Tagesarchiv für 12. Juli 2013

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Die Hoppe-Chronik (1): 1939 hatte jeder Angst, einer traute dem anderen nicht

Freitag, den 12. Juli 2013
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Irene Hoppe – eine Neu-Vehlefanzer Lebenschronik (1): Vater Wilhelm musste in den Krieg ziehen, seine Tochter ein spezielles Tagebuch führen

MAZ Oranienburg, 12.7.2013

WOLFSLAKE
Als Irene Hoppe am 23. Juli 1930 in dem Haus Am Krämerwald geboren wurde, in dem sie heute noch lebt, ahnte noch niemand, dass die folgenden 15 Jahre besonders schwierig werden könnten. Das Dorf lag noch in der Weimarer Republik, zweieinhalb Jahre danach übernahm Adolf Hitler die Macht, der Nationalsozialismus bekam die Oberhand.

Die kleine Irene, damals trug sie noch den Namen Krohn, besuchte die Volksschule an der Perwenitzer Chaussee. „Ich war erst fünf, als ich eingeschult wurde“, erzählt sie. Das Mädchen hatte es nicht weit, nur einmal quer über die Straße, und schon war sie da. „Ich brauchte nie zu hetzen.“ Morgens um sieben ging es los. Gerade mal 24 Kinder in sieben Klassenstufen besuchten damals die Schule in Wolfslake. „Da konnte ich mich nicht drücken.“ Ihr Lehrer war ein Pünktlichkeitsfanatiker. „Ich hatte richtig Angst vor ihm.“ Am besten war Reni in der Mathematik. „Das konnte ich besser als die Lehrer“, sagt sie und lächelt. „Ich war immer sehr schnell fertig mit den Rechenaufgaben und habe dann angefangen zu lesen.“ Sie hat überhaupt sehr viel gelesen, schon als Schülerin. Natürlich ist das dem Lehrer aufgefallen. „Er meinte dann zu mir, dass ich mich doch bestimmt verrechnet hätte.“ Aber Reni, ganz keck, antwortete: „Nein, Sie haben sich bestimmt verrechnet.“ Da hat sie was mit der Route auf die Finger bekommen.

Dann kam das Jahr 1939, und der Krieg begann. „Jeder hatte Angst. Einer traute dem anderen nicht.“ Selbst ihr Lehrer stand nun in brauner Uniform vor der Klasse. Renis Vater Wilhelm wurde in die Armee eingezogen. „Wir haben einen Brief bekommen, den Mobilmachungsschein.“ Viel Zeit hatte Wilhelm nun nicht mehr. Kurz danach musste sich die Familie schon ihn ihm verabschieden. Sie standen an der Perwenitzer Chaussee, das Postauto, das regelmäßig nach Wolfslake kam, nahm ihn mit. Er sollte nach Polen, später nach Frankreich. „Nun mussten wir alle zu Hause und auf den Feldern mehr mit anpacken.“ Irene war gerade mal neun Jahre alt, da schuftete sie in den Ferien bei der Kartoffelernte. Auch Fremdarbeiter aus Polen und Frankreich kamen im Laufe der folgenden Jahre nach Wolfslake, Kriegsgefangene, die bei der Arbeit helfen mussten. „Später wurde uns ein 17-jähriger Ukrainer zugewiesen. Meine Mutter hat ihn in Potsdam abgeholt. Er hatte es gut bei uns.“

Die Schule ging unterdessen auch in den Kriegsjahren weiter. Weil sich Reni aber immer mal wieder daneben benahm – oder zumindest nach Ansicht ihrer Lehrer einige Frechheiten rausnahm – musste sie ab Anfang der 40er-Jahre das Kriegstagebuch führen. „Da ging der Krieg gegen Russland gerade los.“ Sie musste aufschreiben, was sich in den Kampfgebieten zutrug. „Wir hatten ja bei uns schon Radio, und eine Zeitung bekamen wir auch.“ Jeden Tag musste sie das Tagebuch weiterführen, meist saß sie zu Hause und schrieb. Wo das Buch abgeblieben ist, weiß Irene Hoppe nicht.

Vom Krieg hat man in Wolfslake wenig mitbekommen. Bis 1944. Bis zum ersten Fliegeralarm

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Eine Chronik

Freitag, den 12. Juli 2013
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Willst du was über deine Heimat und ihre Historie wissen, musst du die Alten fragen. Das ist eine Weisheit, die ich in den vergangenen Wochen gerne beherzigt habe.
Sechsmal habe ich mich seit April mit Irene Hoppe in Wolfslake getroffen. Von 1970 bis 1987 war sie Bürgermeisterin der damaligen Gemeinde Neu-Vehlefanz. In den vielen Gesprächen erzählte sie, was sie in ihrem 82-jährigen Leben erlebt hat. Vom Zweiten Weltkrieg und wie die Bomber über Wolfslake hinweggeflogen sind. Von den ersten DDR-Jahren und der Zeit, als sie Ortschefin war. Anhand ihrer Erlebnisse lässt sich ein Stück Heimatgeschichte aus Klein-Ziethen, Wolfslake und Neu-Vehlefanz erzählen.

Es waren immer wieder spannende Vormittage bei Hoppes, wenn wir in Unterlagen geblättert und Fotos studiert haben. Und man merkt auch bei ihr: Die Zeit des Zweiten Weltkrieges, die hat sie sehr geprägt, vielleicht mehr, als sie es selbst zugeben würde. Aber es ist das Thema, das sie immer wieder anfängt. Immer wieder der Bombenalarm und wie sie Angst hatten, dass etwas passieren könnte. Es lässt in ihrer Generation sicherlich viele Leute nie mehr los, was sie damals erlebt haben und wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können.

Oft gab es an diesen Vormittagen belegte Brötchen und Kaffee. Einmal kam schon der Mittagessenservice angedüst, und fast konnte mich Frau Hoppe üebrreden, da auch noch zu bleiben. Das Essen reiche auch für mehrere Leute.

Sie habe vor, ihre Erlebnisse aufzuschreiben, das alles für die Nachwelt zu erhalten, sagt sie. Und in der Tat: Stirbt ihre Generation, fallen auch viele Erinnerungen weg. Wir sollten mehr mit den Alten reden, damit wir nichts vergessen.
In der MAZ erscheint heute, am Freitag, Teil 1 der Hoppe-Chronik.

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