Tagesarchiv für 9. Oktober 2010

aRTikel

Breakdancer und Mädchenmillionär

Samstag, den 9. Oktober 2010
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Thomas Gottschalk sorgte 1983 dafür, dass ein junger Potsdamer sich für einen Tanztrend aus den USA begeisterte. Manchmal tanzt Bürger Lars Dietrich heute noch.

MAZ – Die Märkische, 9.10.2010

Von der Potsdamer Orion-Disko in die „ZDF-Hitparade“. Was für ein Aufstieg. Es war der 4. August 1994, als Bürger Lars Dietrich in den Schlagerolymp des deutschen Fernsehens einzog. „Mädchenmillionär“ hieß sein Lied. Zur Feier des Tages durften sogar seine Eltern mit ins Berliner Studio. „Das war damals eine tolle Sache für einen Ossi wie mich“, sagt der Musiker und grinst. „Allerdings mussten wir den Text entschärfen.“
Dietrich überlegt kurz, lächelt wieder und rappt: „Alle wollen immer nur das eine von mir. Und wenn ich es erlaube, dann werde ich zum Tier. Dann fläze ich mich auch so, dann gibt es kein Getöse, dann greif’ ich ihre Beine und betatsche ihre Knie.“ Für die ZDF-Zuschauer wohl unzumutbar. Dafür traf er erstmals auf Leute wie Andy Borg oder Uwe Hübner, die er damals nur aus dem Fernsehen kannte. Auch Guildo Horn war seinerzeit zu Gast in der Show. Schlager – eigentlich war das nie so wirklich die Welt von Bürger Lars Dietrich. Und genau genommen war „Mädchenmillionär“ auch kein Schlager im eigentlichen Sinne, eher eine poppige Rap-Nummer. Und Rap – das war und ist seine Welt. Rap und Breakdance.

Rückblende: Im September 1983 hat der damals zehnjährige Lars seine Erleuchtung. In Thomas Gottschalks Show „Na sowas!“ tritt „Deutschlands bester Breakdancer“ Detlef Winterberg auf. Er bog und verdrehte sich – und Lars war hin und weg. Breakdance, der neue Trend aus den USA. Lars wollte das auch können. Blöderweise lebte er aber in der DDR, in Potsdam. Ein Trend aus dem Westen, noch dazu aus den USA, war da nicht so gern gesehen. Lars probiert es trotzdem. Er beginnt, die Schritte nachzumachen, jede Bewegung, jeden Rhythmus. In der Bundesrepublik sorgte unterdessen der Tanzfilm „Beat Street“ für Furore. Erst ein Jahr später lief er auch in der DDR an. „Das war eine Sensation für uns“, erzählt Bürger Lars Dietrich. „Das erste Mal trat ich dann bei einer Jugendweihefeier auf“, erzählt er. Im Orion, am Johannes-Kepler-Platz im Potsdamer Stadtteil Am Stern. „Ich war elf.“ Bei der „Cola-Disko“ hatte sich dann auch immer wieder was für ihn ergeben. Jetzt steht er wieder vor der Orion-Disko. Es ist das Jahr 2010. Der Schriftzug an dem Gebäude ist noch zu sehen. Heute ist dort jedoch keine Disko mehr, sondern ein Supermarkt. „Der Platz hier war immer unsere Anlaufstelle“, erzählt er. Bürger Lars Dietrich ist inzwischen 37 Jahre alt und lebt nicht mehr in Potsdam, sondern in Berlin. „Nach der Schule saßen wir hier auf den Bänken.“ Die Bänke stehen immer noch, die Gehwegplatten sind brüchig geworden, und irgendwie ist längst nicht mehr so viel los wie damals. „Der Keplerplatz ist der Ort, der mich am meisten an meine Jugendzeit erinnert. Das war unser Ghetto.“ Die Wohnblöcke drumherum nannten sie damals sarkastisch Arbeiterschließfächer.

