Tagesarchiv für 24. November 2010

aRTikel

Perfide Masche am Telefon

Mittwoch, den 24. November 2010
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Vertragsrecht: Inkassofirmen fordern Geld – und drohen mit Pfändungen

MAZ, 24.11.2010

„Letztmalig mit Nachdruck“ fordern die Unternehmen hohe Summen. Die Betroffenen sollten keineswegs zahlen.

Plötzlich lag der Brief auf dem Tisch. Eine offene Rechnung in Höhe von 214,71 Euro. Die Firma Proinkasso aus Neu-Isenburg gab Horst F.* sieben Tage Zeit, den Betrag auszugleichen. Bei der gemahnten Forderung handelte es sich angeblich um Rückstände nach der Anmeldung zum Gewinnspieleintragungsservice „Jackpot 77“.
Das Seltsame: Das Schreiben kam trotz zweier Widerrufe, die der Mann vor Monaten bereits verschickt hatte. Wie Proinkasso darauf kommt, dass er einer Lottofirma dennoch Geld schulde, ist ihm völlig schleierhaft. Er wandte sich an die Potsdamer Verbraucherzentrale. Dort ist die Firma bereits einschlägig bekannt. Auch bei der Polizei häufen sich die Klagen. „Solche und ähnliche Fälle treten wieder vermehrt auf“, sagt Sylvia Schönke, die Leiterin des Regionalzentrums der Verbraucherzentrale in Potsdam.

Gibt man „Proinkasso“ in die Internetsuchmaschine ein, taucht tatsächlich die Website der Firma auf. Sie preist sich als „direkter und effizienter Partner im Forderungsmanagement“ an. Ganz unten steht: „Bekannt durch Rundfunk und TV“. Und damit haben sie gar nicht mal so unrecht: Denn die Internetsuchmaschine zeigt gleichzeitig viele warnende Artikel über die Proinkasso an. An erster Stelle: „Verbraucherzentrale warnt vor Inkassobriefen aus Neu-Isenburg.“

Ähnlich agiert offenbar eine Firma namens Germania Inkasso Dezernat AG. Sie schickte einem Rentner eine Rechnung über 108,40 Euro – „letztmalig mit Nachdruck“. Angeblich habe der Mann eine Einverständniserklärung abgegeben, als er an einem Gewinnspiel teilnahm. Doch das ist nie geschehen.
Die perfide Masche in beiden Fällen: Für den Fall der Nichtzahlung drohen die Firmen mit der Zwangsvollstreckung durch einen Gerichtsvollzieher, mit Pfändung der Bezüge, auch des Arbeitslosengeldes, der Rente oder des Bankguthabens.
„Klar, dass die Leute da erst mal Angst bekommen“, so Sylvia Schönke von der Verbraucherzentrale. „Wir versuchen zunächst, sie zu beruhigen und fragen, ob die Firma überhaupt bekannt ist.“ Oft sei es so, dass der Werbeanruf längere Zeit zurückliege und dann lange gar nichts passiert sei. „Erst später werden dann die Adressen von Inkassounternehmen aufgegriffen.“ Die Mitarbeiter der Verbraucherzentrale helfen dabei, Widerspruch einzulegen. „Es gilt: Der, der Geld haben will, muss auch beweisen, dass die Forderung berechtigt ist“, sagt Sylvia Schönke. Gar nicht zu reagieren, sei auch falsch. „Das könnte eine weitere Mahnung nach sich ziehen und vielleicht sogar einen Schufa-Eintrag.“

Die Verbraucherzentrale rät, sich von vornherein nicht auf telefonische Gespräche mit werbenden Firmen einzulassen. „Auch wenn es unhöflich erscheint: Einfach auflegen. Das ist am besten“, so die Verbraucherschutzexpertin. Die Masche sei, die Menschen durch solche Gespräche in die Verträge zu locken. Wenn die Angerufenen das Gespräch fortsetzen, sei es ratsam, sich den genauen Namen und die Telefonnummer der Firma, die Adresse sowie den Namen des Gesprächspartners nennen zu lassen. „Das reicht schon, oft ist an der Stelle das Telefonat abrupt beendet.“ Heißt es dann: Schicken Sie mir doch bitte die Unterlagen zu, dann kommt meist der gültige Vertrag per Post. „In dem Schreiben muss dann auf jeden Fall eine Widerrufsbelehrung stehen“, sagt Sylvia Schönke. In jedem Fall gilt, auch wenn der Passus im Schriftstück fehlt, dass der Verbraucher 14 Tage Zeit hat, den Vertrag zu widerrufen. Kommt es zu plötzlichen Abbuchungen vom Bankkonto, kann das Geld zurückgefordert werden.

Horst F. hat eigentlich alles richtig gemacht: Als er den Vertrag der ihm unbekannten Firma zugeschickt bekommen hatte, legte er zweimal Einspruch ein – doch die Post schickte den Brief immer wieder an ihn zurück: Die Adresse war unbekannt. Monate danach erhielt er Post vom Inkassounternehmen. Woher haben aber diese die Daten? Sylvia Schönke sagt, solche Unternehmen bekämen Adressdateien oft von den Klassenlotterien.
„Wenn sich die Anrufe häufen, sollte man darüber nachdenken, die Telefonnummer zu ändern.“ Die neue Nummer sollte nur an wenige Leute weitergegeben werden. Gleiches gilt für Kontonummern. Klar ist aber auch: Verträge am Telefon sind erlaubt. „Der Gesetzgeber will das so“, erklärt die Verbraucherschützerin. „Das soll es allen Beteiligten vereinfachen.“ Gleichzeitig habe der Kunde im Gegenzug aber das schon erwähnte Widerrufsrecht.

