Tagesarchiv für 10. November 2013

RTelenovela

Klinik (6): Schicksalsgemeinschaft

Sonntag, den 10. November 2013
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(5) -> 9.11.2013

Meine Zimmerbesatzung ist nach der OP konstant geblieben. Das ist der große Unterschied zu den bisherigen Tagen in der Klinik. Und ebenfalls anders ist, dass wir alle das selbe Schicksal teilen – wir alle sind unterm Messer gewesen. Also, umschriebenermaßen. Das schweißt viel mehr zusammen, als wenn da Leute auf dem Zimmer liegen, die völlig unterschiedliche Krankheiten haben nd nur kurz da bleiben. Da leidet mehr oder weniger jeder für sich. Auf der OP-Station ist das anders.

Auch bei uns hat jeder was anderes. Sei es ein besonders akuter Blinddarm oder etwas am Oberschenkel. Wir waren alle innerhalb von 24 Stunden im OP-Saal, liegen also, was die Genesung angeht, alle etwa auf gleicher Höhe.
Und so gestalten wir uns gemeinsam den Tag, inzwischen sitzen wir auch zu dritt zum Essen am Tisch – jetzt, wo wir inzwischen auch auch wieder essen dürfen.
Wir erzählen uns, was wir durchgemacht haben, beobachten unsere Fortschritte und machen natürlich gern mal Scherze auf eigene und andere Kosten.
Das ist schon was ganz anderes, als das ständige Kommen und Gehen, das ich bisher immer erlebt habe. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft.

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RT liest

Tom Rachman: Die Unperfekten

Sonntag, den 10. November 2013
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Tot ist die Zeitung noch nicht. Aber sie liegt schon im Sterben. Einige Lokalblätter in Nordrhein-Westfalen sind bereits Zombies, die nur noch erscheinen, um, nun ja, zu erscheinen. Redakteure werden dafür schon nicht mehr bebraucht. Auch sons wird gespart, was man den Blättern mehr und mehr ansieht. Die großen Verlage halten sich noch, weil sie nun auch Briefe verteilen. Es heißt, das Lokale sei die Zukunft – um dann aber das Lokale nicht zu stärken, sondern personell weiter auszudünnen. Das wird sich rächen.
Tom Rachman, gerade mal Mitte dreißig, erzählt von so einer sterbenden Zeitung, einem in Rom produzierten englischsprachigen Blatt. Rachman erzählt in einzelnen Kapiteln über die Leute, die diese Zeitung machen.

Da gibt es den Krankreich-Korrespondenten, der fix mal eine Geschichte erfindet, um endlich mal die Seite-1-Story zu bekommen. Wird schon durchgehen. Der Chefkorrektor, der ständig Rundmails mit den schlimmsten grammatikalischen und inhaltlichen Verfehlungen rumschickt, seine Kartei besteht aus 18.000 Einträgen. Ein Pedant, wie ihn alle Redaktionen kennen. Der Mann für die Nachrufe reist extra sonstwohin, um eine Todgeweihte zu interviewen, sein Nachruf wird dann vom Chef vom Dienst auf sieben Zeilen gekürzt, weil er die Dame nicht kannte.
Es wird kaum investiert, auch in den 2000ern erscheint das Blatt nur in Schwarz-Weiß. Internet? Fehlanzeige. Wird schon alles gut gehen. Aber das Ding wird vor die Wand gefahren, als ein Verleger benannt wird, der vom Geschäft nicht die geringste Ahnung und darauf auch gar keine Lust hat.

Natürlich sind die Geschichten, die Tom Rachman da erzählt, in ihrer Masse, überhöht. Aber keineswegs weit hergeholt. Rachman zeigt eine Branche von Egoisten auf. Leute, die sich zu Tode schuften, die sich untereinander nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Es geht um Missgunst, Nichtkönnen und um den fehlenden Weitblick.
Damit scheint er die Branche recht gut eingeschätzt zu haben. Denn diese Es-wird-schon-weitergehen-Mentalität herrscht in den meisten Verlagen. Es wird analysiert, aber es fehlen Ideen für die Zukunft. Es wird investiert, aber an den falschen Stellen.
Tom Rachmans Geschichte über “Die Unperfekten” liest sich toll, auch wenn einem die Leute, die beschrieben werden, oft unangenehm sind. Sie sind unsympathisch, manchmal einfach nur dämlich, nur wenige wachsen einem irgendwie ans Herz. Aber alles zusammen ergibt das ein rundes Bild.

Tom Rachman: Die Unperfekten
dtv, 391 Seiten
8/10

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