Über die Zeit damals hat Dietrich ein Buch geschrieben: „Schlecht Englisch kann ich gut“ heißt es und trifft den Nagel auf den Kopf. „Wenn ich damals gerappt habe, dann war das mehr oder weniger Fantasiesprache“, erinnert er sich. Das war nie ein großes Problem. Was seine Eltern aber etwas anders sahen. Diese Musik und dieses Getanze! Und außerdem: „Sie merkten, dass ich immer später nach Hause kam“, erzählt Dietrich. Einmal holte der Vater seinen Sohn mit langem Arm aus der Orion-Disko raus. „Das war mir sehr peinlich.“

Nach dem Schulabschluss zieht er im Herbst 1989 nach Dresden. An der Palucca-Schule beginnt er eine Ballettausbildung. Dabei wäre er fast Drucker bei der „Märkischen Volksstimme“ in Potsdam geworden. Und das kam so: Nachdem Lars mit verstellter Stimme im Betrieb seiner Mutter anrief – „wegen der mündlichen Prüfung“ – und sie daraufhin dachte, er sei durchgefallen und einen Heulkrampf bekam, gab es Rache. Die Eltern legten dem verdutzten Lars einen Brief auf den Tisch – vom Rat der Stadt Potsdam. Ein Angebot für eine Lehrstelle: Facharbeiter für Drucktechnik. Und Mama Dietrich verkündete freudestrahlend: „Und weil Papi heute sowieso in die Stadt musste, ist er gleich bei denen in der Friedrich-Engels-Straße vorbeigegangen und hat dich eintragen lassen.“

Klar, Lars wurde kein Drucker, dafür aber Balletttänzer. Seine Cousine Sandra sorgte dafür, dass er sich in Dresden bewarb. Doch dieser Herbst im Jahr 1989 wurde nicht nur deshalb zu einem besonderen. „Irgendwann nachts rollten die Züge mit den DDR-Flüchtlingen aus der Prager Botschaft durch Dresden.“ Der Musiker wird einen Moment lang ernst: „Wir sahen die Menschenmenge, die am Bahnhof brüllte, sie sangen die ,Internationale’. Die Polizei prügelte auf die Passanten ein.“ Als am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, saß er in Dresden fest. „Ich konnte erst am Sonntag danach das erste Mal rüber.“ Da war sie, die Straße, die eigentlich eine Sackgasse war. Sie führte nun weiter, in den Westen. Die bunte Reklame. Und dann die Schallplattenläden mit allen Hip-Hop-Alben, an die er im Osten bislang nicht rangekommen war.

Nach seiner Ausbildung arbeitete Dietrich als Stuntman in den Defa-Studios in Babelsberg. Nach dem Dreh eines Anti-Drogen-Videos und einiger Musikerkontakte nahm er 1994 sein erstes Album auf. „Mädchenmillionär“ lief auf dem damals neuen Musiksender Viva. „Plötzlich kannten mich in Potsdam alle“, erinnert er sich. Durch den Song und einen Auftritt in der Show „Vivasion“ lernte er Stefan Raab kennen. „Musikalisch waren wir auf einer Welle.“ 1995 nahmen sie gemeinsam mit Jürgen Drews „Ein Bett im Kornfeld“ neu auf – inklusive Videodreh in den USA.

15 Jahre danach ist Bürger Lars Dietrich noch immer gut im Geschäft. Er moderiert im Kinderkanal und bei Nickelodeon, spielt im „Schloss Einstein“ mit und hat Gastrollen in Serien wie „Soko 5113“. Nach Potsdam kommt er immer noch regelmäßig, wenn er seine Eltern besucht. „Ich finde Potsdam total schön“, sagt er. „Auch den Keplerplatz.“ In der Ferne ist die ehemalige Orion-Disko zu sehen. „Wenn ich hier so langspaziere, dann lasse ich auch gern wieder meine Jugendzeit Revue passieren.“

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RTZapper

Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder!

Samstag, den 9. Oktober 2010
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DO 07.10.2010 | 20.15 Uhr | RTL II

Schockierend: Ein Berliner Gymnasiallehrer chattet mit einer 13-Jährigen, macht sexuelle Andeutungen. Es ist klar, was er will. Und dafür reist er extra nach München.
Was er nicht weiß: Das Mädchen ist weder 13 noch überhaupt dieses Mädchen. Er chattet mit einer Journalistin, die ihn dann auch anspricht. Und schon ist er Protagonist in der RTL-II-Sendung “Tatort Internet”.

Kurzfristig wurde die Sendung am Donnerstagabend ins Programm genommen – unterstützt von einer “stern”-Titelstory und dem Gaststar: Stephanie zu Guttenberg – Gattin des Verteidigungsministers – durfte sagen, dass das alles schlimm ist, was die Reporter da aufgedeckt haben.
Und das ist es auch. Die Fälle, die RTL II in deiner neuen Dokureihe zeigt, sind in der Tat grauselig. Männer quatschen in Chats kleine Mädchen an, machen sie an, schicken ihnen eindeutige Fotos, wollen sich mit ihnen treffen.

