? „Stolz nicht, nein“, sagt sie. „Wann immer etwas geschafft war, dann habe ich mich auf die neue Aufgabe gefreut.“

Nun wird sie 60, und bald muss sie ihren Platz im Rathaus räumen. Leicht wird ihr das nicht fallen. Sie muss loslassen, und sie will auch loslassen, schon der Gesundheit wegen.
Und mit dem erneuten Blick auf die Kirche und dem Spaziergang zurück zum Rathaus, wird klar: Birgit Neumann-Hannebauer wird auch weiterhin in Kremmen präsent sein. Daran hat niemand einen Zweifel.

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