Tagesarchiv für 23. September 2009

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Parteien zur Bundestagswahl 2009

Mittwoch, den 23. September 2009
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09.2009 | Das Erste / ZDF

Die Politiker wollen mal wieder nur unser Bestes: unsere Stimme, am Sonntag, im Wahllokal. Dafür sind ihnen alle Mittel recht. Und wir werden wieder mit Wahlwerbung beglückt.
Da lassen Männer im Fernsehen die Schlüpper fallen. Frauen bügeln zur besten Sendezeit vor der Kamera ihre Wäsche und lamentieren. Angie Merkel winkt unschuldigen Kindern hinterher. Und Kanzlerkandidatin Helga Zepp-LaRouche (ja, genau die!) triumphiert, weil endlich die Krise da ist, von der sie seit ewigen Zeiten redet.
Sie und ihre Partei, die Büso – vor vier Jahren bekannt geworden, weil der Wahlwerbespot vor Rechtschreibfehlern strotzte – versprechen uns zehn Millionen neue Arbeitsplätze. Wer die alle bekommen soll, sagt sie nicht.
Wenn wir sie nicht hätten: die Sonstigen.

Die Rentnerpartei zum Beispiel. Die präsentiert ihr selbst gedrehtes Homevideo. Darin steht ein älterer Mann im Bild. Er trägt eine alberne Mütze und guckt in die falsche Richtung. Vielleicht hat er seine Brille vergessen. “Wir sind 20 Millionen Rentner und haben keine Lobby”, behauptet er. Ah ja. Angeblich ist die Renterpartei übrigens die Partei für Jung und Alt. Nur leider hat uns niemand im Spot verraten, wieso die Jungen die Alten wählen sollten.

Die Piratenpartei. Bedrohliche Musik im Spot. Jeder ist verdächtig. Alles wird gespeichert. Jeder Anruf. Jede Internetbewegung. Alles.
Die Piraten wollen dagegen kämpfen – und das ist auch schon alles, was sie in ihrem Programm zu stehen haben. Erstaunlich, aber es funktioniert, gerade bei den Jungen.

Die Bayernpartei – was ist denn da los? Wollen die gar nicht mehr die Abspaltung Bayerns vom Rest Deutschlands? Haben sie es aufgegeben?
Dabei geht es Bayern doch so übel: Manchen bayerischen Gemeinden gehe es schlechter als dem Osten. Das rührt zu Tränen. Deshalb wollen die Bayern den Ossi-Soli abschaffen.
Ich glaube, die Sache mit der Abspaltung sollten wir doch noch mal diskutieren.

Die Christliche Mitte will ein Deutschland nach Gottes Geboten. Warum aber die gezeigten Fotos von einer Kirche und einigen Kindern unscharf sind, blieb unklar. Gott jedenfalls, ist Herr über Leben und Tod. Homopartnerschaften und Pornos – das gehe gar nicht, schon gar nicht in dieser Zusammensetzung. Sagen die Christen von der Christlichen Mitte. Und dann auch noch die angebliche Islamisierung Deutschlands. Unser Land müsse christlich bleiben.
Klingt ein bisschen nach…

Und die gibt es auch noch. Bitte schon mal Luft holen und laut vorlesen: Die “Ab jetzt… Bündnis für Deutschland. Partei für Demokratie durch Volksabstimmung -Volksabstimmung-”. Der Mann, der im Spot die Nullrunde für Rentner abschaffen und die Arbeitslosigkeit halbieren will, muss den Namen seiner eigenen Partei, nämlich “Ab jetzt… Bündnis für Deutschland. Partei für Demokratie durch Volksabstimmung -Volksabstimmung-” bestimmt auch von großen Tafeln ablesen. Ich glaube, ich werde die Jungs und Mädels von der “Ab jetzt… Bündnis für Deutschland. Partei für Demokratie durch Volksabstimmung -Volksabstimmung-” nicht wählen. Ich kann mir ja nicht mal den Namen merken.

Die MLPD, die Marxistisch-Leninistische Partei, beklagt, dass der Kapitalismus unsere aktuellen Probleme nicht kösen könne. Das Prinzip Profit müsse weg. Und stattdessen: die revolutionäre Alternative. Klar, das hat ja schon mal hervorragend funktioniert. Warum ist das Ding eigentlich 1989 krachen gegangen?

Gruselig mal wieder die Rechtsaußenfraktion. Im Spot der NPD geht Parteichef Voigt auf einer Wiese spazieren. Ein ganz Lieber, könnte man meinen. Der Spruch “Heimreise statt Einreise” klingt dann aber alles andere als lieb. Auch wenn die Rechtsextremen ihren Spruch aus dem hessischen Wahlkampf vorsichtshalber wegließen, als sie forderten, den Zuschuss für jüdische Gemeinden zu streichen. Lieber zeigen sie sich als familienfreundlich. Und irgendwie wird einem ganz schön übel.
Auch bei den DVU-Kollegen. Die danken erstmal den Trümmerfrauen und unseren Großvätern, die “waren keine Verbrecher”. Die DVU will unsere Wirtschaft vor der Globalisierung schützen. Was irgendwie blöd wäre, denn was wäre unsere Wirtschaft ohne eben diese Globalisierung? Ganz schön wenig. “Das Boot ist voll”, tönt die DVU weiter und meint, dass das normale Forderungen wären. Nein. Normal ist das bestimmt nicht.
Ach, und die Republikaner schmeißen sich ganz eklig an die Wähler ran: “Nein, mein Name ist nicht Schlämmer”, sagt die Rep-Frau im Spot. Die Reps seien keine Spaßpartei. Das denke ich allerdings auch. Frei nach Schlämmer sagt die Tante dann am Ende: “Schlechter als die anderen sind wir auch nicht.” Das ist doch mal ein schöner Parteislogan. Anders gesagt: Wir sind ganz schön beknackt, die andern aber auch. Soso. Hape Kerkeling hat übrigens Klage gegen den Spot erhoben. Zurecht.

Und die Großen? Die Etablierten? Die versuchen es mit großen Emotionen, ganz großen Songs und Hymnen und noch viel größeren Bildern.
Die CDU präsentiert Mama Merkel, die überraschenderweise nicht als Kanzlerin geboren wurde. Wer hätte das gedacht? Die läuft, sie schaltet und waltet, und am Ende ist man so gerührt, dass man sie umarmen will.
Bei der SPD erklingt ein Coldplay-ähnlicher Song, und Frank-Walter Steinmeier lässt sich mit Zitaten von der Presse loben. Es wirkt ein bisschen wie der Schrei: “ICH BIN GUT, VERDAMMT NOCH MAL!!” Tut mir Leid, Frank.
Guido Westerwelle grinst sich durch seinen FDP-Spot, und die CSU-Mannschaft badet in der bayerischen Wählermenge.
Die Linken machen einen Au-weia-aber-wir-sind-die-Guten-Wahlkampf.
Und die Grünen, die stellen den Faktenrekord aller Wahlwerbespots 2009 auf: Ökologischelandwirtschaftgesundheitgenmanipuliertesessenreinheitsgebot-frauenklimaschutzumweltschutzwirtschaftschulenschwulenehejobsjobsjobs-einemillionjobs. Sie arbeiten dran, sagen sie. Und da haben sie auch viel zu tun. Dennoch: Wer meint, Wahlwerbespots seien inhaltsfrei, der muss sich den der Grünen ansehen.

(Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.)