Die Kreativität der Geldeintreiber ist unterdessen fast schon unterhaltsam: Gabriel H.* aus dem Havelland erhielt neulich ein Fax: Ein gewisser Bowman Walters aus Barcelona teilte ihm mit, dass H. 10,5 Millionen Euro geerbt habe. Walters werde ihm alle Dokumente besorgen, damit alles klar ginge: 20 Prozent des Geldes solle an eine Hilfsorganisation gespendet werden – den Rest würden sie sich teilen. Völlig risikofrei. Und natürlich vertraulich. Höchst geheim. Gabriel H. hat darüber nur gelacht.

* Name geändert

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RTelenovela

Volojahre (70): Kinder, Kinder

Mittwoch, den 24. November 2010
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(69) -> 16.11.2010

4 Uhr am Morgen in Potsdam. Treffunkt für unsere Expedition ins Saarland. Als Volo muss ich die Tour gemeinsam mit dem Veranstalter begleiten. Zehn Kinder aus ganz Brandenburg, 5. bis 7. Klasse, kommen zusammen, um dann gemeinsam einen Tag lang zu verbringen. Wir steigen in den Bus nach Schönefeld, jeder nimmt sich einen eigenen Platz, keiner sagt ein Wort. Es ist ganz still im Bus, nur das Radiio dudelt.

4.55 Uhr auf dem Flughafen in Schönefeld. Die Kinder trotten durch die Halle. Es sind noch fast zwei Stunden bis zum Abflug nach Zweibrücken. Einer braucht noch einen Ausweis, mit den neun anderen stelle ich mich an einen Bistrotisch.
Aber irgendwie müssen sie mal miteinander ins Gespräch kommen. Ich bitte sie, sich alle mal vorzustellen. Ganz schüchtern sagen sie, wer sie sind. Dann sage ich ihn die erste Aufgabe: Sie sollen Zweiergruppen bilden und den jeweils anderen ausfragen, damit sie dann ein richtiges Porträt über ihn/sie schreiben können. Die vier Mädchen stellen sich mit Mädchen zusammen, die Jungs mit Jungs.

5.50 Uhr. Wir warten am Gate auf unseren Abflug. Die Mädchen schnattern schon wie wild miteinander, machen sich Notizen. Sie scheinen schon aufgetaut zu sein.
6.50 Uhr. Das Flugzeug ist gestartet. Der Lärmpegel steigt. In den Reihen sprechen nun auch die Jungs mit.
7.55 Uhr in Zweibrücken. Auf dem kleinen Flughafen scheint die Meute inzwischen zu sich gefunden zu haben. Wir steigen in den Bus, der uns nach Thuley zu den Ausgrabungsstätten bringen soll. Das Bild hat sich gewandelt. Nun schnattern die Jungs miteinander, machen ein Witz nach dem anderen. Die Mädchen sind ruhiger geworden, schauen aus dem Fenster.

So zieht sich das durch den Tag. Selbst ein Junge, der den ganzen Tag geschwiegen hat und total verschüchtert wirkte, drehte spätestens zum Mittagessen auf und erzählte seltsam verschwinte Geschichten aus seiner Schulklasse.
Es scheint, als ob die Kinder am Ende zu besten Freunden zusammengewachsen sind. Viele wollen in E-Mail-Kontakt bleiben oder sich in irgendwelchen Foren zusammenfinden – auch weil sie ja noch ihre Porträts (die ja eigentlich nur die Kennenlernübung sind) schreiben müssen.

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RTelenovela

Saarland-Tournee (4): Gräben und Mauern

Mittwoch, den 24. November 2010
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(3) -> 6.5.2009

Ich bin gerade ein bisschen müde. Einmal Saarland und zurück, und das an einem Tag. Oranienburg – Potsdam – Schönefeld – Zweibrücken – Tholey. Los ging’s vor meiner Haustür um 3.10 Uhr, um 23.10 Uhr war ich wieder daheim.
Und irgendwie ist es seltsam, morgens gegen 4.55 Uhr im fast menschenleeren Flughafen Schönefeld rumzustehen. Unsere Gruppe war so ziemlich allein. Trotzdem ließen es sich die Sicherheitskräfte nicht nehmen, ihre Maschinenpistole zu präsentieren.

Nach Tholey im Saarland sind wir gefahren, um uns den Wareswald anzusehen. Dort sind Ausgrabungen von Häusern zu sehen, die bis vor etwa 1600 Jahren bewohnt waren. Man kann sich Keller anschauen, Fundamente und vieles mehr.
Bei nasskaltem Wetter spazierten wir durch einen dunklen Märchenwald. Durch geomagische Untersuchungen können die Forscher mit ziemlicher Sicherheit sagen, wo einmal Häuser gestanden haben.
Das ist irgendwie ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass an der Stelle vor 1600 Jahren das Leben tobte. Warum die Siedlung verlassen wurde, weiß niemand so genau.

Immer wieder finden Spaziergänger historische Gegenstände aus der gallorömischen Siedlung. Sie übergeben sie an Forscher oder gleich ans Landesdenkmalamt nach Schiffweiler. Dort arbeiten Leute daran, die Funde zu restaurieren, seien es Ofenkacheln, Schädelteile oder Nagetierzähne. All das wird gereinigt, geklebt, entsalzt, datiert – und somit der heutigen Menschheit erlebbar gemacht.
Archäologie live.

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