Das ist spannend aufbereitet. Aber dann doch eher wie ein Krimi und nicht wie ein Ratgeber. Als Ratgeber taugt die RTL-II-Reihe nämlich gar nichts. RTL II hat leider wieder nur auf billige Effekte gesetzt. Auf Enthüllung statt auf Aufklärung.
Eltern, die zuschauten, bekamen keine Hinweise, wie sie denn nun mit dem Internetverhalten ihrer Kinder umgehen sollen. Keine Hinweise für Jugendliche, was sie denn beachten sollen. Bis auf ein paar Einblendungen einer kostenpflichtigen Telefonnummer und einer Internetseite keine weiterführenden Infos. “Tatort Internet” beschränkt sich auf die bloße Enthüllung: Da, dieses Schwein! Schlimm, das. Einen echten Mehrwert bietet RTL II seinen Zuschauern damit nicht an. Nun wissen die Zuschauer zwar, was für böse Leute es (zweifellos!) im Netz gibt, aber nicht, wie sie damit umgehen sollen.
Und dass Gefahren für Kinder, dass sexueller Missbrauch, nicht nur im Internet lauern, sondern in anderen Bereichen noch zahlreicher sind, davon war auch keine Rede.
Dass Stephanie zu Guttenberg bei so einem reißerischen Format mitmacht, damit hat sie nun wirklich niemandem einen Gefallen getan.

“Tatort Internet”: Keinesfalls billig, durchaus spannend, oft erschreckend. Aber hilfreich, nein, das leider nicht.

Siehe auch hier und hier.

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ORA aktuell

Wegen Bomben: Schwerlaster-Verbot in Oranienburg

Samstag, den 9. Oktober 2010
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Ab dem 1. November sind auf bestimmten Oranienburger Straßen nicht nur Busse verboten, sondern auch der Schwerlastverkehr. Grund ist die Bombenbelastung im Oranienburger Erdreich. Betroffen ist unter anderen die B 273 auf der Bernauer Straße und der Breiten Straße. Fahrzeuge ab einem Gewicht von zwölf Tonnen ist die Durchfahrt verboten – außer Entsorgungs- und Lieferverkehr.

Oranienburgs Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD) hält laut einem Bericht der Märkischen Allgemeinen die Maßnahme für “nicht zielführend”. Rund um das Bombenthema gibt es seit Monaten Streit zwischen der Stadt Oranienburg und dem Landkreis Oberhavel.

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RTelenovela

Bad Belzigs böser Benjamin

Samstag, den 9. Oktober 2010
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Belzig… Entschuldigung, Bad Belzig machte heute den Auftakt für meine Brandenburger Thermentour. Bis Mitte Dezember werde ich alle neun Themen in der Mark besuchen – von Bad Belzig bis Templin – und sie bewerten. Natürlich nicht als Privatvergnügen, voraussichtlich ab 6. November dann jede Woche in Brandenburgs bester Tageszeitung.

Und in der Therme in Bad Belzig kann man eigentlich nichts falsch machen. Da ist das tolle Solebecken, auf dem man entlang treiben kann und mit der Nudel gespielt. Außerdem ein toller Liege-Whirlpool und diverse Saunen.

Alles war gut – bis ich den bösen Benjamin kennenlernte. Eigentlich sieht der Benjamin gar nicht böse aus. Aber er hat Macht. Benjamin macht die Aufgüsse in Bad Belzig. Er ist der jüngste Aufgussmann, den ich je gesehen habe. Nicht sehr viel älter als 20.
Gaaaaanz langsam ließ er das Wasser auf die heißen Steine laufen. Gaaaaanz laaaaangsam. Immer mit der Ruhe. Schon der erste Aufguss war heiß. Verdammt heiß. Der Mann, der neben mir saß, meinte zu mir, wenn es zu heiß würde, könnte ich mich ja eine Bank tiefer setzen. Ich antwortete, dass ich das gewöhnt sei, es hier aber doch zur Sache gehe. Daraufhin erklärte mir mein Saunasitznachbar, dass das der Benjamin sei. Und sie nennen ihn den bösen Benjamin, weil seine Aufgüsse berüchtigt seien.
Und, ja, es ging an die Substanz. Der zweite Aufguss, und der böse Benjamin ließ wieder gaaaanz laaaangsam das Wasser auf die Steine laufen. Und der dritte Aufguss. Heiß! Kochend heiß!
Als wir alle wieder draußen waren und ich ins kalte Wasser ging, hatte ich so langsam wieder alle Sinne zusammen. Meine Haut hatte rote Flecken. Der böse Benjamin wurde seinem Namen gerecht.

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